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Gespräche



 23.03.2020 - Das Gespräch in der Watzmannstraße 



Medienmobil der Münchner Stadtbibliothek

Die Sozialen Bibliotheksdienste der Münchner Stadtbibliothek.
Fast 15.000 km kreuz und quer durch die Straßen der Stadt legen sie jährlich zurück, die beiden Medienmobile der Münchner Stadtbibliothek. Die auffällige Aufschrift auf den Autos bewegt häufig Passanten zum Stehenbleiben und Nachfragen: Was machen diese Medienmobile eigentlich?

Bücher & mehr e.V. hat nachgefragt

Ein Gespräch mit Claudia Rothermel, Dipl.Bibl und Leiterin des Mobilen Mediendienstes und Ute Gillessen, die fahrende Bibliothekarin.

In diesen Räumen, die wir hier besichtigen, sind die Bücher und die Organisation der Sozialen Bibliotheksdienste untergebracht. Viele Münchner*innen wissen, dass es diesen Dienst gibt, aber viele wissen gar nicht, was wir da machen. Diese Sozialen Bibliotheksdienste haben zwei Standbeine, das sind die Krankenhaus-Bibliotheken und der mobile Hausdienst. Jetzt heißt er allerdings: Mobiler Mediendienst.
Wir freuen uns, dass wir unsere Dienste bekannter machen können und möchten zeigen, was hinter diesen Begriffen steckt. Aufsuchende Bibliotheken, mobile Dienste, das klingt ist so abstrakt, dass sich die meisten nichts darunter vorstellen können.

Vielleicht schiebt man den Gedanken auch beiseite, weil der Dienst ‘was kosten könnte?
Kann durchaus sein, aber der Dienst ist komplett kostenlos. Wenn wir Werbung in Briefkästen verteilen, nehme ich an, denken viele ältere Menschen, dass das mit Kosten verbunden ist, aber das ist ein Irrtum. Es kann auch sein, dass einige Menschen Ängste haben, das Fremde in ihre Wohnung kommen.

Das heißt, dass die Stadtbibliotheksgebühren von 20 Euro im Jahr nicht zu zahlen sind?
Ja, es fallen keine Gebühren an.

Wird dieser kostenlose Service ausgenutzt?

Überhaupt nicht. Ich mache diese Arbeit fast 30 Jahre, und in dieser Zeit hatte ich nie das Gefühl, dass jemand die 20 Euro sparen wollte.

Wer nutzt diesen Dienst?

Menschen, die nicht aus dem Haus gehen können und trotzdem gerne lesen möchten. Die meisten unserer Kund*innen haben körperliche Beeinträchtigungen, die es unmöglich machen, eine Stadtteilbibliothek aufzusuchen. Es können aber auch psychische Beeinträchtigungen sein, Menschen, die Angst vor Menschen haben oder unter Depressionen leiden. Das ist durchaus ein Grund vom Mobilen Mediendienst besucht zu werden.

Sollte nicht die Initiative vom Besuchten/Kunden ausgehen?

Ja. Wer von uns, also vom Mobilen Mediendienst erfahren hat, ruft uns an oder wir bekommen über Helfer oder Verwandte eine Nachricht. Wir nehmen Kontakt auf und erfahren so auch die Bücherwünsche.
Unsere Arbeit ist ein praktisches Beispiel für Inklusion. Ein Schlagwort, das gerne benutzt wird. Aber dieser Dienst, den es seit vierzig Jahren gibt, erfüllt diesen Begriff mit Leben. Und jeder kann so am kulturellen Leben teilhaben.

Wenn Sie vor Ort sind, an die Tür klopfen und Bücher übergeben, wird da auch Privates ausgetauscht?
Nicht bei allen. Es gibt Leute, die nur den Bücherdienst in Anspruch nehmen, andere freuen sich aber auch, wenn wir da sind. Über die vielen Jahre entstehen schon persönliche Bindungen, sodass wir auch familiäres mitbekommen. Das ist eine andere Art der Bibliotheksarbeit, die man sonst in dieser Form in Bibliotheksräumen nicht findet. Und das muss man mögen.

Sie leisten eine soziale Arbeit, die über den Bücherdienst hinaus geht, die aber eigentlich nicht Ihre Aufgabe ist.

Es sind ja nicht nur Bücher die wir ausliefern, wir bringen auch andere Medien ins Haus. Wenn die Kunden Angst haben nach draußen zu gehen, gehen sie auch nicht ins Kino. Deswegen schätzen sehr viele unseren gut ausgestatten DVD-Bestand hier in der Watzmanstraße, und wenn wir hier etwas nicht im Bestand haben, organisieren wir es über unsere Stadtteilbibliotheken.
Dazu muss man sagen, dass wir zusätzlich zu Büchern, DVDs, Hörbüchern, Spielen, Musik oder Zeitschriften auch Informationen liefern. Wenn eine*r meiner Kund*innen Mitglied bei der Blindenhörbibliothek werden möchte, und nicht weiß, wie man das machen kann, dann organisieren wir den Kontakt. Wir versuchen zusätzlich zu den Medien auch hilfreiche Informationen zu vermitteln. Manche unserer Kunden haben keinen PC, kein Smartphon oder Internet, um mal schnell ‘was recherchieren zu können. Da versuchen wir etwas unter die Arme zu greifen und zu unterstützen. Wir besorgen Informationen von Beratungsstellen, z. B. von Wohnen im Alter oder von der psychosozialen Betreuungsstelle der Stadt, oder von Altenservicezentren.

Wer würdigt Ihre Arbeit und wer erkennt die Arbeit an?
Innerhalb der Stadtbibliothek haben wir ein ganz gutes Standing, wir sind eine große Abteilung mit 25 Personen, das kostet viel Geld. Dass die Stadt München und die Direktion hinter der sozialen Bibliotheksarbeit steht, ist offensichtlich. Jetzt sind wir an einem Punkt und an einer Grenze angekommen - das Medienmobil versorgt über 800 Kunden im ganzen Stadtgebiet - wo wir überlegen müssen, die Werbung ein bisschen zurück zu fahren, denn mehr Kund*innen können wir mit dem vorhandenen Personal nicht versorgen.

800 Kund*innen zu versorgen, wie machen Sie das?

Einmal durch gute Logistik und dank durch die Unterstützung der zwei Fahrer. Wir leihen ca. 100.000 Medien im Jahr aus und die Fahrer tragen die schweren Kisten ins Auto. Wenn die Bücher wieder zurückkommen, putzen die Fahrer die Medien mit Alkohol und stellen sie zurück in die Regale.

Die Bücher werden desinfiziert?
Es gibt regelmäßige Untersuchungen, welche Keime auf den Büchern sind. Es zeigt sich immer wieder, dass das Bücherputzen mit Ethanol die Keime abtötet, sonst könnten wir in den Krankhäusern nicht ausleihen.

Die älteren Kunden werden nicht ewig da sein, und es kommt eine neue „Ältere Generation“ nach, die digital mobil sein könnte. Würde das Ihre Arbeit erleichtern?
Ja, das würde zum Beispiel den Einsatz von E-Book-Readern ermöglichen. Es könnte aber auch zur Folge haben, dass diese EDV affinere Generation eher die Online-Ausleihe nutzt. Man muss es beobachten, in welche Richtung sich der soziale Dienst entwickelt.

Ihre Kundinnen und Kunden rufen hier beim Mobilen Mediendienst an und äußern einfach Ihre Wünsche?

Sie rufen an, wenn sie einen speziellen Wunsch haben, umgekehrt, wenn ich auf Tour bin und Kunden besuche, habe ich immer den Wunschzettel vorbereitet. Der ist mit Datum versehen und ich schreibe auf, ob sich das Leseprofil verändert hat. Ich frage nach, ob konkrete Wünsche vorhanden sind, oder ob der Kunde vermeldet, dass er in acht Wochen besucht werden möchte, weil er ins Krankenhaus geht.
Also die Sonderwünsche werden notiert und punktgenau erfüllt. Unsere Kunden freuen sich auch, wenn wir Ihnen einen Daisy Player zur Verfügung stellen.

Daisy Player – Daisy Duck?

Nein, wir haben viele Kunden mit Hörbuch-Wünschen und der Daisy Player ist ein einfach zu bedienender CD-Player mit extra großen Tasten. Also, man schiebt die CD in einen Schlitz, und das Tolle an diesem Gerät ist, dass man das Sprachtempo einstellen kann. Laut und leise ist ja klar. Der Daisy Player hat ein spezielles MP3-Format mit super Funktionen, die ein normaler CD-Player nicht hat. Für unsere Kundschaft genau richtig, da viele Kunden sich mit der Technik schwer tun. Der Player sagt zum Beispiel, dass noch eine CD im Gerät liegt etc., das sind für schlecht Sehende oder blinde Kund*innen wichtige Funktionen.

Warum heißen die Kundinnen und Kunden nicht Benutzer?

Also, mir ist Kund*innen lieber, das finde ich etwas persönlicher als Benutzer*innen. Aber das ist Geschmackssache.

Wie sind die Ausleihzeiten?
Wir haben andere Ausleihzeiten als in den Stadtbibliotheken, nämlich längere. Weil wir alle vier Wochen ins Haus kommen, beträgt die Leihfrist vier Wochen plus vier Wochen Verlängerung. Die Daisy-Player sind meist eine Dauerleihgabe.

Das alles betrifft den Mobilen Mediendienst. Sie bedienen aber auch die Krankenhaus-Bibliotheken.
Das ist richtig, und für Krankenhaus-Bibliotheken ist die Vorbereitung eine andere. Wer nicht in die Krankenhaus-Bibliothek gehen kann, kann trotzdem Bücher ausleihen. Je nachdem wie groß das Krankenhaus ist, gehen wir zwei- bis dreimal die Woche vormittags über die Stationen. Das kann sehr umfangreich sein, wie im Krankenhaus Rechts der Isar.
Wir fahren mit einem Bücherwagen durch die Abteilungen und fragen im Krankenzimmer die Patient*innen, ob sie etwas zum Lesen haben möchten. Man muss Zeit mitbringen, um mal auch zu zu hören. Wir kennen aber unsere Grenzen, wir sind keine Psychotherapeuten. Wir sind ausgebildete Bibliothekare.

Wie sieht so ein Bücherwagen aus?

Der Bücherwagen ist mannshoch, mit Regalen bestückt und wiegt 4 Zentner.

Damit geht es über die Stationen.
Am Nachmittag beginnt dann die Raumausleihe im Gegensatz zur Stationsausleihe.
Und in der Raumausleihe kommen die Patienten, die sich bewegen können. Also sie kommen in die Krankenhaus-Bibliothek. Auch das Personal nutzt die Raumausleihe, denn durch ihre Arbeitszeiten kommen sie oft nicht in die Stadtteilbibliotheken. Externe Kunden, die keine Patient*innen oder Mitarbeiter*innen sind, aber z.B. in der Nähe des Krankenhauses wohnen, können auch zur Raumausleihe kommen.

Der Service ist für Patienten, die länger im Krankenhaus bleiben, oder?

Die durchschnittliche Verweildauer ist in den letzten Jahren immer mehr zurück gegangen. 3 -5 Tage sind die meisten Patienten da. Es gibt Abteilungen da läuft es anders, zum Beispiel im Krankenhaus Harlaching in der Psychosomatischen Klinik, oder in onkologischen Abteilungen.

Das heißt es wird weniger ausgeliehen?

Seit Einführung der Fallpauschale bekommen die Kliniken immer gleich viel für die Behandlung einer Krankheit, unabhängig von der Anzahl der Tage, die der Kranke im Krankenhaus verbringt. D.h. die Patient*innen werden schneller entlassen und haben weniger Gelegenheit, die Bibliothek aufzusuchen und etwas auszuleihen.

Überall sind Zahlen und Kalkulationen im Gespräch und bestimmen die Bewertung einer Einrichtung. Würde man den Krankenhaus-Bibliotheksdienst wegen zurückgehender Ausleihen einstellen?
Wir hoffen es natürlich nicht. Es gibt einen Vertrag mit der München-Klink GmbH, der wird immer für einen bestimmte Laufzeit abgeschlossen, und bei Verlängerung muss argumentiert werden, warum er verlängert werden soll. Die Kliniken stehen natürlich unter großem finanziellem Druck - aber wir finden, dass das Angebot einer Krankenhausbibliothek doch ein Pluspunkt ist. Die Krankenhäuser stehen ja auch in Konkurrenz zueinander. Die Patientenbibliothek bietet einen wichtigen zusätzlichen Aspekt über das reine Lesen hinaus:
in unseren Bibliotheksräumen können sich die Patienten wohl fühlen und es sich gemütlich machen. Die Bibliotheken sind zwar klein, aber wir haben in einigen WlAN, und wir versuchen dort Aufenthaltsqualität zu schaffen, damit Patient*innen für eine Zeit dem medizinischen Ambiente entfliehen können.
Die Bibliothek wird von Patienten sehr geschätzt, das haben Umfragen in verschiedenen Krankenhäusern ergeben. Die Krankenhaus-Bibliotheken hatten 2019 einen Bestand von 36.620 Medien, davon der Printbestand von ca. 28.300 Büchern und der Audiovisuelle Bestand 8.300 Medien. Der Etat betrug 66.260 Euro.

Gab es auch Pannen?
Es gab schon Situationen, in denen wir improvisieren mussten, weil Bestellungen auf dem falschen Wagen lagen und deshalb im falschen Auto landeten.

Wann fing überhaupt das alles an?
Die Entwicklung der Krankenhaus-Bibliotheken begann 1954, da gab es einen städtischen Antrag eine Patientenbibliothek einzurichten. Schon 1956 wurde dieser Plan umgesetzt, in Form der Anschaffung von sechs kleinen Bücherwägen.

Wie viele Bücher waren damals darauf?

Ca 200, Zeitschriften waren auch dabei. 1959 war es dann soweit, dass das Klinikum Rechts der Isar für die Bücher einen Raum bereitgestellt hat. Dann folgte das Krankenhaus Schwabing mit einer Bibliothek im Parterre, in der Ladenzeile. Das ist gut, denn so wird die Bibliothek gesehen.
Diese Krankenhaus Bibliotheken wurden 2003 in „Soziale Bibliotheksdienste“ umbenannt.
Die Münchner Stadtbibliothek mit ihren Diensten versteht sich als zentrale Institution der Kultur und des lebensbegleitenden Lernens, der internationalen Offenheit und der gelebten Inklusion.


Ihr Arbeitsbereich hält Sie ganz schön auf Trab und ist sehr anspruchsvoll. Sie sind große Logistikerinnen und bringen viel Empathie für Ihre Leserinnen und Leser auf. Vielen Dank für das Gespräch.

Münchner Stadtbibliothek
Soziale Bibliotheksdienste
Watzmannstr. 1a
81541 München
Tel. 089/649138218
Mail:stb.soziale-bibliotheksdienste.kult@muenchen.de


©Steffi.M.Black 2020 (Text)
©Münchner Stadtbibliothek(Bild)