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Gespräche



 23.05.2017 - Der Autor Thomas Meinecke 



Thomas Meinecke

Thomas Meinecke ist Autor, Popliterat und Musiker. Seine Bücher sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Seit 1985 hat Thomas Meinecke eine eigene Sendung im Zündfunk und moderiert alle zwei Wochen den Nachtmix auf Bayern 2. Sein letztes Buch „Selbst“ ist ein Liebesroman, genauer ein post-gender Liebesreigen, auf der Suche nach Zärtlichkeit jenseits der Sexualität. Thomas Meinecke erhielt viele Auszeichnungen und Stipendien, war Writer in Residenz an der Queen Mary University London.


Herr Meinecke, einige, oder gar viele Leserinnen und Leser werden beim Namen Thomas Meinecke aufhorchen. Ist das nicht der aus dem Radio? Zündfunk , Nachtmix? Jawohl, das sind Sie, und ich finde es toll, dass Sie auch Bücher schreiben. Machen Sie das gerne?
Ja, ich mache das sehr gerne. Allerdings ist das eine komplett andere Arbeit als sich mit Musik zu beschäftigen. Vor allen Dingen, wenn man beim Rundfunk die Chance hat, die Musik zu spielen, die man so bewundert, ohne sie beschreiben zu müssen. Da wo Musik ist, findet Sprache oft gar nicht hin, und das ist eine Art Sehnsuchts-Raum. Dagegen ist die Arbeit an einem Roman wie die Arbeit an einem Steinbruch mit Widerständen. Aber ich schreibe sehr gerne und dauernd. Selbst wenn ich nicht Romane schreibe, muss ich ständig ’was schreiben.

Sie gelten als Popliterat. Fühlen Sie sich in der postmodernen Literatur wohl?

Der Begriff Postmoderne ist ein bisschen kompliziert, weil er auch ein polemisch benutzter Begriff ist. Viele meinen es auch abwertend, und ich selber würde sagen, die Postmoderne ist auch noch eine Moderne. Genau wie der Post-Feminismus, der auch immer noch ein Feminismus sein sollte. Die Postmoderne ist nur komplexer geworden, weil sie bestimmte Vorstellungen vom autonomen Subjekt, wie in meinem Fall das Trugbild des geschlossenen männlichen Schriftstellersubjekts, ganz schön zerlegt hat. Das finde ich gut. Der Postmoderne wird unterstellt, es gäbe eine Individualisierung gar nicht mehr. Ich bin nach wie vor klassisch für die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter Mann und Frau.

Es kommen ganz schön viele Buchtitel zusammen. Seit den 1980er Jahren schreiben Sie Bücher. Das neueste Buch „Selbst“ bei Suhrkamp erschienen, ist ein Liebesroman. Sie inszenieren in einer WG einen platonischen bis hin erotischen Liebesreigen. Was erwarten oder verlangen Sie von Lesern, damit sie Ihre Bücher verstehen? Muss man eine Biographie von Sigmund Freud, Michel Foucault oder Bettina von Armin gelesen haben?
Ich würde sagen nein. Das ist mein Anspruch, dass für meine Bücher keine Vorbildung mitzubringen ist. Meine Neugier ist, das was mich antreibt, und ich möchte Leser meinen Prozess der Wissensaneignung, nämlich alles begreifen und kennen zu wollen, nachvollziehen lassen. Aber der Fakt ist, dass einige meiner Leser online sind, während sie meine Bücher lesen, und schnell mal eine Information oder ein Filmchen aufrufen. Durch einzelne Szenen oder komplexe Sachen, die in den Texten herumschwirren, haben manche den Eindruck: o Gott, das kenn ich ja alles gar nicht. Aber ich bin auch immer viel weniger klug als meine Bücher. Das ist wie im Durchlauferhitzer, zwei Jahre lang habe ich Materialen gesammelt und hinterher muss ich selbst überlegen, wo kamen die her.

Sie schreiben Texte, so wie ein DJ Musik auflegt. Sie experimentieren mit Texten von Philosophen, bekannten Autoren. Schaffen damit einen Rhythmus. Wie entstehen diese Bilder, die wir als Buch in den Händen halten?
Die entstehen ziemlich intuitiv. Und das ist vielleicht auch die Parallele zu Musik machen oder Platten auflegen, weil ein DJ schon vorher weiß, was er an dem Abend spielen wird, denn er überlegt sich, was an dem Abend interessant sein könnte. Und so stehen bei mir auch Bücher auf dem Tisch, die mich inspirieren.
Zum Beispiel: ich schreibe gerade an einem Bericht zu Bettina von Arnim und erfahre bei Recherchen, dass es im 19. Jahrhundert in Texas eine Kommune gab, die nach ihr benannt wurde. Ich habe dort in alten Briefen recherchiert, deswegen, weil Bettina von Armin als eine Vertreterin des weiblichen Schreibens gilt in einer Zeit, als Frauen das Schreiben noch untersagt wurde, sie würden dann hysterisch werden. Diese Kommune wurde von Deutschen Auswandern im Vormärz 1848 gegründet. Alleine weil sie ihren Name trägt, fühlte ich mich aufgerufen, über diese Kommune zu schreiben. Ich bin dort hingereist und habe die Spuren verfolgt. Das Nachbardorf heißt heute immer noch (Ludwig) Börne, der andere Uhland. Die Leute, die die Kommune nach Bettina von Armin benannt haben, waren an so was wie weiblichem Schreiben gar nicht interessiert. Aber Bettina von Armin selbst hat interessantes dazu geschrieben. Aber wie ein DJ die eine oder andere Platte nach Gefühl auflegt, hat das Schreiben auch was ganz Gefühlsbetontes.

Sie möchten damit Ihre Sprache zur Musik machen?
Ja, das ist auch eine Traumvorstellung. Oder so gesagt, jeder gute literarische Text ist musikalisch. Das geht hin bis zu Texten, die überwiegend musikalisch sind. Zum Beispiel Thomas Bernhard, der braucht zwar noch ein paar Gegenstände, aber eigentlich werden seine Texte wie bei Mozart in Sonatenform gesetzt. Und auf der anderen Seite kann man über Musik nur ganz schwer schreiben. Das bleibt ein Sehnsuchts-Raum. Aber Musikalität, finde ich, sollte einen guten Text haben, sollte swingen.

2004 bekamen Sie den Tukan Preis der Stadt München für Ihr Buch „Musik“. Ich erinnere mich an eine schöne Lesung damals in der Basis Buchhandlung, wo passend zum Buchcover Lakritz-Schnecken verteilt wurden. Herr Meinecke, sind Sie nostalgisch?
Ich glaube nicht, sondern zukunftsorientiert, eigentlich bin ich ein optimistischer Mensch. Insofern gibt es schöne Dinge, die in meiner Vergangenheit liegen. Ich finde ja ganz toll, wieder mal als Popartist gesprochen, dass sich die Popkultur immer wieder recycelt. Das ist dann schon ein liebevoller Moment, wenn man merkt – ah, da haben wir ’was wieder, was es schon in den 90er oder gar in den 60er Jahren gegeben hat.

Ihre Bücher haben verschiede Schwerpunkte, doch die Musik spielt immer wieder eine wichtige Rolle. Oder ist es umgekehrt?
Es ist wirklich beides, weil die Musik mir vor gibt, worum es mal gehen könnte. Die Musik spielt eine große Rolle, weil sie mir überhaupt erst die Impulse gibt. Aber Techno ist es nicht alleine, sondern Techno findet nur gleichzeitig statt mit den großen feministischen Dekonstruktivistinnen, die in der Sprache untersucht haben, wie Techno, im Gegensatz zu Rock, nicht mehr vom großen Wurf und von Barrikaden auf der Straße sprechen, eher von den kleinen Modulationen, die unsere Wahrnehmungen schärfen.

Bauen Ihre Bücher aufeinander auf?
Eigentlich schon. Ich greife schon immer wieder das auf, was sozusagen als lose Enden aus dem letzten Buch ’raushängt. Das ist sogar oft so, dass meine Romanfiguren, die verschiedene Namen tragen, eventuell dieselbe Lektüre aufnehmen, die im letzten Roman schon von anderen Figuren gelesen wurden. Das kann Flaubert sein, oder Hubert Fichte. Fichte wird immer wieder von meinen Romanfiguren aus dem Regal geholt. Das macht Spaß eine gewisse Kontinuität des Weiterdenkens festzuhalten. Das gibt meinen Bücher etwas chronikhaftes.

In den 1980er Jahren brachten Sie eine Zeitschrift mit Namen “Mode und Verzweiflung“ heraus. Muss man die Verzweiflung wörtlich nehmen?
Das muss man natürlich nicht wörtlich nehmen. Das war so eine Roxy Music Geste, das sollte eher ironisch sein, aber auch durchaus kaschieren, dass es eine Literaturzeitschrift war. Das Wort „Mode“ war der provokantere Teil.

Herr Meinecke, Ihre Bücher sind auch Bildungsromane. Man erfährt sehr viel über Musik oder über Autoren. Verfolgen Sie ein pädagogisches Ziel?
Ich hatte schon gesagt, dass ich an Aufklärung glaube. Dass hinter allem der Gedanke steht, man denkt sich von A nach B, oder von K nach … und kommt ein bisschen weiter in der Erkenntnis, wie sich die Welt verbessern ließe.

Welche Zielgruppe steuert Ihr Verlag an? Gehören Krimi-Leser auch zu Ihren Lesern?
Das ist eine interessante Frage. Meine Bücher sind sperriger als Kriminalromane. Meine Brieffreundin Elfriede Jelinek liest sehr viele Krimis, aber liebt aber auch meine Bücher.

In einem Interview fiel von Ihnen der Ausdruck: coffee table books (in Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie). Was ist damit gemeint?
Das war sicher in dem Zusammenhang, dass ich auf Theorien, wie die vom Merve Verlag Berlin, erst aufmerksam wurde, wenn sie quasi im Kaffeehaus diskutiert wurden, oder als Bücher auf einem coffee table lagen.

Über Sie wird auch gesagt, dass Sie der Erfinder des Theorieromans sind. Sind Sie damit einverstanden?
Thomas Meinecke lacht. Ich bin doch nicht der Erfinder, das gab oder gib es doch schon allemal. Der Anspruch ist zu groß.

Herr Meinecke, über Sie wurde geschrieben: „Der deutsche Autor Thomas Meinecke hat das englisch-amerikanische und das deutsche Alphabet in allen Tonlagen gesprochen und gesungen. Die dabei entstandenen Aufnahmen hat der DJ und Toningenieur Move D alias David Moufang zu einem sprachlich-musikalischen Werk verdichtet“. Das hört sich großartig an. Wie kam es zu dieser Beschreibung.
Als ich meinen Roman Tomboy geschrieben hatte, lud mich der Bayerische Rundfunk ein, daraus eine Hörspielversion zu machen. David Moufang ist ein sehr jazziger Techno Musiker aus Heidelberg, der sehr elegant komplexe aber auch beziehungsreiche Musik machte, die ich schon immer in meinen Radiosendungen gespielt habe, und dessen Platten in meinem Roman Tomboy von den Romanfiguren gehört werden.

Noch eine Frage für die Musik-Fans. Sie spielen in einer Band, Name "F.S.K." (freiwillige Selbstkontrolle) die sich 1989 bei der Gründung der Zeitung "Mode und Verzweiflung" gebildet hat. Wie erfährt man ihre Auftritte?
Am besten ins Internet schauen.

Herr Meinecke, Bücher, die musikalisches Experiment mit moderner Literatur verbinden, sind ein besonderer Lese-Genuss, und wer eine Pause bei Ihren Texten einlegen möchte, kann sich durch Ihre Musik inspirieren lassen. Vielen Dank für das Gespräch.

©Steffi.M.Black 2017 (Text u.Bild)