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Gespräche



 02.12.2018 - Das Gespräch mit der Autorin Monika Bittl 



Monika Bittl

Monika Bittl ist Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Journalistin. Sie schreibt Romane mit historischen Figuren, Sachbücher, und mit ihren augenzwinkernden Humor-Büchern ist sie zur Spiegel-Bestsellerautorin geworden. Ihr neuestes Buch „Man muss auch mal loslassen können“ ist im September 2018 im Knaur Verlag erschienen.


Frau Bittl, Sie schreiben Bücher, Sie wechseln zwischen historischen und neuzeitlichen Romanen. Hält sich das die Waage, oder welchem Genre sind sie mehr zugetan?

Angefangen habe ich mit historischen Büchern, und mehr als Zufall hat es sich später ergeben, dass ich humorvoll angefangen hab‘ zu schreiben. Und je älter ich werde, desto mehr neige ich zu humorvollen Büchern. Es ist eine Frage der Weltsicht, je jünger man ist, umso tragischer ist immer alles, und je älter ich werde, desto mehr kriege ich Abstand, auch zu meinen eigenen Problemen. Ich seh es immer mehr von der komischen Seite, was einen so beschäftigt. Deshalb bevorzuge ich jetzt immer mehr humorvolle Bücher, sowohl als Sachbuch wie auch als Roman.

In Ihren Romanen mit historischen Figuren, wie u.a. in „Die Expedition“, im Droemer Verlag, oder „Bergwehen“, Knaur Verlag, die in Bayern des 19. Jahrhunderts. spielen, sind die Hauptfiguren Frauen, die sich schon damals, also so vor gut hundert Jahren, emanzipierten und sich gegen eingefleischte Traditionen stellten. In dem Buch „Die Expedition“ sind es gleich mehrere Frauen. Kommen die Romanvorlagen aus dem echten Leben von damals?

Teils, teils, „Die Expedition“ zu Beispiel: damals, um 1900 rum, war es eine Welle, dass ganz viele Männer zu Expeditionen aufgebrochen sind. Zum Polarkreis, in fremde Länder und Kontinente. Expeditionen waren in aller Munde. Münchner Männer haben Expeditionen über die Hoch-Alpen gemacht. Ich wollte wissen, ob Frauen nicht damals auch unterwegs waren. Und tatsächlich: Es waren auch Frauen unterwegs.
Das Buch „Bergwehen“ ist ein medizinhistorischer Roman, und da war das Vorbild eine Hebamme, die gegen die Ärzte gekämpft hat. Die Ärzte haben damals die Hebammen aus dem Berufstand gedrängt. Das heißt, in allen Büchern von mir gibt es viele tatsächliche historische Begebenheiten, aber die Figuren und Charaktere dazu sind von mir erfunden.

Das neueste Buch von Ihnen „Man muss auch mal loslassen können“ im Knaur Verlag erschienen, ist ein Roman über drei Frauen, in deren Leben einiges schiefläuft. Beim Lesen des Titels denkt man an Beziehungskrisen oder Kinder. Doch dann sieht man auf dem Buchcover, dass drei Frauen am Brückengeländer über dem Abgrund hängen, und man fragt sich, was machen die denn da? Mit schwarzem Humor bringen Sie herrlich Freundschaft und Gemeinschaft zusammen. Was ist Ihnen wichtig daran?
Wichtig daran ist mir die Botschaft – falls es eine geben sollte, dass es für jedes Problem auch Lösungen gibt. Ganz wichtig für Leben und Überleben ist, dass man sich öffnet, mit anderen im Kontakt ist, sich nicht isoliert und auch einen Dialog versucht.

Wie sind Sie zum Schriftstellern – zum Schreiben gekommen?
Och, das war ein langer Weg, es sieht so gradlinig aus, vieles hat sich aber einfach ergeben. Meine ersten Zeilen habe ich als Schülerin für eine Tageszeitung geschrieben, denn das wurde besser bezahlt als Eisverkaufen. Nach dem Abitur habe ich ein Zeitungsvolontariat beim Donau-Kurier gemacht, dann studierte ich Germanistik und danach bekam ich ein Stipendium der Filmhochschule München. Da schrieb ich mein erstes Drehbuch. Ich hatte eine phantastische Ausbildung. Durch meinen Mentor Franz Geiger lernte ich das Handwerkszeug zum Schreiben.

Würden Sie in ein Altersheim oder, freundlicher ausgedrückt, in ein Seniorenstift ziehen?

Niemals.

Ein anderes Buch von Ihnen heißt: „Ohne meinen Mann wäre ich glücklich verheiratet“, erschienen im Knaur Verlag. Der Titel ist vielversprechend, zu einem tröstlich, aber ebenso provokativ. Wie sind die Reaktionen der Männer darauf?
Die Männer zucken zuerst zusammen, dann sagen aber viele, das lese ich jetzt. Dann weiß ich, wie die Frauen ticken. Es waren doch erstaunliche viele Männer, die mich darauf angesprochen haben.

Waren manche erzürnt oder erbost?
Nein, Männer, die darin lesen, merken dann, dass ich mich hier nicht nur über Männer ablästere, sondern genau so viel über die Frauen. Ich schaue beide Geschlechter mit der Lupe an, und zugleich gehe ich ein Schritt zurück und betrachte unser Verhalten in den Geschlechterrollen von außen.

Sie gehen in diesem Buch direkt und ungeniert auf männliches Verhalten zu, manche Männer werden sich ertappt fühlen. Wie viel Privates von Ihnen selbst ist im Buch „Ohne meinen Mann wäre ich glücklich verheiratet“ dabei oder drin?
Privates ist nur insofern drin, wie es ganz typisch für alle Beziehungen ist. Vor dem Schreiben habe ich mich ganz viel umgehört und mit Frauen und Paaren gesprochen, und das herausgefieselt, was überall gleich ist. Meine Familie privat zu „verbraten“ wäre stinklangweilig, was mein Mann für Socken trägt, interessiert die Allgemeinheit nicht, aber dass mein Mann die Socken neben den Wäschekorb wirft, wie so viele andere Männer auch, und nicht richtig treffen kann, das kennt vielleicht jede Frau.

Mühelos finden Ihre unterhaltsamen Texte den Übergang zu gesellschaftlichen Hintergründen. Wo machen Sie die Beobachtungen für Ihre Bücher?

Die Beobachtungen ergeben sich aus dem Alltagsleben. Ich treffe ja Freunde, ich lese, ich bin in Familienzusammenhängen. Ich sitze in der U-Bahn und höre zu, wie Menschen sprechen, sehe wie sie sich bewegen. Schaue Nachrichten, lese Zeitungen, diskutiere mit Freunden, naja, und daraus ziehe ich dann meine Schlüsse.

In Ihrem Buch „Ich hatte mich jünger in Erinnerung“ im Knaur Verlag, schreiben Sie über das Älterwerden selbstironisch und mit viel Humor. Und bei den 10 besten Sexstellungen können wir dem Älterwerden gelassen ins Auge schauen. Schmunzeln Sie heute noch darüber?
Dieses Kapitel hat die Kollegin Silke Neumayer geschrieben, und ich finde es ziemlich gut. Aber sie sind nur ein kleiner Gag in einem größeren Zusammenhang.

Frau Bittl,
diese unterhaltsamen Bücher, in denen Sie Frauen in den Vordergrund stellen, sind die eine Schiene. Diese Bücher bringen humorvoll berührende Alltagsgeschichten zu Tage. Ihre historischen Romane finde ich eine Wucht. Der Roman „Irrwetter“ (Droemer Verlag) ist eine unglaubliche Geschichte. Eine Frau glaubt sich als Außenseiterin dem dörflichen Aberglauben ausgesetzt, der ihr Unglück prophezeit. Eines Tages bekommt sie die Nachricht, dass ihr Sohn beim Oktoberfest-Attentat 1980 umgekommen ist. Für sie ist es Mord. Ich habe dieses Buch erst jetzt entdeckt. Vor zwei, drei Jahren ist erneut viel über das Oktoberfest-Attentat berichtet worden. Ihr Buch erschien 2006 und war der Zeit voraus. Wie kam es dazu, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Das Oktoberfest-Attentat beschäftigte mich, einmal weil es der größte Anschlag war, den es in Deutschland gegeben hat, und dann war bei der Aufklärung zu vieles offen geblieben. Ich wohne ganz nah bei der Theresienwiese, das Geschehen war für mich einfach präsent. Da lag es im wahrsten Sinne nahe, darüber zu schreiben. Mit meiner Hauptfigur wollte ich in dem Roman auch das bayerische Dorfleben schildern, nicht in Klischees, in denen alles rückständig oder hinterweltlich ist. Sondern ein Dorf mit all seinen Eigenheiten und seinen eigenen Charakteren.

Sie schreiben auch Drehbücher und lehren kreatives Schreiben an der Filmhochschule München. Stimmt es, dass Sie auch Drehbücher für die Serie Pumuckl geschrieben haben?
Richtig, fünf Folgen. Ich habe Serien geschrieben, auch für die Lindenstrasse. Drehbuch schreiben macht mir sehr viel Spaß, aber die Rahmenbedingungen sind wesentlich härter als beim Bücher schreiben.

Im Jahr 2014 wurden Sie als erste Frau zum „Autor der Freiheit“ der Friedrich Naumann Stiftung gewählt. Erhält man dafür einen Preis?

Ja, ich habe einen wunderschönen Füller bekommen, mit einer Gravur: Autorin der Freiheit. Ich war sehr stolz, denn es war zum ersten Mal nicht Autor der Freihat, sondern Autorin der Freiheit.

Wie finden Sie die Stadtbibliotheken, die sich immer mehr zu einem Begegnungsort entwickeln und teilweise den Charakter einer Lehrbibliothek annehmen?

Das ist doch wunderbar. Da wo Bücher stehen, da geht mein Herz über.

Fürchten Sie um das gedruckte Buch, wenn sich die digitale Lesewelt durchsetzt?
Nein, ich fürchte gar nicht um das gedruckte Buch. Ich glaube, das bleibt erhalten. Die Debatte gleicht derjenigen, als die Fotografie aufkam und um die Malerei gefürchtet wurde. Es wird sicher weniger werden, das glaub ich schon, aber es wird immer noch genügend Menschen geben, die haptisch ein Buch in der Hand halten wollen.

Interessant fand ich in Ihrem Buch „Ich will so bleiben, wie ich war“, im Knaur Verlag, zu lesen, dass es ein Mythos ist, dass die Patchwork Familie eine Erfindung des modernen Lebens ist.
Ihre Bücher stehen auf der Spiegel-Bestseller-Liste, herzlichen Glückwusch, und manche Titel sind sogar in die holländische, russische, chinesische und Sprache übersetzt worden. Das muss ein Glückgefühl für Sie sein?

Ja, das hat mich sehr gefreut. Sehr lustig finde ich die chinesische Ausgabe. Auf dem Titelblatt steht eine ganz attraktive Frau mit Sonnenbrille und der Titel heißt: „I’m so hot.“ Völlig andere Ästhetik und Kultur, als wir sie haben. Und das Cover der russischen Ausgabe ist auch komplett anders für unsere Sehgewohnheiten.

Frau Bittl,
der Blick aufs Leben, von Ihnen aufs Papier gebracht, ist sehr vergnüglich und wie in der Verlagsmitteilung zu lesen ist …ist Ihr Buch tröstlich wie ein Abend mit der Freundin. Schenken Sie uns bitte weitere unterhaltsame Abende. Vielen Dank für das Gespräch.

©Steffi.M.Black 2018(Text)
©Thomas Dashuber(Bild)