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Gespräche



 22.05.2018 - Das Gespräch mit dem Schriftsteller Thomas Montasser 



Thomas Montasser

Thomas Montasser arbeitete als Journalist und Universitätsdozent und war Leiter einer kleinen Theatertruppe. Mit seiner Frau führt er eine renommierte Literaturagentur. Von ihm stammen u.a. die Romane „Ein ganz besonderes Jahr“ und „Monsieur Jean und sein Gespür für Glück“(verlegt im Thiele Verlag), sowie die Kinderbücher „Die Elternfernbedienung“ und „Monsterhotel“. Er ist Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Familie in München. Er liebt Swing, alte Bücher und Frühstück im Freien. Es gibt für ihn nichts Erholsameres, als ein gutes Buch zu lesen (außer natürlich: eines zu schreiben). Unter dem Pseudonym Tim Erzberg veröffentlicht er außerdem Krimis, in denen es nicht einfach nur um Gut und Böse geht.

Herr Montasser, man spürt, wie sehr Sie die Literatur lieben, und wir könnten stundenlang über Bücher reden, nicht nur über Ihre. In Ihren Romanen spielt Literatur eine große Rolle, und in Ihrem Buch „Ein ganz besonders Jahr“ ist eine Buchhandlung der zentrale Ort des Romans. Das finde ich phantastisch. Was macht das Schreiben mit Ihnen, wenn Sie zu Hause sitzen und einen Roman, der in einer Buchhandlung spielt, schreiben?

Da bin ich eigentlich doppelt zu Hause. Ein Buch zu schreiben, das in einer Buchhandlung spielt, das ist wie sich ganz gemütlich in dem Thema einzugraben, das mir am allernächsten am Herzen liegt. Das ist wie Urlaub für mich.

Der ersten Seite Ihres Buches „Ein ganz besonderes Jahr“ geht ein Spruch voran: „Ein Buch ist weit mehr als die Summe seiner Buchstaben“. Herr Montasser, Sie haben Worte gefunden, die gleich mehr sind als nur ein Buch, geht es doch um eine Buchhandlung. Im Klappentext steht: eine kleine Buchhandlung, und eine riesige Aufgabe. Ich habe mich in dieser Geschichte sehr wohlgefühlt. Gibt es für Sie so eine Buchhandlung, oder sind das nur Schriftstellerträume?

Es gibt ganz viele solcher Buchhandlungen, man muss sie finden. Wenn man nur in Großbuchhandlungen geht, dann verzichtet man auf ganz wichtige Erlebnisse, auch auf Entdeckungen. Kleine Buchhandlungen können nicht alles führen, was es gibt, und auch nicht alles parat haben, was gerade im Gespräch ist. Aber was sie haben, ist ein kuratiertes Programm. Wie Programm-Kinos sind Buchhandlungen Orte, an denen sich ein Mensch Gedanken für mich gemacht hat. Ich kann nicht jedem dieser Gedanken folgen, ich muss auch nicht jeden gut finden, aber ich kann das schätzen, dass jemand überlegt - so wie mir jemand was zum Geburtstag schenkt -, was vielleicht für mich interessant ist. Das ist eine ganz besondere Aufgabe, eine ganz besondere Seelenpflege, die dem Buchhändler zukommt.

„Ein ganz besonderes Jahr“ ist genauso ein ganz besonderes Buch zum Lesen. Am liebsten möchte man wie die Helden in Ihrem Roman im Sessel sitzen - das Wasser brodelt im Samowar - und die vielen, vielen Bücher lesen, die von Lebensfreude sprudeln. All die Klassiker und die herausfordernde moderne Literatur. Dieses Buch macht ein Gefühl locker, öfters in eine Buchhandlung zu gehen. Wie oft tun Sie das?
Ich gehe oft in eine Buchhandlung, sooft wie es irgendwie möglich ist. Ich kann an keiner Buchhandlung vorbeigehen, ohne einzutreten. Das kann mitunter sehr anstrengend sein und vor allen Dingen sehr viel Zeit kosten, und es ist fast noch schwerer, da wieder herauszukommen. Ich finde es ganz interessant, dass dieses besondere Gefühl, das mit Buchhandlungen verbunden ist, meiner Erfahrung nach ein weltweites ist. Das zeigt sich auch darin, dass „Ein ganz besonderes Jahr“ sehr schnell international erfolgreich war. Es ist in alle möglichen Sprachen übersetzt worden. Offensichtlich gibt es dieses Bedürfnis der Menschen überall auf der Welt: einen Ort aufzusuchen, an dem man sich zu Hause fühlen kann.

Es gibt noch weitere Bücher von Ihnen, zum Beispiel den Roman „Das Glück der kleinen Augenblicke“. Der könnte ein Mahnmal für Verleger sein, ihre Autoren nicht zu ignorieren, und ebenso Hoffnung für Autoren, die auf der Suche nach Verlegern sind. Es ist ein schönes poetisches Buch, eigentlich ein verrücktes Buch. Es geht um ein verlorenes und dann wiedergefundene Manuskript mit verblüffendem Ende. Auch in diesem Buch spürt man Ihre Liebe zur Literatur. Was treibt Sie an?
Bei diesem speziellen Buch „Das Glück der kleinen Augenblicke“ war es in der Tat so, dass ich eine Phase hatte, in der mir alles Mögliche zugestoßen ist, und ich mich fürchterlich aufgeregt habe. Ich dachte, warum lasse ich mich vom Alltag so ärgern. Warum lasse ich mich von Dingen ärgern, die ich nicht ändern kann. Ich habe dann einen Helden erfunden, dem alles Unglück dieser Welt widerfährt. Was schief gehen kann geht schief. Er aber besitzt die wunderbare Gabe, in allem etwas Positives zu finden. So wollte ich auch sein. Ich habe sehr viel von meinem Helden gelernt, und das zeigt am besten, was Literatur vermag: sie eröffnet uns, wie das Leben auch sein könnte.

Haben Sie schon mal ein Manuskript verloren?
Ja, Teile eines Manuskriptes. Zum Glück kein vollständiges, das wäre sehr bitter gewesen. Aber das ist natürlich die Ironie der Literaturgeschichte, dass es Manuskripte gibt, von denen wir nie erfahren werden, oder von denen wir nie wissen können, was darin gestanden hat, weil auf sie unterschiedlichste Weisen verschollen sind.

So mancher Verleger, der sich vor Manuskripteinsendungen nicht retten kann, fühlt sich in Ihren Büchern wiedererkannt, doch wollen wir suchenden Autoren nicht die Hoffnung nehmen, einen Verlag zu finden. Wie ist es Ihnen gelungen, für Ihre Bücher einen Verlag zu finden? Sie sind nicht nur Schriftsteller, auch Literaturagent.
Ich biete meine eigenen Werke immer anonym an, denn ich möchte nicht, dass Verlage voreingenommen mein Manuskript prüfen. Es kann ja nicht nur sein, dass sie der Ansicht sind, dass sie beim Literaturagenten Montasser nicht nein sagen können, es kann auch sein, dass sie nicht ja sagen, weil sie meinen, der ist mir viel zu anstrengend. Ein Verlag sollte ein Manuskript verlegen, weil er davon überzeugt ist und es gut findet.

Herr Montasser, wir verdanken Ihnen den wunderschönen Satz, den der Hausherr äußerte, als er die Tür öffnete: „Ich habe Sie schon an der Melodie Ihrer Schritte erkannt“. Zu lesen in Ihrem Roman „Das Glück der kleinen Augenblicke“. Meine Besucher sind entzückt, wenn ich sie nun auch so begrüße. Aber, pflückt man in Zürich tatsächlich die Mäntel vom Garderoben-Haken?
(Der Autor lacht herzhaft.) Warum nicht, mir fällt gerade keine Antwort dazu ein. Aber ich denke, man pflückt überall die Mäntel vom Garderoben-Haken.

Ihre Bücher spielen in verschiedenen Ländern, als Leserin genieße ich die wechselnden Schauplätze. Man reist mit ihnen. London mit dem „Glück der kleinen Augenblicke“ zu erleben, oder mit „Monsieur Jean und sein Gespür“ durch Zürich zu streifen. Welches Land haben Sie sich für Ihren nächsten Roman ausgesucht?
Tatsächlich spielt mein nächster Roman „Der Sommer der Pinguine“, der im Juni (2018; d.Red.) im Insel Verlag erscheint, noch einmal in London und in einem kleinen Nest namens Great Missenden.

Gibt es dieses Nest wirklich?

Ja, gibt es. Ich hatte einen passenden Ort gesucht, ich habe die Landkarte studiert, hab‘ alles angeschaut, und dann fand ich Great Missenden als idealtypischen Ort für den zweiten Teil der Geschichte. Und was stelle ich fest? Der große Literat Roald Dahl hat in diesem Ort gelebt und ist auch in diesem Ort begraben. Das passte so vorzüglich zur Geschichte, dass ich ganz glücklich war, dass mir Great Missenden untergekommen ist.

Also, so werden wir weiter verzaubert, und es ist unbedingt erwähnenswert, dass der Thiele Verlag Ihre Bücher auch wunderschön gestaltet hat. Das Innenleben mit schönem Vorsatzpapier, festem Buchumschlag und Lesebändchen. Das sind Mercedes in den Händen.
Absolut. Ich glaube auch, dass es etwas ist, was Leserinnen und Leser heute mehr denn je erwarten. Gerade in Zeiten, in denen das digitale Lesen auch üblich geworden ist, fällt die Entscheidung für das gedruckte Buch doch oft, weil man eben genau das will: das Gefühl, einen besonderen Gegenstand in der Hand zu halten, die Optik, die Haptik, alles, was eben zum genießerischen Lesen einlädt.

Sie schreiben auch unter Pseudonym. Warum?
Wenn ich eine ganz andere Art von Roman schreibe, ist es sinnvoll, unter einem anderen Namen zu veröffentlichen. Ich stehe zu meinen Büchern und habe mein Pseudonym nicht gewählt, um mich dahinter zu verstecken, sondern um die düsteren Geschichten von den heiter-melancholisch-poetischen abzugrenzen. Unter dem Namen Tim Erzberg habe ich einen erfolgreichen Thriller „Hell-Go-Land“ geschrieben, der, wie schon der Titel verrät, auf Helgoland spielt. Eine wunderschöne Insel. Für alle die noch nicht da waren: unbedingt hinfahren! Es ist aber auch eine Insel mit Geschichte, und die Geschichte ist keine entzückende, sondern ein ganz schreckliche in vielerlei Hinsicht. Ich wollte nach so vielen guten Büchern auch mal ein böses Buch schreiben. Nachdem ich viel Zuspruch für den Erstling bekommen habe, habe ich weitere Krimis unter Namen Tim Erzberg nachgelegt.

Welche Zukunft hat für Sie das gedruckte Buch?

Hoffentlich eine ganz große. Das gedruckte Buch steht sehr unter Druck, weniger durch das E-Book, als vielmehr durch den Zeitverlust. Die Menschen haben immer weniger Zeit, weil sie ständig gefordert werden, zum Beispiel auch durch soziale Netzwerke. Wenn man früher vielleicht am Tag für eine Stunde ein Buch in die Hand genommen hat, ist man heute erstmal die Stunde auf Facebook oder ähnlichem unterwegs. Einerseits muss man das akzeptieren, andererseits muss auch dafür werben, wie schön es ist, dass man sich für eine Weile „ausklinken“ kann. Man tritt eben nicht permanent in eine kleinteilige Interaktion, sondern man betritt eine Welt, in der man dann eine große Welle reitet, statt vieler kleiner. Das ist der Unterschied zwischen dem Medienkonsum in sozialen Netzwerken und Lesen eines Buches. Das Buch hat es deshalb schwer, aber natürlich wird es überleben.

„Literatur live“ ist ein Slogan für die Literatur geworden. Immer mehr Menschen möchten Buchautoren live zuhören. Lesungen werden gut besucht, und es gibt Initiativen, dass man sogar sein Wohnzimmer öffnet und Autoren als Gast holt. So sind die Salon-Festivals entstanden. Was sagen Sie dazu?

Das finde ich wunderbar. Ich lese auch selber gerne vor Publikum, das baut Schwellen ab. Es macht die Literatur zu dem, was sie ist eigentlich ist, nämlich Menschen Geschichten erzählen. So wie ich mich auch als Geschichtenerzähler begreife. Schriftsteller sind Medium für Geschichten. Das Lesen vor Publikum praktiziert, was Lesen eigentlich ist, nämlich eine Interkation: wir haben etwas miteinander zu tun. Literatur ohne Leser ist nichts wert, und dem Leser ohne Literatur fehlt etwas. Also, Leser und Autoren gehören zusammen.

In Ihrem umfangreichen historischen Epochenroman „Die verbotenen Gärten“, der von dem Ritter Jean d‘Eron in den Jahren um 1200 handelt, geht es um Toleranz. Ritter Jean, geprägt von christlichen Vorurteilen, zieht ins Heilige Land. War das Ihr erster Roman?
Ich hatte schon einige Romane vorher geschrieben, die ich aber weder verlegt hätte noch anbieten würde als Literaturagent, weil sie einfach Fingerübungen waren. Auch Schreiben sollte man lernen. Wer denkt, er kann das schon, sollte bedenken, dass auch Schreiben ein Handwerk ist, und deshalb ist es in Ordnung, dass ich erstmal drei Romane geschrieben habe, die aus meiner heutiger Sicht nicht veröffentlichungsfähig waren, für mich aber eine gute Ausbildung. Der vierte Roman ist der der verbotenen Gärten. Das ist ein großes Herzensprojekt von mir gewesen. Toleranz ist im Grunde eines meiner Leitthemen. Sie zieht sich durch alle meine Bücher, egal, welche Art von Bücher sie sind. Das ist für mich ein zentrales Lebensmotiv.

Sie verehren den persischen Dichter und Mystiker Saadi und machen ihn zur zweiten Hauptfigur des Romans „Die verbotenen Gärten“. Der Ritter Jean d‘Eron reist als älterer Mann zum zweiten Mal in den Orient, um Saadi zu besuchen. Dieses Buch ist gerade in der jetzigen Zeit lesenswert, denn Toleranz und das Miteinander der unterschiedlichen Kulturen bleibt ein Anspruch jeder kultivierten Gesellschaft.
„Die verbotenen Gärten“ befassen sich natürlich sehr stark mit dem Motiv der verschiedenen Religionen und dem friedlichen Miteinander dieser Religionen. Deswegen sind sie ganz klar ein Appell an unsere Zeit, dass wir versuchen, einander mit Respekt und Toleranz zu begegnen. Saadi ist ein Mystiker, er ist sicher ein religiöser Mensch gewesen, er war auf jeden Fall ein toleranter Mensch, und zwar nicht trotz, sondern wegen seiner Religiosität! Das Motiv, dass er mit einem Kreuzritter befreundet war, speist sich aus der Überlieferung, dass es offensichtlich so gewesen war, obwohl er einige Zeit in der Gefangenschaft der Kreuzritter verbracht hat. Saadi selbst war ein toleranter Muslim, das hat mich sehr beeindruckt. Die Idee, die Geschichte in einem Rosengarten beginnen und enden zu lassen, hängt damit zusammen, dass er selbst eine solche Begebenheit am Anfang seines „Rosengartens“ erzählt.

Sie müssen noch etwas zu Ihrem Kinderbuch „Die Elternfernbedienung“ erzählen. Wie kommt man denn zu so einer Geschichte?

Ja, wie kommt man zu so einer Geschichte (Schmunzeln). Wenn Sie erlauben, würde ich gerne stattdessen lieber zu meinem neuesten Kinderbuch „Das Monsterhotel“ diese Frage beantworten. Wie kommt man zu einer Monsterhotel-Geschichte? Eines Tages schenkte mir meine neunjährige Tochter ein selbstgemaltes Bild. Sie hatte lustige, fröhliche und kunterbunte Monster gemalt, die alle ganz unterschiedlich und entzückend aussahen. Immer, wenn ich das Bild angeschaut hatte, dachte ich, die Monster sehen so aus, als würden sie gerade in ein lustiges Hotel einchecken. Und plötzlich hatte ich die Geschichte: Monsterhotel. Ich habe mit meiner Heldin Valentina eine Figur erfunden, die blitzgescheit und sehr mutig ist, und die durchblickt, dass alles schlechte Propaganda ist, was einen davon abhält, das Gute im Anderen zu sehen. Das ist alles in eine Geschichte verpackt, in der ein Gag den anderen jagt. Es hat großen Spaß gemacht, dieses Kinderbuch zu schreiben.

Wer ist Stefanie Reich?

Das ist eine gutbeschäftigte und in der Buchbranche bekannte Illustratorin. Meistens kennt man die Autoren besser als die Illustratoren. Ich bin ganz glücklich, dass der Thienemann Verlag Stefanie Reich für das „Monsterhotel“ gewinnen konnte. Sie hat der Geschichte wirklich eine großartige Atmosphäre verliehen!

Sie betreiben mit Ihrer Frau zusammen eine Literaturagentur. Nimmt das viel von Ihrer Schriftsteller-Zeit in Anspruch?

Das beschäftigt mich so, wie jeder von uns mit einem Fulltime-Job beschäftigt ist. Ich bin wirklich voll und ganz Literaturagent in meiner beruflichen Zeit. In meiner Freizeit bin ich mit ganzer Leidenschaft Schriftsteller.

Herr Montasser,
Ihre Bücher sind wunderbare Abenteuer. Vielen Dank für das Gespräch.


©Steffi.M.Black 2018 (Text)
©Agentur Montasser Media(Bild)