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Gespräche



 17.01.2023 - Wir starten ins Neue Jahr - wir starten in die Zukunft. Das Gespräch mit Margit Ruile 



Autorin Margit Ruile

Margit Ruile studierte an der Münchner Filmhochschule, wo sie nach ihrem Abschluss mehr als zehn Jahre in der Lehre tätig war, drehte Dokumentationen und arbeitete als Drehbuchlektorin.
Auch das Geschichtenerzählen
lernte sie zuerst beim Film. Später fand sie dann heraus, dass Schreiben sich anfühlt, wie im Schneideraum zu sitzen - mit dem riesengroßen Vorteil, dass man die fehlenden Szenen nicht nachdrehen muss, sondern einfach erfinden kann.
Das Buch „Der Zwillingscode“ ist im Loewe Verlag erschienen, ebenso die Titel „Dark Noise“ und „God’s Kitchen“.

Frau Ruile „Der Zwillingscode“. Sie haben einen packenden Zukunfts-Thriller für Jugendliche geschrieben, keine Seite langweilig, es ist eine mitreißende Story. Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft, in den 2050iger Jahren.
Der Protagonist Vincent in Ihrem Buch „Zwillingscode“ ist ein sympathischer junger Mann, wie auch seine Freunde Delia und Quirin. Sind das Ausnahmen -Jugendliche, so bescheiden, höflich und klug sind?


Oh, sie kamen mir gar nicht so vor...

Aber zurück zu der Geschichte. Vincent lebt in einem Gesellschafts-System, das Menschen mit Punkten bewertet. Seine sind ziemlich niedrig, so niedrig, dass er nicht mal zur Schule gehen darf. Einige Leute sagen, das hätte mit dem Ruf seiner Mutter zu tun, die sich nicht konform verhalten hätte. Er kann sie aber nicht mehr danach fragen.
Vincent repariert künstliche Tiere. Sein Vater ist Künstler. Seine Mutter war Programmierin und Maschinestürmerin. Sie war auch dagegen, dass man organisches Leben wie Haustiere abschaffen wollte, und sie war gegen die künstliche Intelligenz, die das Leben vereinfachen sollte. Das kostete sie das Leben. Sie kam bei einem Flugzeugabsturz um, auf dem Weg zu einem Attentat. Eine Serverfabrik in Skandinavien für die Simulation sollte zerstört werden. Auch in München gab es Anschläge. Über diese Anschläge will Vincent mehr über seine Mutter erfahren und begibt sich in Mithilfe der Simulation in die Vergangenheit. Aber es läuft nicht glatt ab. Wird die Künstliche Intelligenz ihm den Zugang versagen?
Frau Ruile, in diesem Buch stellen Sie eine Welt mit ausgeprägter Künstlicher Intelligenz vor. Wie stark waren die Kräfte von Gut und Böse beim Schreiben?

Ich wollte ein Buch über einen Jungen schreiben, der seine Mutter verloren hat und beginnt nachzuforschen, warum seine Mutter gestorben ist. Er findet heraus, dass an der Misere, in er jetzt lebt, seine Mutter mitschuldig ist. Sie hat den Algorithmus mitprogrammiert, der jetzt Vincent und vielen anderen Menschen das Leben zu Hölle macht. Und so sind – wie so oft – die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt. Die Gegenpole in diesem Buch verlaufen nicht entlang moralischer Linien sondern zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen, zwischen der organischen Welt und der Welt der Maschinen.

Es ist nicht nur die digitale Welt, in er sich Vincent und seine Freunde bewegen. Emotionen werden freigesetzt, Zweifel kommen auf. Menschliche Reaktionen, das ist doch in einer digitalen Welt tröstlich, oder?

Ja, definitiv. Wir Menschen haben ganz viele tierische Anteile in uns, die uns emotional werden lassen, ob ängstlich sein, ob wütend werden, zu flüchten, zu lieben, aber wir sind auch bereit irrationale Dinge zu tun. Wir sind Teil der natürlichen Welt.

Hat Sie die KI-Forschung unterstützt, damit Sie ein so intensives Buch über die uns möglicherweise bevorstehende Zukunft schreiben können?

Gute Frage! Es gibt ja tatsächlich neuerdings Möglichkeiten, mit Computerprogrammen Texte zusammenzustellen. Was das aber für die Zukunft von Journalisten oder der Schriftstellerei bedeutet, ist noch nicht klar. Wie gut wird da die KI sein? Meine Texte sind aber zu 100% von mir geschrieben.

Manchmal denke ich, dass die Künstliche Intelligenz im „Zwillingscode“ bei den Hippies der 1970er Jahre zur Schule gegangen ist, denn mache Erlebnisse in der Simulation erinnern an einen kräftigen Hippie-Kiffer-Tripp. Sollten wir die KI damit austauschen (Scherz)? Betrachten auch Sie die Simulationen mit einem Augenzwinkern?

Die Idee in dem Buch war ja, dass die Simulation der Nachbau der wirklichen Welt in der digitalen Welt ist. Ich habe mir die Welt so vorgestellt, wie man sie durch eine VR-Brille sieht. Ein paar Mal habe ich so eine VR-Brille getestet und in das Buch diese Erfahrungen einfließen lassen.

Super klasse Szenen!

Danke!

Im Buch finden Attentate statt. Attentate bleiben der Menschheit nicht erspart, die Vergangenheit hat Nachahmer, aber Attentat bleibt Attentat. Wohl kann es einem dabei nicht sein. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

Die ursprüngliche Idee war tatsächlich, eine Geschichte auf zwei Zeitebenen zu erzählen. Auf der Zeitebene von Vincent, der fasziniert ist von alten Dingen wie Büchern, Schallplatten, obwohl er unter der Herrschaft des Algorithmus der Simulation lebt. Und auf der anderen Zeitebene, die der Mutter, die genau diesen Algorithmus entwickelt. Ich wollte etwas über die Fehler der einen Generation schreiben, die die andere Generation rückgängig machen möchte. Dazu kam das Sozialpunkte-System, man denke nur an China.

In dieser Welt wird einem gut vors Auge geführt, wie ein Überwachungsstaat sein Volk unter Kontrolle hält, es belohnt und bestraft, und was passiert, wenn die Singularität eintritt und die Computer sich von selbst weiterentwickeln. Soll der Leser jetzt erfahren, warum das Buch „Der Zwillingscode“ heißt?

Nö, wir spoilern noch nicht.

Die Freunde im Buch“ Zwillingscode“ tauchen tief in eine virtuelle Welt ein, an deren Grenzen sie stoßen. Sie müssen sehr achtsam sein, denn zu viel der simulierten Welt kann nach hinten los gehen oder aus dem Ruder laufen. Was meinen Sie persönlich?

Ich glaube, dass man ein paar Sicherheitsvorkehrungen treffen sollte. Es gibt bereits Gesetzesvorschläge bei der EU, die besagen, dass solche Algorithmen nicht über Menschen bestimmen dürfen, die nicht mehr einsehbar sind. Es muss eine offene Diskussion darüber geben. Kinder sollten lernen zu programmieren, die Basics der Digitalisierung wie eine Fremdsprache lernen, damit sie es einordnen können und damit umgehen können. Sonst machen wir uns alle zu Sklaven einer Industrie, die von ein paar Leuten beherrscht wird, die eben dies können.

Hier übrigens ein Link der Europäischen Kommission zu KI-Anwendungen
https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/QANDA_21_1683

Braucht der Leser Programmier-Kenntnisse, um die Auseinandersetzungen zwischen den Freunden zu verstehen?
Nein, das ist nicht nötig.

Denken Sie sich gerne Szenarien aus, wie Menschen leben könnten oder gar leben werden?
Was das Schöne ist, wenn man Scince Fiction schreibt, dass man sich neue Dinge vorstellen kann. Das macht mir besonderen Spaß. Was ich nicht gut kann, ist die Realität künstlerisch so abzubilden wie sie ist.

Frau Ruile, Sie werden oft zu Lesungen in Schulen eingeladen. Wie reagieren die Schüler auf Ihre Zukunftsromane?

Meistens sehr positiv. Ich glaube für Kinder ist das nicht neu, sicher neu erzählt, aber es regt sie zum Nachdenken an. Von dem Punktesystem wissen sehr viele, und darüber gibt es oft große Diskussionen. Die Lehrer sind dabei allerdings beunruhigter als die Schüler.

Sie sind auch Filmerin. Was steht zurzeit zur Verfilmung an?
Für mein nächstes Buch, das dieses Jahr im Juni bei Arena herauskommt und in einer magischen Pflanzenwelt spielt, wird gerade ein Filmtreatment entwickelt. Ich würde mich natürlich freuen, wenn dazu dann auch tatsächlich ein Film zu sehen sein wird. Aber ich denke, das wird noch ein bisschen dauern.

Welche Botschaft steckt zwischen den Zeilen?

Vincent glaubte zuerst, dass sein schlechter Punktestand ihn alleine betrifft, bis er merkt, dass es anderen Menschen auch so geht. Das ist, denke ich, die versteckte Botschaft. Durch die Vereinzelung werden Menschen dazu verleitet zu denken, dass sie ganz individuell „Schuld“ sind an ihrem Scheitern. Doch erst wenn sie sich als Teil eines großen Systems und nicht nur als einzelne betrachten, können sie sich auch zusammenschließen und sich gemeinsam wehren.

Was ist aus dem renommierten Literaturpreis für Phantastik geworden?

Ich wurde dieses Jahr zweimal nominiert – neben dem Seraph auch für den Glauser Preis für den besten Jugendkrimi, was ja auch schon eine große Ehre ist. Aber es hat beide Male nicht geklappt. Vielleicht bin ich das nächste Mal dabei.

Frau Ruile,
alles wird gut – ich finde den Schluss im „Zwillingscode“ sehr tröstlich und empfehle sehr gerne das Buch weiter. Es regt an, über KI nachzudenken. Was wünschen Sie sich, was nach dem Lesen Ihrer Bücher bleiben soll?

Das Gefühl von Mut. Dieses Gefühl, nicht alles hinzunehmen, sondern dass man auch etwas bewirken kann, dass man sich zusammenschließen kann.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir warten gespannt auf das neue Buch, an dem Sie gerade schreiben.

©Steffi.M.Black 01.2023 (Text)
©Literatur Agentur Hanauer(Bild)