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Gespräche



 09.07.2021 - Das Gespräch mit Titus Müller 



Autor Titus Müller

Nachdem Titus Müller Mittelalterliche Geschichte, Publizistik und Kommunikations-wissenschaften studiert hat, schreibt er historische Romane. Er gründete die Literatur-Zeitschrift „Federwelt“ und ist Mitglied des PEN-Clubs. Für seine Romane ist Titus Müller u.a. mit dem C.S. Lewis-Preis und dem Sir-Walter-Scott-Preis ausgezeichnet
worden. Im Herbst 2016 erhielt er den HOMER Literaturpreis für den besten Gesellschaftsroman für „Berlin Feuerland“.
Sein neuestes Buch „Die fremde Spionin“ ist im Heyne Verlag, München, erschienen.


Hallo Titus Müller, ich habe immer Ausschau gehalten, ob von Dir ‘was Neues in den Buchhandlungen oder im Regal der Stadtbibliotheken steht. Und endlich ist ein neues Buch herausgekommen „Die fremde Spionin“, Heyne Verlag, und der Roman hat mich sofort in den Bann gezogen.
Der 13. August 1961, dieser Schicksalstag für Familien, Freunde und unserer Deutsch/Deutschen Geschichte, war ein erdrückender Tag. An einem schönen Sommertag wurde mitten durch Berlin ein Stacheldrahtzaun gezogen. Spionage ist für Politik und Industrie nichts Unbekanntes. Was hat Dich motiviert, ein Buch darüber zu schereiben?

Ich bin in Berlin aufgewachsen. Die Mauer war für mich als Kind immer etwas Mysteriöses. Die S-Bahn fuhr an ihr entlang, man konnte über die Mauer in den Westen gucken. Ich sah die Häuser da drüben und wusste, dort leben Menschen, aber gleichzeitig war mir klar, dass ich da nie hinkommen würde. Es war wie ein anderer Planet – weit weg und unerreichbar, obwohl diese zweite Hälfte der Stadt Berlin nur 100 Meter entfernt war. Ich habe die Grenzsoldaten mit ihren Waffen gesehen. Sie hätten mich abgeknallt, wenn ich zur Mauer hingegangen wäre. Das war für mich schwer zu begreifen. Meine Brüder und ich haben die Eltern gefragt, ob man nicht einen Tunnel bauen könnte oder mit einem Ballon über die Mauer hinwegfliegen könnte. Ihre Antwort: Das wurde alles schon ausprobiert.
1989 nach dem Mauerfall wäre mir ein Roman über den Mauerbau nicht eingefallen, ich war ja froh, dass es vorbei war. Aber heute, viele Jahre später, merke ich, dass es ein Thema für mich geblieben ist. Ich will wissen, wie war es möglich, diese Mauer zu bauen, ohne dass die Menschen Wind davon bekommen haben, dass da die Stadt dicht gemacht wird. Wie kann man so etwas geheim halten, selbst vor dem Bundesnachrichtendienst? Zwanzigtausend Menschen waren am Mauerbau beteiligt, siebenundvierzigtausend Betonsäulen wurden gebraucht und vierhundertdreiundsiebzig Tonnen Stacheldraht. Der Mauerbau als Geheimoperation, und die politischen Hintergründe, das hat mich interessiert.

Die Protagonistin ist Ria Nachtmann, sie wohnt in Ostberlin. Die Stasi hat ihre Eltern mehr oder weniger durch Folter und Gefängnis umgebracht. Ihre Schwester wurde verschleppt. Für Ria ist der Verlust ihrer Familie sehr schmerzhaft. Sie will Rache, und sie will die schädigen, die ihr das angetan haben. Diese Chance kommt auf sie zu. Im Frühjahr 1961 lässt sich Ria Nachtmann vom westdeutschen Geheimdienst als Spionin anwerben.
Titus, kennst Du in Deinem Leben echte Spione? Spione leben so unauffällig
.
Nein. Ich kenne keine. Vielleicht aus genau diesem Grund.

Dein Leben als Schriftsteller muss aufregend sein. Wer Romane über Spione schreibt, will viel über ihr Leben wissen und recherchiert, kramt in Archiven und findet Verhöre, Requisiten, die im Roman vorkommen, ebenso Handwerkszeug wie unsichtbare Tinte, Klein-Kameras, Revolver usw. Wie trennst Du Schreien und Familienleben?
Mein Leben als Autor ist viel spießiger als Du denkst. Ich stehe am Morgen auf, mache meinen Kindern Frühstück und bringe sie in die Schule und den Kindergarten und fahre von dort aus gleich weiter in mein Büro. Und da bin ich von morgens bis fünf Uhr nachmittags. Dann fahre ich wieder nach Hause. Also gar nicht so aufregend. Tagsüber schreibe ich, abends ist Zeit für die Familie.

Warum heißt der Roman: Die fremde Spionin. Warum das „fremde“?
Ich finde, das Wort passt sehr gut zu Spionen. Wenn man sich vorstellt, das größte Geheimnis deines Lebens, das dich in Lebensgefahr bringt, darfst du mit niemandem teilen, nicht einmal mit jemandem, den du liebst, weil es die Gefahr sonst immens vergrößert. Wo du Verstecke hast, Reisen, um deinen Führungsagenten zu treffen, all das musst du geheimhalten. Das macht dich zum Außenseiter. Und Ria ist auch noch aus anderen Gründen fremd. Die Sekretariatsleiterin im Ministerium wittert es vom ersten Tag an.

Ich bangte oft um Ria Nachtmann, dass sie nicht auffliegt. Sie heuert 1961 als Spionin in einer aufregenden Zeit an. Der Mauerbau in Berlin schreckte die Welt auf. Wie geht es Dir nach Fertigstellung des Buches? Im August 2021 jährt sich der Mauerbau zum 60igsten mal.
Ich staune über die Zahl sechzig, weil das nicht viel ist. Wir hören in den Nachrichten von Bürgerkriegen in anderen Ländern, von Kriminalität oder staatlicher Überwachung und Diktatur, und wir denken, dass es das bei uns nie geben würde. Aber wir hatten eine Mauer mit Selbstschussanlagen, die unser Land in zwei Hälften teilte.
Heute, mit der Pandemie, staune ich darüber, dass wir Menschen mit viel Einsatz Gegenmittel und Methoden gefunden haben, wie wir damit umgehen können. Ein ähnliches Gefühl habe ich, was den Mauerfall angeht. Wir können so viel Einfluss auf die Weltgeschichte nehmen, was einem nicht immer bewusst ist. Ich bin voller Bewunderung dafür, dass in einer friedlichen Revolution diese Mauer besiegt werden konnte.

Die Pandemie hat für Monate öffentliche Lesungen und das kulturelle Leben lahmgelegt. Aber die Phantasie ließ sich von der Pandemie nicht bremsen. Es fanden Online Lesungen statt. Kann man sich daran gewöhnen?

Lesungen via Livestream sind eine gute Lösung, wenn echte Begegnungen nicht möglich sind. Ich habe auch guten Austausch erlebt, sogar Gespräche nach der Lesung. Aber es bleibt nur ein Ersatz. Was für ein Unterschied, Menschen wirklich in die Gesichter blicken zu können, ein Publikum vor sich zu haben, das mit der Geschichte mitgeht und reagiert, lächelt, lacht. Es entsteht eine besondere Atmosphäre, wenn sich dreißig, vierzig, siebzig Menschen in einem Raum derselben Sache widmen, wenn sie gemeinsam denken und träumen und bestürzt die Stirnen kraus ziehen. Dieses Erlebnis gibt es nur live vor Ort.

Zu Anfang unseres Gesprächs sagte ich, dass ich Ausschau nach einer Neuerscheinung von Dir gehalten habe. Und der Leser wird nächstes Jahr mit einem weiteren Band mit Ria Nachtmann belohnt. Ist sie Spionin geblieben, was kannst Du uns Lesern verraten?
Ich stelle mir vor, dass Ria nicht all die Jahre bis 1973 aktive Spionin bleibt, dass sie Geheimdienst-Avancen abwehrt. Sie versucht, ein normales Leben zu führen. Aber natürlich passiert im zweiten Band etwas, das sie zwingt, ihre Verbindung zum BND zu reaktivieren.

Und es folgt noch ein dritter Roman?
Titus Müller schmunzelt). Ein weiteres Jahr später, ja. In der Trilogie wird sich der Bogen vom Mauerbau 1961 bis zum Mauerfall 1989 spannen.

Titus, Du hast bis jetzt 14 Romane geschrieben, dazu Erzählungen und Sachbücher. Das ist ganz schön viel. Woher kommen die Themen, die Du zum Inhalt eines Romans machst? Zum Beispiel Dein erster Roman: Der Kalligraph des Bischofs, der jetzt sogar in der 8. Auflage erschienen ist.
Damals war ich 22 und studierte Mittelalterliche Geschichte. Ich besuchte ein Seminar zum mittelalterlichen Schreiben. Verblüfft hat mich, dass die Schönschreiber im Mittelalter nicht mit dem Handballen über das Papier schleifen durften, die Feder musste schweben. Und noch mehr war ich fasziniert davon, wie schön die erhaltenen Urkunden aussehen. Wie hat man es geschafft, die Zeilen exakt am Rand enden zu lassen? Und wie konnte man derart leuchtende Farben herstellen, mit denen die Initialen verziert wurden? Ich fand, ein solcher Schreiber wäre für einen Roman eine starke Figur.

Das Internet verrät auch, dass Du den Literaturwissenschaftler C.S. Lewis verehrst. Aus seiner Feder stammt die Fantasy-Romanreihe Die Chroniken von Narnia. Hast Du sie in Deiner Kindheit gelesen?
Nein, erst als Erwachsener. Bei meinem ersten Kontakt mit C.S. Lewis war ich 15. Ich entdeckte im Bücherregal meines Vaters, der Theologe ist, ein Buch von C.S. Lewis über den christlichen Glauben. Mein Vater sagte, das Buch sei noch nichts für mich. Natürlich wollte ich es daraufhin erst recht lesen. C.S. Lewis hat mich intellektuell herausgefordert und hat meinen Horizont erweitert. Was kann man besseres über ein Buch aussagen?
C.S. Lewis war Literaturprofessor in Oxford und pflegte tiefe Freundschaften mit den verschiedensten Menschen, auch mit Autorenkollegen wie J.R.R. Tolkien oder Arthur C. Clarke. Gerade durfte ich unter seinen über dreitausend Briefen die schönsten für eine Erstausgabe in deutscher Sprache auswählen.(C.S. Lewis: Ein Leben in Briefen. Adeo Verlag)

Ich kann mich erinnern, dass Deine erste Auszeichnung der C. S. Lewis-Preis war. Wo fand das statt?
Das war 2005 auf der Buchmesse in Frankfurt. Ich bekam den Preis für meinen Roman „Die Siedler von Vulgata“, dotiert war er mit fünf Wochen Schreiburlaub auf der Isle of Wight. Das war toll. Ich bewohnte ein kleines Häuschen direkt am Meer, wenn ich mit dem Schreiben nicht weiterkam, ging ich am Ufer spazieren.

Schreibst Du Briefe per Hand oder mit dem Computer?
Meine Handschrift ist ganz übel. Wenn ich nach einer Lesung Bücher signiere und einen Gruß hineinschreibe, fragen mich die Leser oft, ob ich Ihnen das auch vorlesen könnte. Also – ich schreibe mit dem Computer.

Du schreibst auch Erzählungen wie Der Schneekristallforscher oder erzählende Sachbücher wie Staunen über das Glück im Unscheinbaren.

Das ist eine Spielwiese, die mir Spaß macht, weil ich dabei nicht darauf achten muss, ob ich damit das große Publikum abhole. Außerdem gestaltet der Verlag auch wunderschöne Buchcover.

Auf Deiner Webseite ist zu lesen, dass Du gerne Deine Romane alle paar Jahre
überarbeiten möchtest und es auch tust. Warum denn? Die Bücher sind doch beim Leser angekommen.

Am liebsten würde ich ständig überarbeiten. (Lacht.) Es ist einfach ein gutes Gefühl, einen Text besser zu machen. Die Neuauflagen meiner frühen Romane mussten überarbeitet werden, weil die Romane noch in der alten Rechtschreibung gedruckt waren. Für mich war das toll: Ich durfte sogar ganze Sätze streichen oder halbe Kapitel neu schreiben, weil sowieso ein Neusatz nötig war, es verursachte keine zusätzlichen Kosten beim Druck, die Seitenaufteilung durfte sich ändern. Da sind mir beim Lesen Sachen aufgefallen, die ich inzwischen besser kann, und die habe ich korrigiert. Ich möchte, dass die Leute, die jetzt meine Romane kaufen, das bestmögliche Buch bekommen.

Noch eine Frage, wie hältst Du das Glück fest?

Wegen meiner Sachbücher mit „Glück“ im Titel? Man kann es nicht festhalten. Ich kann mir nicht einmal vornehmen, die nächsten drei Wochen glücklich zu sein. Ich kann nur fünf Minuten glücklich sein. Die will ich natürlich verpassen, weil ich zu hastig unterwegs bin oder schon im übernächsten Moment lebe. Wenn mich etwas fasziniert und glücklich macht, versuche ich, kurz innezuhalten, um es wahrzunehmen. Das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln. Die erste Hummel im Jahr. Mein Kind, das mir ein Schulerlebnis erzählt.

Darf man einen Schriftsteller fragen, welches Buch er einem Leser empfehlen würde, neben seinen eigenen Werken?

Natürlich! Momentan begeistert mich „Vom Aufstehen“ von Helga Schubert. Sie erzählt mit so viel Warmherzigkeit. Was ich auch mochte, ist „Marzahn, mon amour“ von Katja Ostkamp. Ich bin in Marzahn aufgewachsen, bin dort zur Schule gegangen. Wie die Autorin verschiedene Charaktere schildert, ohne sie bloßzustellen, ist großartig. Ich mag Bücher, die barmherzig mit den Menschen sind.

Lieber Titus,
ich freue mich so, dass es bald weitere Bücher von Dir geben wird, und sowieso Danke für die, die bis jetzt von Dir Geschriebenen. Vielen Dank für das Gespräch.


©Steffi.M.Black 2021(Text)
©Sandra Frick (Bild)