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Gespräche



 02.01.2019 - Das Gespräch mit Pfarrer Schießler 



Pfarrer R.M.Schießler

Pfarrer Rainer Maria Schießler trat vor 30 Jahre seine erste Pfarrstelle in Altenau an. Heute ist er Pfarrer im Münchner Stadtteil Au und in der Altstadt am Viktualienmarkt. Seine Gottesdienste sind vielseitig, von der Viecherlmesse über den Motorrad-Gottesdienst bis zur Indoor Weihnachtskrippe. Pfarrer Schießler sagt, das sei kein Widerspruch. Nun ist sein zweites Buch „Jessas, Maria und Josef, Gott zwingt nicht, er begeistert“ im Kösel Verlag erschienen.


Herr Pfarrer Schießler, Ihr neuestes Buch „Jessas, Maria und Josef“ ist eine schöne Botschaft zum Jahresanfang für das Zusammenleben. Sie hinterfragen die Motivationen, die die Menschen, trotz Glauben, von der Kirche fernhalten. Ihre Sehnsucht nach gut besuchten Gottesdiensten und dass die Frage nicht offenbleibt, warum die Kirchen (katholisch und evangelisch) getrennt sind, wird Sie sicher heuer auch begleiten. Sie sind nach Jahrzehnten langer Kirchenarbeit immer noch nicht müde geworden, Menschen die Kirchentür offen zu halten, oder jetzt doch ein bisschen?
Nein, ich wüsste nicht warum. Die Aufgabe ist viel spezifischer, allein die Frage, was ist Kirche? Wenn jemand am Sonntag nicht in die Kirche geht, dann geht er sicher nicht deshalb in die Kirche, weil ihm die Architektur nicht gefällt, sondern weil da vorne einer steht, der seinen Job nicht richtig macht. So wie Sie den Metzger wechseln, wenn er Ihnen Gammelfleisch verkauft. Und wir bieten leider zu oft dialogisches Gammelfleisch an. So tritt man dann aus der Kirche aus. Ich frage mich aber immer wieder, wie man die Kirche verlassen kann. Eine Taufe kann man doch nicht rückgängig machen. Mein Drang ist es, den Leuten klar zu machen, dass die Kirche keine Erfindung von Rom ist und kein katholisches Idiom, sondern Kirche ist das, was Menschen daraus machen.

Diese Frage ist sicher nicht neu für Sie, wiederholt sie sich auch hier, ein Pfarrer der schreibt? Hat Ihr Vorname einen Einfluss auf Sie, sind Ihre Eltern Rilke-Fans? Ihre klaren Texte sind nicht nur inhaltlich lesenswert, mit leichter Feder sind sie mitfühlend geschrieben. In Ihnen steckt ein Schriftsteller. Wäre das Schreiben eine Alterative zu Ihrem jetzigen Beruf?
Niemals. Ich tu‘ mich schon schwer, über Predigten zu schreiben. Wenn ich einen guten Gedanken habe, werde ich innerlich so aufgewühlt, dass ich nicht einmal den zu Papier bringen kann. Ich bin nicht zum Schriftsteller geboren, Deutsch war für mich das schlimmste Fach, das mir die Schule anbieten konnte. Wenn meine Eltern das heute erleben würden, dass ich Bücher schreibe, würden Sie nur mit dem Kopf schütteln.

In Ihren Büchern sind Sie schonungslos zur Kirche, zum Glauben. Im Klartext bringen Sie den Wunsch nach Veränderungen in der Kirche aufs Papier. Sie haben eine Botschaft “Auftreten statt Austreten“. Und Sie gehen voran. Können Sie einen Zugang von Kircheneintritten vermerken?
Ja, die haben wir jede Woche. Ich glaube, wir sind die einzigen, die bundesweit zweistellige Eintritte haben. Das hat auch sicher damit zu tun, dass man bei uns anonym und online eintreten kann. Das ist ganz wichtig. Ich dachte, da es so leicht ist, anonym auszutreten, aber beim Eintritt den Weg nach Canossa antreten zu müssen, um dann beim Pfarrer anzutanzen, sollte den Menschen genauso der Schutzraum der Anonymität gegeben werden, wenn sie in die Kirche eintreten wollen. Das ist sehr schön, aber viele wollen auch das Gespräch. Was zur Kritik wichtig ist: ich habe nicht die Eintritte, weil ich die Kirche kritisiere, sondern weil die Leute genau spüren, dass ich in der Kirche kritisiere. Das ist ein großer Unterschied.

Können Sie feststellen, welche Altersgruppen in die Kirche eintreten?

Das Gros ist die die Schicht, die wir massiv verlieren, so zwischen 25 und 45 Jahre alt. Hier und da kommen wieder ein paar Senioren dazu, das sind die wenigsten.

Herr Pfarrer Schießler, hat der Vatikan auch Ihre Bücher bestellt?

Bei mir nicht, und wenn, dann hat er es sicher über den Verlag gemacht. Bin mir sicher, dass Papst Franziskus davon weiß, aber ich habe nicht das Buch für ihn geschrieben.

Auf Seite 65, letzter Absatz im Buch „Jessas, Maria und Josef“, im Kösel Verlag, gehen Sie durch Ihr Stadtviertel und sehen dort die verschiedensten Andersgläubige und meinen, dass Sie als Priester nicht in den „Busch“ müssen, um zu missionieren. Sie sehen, wie die Anziehung der Kirche rapide schwindet, und dass die Menschen kaum noch Berührung mit christlichem Glauben haben weder durch Familie noch im Lebensumfeld. Was Sie traurig stimmt, ist, dass das Wissen um die Geheimnisse des Glaubens, seine Symbole und Geschichten auch schwindet. Was tröstet Sie, um nicht zu verzweifeln?
Nein, verzweifeln tue ich nie. Ich sehe keine Dramatik dahinter. Missionieren heißt bei mir, dass die Leute aus den verschiedenen Religionen lernen, dass sie die Aufgabe haben, miteinander leben zu können. Das ist der Anfang von Frieden, dass Religionen sich gegenseitig akzeptieren, respektieren und miteinander auskommen.

Durch die Veröffentlichung Ihrer Bücher, denn 2016 kam Ihr erstes Buch „Himmel, Herrgott, Sakrament“, auch im Kösel Verlag, heraus, wurden Sie, wie es für Autoren üblich ist, zu Lesungen eingeladen. Das ist/war eine andere Berührung mit Menschen, denn Sie waren nicht auf der Kanzel, sondern in Buchhandlungen mitten unter Ihnen. Wie fühlt sich das an?
Wie in der Kirche. Ich mache da nichts anderes. Wenn ich am Sonntag in der Kirche stehe und predige, rede ich genauso mit den Leuten, wie wenn ich abends in Fürstenfeldbruck vor 800 Leuten eine Lesung habe. Ich rede ganz normal. Das Unterscheidende ist wirklich nur der Ort und die Art der Veranstaltung. Ich hatte schon alle möglichen Veranstaltungen, vom Wirtshaus über die Maschinehalle, Messehallen, aber am liebsten sind mir tatsächlich die Buchhandlungen, da bin ich sehr motiviert. Auf Bühnen ist es eine andere Herausforderung.

Sie erwähnen einen Springteufel. Ist der Springteufel eine besondere Art von Teufel? Gibt es in der Kirche verschiedene Arten von Teufeln, und kommen die Teufel alle in der Bibel vor, oder greift die Kirche auf kabbalistische und talmudische Traditionen zurück?
Mei, es gibt keine Teufel. Wenn ich hier an die Decke gehe, dann weil jemand anruft und eine exorzistische Anfrage hat. Ich finde das unmöglich. Wir brauchen keine Exorzisten, sondern vernünftige Menschen.

Lassen wir die Frage im Gespräch drin?

Warum nicht. Wir können über den Teufel reden, das Böse ist Wirklichkeit, aber nicht als unabhängige dritte Kraft neben mir, sondern das Böse als Konsequenz der Freiheit. Die Natur hat die Freiheit, Natur zu sein. Dabei kann herauskommen, dass ein Kind mit zwei Jahren Krebs hat. Das empfinde ich als Böse. Leid ist die Konsequenz der Freiheit. Ich habe die Freiheit zu handeln, dabei könnte herauskommen, dass ich böse bin. Dass ich im Gespräch oder im Straßenverkehr unbeherrscht bin. Oder ich fühle mich, als ob ich durch eine Mangel gedreht werde, da geschieht etwas mit mir. Das ist nicht irgendeine Kraft, die mich beherrscht. Ich als Christ glaube daran, dass ich nicht allein bin, egal was geschieht.

Auf einer Lesefahrt durch die Holledau sahen Sie die vielen Zwiebelturm-Kirchen, die mit ihrem Geläut in unserer Kultur aus zwei Jahrtausenden nun akustische Funktürme sind, sagen Sie, und an vielleicht noch funktionierende Gemeinden erinnern. Das schreiben Sie in Ihrem Buch, das gefällt mir sehr gut. Und was dann auf Seite 133/134 (Jessas, Maria u, Josef) folgt, ist der lauten Diskussion wert - Kirche, die blockiert, Kirche, die ausgrenzt.

In Ihrem Buche „Jessas, Maria und Josef“ gehen Sie der Frage nach, wo die Zukunft der Kirche liegt. Früher waren Pfarrer Respektspersonen. Die Einstellung der jüngeren Generation haben sich gegenüber der Kirche verändert. Aber die Hoffnung, dass sich die Jugend neu zum christlichen Glauben wendet, geben Sie nicht auf?
Ich wüsste gar nicht warum. Es ist mittlerweile eine ganz andere Jugend, die praktiziert ganz anders den Glauben. Bei uns war er sehr moralisch besetzt, aus Geboten und Verboten angeordnet. Heute ist das nicht mehr so, heute lebt die Jugend viel freier. Das ist die große Chance, freiwillig den Weg zur Kirche, zu Gottesdiensten und Festlichkeiten zu finden.

Glaubenskrisen helfen dem Glauben. Wenn es weniger Hierarchie im kirchlichen Überbau/Verwaltung gäbe, ginge es manchem Gläubigen besser. Fließt doch viel Kirchengeld in Ämter, von dem in kleinen Gemeinden nichts spüren ist. Wird Ihre Kirche nicht gut versorgt? Warum gehen Sie in Ihrer Urlaubszeit auf das Oktoberfest und arbeiten dort?
Das war eines der Sozial-Projekte, die ich 10 Jahre lang gemacht habe, auch das an der Elfenbeinküste und die Orienthelfer von Christian Springer. Aber zu Ihrer Frage: wir leben in einem Lande in dem die Kirche am reichsten dasteht. Es gibt kein Land auf der Erde, wo die Kirche so reich ist. Wir leben durch die Steuersysteme sehr gut.

Herr Pfarrer Schießler, Sie kritteln nebenbei über das „Fernsehgucken“. Warum machen Sie nicht den Menschen Mut, ein Buch zu lesen?
Mei, ja, da ich ja schon selbst scheibe, aber es gehört beides zur Entspannung. Ein Buch zu lesen ist immer was Besonderes, und dazu muss ich freie Zeit haben. Das Fernsehgucken ist eine andere Entspannung, ich möchte aber auch up to date sein, um mit den jungen Leuten mitsprechen zu können.

Haben Sie Angst vor dicken Büchern - sie zu lesen?
Nein, ich habe nur die Angst, dass ich nicht die Zeit dazu habe. Mein letztes dickes Buch, das ich gelesen habe, war von Hans Frank „Meine deutsche Mutter“ und das Buch „Entscheidungen“ von Hillary Clinton.

„Die Menschen treiben ab wie auf Eisschollen in einer immer kälter werdenden Welt, und die Kirche holt sie nicht zurück“. Das sind verzweifelnde Worte von Ihnen, und das ist ein emotionaler Klimawandel in die falsche Richtung. Welches sind die neuen Gemeinschafts-Erlebnisse in oder mit der Kirche?
Damit bekrittele ich, dass wir der Meinung sind, wir können es uns leisten, die Leute zu gängeln und wegzuschicken. Das geht nimmer, es sind schon zu viele gegangen. Die Aufgabe, die die Kirche hat, ist nicht wegschicken, sondern annehmen - komm rein, ganz gleich wer du bist. Die Natürlichkeit in der Kirche, die den Menschen begegnen kann, die möchte ich haben und die fordere ich auch ein.

In Ihrem neuesten Buch machen Sie Ihrem Herzen Luft und verteidigen geschiedene Eheleute und gleichgeschlechtliche Paare, die Sie nicht aus der Kirche verstoßen wollen, sondern die Ihnen auch sehr am Herzen liegen. Allzu oft wird ihnen die Fähigkeit zum Eltern-Sein und zur Kindererziehung abgesprochen, welches Sie, Herr Pfarrer Schießler, ganz anders erleben. Sie sagen in dem Buch, dass Ihre Kirche nicht die eines Priesters ist, der nach dem Entscheid für die Homoehe aufspringt und zum Widerstand aufruft, und meinen sich damit. Haben Sie für Ihre Haltung Unterstützung?
Ja sehr, es sind Themen, über die ich/wir uns austauschen. Hier im Pfarrhaus versammeln sich die verschiedensten Gruppen, ob es über Homosexualität geht, oder geschiedene Eheleute diskutieren wollen. Das Grundwesen der Kirche sollte sein, nicht zu verurteilen, sondern anzunehmen. Hier schicken wir niemanden weg.

In dem Buch bringen Sie aufschlussreiche Statistiken und Analysen über Eheschließungen und Scheidungen, doch zitieren Sie diese Zahlen aus dem Bundesland Hessen. Warum haben Sie nicht Bayern genommen.

Bei meiner Recherche habe ich nicht viel über Bayern gefunden. Am Flughafen hatte ich einen jungen Mann getroffen, der hatte ein T-Shirt an mit dem Spruch: Denken ist wie Googlen, nur krasser. Also habe ich gegoogelt, und das waren die sichtbarsten Zahlen, die ich gefunden habe. Es muss ja nicht immer Bayern sein, die Kirche ist ja mehr, nur weil hier der Ministerpräsident Söder Kreuze aufhängt.

Beim Lesen Ihrer Bücher entsteht der Eindruck, dass Sie alleine sind, was ich nicht glaube. Mit wem tauschen Sie sich aus. Mit der Familie? Mit dem Kirchenteam?
Gottseidank habe ich viele Leute um mich herum, die mir auch sehr nahestehen. Die nehmen sich die Freiheit heraus, mir nahe zu treten. So kann ich Standeshürden überwinden, und das ist mir eine große Hilfe. Das ist für uns wichtig, wenn wir über das Leben der Priester reden, dass wir auch diese Nähe brauchen, und damit ein Korrektiv haben. Das Schwierige ist ja, dass wir isoliert sind, dass wir ein Alleinstellungsmerkmal haben, aber nicht mehr erkennen, wo wir uns in die falsche Richtung bewegen. Darum brauchen wir Menschen, die die Freiheit haben zu dir zu kommen und sagen: das ist jetzt Mist, was du da machst.

Ein Kapitel in „Jessas, Maria und Josef“, widmen Sie einer Frau, die zwischen Sehnsucht und Gewissen zwar den Weg zur Beichte findet, aber dabei enttäuscht wird. Sie lebt dann, wie Sie schreiben,"gestohlene Traumtage voller Dankbarkeit". Sie versuchen mit dieser Geschichte das Gebot der Treue zu thematisieren. Warum geht Ihnen diese Geschichte so nah?
Das war ein Brief und das war ein unglaubliches Zeugnis. Sicher habe ich das erwähnt, damit man merkt, dass, wenn wir mit Menschen in Berührung kommen, es vertrackte Fälle und Situationen sind, mit den wir uns beschäftigen, und wo wir auch nicht sofort ein Heilmittel zur Hand haben.

Würden Sie Bachs Kantate Nr. 12 „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ als Trost empfehlen?
Auf jeden Fall. Ich höre Musik beim Autofahren, und wenn Bach kommt, drehe ich auf. Ich finde Verkündigungen mit Musik Klasse. Ich drehe auch bei Vivaldi auf, bei Mozart, aber Bach-Kantaten sind wunderbar, wie da mit Musik Freude ausgedrückt wird.

Die Kirche ist mächtig, und würde in der Hierarchie der Kirchenbürokratie das ganze Equipment rapide abgebaut werden, würde sich so mancher Gläubiger ernster genommen fühlen. Die vielen Kirchenaustritte tragen dazu bei, dass ein Neudenken stattfindet, und dass auch der Zölibat in Frage gestellt wird. Man sollte wissen, dass der Zölibat im 12. Jahrhundert nur entstanden ist aus der Angst, dass Kirchengüter an Kinder und Familie vererbt werden und nicht der Kirche erhalten bleiben.
Herr Pfarrer Schießler, Ihnen ist auf jeden Fall zu danken, dass für manchen zweifelnden gläubigen Menschen der Weg zur Kirche zurechtgerückt wird. Durch Sie persönlich und durch Ihre Bücher. Vielen Dank für das Gespräch.


©Steffi.M.Black 2019 (Text)
©Buchcover KöselVerlag(Bild)