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Gespräche



 05.10.2020 - Das Gespräch mit der Autorin Nathalie Kir de Montfolet 



Nathalie Kir de Montfolet

Die Autorin und Französin Nathalie Kir de Montfolet blieb in Frankreich, bis die Liebe sie nach Deutschland holte.
Sie arbeitete jahrelang in der amerikanischen Computer-
industrie, zog ihre drei Kinder groß, vergaß aber ihre französischen Wurzeln nicht.

Seit mehreren Jahren widmet sie sich dem Schreiben. „Die Männer, das Essen und ich“ erschien 2007 im Christian Verlag, „Ein Blechtopf unter Sternschnuppen“ kam 2012 als E-Book heraus.
Der aktuelle Roman von Nathalie Kir de Montfolet „Wie sie lebten und liebten, die Frauen in meiner Familie“ ist 2020 im tredition Verlag in Hamburg erschienen.


Frau Kir de Montfolet,
wie geht es Ihnen heute mit den Frauen Ihrer Familie? Ihr Roman „Wie sie lebten und liebten, die Frauen in meiner Familie“ ist eine fesselnde Familienchronik. Man würde sagen – eine verrückte Geschichte:
Der deutsche Ururgroßvater verliebt sich in eine Französin, seine Urenkelin verliebt sich in einen Deutschen und seine Ururenkelin - ebenfalls. Diese verlässt für ihre große Liebe Frankreich und sie zieht nach Deutschland, wo sich Jahre später ihre Tochter wiederum in einen Franzosen verlieben wird. Mit dem Leben in dem kleinen Dorf in der Nähe von Grenoble geht sie schonungslos um, doch das nimmt nichts von der Atmosphäre und Spannung, die das ganze Buch durchzieht. Hat Sie das Schreiben aufgewühlt?

Ja, das hat es. Dieses Buch ist im Laufe der Jahre entstanden, ich wollte die Frauen beschreiben, die meine Jugend geprägt haben. Seit 200 Jahren gab es in den Familien nur einzelne Töchter, ich bin die erste, die drei Kinder hat. Ich kenne keine Familie, in der über so eine lange Linie nur einzelne Mädchen geboren wurden, und all diese Frauen waren meistens mit ihren Männern unglücklich. Das hat mich fasziniert. Als ich das Buch angefangen habe zu schreiben, lebte meine Mama noch.
Damals, in ihren letzten Jahren, kam es, dass sie mir etwas anvertraute, was ich niemals vermutet hätte. Das hat dem Buch eine ganz andere Richtung gegeben. Ich musste mit mir kämpfen, denn die Tatsache, dass sie das Geheimnis mir solange verschwiegen hat, bedeutete, sie wollte nicht, dass ich das weiß und dass ich es publiziere. In Frankreich ist die Thematik von Resistance und Kollaboration nach wie vor ein ganz heißes Thema. Das sind unschöne Geschichten, die man nicht erzählen darf. Die Franzosen machen nicht dasselbe wie die Deutschen, um ihre Vergangenheit zu verarbeiten.

Ist das Scham?
Nein, wir sind einfach stolz, arrogant. Es kümmert uns auch nicht, was wir in Algerien gemacht haben, die Undankbarkeit, die wir den Harkis gegenüber gezeigt haben! Die Liste ist lang – das ist unglaublich.

Was war der Auslöser, um dieses Buch zu schreiben?
Eben die Neugierde über diese Frauen. Meine große Liebe war meine Oma väterlicherseits, eine absolut quirlige, verrückte und die schönste Großmutter, die ich mir vorstellen kann. Sie hat mich sehr geprägt. Sie war klein, hatte einen dicken Busen und ihren Mund malte sie immer knallrot und nur in der Mitte an. Sie aß gerne Süßigkeiten und hat auch gerne viel Blödsinn gemacht, aber sie war mit einem strengen Mann verheiratet, der alle Vergnügungen niedergeschmettert hat.
Ich wollte die Frauen in meiner Familie ein bisschen glorifizieren, weil sie wirklich die Familien zusammengehalten haben und sie haben Männer ertragen, die alles andere als einfach, zärtlich oder lieb waren. Sie haben mit Würde und Humor die Konflikte durchgestanden. Das alles habe ich bewundert , ich hatte das Bedürfnis es aufzuschreiben.

Es ist ein Roman, eine gedankliche Reise zu Ihren Wurzeln. Blicke in Deutsch-Französische Beziehungen und was es bedeutet, für die Liebe in ein anderes Land zu ziehen. Ola la la – die Liebe ist Ihnen sehr wichtig. Wie kam das bei uns puritanischen Deutschen an?
Das kam gut an. Sie finden es charmant, witzig. Ich weiß allerdings nicht, ob sie das als besonders französisch empfinden. Ich glaube nicht, dass ich etwas Erotisches geschrieben habe, ich schreibe nichts, was anstößig wäre. Schade eigentlich…

Das will ich damit nicht sagen, aber für Sie ist die Liebe sehr wichtig, Sie gehen damit offener um.
Aber in der deutschen Literatur ist es doch auch so.

Ja, aber das sind Liebesromane.

Mit dem Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland tue ich mir ein bisschen schwer. Was ich manchmal hier vermisse, ist die Spontaneität über Gefühle zu sprechen, aber nach ein paar Gesprächen öffnen sie sich dann auch. Ich glaube, es ist nur die Spontanität, die fehlt, denn die Deutschen lieben genauso wie die Franzosen und die Italiener die Liebe. Das bleibt zu oft auf der Strecke, leider auch in der Kirche. Dort wird viel über Pflicht, Schuld, über Sühne gesprochen, aber nicht über die Liebe. Dabei ist das das Grundthema.

Sie blicken manchmal amüsiert auf die Verwandtschaft, verzeiht sie Ihnen das?

Meine Verwandtschaft spricht kein Deutsch. (wir lachen herzlich darüber)

Sie haben sicher viel geplant, als Sie sich ans Schreiben machten, und haben überlegt, was man von sich preisgibt. Im Roman begegnen wir starken Frauen, wir begegnen der Liebe, Geheimnissen und Schuld. Vergangenes bringen Sie gekonnt mit der jetzigen Realität in Verbindung. Wie fühlt sich das an?
Es ist ganz zwiespältig. Am Anfang, als ich das Buch herausgebracht habe, habe ich eine Erleichterung empfunden. Ich fand es schön, mein Sohn hat das Cover gemacht – ich war stolz. Aber nach ein paar Wochen habe ich mich gefragt, ob meine Mutter mir nicht böse wäre, weil ich ihr Geheimnis preisgegeben habe.

Dass Sie die Ereignisse im Roman nicht chronologisch darstellen, macht ihn sehr reizvoll. Der Roman ist wie ein Puzzle. Ihre Sätze sprudeln nur so dahin. Haben Sie alle Teilchen gefunden? Gibt es Lücken, die ein anderer Roman füllen könnte?
Der Roman ist peu a‘peu entstanden und hat sich von allein entwickelt. Die Geschichte meiner Mutter, warum sie aus dem Gefängnis geschmuggelt worden ist, und warum nicht mein royalistischer Großvater verhaftet wurde, wäre einer weiteren Forschung wert. Warum musste die Tochter büßen, was der Vater gemacht hat.

Die Feststellung, dass jedes Geheimnis ein Dorfeigentum ist, ist umwerfend. War das wirklich so arg?

Ja, es gab sehr viele Affären, sehr viele lustige Begebenheiten. Dadurch, dass wir auf dem Dorfplatz gelebt haben, haben wir alles mitbekommen. Nicht die Menschen schreiben die Bücher, das Leben schreibt die Bücher.

Beeindruckend ist die Geschichte von Christiane, die in das Vor-KZ in Pithiviers kommt und am Kriegsende ein demütigendes Schicksal erdulden musste. Haben Sie das Durchgangslager in Pithiviers selbst gesehen?
Nein, persönlich nicht. Es war das Durchgangslager für viele Juden, die von dort nach Ausschwitz gebracht wurden. Unter anderem verbrachte dort eine kurze Zeit die wunderbare Schriftstellerin Irène Némirovsky, Autorin vom Roman Zyklus „Suite française“ („Sturm“ und „Dolce“, übersetzt von Eva Moldenhauer, bevor sie nach Ausschwitz deportiert wurde und dort starb.

Liebe Bücherfreunde und Leser von Bücher & mehr, also rundum dieses liebenswerte Buch lesen“!


„Die Männer, das Essen & ich: Rezepte für jede Lebenslage“ war Ihr erstes Buch, und das ist nicht nur eine Rezepte-Sammlung. Verlegt im Christian Verlag in München. Humorvoll und schön gestaltet sind in dem Buch viele Essens-Anregungen, eben für verschiedene Lebenslagen. Sie lassen die Leserin wissen, was beim Entstehen der Gerichte geschah. Hübsch, wie Sie diese mit Anekdoten verbinden und auf den Tisch bringen. Natürlich schließen Sie die Männer nicht aus.
Das ist eine tolle Idee, wie ist denn dieses Lesekochbuch entstanden?

Durch den Stress einer Ehekrise. Da habe ich meine Wut, meine Ohnmacht und Frustration niedergeschrieben.

Dieses Buch gibt es, wie es unsere digitale Welt erfordert, auch als E-Book. Aber die Originalausgabe in Hardcover ist wunderschön und voller Illustrationen. Die Cover- Gestalterin hat Ihre roten, wallenden Haare wie bei Botticelli‘s Grazien zum Zopf geknotet, und viele Illustrationen bereichern die Geschichten. Es ist nie langweilig.
Die Arbeit mit der Illustratorin war sehr kreativ und anregend. Ich würde sehr gerne mit Kristina Möller ein neues Projekt entwerfen.

Frau Kir de Montfolet,
das Kochen ist für Sie eine Leidenschaft, doch welche Speisen kommen trotzdem in der Essenskultur zu kurz und könnten ein Thema für ein weiteres Buch sein?

Das Buch habe ich vor langer Zeit geschrieben. Viele Rezepte würde ich jetzt ganz anders gestalten, aber ich möchte nicht mehr übers Kochen schreiben. Es gibt eine Überfülle an Kochbüchern. Ich kaufe sie sehr gerne, und mit der Zeit ist daraus auch eine große Sammlung geworden.

Ich bin auch neugierig auf Ihr Buch „Ein Blechtopf unter Sternschnuppen“. Das muss ‘was Besonderes sein. Sternschnuppen sind in Deutschland recht rar. Was haben Sie da gekocht?
Ich war in der marokkanischen Wüste mit einer kleinen Gruppe, und ich war beeindruckt, wie der junge marokkanische Reiseführer mit wenigen Mitteln uns so wunderbar bekocht hat. Dem wollte ich auf den Grund gehen. Ich habe ihm beim Kochen geholfen, alles notiert und daraus das Buch gemacht.

Gerade jetzt in der Corona-Zeit wird uns bewusst, dass wir immerhin auch in dieser Zeit gut essen können, es uns gönnen können, und das angeregt durch Ihre Bücher. Frau Kir de Montfolet, vielen Dank für das Gespräch.

©Steffi.M.Black 2020 (Text)
©Privatarchiv Kir de Montfolet(Bild)