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Gespräche



 05.01.2018 - Autor u. Ex-Oberbürgermeister Christian Ude 



Christian Ude - Steffi M. Black

Christian Ude, Politiker und Autor, ist uns Münchnern bestens bekannt. Er war von 1993 bis 2014 Oberbürgermeister der Stadt München. Humorvoll bis satirisch hat Christian Ude neben dem Regieren seine Beobachtungen aus dem politischen Alltag in Bücher gepackt. In seinem neuesten Buch „Die Alternative oder: Macht endlich Politik!“, Knaus Verlag 2017, fordert Ude kampflustig alle auf, gesellschaftliche Debatten zu führen.


Herr Ude, Ihr neuestes Buch „Die Alternative oder: Macht endlich Politik!“, im Knaus Verlag, könnte ein Mantra für das neue Jahr 2018 sein, ein Appell an uns Deutsche. Sie haben mehr als 20 Jahre Politik gemacht und viele Bücher geschrieben. Ihr Leben als Oberbürgermeister war bestimmt kein langweiliges. Warum nun so ein herausfordernder Titel, planen Sie eine Partei zu gründen?

Der Titel ist tatsächlich von manchen Leuten falsch verstanden worden, was mich traurig macht, denn ich hätte gerade von der Zunft der Publizisten etwas mehr Bildung erwartet. Die Alternative war der Titel von zwei Taschenbüchern in den 1960er Jahren, mit denen linke Autoren eine Überwindung der politischen Stagnation und einen politischen Neustart gefordert haben. Das waren Autoren wie Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser und Siegfried Lenz, also alles Autoren, die später die Wählerinitiative für Willy Brandt gegründet haben und die gemeint haben, dass es nicht bei der Stagnation, der Leblosigkeit, der Langeweile damals zu Zeiten der großen Koalition bleiben darf, sondern wieder einen gesellschaftlichen Aufbruch und einen politischen Neustart geben muss. Seltsamerweise hat das die deutsche Öffentlichkeit offenbar in einem halben Jahrhundert vergessen. Ich möchte an diese Tradition anknüpfen, wieder politische Debatten zu führen, statt nur den politischen Betrieb zu beschimpfen, wie es in Deutschland leider in erschreckendem Ausmaß üblich wird. Dafür müssen aber das Parlament, die Regierung, die Parteien und die Medien bereit sein, politische Debatten zu führen. Themen gibt es genug, große Debatten leider nicht. Das ist das Thema meines Buches.

Es gibt ein herrliches Buch von Ihnen, das hat den schönen Titel „Meine verfrühten Memoiren“. Beim Lesen der Texte musste ich oft an Ihr Double Uli Bauer im Singspiel beim Derblecken auf dem Nockherberg denken, der Sie charmant und spitzbübisch charakterisiert, so wie auch in diesem Buch die Geschichten Ihrer Jugend. Was würden Sie heute hinzufügen?

Ja, ich füge ja ständig immer etwas hinzu, deswegen gibt es weitere satirische Bücher. Zum Beispiel das Buch „Die Chefsache“, wo ich dann schon Geschichten aus dem Leben eines Oberbürgermeisters erzähle, oder das Buch „Ich baue ein Stadion und andere Heldensagen“, wo es vor allem um meine Erlebnisse mit den beiden Münchner Fußball-Clubs geht. Zuletzt das Buch „Mein Pinselohr-Schwein“ mit weiteren Erlebnissen aus der zweiten Hälfte meiner OB-Amtszeit. Also die Fortsetzung ist eigentlich laufend geliefert worden. Das Buch „Die Alternative“ ist eine Ausnahme, weil es wirklich ein ernstes politisches Buch ist. Ich glaube dass man nicht nur Spaß und Unterhaltung machen kann, wenn die politische Lage bedrohlich wird, und ich empfinde sie heute mehr als vor einem Jahr als bedrohlich, weil den Demokraten die Anhänger entweder einschlafen oder davonlaufen. Ich finde beides falsch und beides schlimm, aber ich kann die Leute verstehen, die von dem politischen Betrieb eher angeödet sind.

In den Regalen der Stadtbibliotheken sind viele Bücher von Ihnen zu finden. Doch ein Buch verblüfft: Peter Gauweiler - Briefwechsel - Christian Ude. Verlegt in der PrinzEdition im Keyser Verlag. Zwei Politiker aus entgegensetzen Politlagern. Welches Bedürfnis stand da dahinter?
Meine Beziehung zu Peter Gauweiler ist tatsächlich eine Besonderheit. Wir kennen uns seit gut über 50 Jahren, wir haben uns schon als Schüler gestritten. Er gründete die Münchner Schülerunion, ich war bei den Jungsozialisten aktiv. Später haben wir uns an der Universität gestritten. Er war beim RCDS, und ich war bei den Juso-Hochschulgruppen. Wir haben uns auch als Rechtsanwälte bekämpft, die wir gleichzeitig in München gewesen sind, und wir haben auch einen OB-Wahlkampf gegeneinander geführt, wie es ihn wohl vorher und nachher nicht mehr gegeben hat, ein so grundsätzlicher Streit, wie sich die Gesellschaft entwickeln soll, und wie sich die Stadt München dabei positionieren könnte. Aber Gegnerschaft heißt für mich nicht Desinteresse am Anderen, oder persönliche Geringschätzung. Im Gegenteil, im politischen Meinungsstreit lernt man sich – im Glücksfall – sogar schätzen, die Argumente des Gegners ernst zu nehmen, deswegen haben wir die Idee des Münchner Merkur, einen Briefwechsel zu führen, angenommen, wo wir uns jede Woche kontra bieten, aber nicht im Sinne, wie es heute im Netz geschieht – mit Schimpfwörtern, mit Niedermachen, Schmähungen, sondern mit guten Argumenten, die man selber für die besseren hält, aber man muss sich auch auseinandersetzen und abarbeiten an denen, die von der Gegenseite kommen. Dieser Briefwechsel war bei den Lesern des Münchner Merkur so beliebt, dass er sieben Jahre lang fortgesetzt wurde und in fünf Büchern seinen Niederschlag gefunden hat.

Was war Ihr erstes Buch, das Sie geschrieben haben?

Mein allererstes Buch ist Gott sei Dank nie veröffentlicht worden. Das war ein Krimi, den ich als pubertierender Knabe geschrieben habe, noch sehr stark vom Konfirmanden-Unterricht mit religiösen Fragen geprägt, und damit es spannend wird, auch ein Krimi um einen Mordfall. Zum Glück gab es nur ein Exemplar. Dann habe ich mich mehr im Zeitungsgeschäft betätigt, meine Zeitung hatte immerhin schon die Auflage von drei Exemplaren erreicht, weil ich auf dünnes Durchschlagpapier mit zwei Blatt Kohlepapier dazwischen getippt habe. Diese Zeitung konnte man nicht kaufen, sondern nur mieten. Ich wollte billiger als die Bild-Zeitung sein, die damals 10 Pfennig kostete, deswegen konnte man sie für 5 Pfennig mieten.

Das ist clever
Ja, aber das Geschäftsmodell hat sich auch nicht durchgesetzt. Mein erstes Buch, das richtig erschienen ist, war das Buch „Münchner Projekte“, später „Wege aus der Wohnungsnot“ und „Münchner Perspektiven“, das sind drei Taschenbücher im Piper Verlag gewesen mit prominenten Mitautoren.

Wurde es Ihnen in die Wiege gelegt, Bücher zu schreiben – mit anderen Worten: kreativ zu sein?
Also, da kann ich nur klar und eindeutig ja sagen. Ich habe fast keine andere Chance gehabt, denn mein Vater war Kulturjournalist und Schriftsteller, aber das war nicht das prägendste, sondern er hatte eine Literaturzeitschrift herausgebracht, deswegen kamen namhafte Verleger oder Schriftsteller zu uns nach Hause, um ihre Bücher zu präsentieren. Ich kannte als heranwachsendes Kind nichts anderes, als dass selbstverständlich jeder Mensch seine Bücher schreibt. Für uns war die tägliche Lektüre der SZ und die Artikel vom Vater, die drinstehen, das Frühstücksthema. Von den Verlagen wurden uns ständig Bücher zugeschickt, ich bin unter Büchern, im wahrsten Sinne des Wortes unter ihnen, aufgewachsen und kenne nur die Wohnung völlig zugestopft mit Büchern. Insofern waren sie auch mein Schicksal.

Herr Ude, die Münchner Stadtbibliothek mit ihrem dichten Netz von Stadtteilbibliotheken nimmt im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten eine führende Stellung ein. Dieses dezentrale System ist in München auch in Ihrer Zeit als Oberbürgermeister ausgebaut worden. Kulturpolitisches Ziel war, die Zugangsschwelle zur Kultur zu senken. Wie wichtig sind Ihnen die Stadtbibliotheken?
Ich halte sie für eine sehr wichtige Kulturinstitution und auch eine pädagogische Einrichtung im Sinne des Life Long Learning. Ich beobachte natürlich auch, dass es einen Trend vom herkömmlichen Printmedium zu Medien des digitalen Zeitalters gibt, da nimmt auch die Ausleihzahl zu. Ich finde es extrem wichtig, dass Menschen gerade in Zeiten des Netzes, wo man irrtümlich glaubt, man wisse alles, wenn man Wikipedia durchgesehen habe, noch die Chance haben, das Informationsangebot des Büchermarktes zur Kenntnis zu nehmen, durch Bücherlesen, auch Sachbücher und Belletristik, sich verschiedene Sichtweisen auf die Welt anzueignen, und sich nicht nur die winzigen Häppchen von Videos oder noch kürzeren Spots reinzuziehen und sich dann schon für informiert zu halten. Ich glaube, dass der Konkurrenzkampf, in dem sich das Buch und der literarische Beitrag behaupten müssen, immer schwieriger wird, aber deshalb nimmt auch die Bibliothek an Gewicht und Bedeutung zu.

Aber im Jahr 2003 stockte die Entwicklung, zwei Stadtteilbibliotheken wurden geschlossen, weitere Schließungen z.B. Ramersdorf sollten folgen, weil die damalige Kulturreferentin Lydia Hartl ein Internet-Kunstprojekt zusammen mit dem Fraunhofer-Institut aufziehen wollte. Dafür war sogar ein Neubau geplant.
Es bildete sich die Bürgerinitiative “bücherbegehren“ und setzte ein Bürgerbegehren durch, das den Verzicht auf Schließungen und den Erhalt des dezentralen Systems forderte. Was ist aus Ihrer Sicht damals schief gelaufen?

Die Kulturreferentin hatte eine unglückliche Hand beim Umgang mit Traditionen und bei der Überschätzung eigener Hobbys, das ist sicher die eine Seite. Auf der anderen Seite will ich auch sagen, dass ich meine liebe Not, auch wenn es sich um persönliche Freunde handelte, mit dem Bürgerbegehren hatte. Denn wenn auf der einen Seite am Gasteig die größte kommunale Stadtbibliothek Europas geschaffen wird, und natürlich alle Menschen aus der Umgebung diese fantastische zentrale Bibliothek aufsuchen, dann ist eine frühere winzige, überalterte Stadtteilbibliothek in der Au nicht mehr so bedeutsam wie vorher, als sie diese Nachbarschaft noch nicht hatte.
Und deswegen glaube ich, dass das Bürgerbegehren viel zu dogmatisch vorging, indem es nicht nur die Verteidigung des dezentralen Netzes forderte, für das die SPD-Fraktion von Anfang an auch war, sondern sogar die Stadtbibliothek in der Au zum Dogma erhob, obwohl sie buchstäblich im Schatten der größten kommunalen Bibliothek Europas stand, das hätte man schon etwas bedarfsgerechter sehen können. Die Kundschaft selber hat’s ja auch getan und ist in Scharen von der winzigen überalterten Bibliothek zum Riesenangebot am Gasteig übergelaufen. Aber die Klarstellung, dass den Bürgern der Stadt ihre Bibliothek wichtig ist, und nicht nur das gesetzlich geschützte Schulsystem und die vom Feuilleton geschützten Kulturinstitute wie Museum und Theater und Opernhaus Schutz bedürfen, ist ein großer Verdienst der Initiative.

Wie sehen Sie die Initiative „bücherbegehren“, aus der der Förderverein Bücher und mehr e.V. entstanden ist, fünfzehn Jahre später?

Es hat sich Gott sei Dank die Konzentration auf das zentrale Thema ergeben, wie soll das Bibliothekensystem sein, und wir haben ja einen beneideten Ausbau des Bibliothekswesens erlebt, man denke an Giesing, Sendling oder an den hohen Norden, das Hasenbergl, wo mit der Bibliothek auch ein Stadtkulturzentrum entstanden ist, das sind fantastische Entwicklungen. Auch dem heutigen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers liegt das Bibliothekswesen nicht als fünftes Rad am Wagen, sondern als zentrales Anliegen am Herzen.

Wie sehen Sie in dieser digitalisierten Welt die Zukunft der Stadtbibliotheken?

Ich glaube sie sind von der Digitalisierung nicht so betroffen wie das Buch, denn sie sind ja auch ein Träger der Digitalisierung, und ob man jetzt CDs oder DVDs ausleiht oder Apps vermittelt, spielt eigentlich für die Rolle im Kommunikationsprozess keine Rolle. Ich erlebe im Moment, dass die Entwicklung anders ist, als ich vorhergesagt habe. Ich war immer der Meinung, die Zeitung mit dem haptischen Erlebnis – ich habe das Papier in der Hand – wäre durch digitale Angebote nicht zu ersetzen, das sehe ich heute nicht mehr so optimistisch. Ich dachte, der Buchmarkt sei leichter zu ersetzen, weil es E-Books geben wird, und da mache ich jetzt selber als Autor die entgegen gesetzte Erfahrung, dass Bücher mit einer klaren Herkunft, einer klaren Botschaft ein zunehmendes Interesse finden und Auflagen, die man sich früher gar nicht hat vorstellen können. Die Menschen wollen nicht nur die Produktwelle der Medienkonzerne erleben, sondern auch Sichtweisen, denen sie vertrauen. Deswegen hat das politische Buch meines Erachtens eine riesengroße Bedeutung, und auch natürlich das literarische Werk, das andere Sichtweisen ermöglicht.

Kommen wir zurück zu Ihren Büchern. Der dtv Verlag brachte Ihr Buch „Stadtradeln“ heraus. Herr Ude, dieses leise Buch und Ihre Hommage an’s Radl müssen Sie unbedingt ergänzen. Ist das heute auch noch so, dass Sie an den Ampeln überraschend radelnde Prominente treffen? Gäbe das nicht Stoff für eine Fortsetzung?
Mir hat dieses Buch sehr viel Spaß gemacht, das ich mir selber gar nicht überlegt hatte, sondern vom dtv Verlag in seiner Reihe Passionen vorgeschlagen worden ist. Ich muss sagen, dass ich bei kaum einem Buch, das eigentlich nur freundliche, heitere Worte hat, soviel feindliche Reaktionen erhalten habe, auch von persönlichen Freunden. Mir wurde fast die Freundschaft gekündigt, weil ich die Radfahrer so positiv schildere, obwohl sie die größte und schlimmste Terroristengruppe seien, denen alte Menschen auf dem Bürgersteig ausgeliefert seien. Auch am Thema Radfahren scheiden sich die Geister, aber ich halte es nach wie vor für ein umweltfreundliches, preisgünstiges, wenig Flächen fressendes Verkehrsmittel, das die Lebensqualität in den Städten heben kann.

Gut, Sie beschäftigen sich aber auch mit brenzligen Themen und hatten 1990 das Buch „Wege aus der Wohnungsnot“, Piper Verlag, herausgebracht. Das Buch über die Wohnungsnot hatte damals einen grünen Balken auf dem Buchumschlag, da stand: AKTUELL. Ist das Buch heute auch noch aktuell? Würden Sie es neu schreiben? Die Wohnungsnot hat doch seitdem stark zugenommen, insbesondere was günstigen Wohnraum betrifft.

Also dieses Buch ist immer aktueller geworden, wobei es immer Wellen der Wohnungsnot gegeben hat. Zum Beispiel die Welle der Industrialisierung, die eine Landflucht nach München ausgelöst hat. Dann gab es nach dem zweiten Weltkrieg die vertriebenen innerdeutschen Flüchtlinge, die einer Wohnungsnot zeitweise ausgeliefert waren, dann in den 1960ern die wirtschaftlichen Boomjahre mit den Gastarbeitern, wie sie damals genannt wurden. Das Thema des Buches ist die Zuwanderungswelle aus Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung. Man glaubt ja, manches, was damals geschrieben wurde, könne erst in der Gegenwart geschrieben worden sein, aber das ist Unsinn.
Die Wohnungsnot, die Wucherpreise, Wucherpreise bei den schlimmsten Löchern, die als Wohnungen vermietet werden, hat es auch alles zu Beginn der 1990er Jahre gegeben. Die Hilflosigkeit der Kommunen – das wird gleich auf den ersten Seiten beschrieben, dass Leichenhallen als Wohnraum vermietet wurden – ist unvorstellbar. Wir haben das alle verdrängt nach der neoliberalen Ideologie „der Markt kann alles am besten richten“, wir brauchen keinen sozialen Wohnungsbau mehr. Doch heute wissen wir, das war der größte Fehler der Bundespolitik in Bezug auf die großen Städte, dass nicht erkannt wurde, dass der Markt, der zwar vieles optimal richtet, eben aber nicht zur Lösung der Wohnungsprobleme im Stande ist, weil das Flächen- und Raumangebot nicht beliebig vermehrt werden kann.

Ihr politisches Leben ist mit vielen Auszeichnungen geehrt worden. Auch mit der Auszeichnung „Beratender Professor der Tongji-Universität Shanghai“. Was haben Sie in China beraten, und wie konnten Sie in Shanghai Ihren bayerischen Humor vermitteln?
Ob ich den Humor vermitteln konnte, weiß ich nicht, aber ich habe Lachsalven geerntet, wie sie noch kaum einem Professor widerfahren sind. Ich bin gebeten worden darzulegen, wie die deutschen Städte die Verkehrsprobleme lösen wollen. Nun haben wir den Chinesen ja ein halbes Jahrhundert Automobilindustrie voraus, ich habe im Vortrag gesagt, dass die einzige Lösung für die großen Städte eine Stärkung des Radverkehrs ist, den man in China schon in einer 90% Position hatte, den sie mit aller Kraft abbauen wollten, um endlich ein modernes Autoland zu werden. Darüber haben die Studenten wahnsinnig gelacht, und es für einen Kalauer gehalten – die Deutschen wollen mehr Radfahren, damit ihre Städte nicht in Blech und Blei ersticken.
Nach einigen Diskussionen und mit Zahlenangaben sind sie nachdenklich geworden. Das war eines meiner wichtigsten Themen an der Tongji-Universität, ihnen klarzumachen, wenn jeder ein Auto haben will, wie viel Quadratkilometer reine Parkfläche sie brauchen, nur um ein Auto pro Chinese unterzubringen, und wie viel Verkehrsfläche es braucht, wenn man auf den Straßen auch Gelegenheit zur Fahrt haben soll, da sind die Chinesen richtig grau geworden. Es ging um das quantitative Problem, wie man in einer künftigen 30-Millionen-Stadt Peking oder Shanghai für 30 Millionen Menschen ein Fahrzeug, das 6-8 qm Parkfläche benötigt, anschaffen kann.

Und wenn Sie, Herr Ude, Zeit und Muße haben, was lesen Sie da am liebsten?

Das kommt auf die Situation an. Ich lese gerne satirische Bücher mit einem heiteren Einschlag, denn das tut auch der Seele gut, wenn ich aber Themen für meinen Volkshochschulkurs vorbereite, lese ich meist die Sachbücher der Autoren, die ich dann in meinem Kurs befrage. Lange Zeit fanden die Kurse im Gasteig statt, jetzt ist der Kurs meistens im Einstein oder in der Akademie der Wissenschaften, weil wir 400 Sitzplätze brauchen. Auch das zeigt, welche Ausstrahlungskraft das politische Buch hat, dass heutzutage prominente Sachbuchautoren mehr volle Säle vorweisen können, als prominente Politiker, die man schon oft genug im Fernsehen gesehen hat.

Herr Ude,
vielen Dank für das anregende Gespräch und für die Anregung durch Ihre Bücher und unterhaltsamen Geschichten. Sie dürfen nicht aufhören zu schreiben, wir würden die weiteren Bücher vermissen.


©Steffi.M.Black 2018 (Text u.Bild)