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Gespräche



 30.09.2019 - Das Gespräch mit Gunna Wendt 



Gunna Wendt - Autorin

Gunna Wendt ist freie Schriftstellerin und lebt in München. Neben ihren vielen Arbeiten für Theater und Rundfunk veröffentlichte sie Kurzgeschichten, Gedichte, Essays und zahlreiche Biografien.
2017 wurde sie mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet. Ihr letztes Buch „Frauen erfinden sich selbst. Biografische Skizzen geheimnisvoller Frauen“ ist im marix Verlag Wiesbaden erschienen. Das lange vergriffene Buch „Liesl Karlstadt, ein Leben“ ist nun im btb Verlag neu aufgelegt worden und wieder lieferbar.



Frau Wendt, Sie haben den Ruf einer Expertin für komplexe Biografien. Da liest man einen großen Anspruch ‘raus. Mit welcher Biografie bekamen Sie diesen Ruf?

Oh, das ist ganz schwer zu sagen. Mein Anspruch ist nicht, ein Leben von Anfang an zu beschreiben, sondern mich auf bestimmte Aspekte zu konzentrieren, die vernachlässigt worden sind. Ich habe mit Liesl Karlstadt angefangen. Da war viel verschwiegen worden. Liesl Karlstadt war nicht nur eine Frohnatur, auf die sich Karl Valentin verlassen konnte. Ihr wurde immer das Handfeste, Robuste zugeordnet, ihm das Introvertierte, Phantastische. Das genau wollte ich nicht, ich wollte das Komplexe ihres Charakters beschreiben. Ich wollte zeigen, dass das, was sich in ihren Rollen äußerte, nicht nur spielerisch war, sondern auch eine ganz ernste Dimension hatte. Das alles zu zeigen, war mir wichtig. Ich glaube, dass die Charakterisierung als Expertin für komplexe Biografien daher kommt, dass ich eben Aspekte der jeweiligen Persönlichkeit beleuchtet habe, die eigentlich im Dunkeln lagen.

Bü+m: Chapeau an den btb Verlag, dass die Biografie von Liesl Karlstadt wieder zu haben ist.

In Ihrem neuesten Buch „Frauen erfinden sich selbst“ ist im Untertitel zu lesen, dass es sich um Biografische Skizzen handelt. Sie haben sich acht berühmte Frauen ausgesucht, deren Leben nicht nur ungewohnt für die Öffentlichkeit, sondern auch geheimnisvoll waren. Wie kam es zu diesem Buch?

Zu diesem Buch kam es über Mata Hari. Ich wollte etwas über Mata Hari schreiben und habe gemerkt, dass das eigentlich Interessante ein übergeordnetes Thema ist, nämlich die Frau in der damaligen Gesellschaft. Dass viele Aspekte ihres Lebens, wie zum Beispiel Selbsterfindung, ein neuer Name, eine neue Rolle und auf der anderen Seite Ablehnung, Verleumdung, Bestrafung auch andere Frauen betrafen, über die ich schon mal gearbeitet habe. Mir war wichtig, diese verschiedenen eigenwilligen Frauen nebeneinander zu stellen. Das ist ein Stück Frauengeschichte. Der Ausgangspunkt war Mata Hari und die Tatsache, dass 100 Jahre nach ihrer Hinrichtung die Gefängnisakten in Paris geöffnet wurden.

Sie schreiben Biografien über bekannte Persönlichkeiten. Unglaublich viele, und dazu haben Sie sich immer interessante Menschen ausgesucht. Ich zähle mal nur ein paar auf:
Alexandra, die letzte Zarin - Die Bechsteins, Clara und Paula (Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker)- Erika Mann und Therese Giehse - Ruth Drexel - Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa- Lena Christ - Franziska zu Reventlow - Die Furtwänglers - Gräfin Sonja Bernadotte - Lou Andreas Salomé und Rilke - Maria Callas.
Worin liegt der Reiz, Biografien über fremde Menschen zu schreiben?

Sich einem Menschen anzunähern, dessen Werk ich schätze. Zu erforschen: Was ist das für ein Mensch? Wie ist die Verbindung zwischen Leben und Arbeit, wie vermittelt sich das? Gab es da Widerstände, wie ist dieses Werk entstanden?

Sich an fremde Personen ‘ranzumachen, ist immer ein Wagnis, da es manchmal von ihnen nur wenige Aufzeichnungen gibt. Sie haben ein Gefühl für die Figuren, doch gibt es moralische Grenzen, dass Sie von einer Person, deren Biografie Sie schreiben möchten, irgendwas nicht erwähnen wollen?

Ich bin keine Schlüssellochguckerin, ich will auch nichts entlarven. Für mich ist die Faustregel: Wenn ich etwas sehr Eigenes und Erhellendes finde, darf ich es dann schreiben, wenn es mit dem Werk zu tun hat. Ich schreibe es, um die Komplexität und die Vielfalt einer Persönlichkeit, im Leben und im Werk, darzustellen.

Braucht man viel Psychologie, um einfühlsame Biografien zu schreiben?

Dass ich Psychologie studiert habe, hilft mir sicherlich beim Schreiben. Es ist auch der Ausgangspunkt und zeigt, dass ich Interesse an Menschen habe und auf sie neugierig bin, aber nicht im Sinne von Sensationslust. Neugier und detektivischer Spürsinn machen die Arbeit spannend. Manchmal hatte ich ‘was geahnt, dass ich später in den Recherchen gefunden habe.

Frau Wendt, es ist gar nicht so lange her, 2017, dass Sie gemeinsam mit der ehemaligen Justizministerin Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über deren Rücktritt aus ihrem Ministeramt ein Buch geschrieben haben. Warum war es für Sie wichtig, an diesem Buch mitzuschreiben?
Ich fand die Lebensgeschichte einer so standhaften Politikerin, die um ihre Sache gekämpft und Konsequenzen gezogen hat, spannend. Mich hat dabei interessiert, die biografischen Passagen zu erarbeiten, denn manches lässt man weg, weil man selbst glaubt, das sei nicht wichtig. Zu diesem Buch gibt eine hübsche Geschichte. Frau Leutheusser-Schnarrenberger war als Studentin Mitglied der Mindener Stichlinge, einer Kabarettgruppe. Das wollte ich unbedingt in der Biografie erwähnen: ihren Hang zum Kabarett und auch die Gabe, über sich selbst lachen zu können. Sie selbst fand das gar nicht so wichtig. Die Buchpräsentation fand in Berlin statt, Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Buch vorgestellt. Sie äußerte sich sehr detailliert darüber und hob die Stelle mit den Mindener Stichlingen ganz besonders hervor.

Sie sind mit Frau Leutheusser-Schnarrenberger befreundet?

Mittlerweile ja. Wir kannten uns vorher nicht, und über die Arbeit ist eine Freundschaft entstanden.

Ich freue mich sehr, dass Sie sich auch die beliebte bayerische Schauspielerin Ruth Drexel ausgesucht haben. Die Biografie mit dem schönen Titel „Eine Frau mit Eigensinn“ erschien 2014, fünf Jahre nach dem Tod von Ruth Drexel. Ist es leichter über einen Menschen zu schreiben, wenn er nicht mehr da ist?

Dieses Buch sollte eigentlich zu ihren Lebzeiten geschrieben werden. Ich hatte mich mit Frau Drexel über ihre Sekretärin in Verbindung gesetzt. Sie war davon angetan, und ich sollte Infos usw. bekommen. Dann hörte ich lange nichts, bis die Nachricht von ihrem Tod kam. Man wusste zwar, dass sie krank war, aber nicht wie krank. Diese Nachricht hat nicht nur mich bestürzt.
Tja, dann war das Projekt erstmal erledigt. Aber es ging mir nicht aus dem Kopf. Es gibt Projekte, die bleiben, und dieses blieb in meinem Kopf. Ich dachte, ich könnte es ja mal ganz anders machen, ich könnte anfangen, die Menschen zu befragen, die Ruth Drexel gut kannten. Angefangen bei den Töchtern, der Familie habe ich viele Weggefährten gesprochen. Ruth Drexel war eine große Netzwerkerin. Es war eine ganz andere Vorgehensweise des Schreibens, und daraus ist dann diese Biografie entstanden.

Waren Sie die erste Biografin von Lena Christ, der bayerischen Schriftstellerin?

Nein. Vor mir hatte Asta Scheib eine Romanbiografie geschrieben. Die Biografie des bayerischen Schriftstellers Günter Goepfert war schon 1971 erschienen. Ich hatte ein großes Interesse an Lena Christ, und der Anlass für mein Buch war die Ausstellung „Lena Christ – die Glückssucherin“ in der Monacensia, die ich 2012 kuratiert habe. Ich bewundere die unheimliche Leistung von Lena Christ, vor allem, dass sie sich bei ihrem harten Schicksal nicht den Anspruch nehmen ließ, glücklich zu sein, was sie auch zeitweise war. Ich finde, dass sie als Schriftstellerin immer noch unterschätzt ist, dass sie eine ganz, ganz große Schriftstellerin ist, und es ist schade, dass man das Attribut Bayerisch benutzt, um sie kleiner zu machen.

Mit welchem Blick gehen Sie auf Personen zu, um sie in einer Biografie festzuhalten? Welchen Anlass gibt es für Sie, sich der Persönlichkeit zu nähern?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche Personen begegnen einem einfach so, und manchen begegnet man immer wieder, so wie Erika und Therese, die mir schon bei Liesl Karlstadt begegnet sind. Erika Mann und Therese Giehse waren mit Liesl Karlstadt befreundet. Manchmal schließt sich auch ein Kreis, wenn man über viele Menschen berichtet hat.

Und wie gehen Sie damit um, wenn Sie eine Haltung der Protagonisten missbilligen oder gar verurteilen?

Da kommt die Psychologie ins Spiel. Als Psychologin verurteilt man nicht, und man wertet auch nicht. Bei der Begegnung mit einem Menschen bin ich nicht in der Richterrolle, sondern in der Rolle der Gesprächspartnerin und der Betrachterin.
Man möchte oft Handlungen verstehen.

Versuchen Sie, diese in fiktiven Szenen nachzustellen, um sie zu begreifen?

Ich bemühe mich bei meinen Biografien gründlich zu recherchieren, und natürlich gibt es immer wieder Stellen oder Teile des Lebens, die stärker dokumentiert sind. Wenn das nicht der Fall ist, muss man auf andere Quellen zurückgreifen. Manchmal sind gerade die Phasen, über die man wenig weiß, entscheidend und wichtig. Alles was ich szenisch schreibe, habe ich mir nicht ausgedacht, sondern bei beteiligten Personen gelesen. Die Art und Weise, wie ich es erzähle, ist allerdings meine Schöpfung.

Gab es schon mal Zweifel, ob Sie sich die richtige Person für ein Buch/Biografie ausgesucht haben?
Nein, das würde ich merken, bevor ich richtig begonnen habe. Wenn, dann passiert das vorher, wenn ich denke: oh, das könnte spannend sein. Welches Geheimnis umgibt die Person, könnte es mich interessieren? Manchmal stelle ich dann fest, dass darüber schon so viel geschrieben wurde, dass ich dem überhaupt nichts mehr hinzuzufügen habe. Manchmal erkenne ich, dass ich für das Thema nicht die Richtige bin.

Frau Wendt, fühlt man sich beim Schreiben einer Biografie der Hauptperson sehr nah?
Manchmal ja, manchmal weniger. Eine Nähe sollte schon da sein, manchmal gibt es auch Anknüpfungspunkte. Ich fühle mich auch manchmal der Zeit sehr nah, als ob ich in dieser Zeit leben würde.

Zurzeit wird sehr viel über Künstliche Intelligenz und digitales Zeitalter gesprochen. Sie waren der Zeit schon voraus und haben mit Joseph Weizenbaum im Jahr 2006 das Buch: „Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom? Auswege aus der programmierten Gesellschaft“ herausgebracht. Weizenbaum hatte schon seit langem die Computergläubigkeit kritisiert. Hat Ihr Buch die Kritik vertieft?

Ich denke schon, Weizenbaum ist häufig auf Kongressen und Tagungen aufgetreten, in denen die Künstliche Intelligenz gefeiert wurde. Wenn er mit kritischen Argumenten kam, die auch in unserem Buch für jeden lesbar formuliert sind, dann hatte das ein Gewicht. Kaum war das Buch erschienen, ist es ins Koreanische übersetzt worden, und neun Jahre nach Erscheinen, sieben Jahre nach seinem Tod, wurde es ins Englische/Amerikanische übersetzt. Das ist recht ungewöhnlich, denn die Amerikaner übersetzen nicht so viel aus dem Deutschen in ihre Sprache. Aber es hat gezeigt, dass diese Stimme, Weizenbaums Kritik, gebraucht wird.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, sich Josef Weizenbaum zu widmen?
Das Thema hatte mich immer schon interessiert und ich hatte Weizenbaum im Fernsehen darüber sprechen hören. Damals, Ende der 1980er Jahre, war ich Redakteurin der Jazzwelle plus und habe über sein Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ Buch eine Sendung gemacht. Ich hatte eine Stunde Sendezeit dafür, lud einen Mathematiker ein, habe Passagen aus dem Buch vorgelesen usw. Weil es für diese Sendung kein Script gab, schickte ich die Sendung als Kassette an den Suhrkamp Verlag. Der Verlag meinte, dass ich die Kassette auch an Prof. Weizenbaum, MIT, Cambridge, Massachusetts, USA senden sollte. Nach ein paar Monaten rief mich Joseph Weizenbaum an, er sei dann und dann in München zu einem Vortrag im Deutschen Museum, ob ich Lust hätte, dahin zu kommen. Of Course! Danach traf ich ihn immer wieder und so entstanden die Bücher.

Bei jeder Biografie taucht man in ein Leben ein, manchmal eignet man sich aus der Geschichte ‘was Eigenes an. Zum Beispiel, dass man eine Körperhaltung annimmt, oder ein Parfüm benutzt, oder lernt einen Sport? Passiert Ihnen das auch?
(Frau Wendt lacht herzlich) Das mit dem Parfüm ist mir tatsächlich passiert. Eine Geschichte: der Regisseur Visconti hatte für Maria Callas, die sehr kurzsichtig war, auf der Bühne an dramaturgisch relevanten Stellen Taschentücher mit seinem Lieblingsparfüm Hammam Bouquet markiert. Manches macht man sicher unbewusst, aber dieses Parfüm habe mir dann auch gekauft.

Frau Wendt, sind die Schreib-Erlebnisse mit den Protagonistinnen für Sie wiederholbar?
Ich weiß es nicht. Das ist sicher von Fall zu Fall verschieden. Ich habe jetzt die Erfahrung gemacht, dass ich mein Liesl Karlstadt-Buch, das lange vergriffen war und im Oktober 2019 neu in einem anderen Verlag erscheint – bis auf einige Ergänzungen – heute grundsätzlich nicht anders machen würde.

Was erwarten Sie von Biografien für sich selbst?

Ich habe eigentlich keine direkten Erwartungen, es ist eher so, dass ich manchmal etwas lerne und auch im Nachhinein bei mir etwas besser verstehe. Wie einem Gespräche mit Menschen helfen, so kann einem auch die Auseinandersetzung mit einer Figur helfen, sich selber oder das Leben anders zu sehen.

Ist von Ihren zahlreichen Biografien die eine oder andere verfilmt worden?
Nein, leider keine.

Noch eine Frage – wo sind die „Schlangen auf dem Marienplatz“?

Ja, das ist schon lange her: Dieses Kinderbuch zu schreiben, hat mir großen Spaß gemacht. Ausgangspunkt war eine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die ich abgelehnt habe. Mehr noch, ich fand es völlig absurd, dass so viele Menschen der Aufforderung Folge leisteten und sich vor dem Rathaus auf dem Marienplatz lange Schlangen bildeten.

Frau Wendt, Sie sind so vielseitig unterwegs, Sie dozieren, führen auch Regie und Ihre Biografien tragen dazu bei, dass diese besonderen Persönlichkeiten nicht vergessen werden. Man sollte auch Ihre Lesungen mit der japanischen Pianistin Masako Ohta nicht verpassen. Das muss ein besonders Erlebnis sein.
Vielen Dank für das Gespräch.


©Steffi.M.Black 2019 (Text)
©Oliver Hanser (Bild)

Nächste Lesungen in München aus dem Liesl Karlstadt-Buch:
7. November 2019
20:00
La Cantina
Elisabethstr. 53
80796 München

12. Dezember 2019
20:00
Bücher Lentner
Marienplatz 8
80331 München

Und ein Special:


22. November 2019
20:00
Warum und wie schreibt man Biographien?
Das Biographische Duett Teil 2
Gunna Wendt und Thilo Wydra liefern in Lesung und Gespräch Einblicke in ihre Schreibwerkstatt.
Bücher Lentner
Marienplatz 8
80331 München