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Gespräche



 20.06.2022 - Das neue Gespräch mit Titus Müller 



der see wird wieder...

Nachdem Titus Müller Mittelalterliche Geschichte,
Kommunikationswissenschaften, Geschichte und Publizistik studiert hat, schreibt er historische Romane. Er gründete die Literatur-Zeitschrift „Federwelt“ und ist Mitglied des PEN-Clubs. Für seine Romane ist Titus Müller u.a. mit dem C.S. Lewis-Preis und dem Sir-Walter-Scott-Preis ausgezeichnet worden. Im Herbst 2016 erhielt er den HOMER Literaturpreis für den besten Gesellschaftsroman für „Berlin Feuerland“. Nach seinem Buch „Die fremde Spionin“ Heyne Verlag, München, folgte nun der zweite Roman aus der Trilogie:„Das zweite Geheimnis“.

Hallo Titus,
vor ungefähr einem Jahr sprachen wir über Dein Buch "Die fremde Spionin". Ria Nachtmann heißt sie im Buch und ist DDR-Bürgerin, die für den BND spioniert. Das hat natürlich alles seine Geschichte, Rias Eltern wurden von der Stasi gefoltert und ihre Schwester wurde ihr geraubt. Das hat sie dem Staat nie verziehen.
Nun ist das zweite Buch zu Rias Leben erschienen. Titel "Das zweite Geheimnis". Und das macht einem mehr als neugierig, denn Ria Nachtmann hatte den Dienst beim BND quittiert, und 12 Jahre lang weiter in der KoKo (Kommerzielle Koordinierung) unter Schalk-Golodkowski gearbeitet. Plötzlich sucht sie wider den Kontakt zum BND. Die Frage an Dich: Warum jetzt und wieso ist vorher nichts passiert?

Ria hatte sich vor dem Mauerbau in einen Westberliner Journalisten verliebt, in Jens, der für den Tagesspiegel schreibt. Den wollte ihr der BND verbieten, denn ein Westberliner Freund würde früher oder später die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit auf Ria lenken. Ria gehorcht zwar, nimmt das dem BND aber rückwirkend übel und bricht auch mit ihm. Dass sie jetzt nach Jahren der Funkstille wieder den Kontakt zum westdeutschen Geheimdienst aufnimmt – da müsste ich zuviel vorwegnehmen, um das wirklich zu erklären. Sagen wir es so: Es wird, kurz nachdem sie Jens in Bulgarien getroffen hat, brenzlig für sie und ihre Familie, und sie braucht dringend Unterstützung.

Dazu gibt es erbauliche Szenen in diesem Buch, unter anderem mit Leonid Iljitsch Breschnew, damaliger Russischer Staatschef und Generalsekretär der KPdSU, und dem ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt. Schade, dass man solche kuriosen Geschichten, die bestimmt heute auch noch passieren, erst Jahre später erfährt. Sammelst Du Infos für weitere Bücher, die Du in den nächsten Jahren schreiben wirst?
Selbstverständlich! Wenn mir eine tolle Szene begegnet, schreibe ich sie auf. Auch wenn sie zum aktuellen Roman nicht passt.

In „Das zweite Geheimnis“ bekommt der Leser zwischen den Zeilen geballte deutsche Geschichte mit, sowie die Taktik der Spionage. Da kann es einem schon mal kalt den Rücken runter laufen, oder?
Mich haben vor allem Protokolle von Stasiverhören erschüttert. Zu wissen, dass das Menschen wirklich erlitten haben, diese Erniedrigung, diesen Druck, dieses Ausgeliefertsein, das tut mir beim Lesen weh.

Wie siehst Du Dich als Schriftsteller, der politische Themen aufgreift? Der Leser ist gerne ein Voyeur, gerade da, wenn es um Spionage geht. Darf man da aus dem Nähkästchen plaudern?

Spionagethemen sind ideal für einen Roman. Sie werfen sofort moralische Fragen auf, denen wir uns im Alltag selten bewusst aussetzen.

„Das zweite Geheimnis“ spielt so in der Zeit von 1973, als der Kanzler Spion Günter Guillaume aufflog, das geschah wiederum durch aufmerksame Sicherheitsbeamte. Zu diese Zeit arbeitete Ria Nachtmann auch in der KoKo. Vorher, das wissen wir ja, begann ihr Doppelleben in der Zeit des Mauerbaus in Ostberlin. Diese Atmosphäre der politischen Spannung kommt prickelnd rüber. Wird Ria Nachtmann im dritten Buch auch spionieren?

Sie wird einen „letzten Auftrag“ erhalten, wie es auch im Titel des Romans heißt. Und sie wird ihrem alten Chef, Alexander Schalck, wiederbegegnen.

Titus,
Du bist auch in der damaligen DDR aufgewachsen, zur Schule gegangen, und einen Alltag gelebt. Hast Du Dir jemals träumen lassen, dass Du so intensiv das Leben von Spionen in einen Roman-Zyklus packst?

Niemals! Ich konnte ja nicht mal erträumen, dass ich Romane veröffentlichen darf, ganz gleich welchen Inhalts. Das hätte man mir in der DDR nicht gestattet.

Was ich ganz toll finde, ist Deine Webseite https://titusmueller.de. Aber Manuskripte in Luft werfen? Vor Freude?
Das war eine Idee fürs Fotoshooting, als die Stadt Landshut, in der ich lebe, ihre durch die Pandemie unsichtbar gewordenen Künstler sichtbar machen und Bilder von ihnen ans Ländtor hängen wollte. Die Fotografin und ich wollten kein langweiliges statisches Bild haben. Also brachte ich Manuskriptseiten mit und habe sie in die Luft geschleudert. Das war mein Einfall. Der der Fotografin war noch besser: Sie hochzuwerfen und augenblicklich eine ruhige, ernste Haltung einzunehmen, als wäre ich es nicht gewesen. Ich finde, das Foto ist gut gelungen.

Wenn Dein Leben ein Buch wäre, welchen Titel würde es haben?
Ich finde den Titel eines erzählenden Sachbuchs ganz passend, das ich vor drei Jahren geschrieben habe: „Staunen über das Glück im Unscheinbaren“.

Danke für den Hinweis.
Und wir danken für das Gespräch.