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Gespräche



 14.02.2017 - Björn Bicker - Autor 



Björn Bicker

Björn Bicker ist Autor und Theatermacher.
Björn Bicker schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Prosa und Essays. Für verschiedene Stadt- und Staatstheater entwickelt und leitet er künstlerische Projekte, die sich an der Schnittstelle von Kunst, Politik und sozialer Praxis befinden.

Seine Bücher „Was wir erben“ „illegal wir sind viele“ oder „Was glaubt ihr denn“ beschäftigen sich mit Einwanderung und gesellschaftlicher Veränderung.
In seinem Projekt URBAN PRAYERS (MUC) für die Münchner Kammerspiele wurden Szenen an unterschiedlichen Orten in München gespielt. Im Dezember 2016 hat Björn Bicker den Tukan-Preis der Stadt München bekommen.

Herr Bicker, Sie wurden mit dem Tukan-Preis 2016 der Stadt München für ihr neuestes Buch „Was glaubt ihr denn. Urban Prayers“ (Kunstmann Verlag) geehrt. Ein sehr schön gestaltetes Buch, facettenreich, politisch und poetisch. Darin erzählen Sie von den Gegensätzen einer Großstadt. Der Titel des Buches ist auf dem Buchumschlag in großen roten Buchstaben geschrieben. Man würde am Ende ein Frage- oder ein Ausrufezeichen erwarten, doch es gibt keins. So hört sich der Titel fast nach Vorwurf an, oder sollte man lieber „trotzig“ sagen?
Beides. Wenn man über Glauben und über Politik redet, ist in dem einen Satz „Was glaubt ihr denn“ die ganze Vieldeutigkeit drin. Je nachdem wie Sie es aussprechen, ob mit Punkt oder Komma, Ausrufezeichen oder Fragezeichen.

Dann bleibt es dem Leser überlassen, welches Zeichen er dahinter setzt?

Ja, und es erschließt sich ja aus dem Buch. Im Buch spricht der Chor der gläubigen Bürger „was glaubt ihr denn eigentlich, was bildet ihr euch ein, über uns reden zu können.“

Dieses Buch ist aus einem Theaterprojekt für die Münchner Kammerspiele entstanden. Sehr poetisch geht es gleich am Anfang los mit dem Chor der gläubigen Bürger und endet mit den Zeilen:
„Was glaubt ihr denn, wo wir stören
Wo wir uns treffen sollten
Wo wir euch besser begegnen könnten
Wer für all das hier verantwortlich ist“

Herr Bicker,
wer sprachlich so intensiv schreiben kann, hat mindestens ein Schlüsselerlebnis, oder?

Das ist weniger ein Erlebnis, sondern die Summe der Erlebnisse. Ich recherchiere immer sehr intensiv und sehr lange für meine Texte und Arbeiten. Und die Erlebnisse, die man sich selber verschafft, früher hätte man dazu „Erfahrungen“ gesagt, die formieren sich. Beim Schreiben entstehen auch Überraschungen, Aspekte, die man vorher nicht geahnt hatte, die dann deutlich werden.

Wenn Sie theatralische Stadtprojekte an die Grenze zwischen künstlerischer und politischer Praxis entwickeln, wann kommen Sie an Ihre Grenzen?
Ich persönlich komme schon manchmal an meine Erschöpfungsgrenzen. Für die Projekte, die ich mache, gehen die Recherchen oft über lange Zeit, und da wird viel geredet und viel kommuniziert. Die Arbeit macht nur Sinn, wenn ich mich darauf einstelle. Ich treffe permanent neue Menschen, die ich kennenlerne und auf die ich mich einlasse, wo Vertrauen erzeugt wird, und oft gehe ich mit ihnen eine Beziehung ein. Das ist anstrengend. Da komme ich schon mal an meine Grenzen, weil es recht viel ist.

Warum tun Sie das?

Ich bin neugierig. Ich begegne den Menschen mit einer maximalen Offenheit. Das heißt aber auch, dass man sehr porös ist, und ich mich manchmal überschätze. Trotzdem mache ich die Arbeit gerne, es ist eine grenzenlose Arbeit und nie zu Ende, sie verschmilzt mit dem eigenen Leben. Das ist sehr schön. Abgesehen davon, zu fragen wie es in diesem Land weitergeht. Da haben wir im Moment was zu tun.

Ist das nicht ein intellektueller Anspruch?

Man kann sich auch verantwortlich fühlen ohne intellektuell unterwegs zu sein. Es ist eher ein menschlicher Impuls, den zum Glück viele Menschen haben, sonst würde die Welt noch schlechter aussehen. Sie fragen das, als ob es verwerflich sei, einen intellektuellen Anspruch zu haben. Wir brauchen viel mehr Intellektualität. Und zwar eine Intellektualität, die sich einmischt. Die für die Kompliziertheit der Welt Werbung macht!

Herr Bicker, fürchten Sie Kritik?

Ja, ich fürchte Kritik. Ist ja klar, gerade das, was man tut und an dem man arbeitet, ist ganz eng mit dem Kern verbunden dessen was man ist, was man so sein möchte. Wenn man dafür kritisiert wird, ist es immer schmerzhaft. Auf der einen Seite fürchte ich die Kritik, und auf der anderen Seite ist sie mir, je nachdem von wem sie kommt, herzlich egal. Aber es gibt Kritik, die mir sehr nahegeht. Das ist Kritik von der ich merke, die stimmt, da hat jemand recht. Betriebskritik perlt an mir ab. Interessanter ist für mich die Kritik von Freunden, mit denen ich mich in der Arbeit verbinde.

Sie haben einen sehr schönen Roman „Was wir erben“ (Kunstmann Verlag) geschrieben. Man wird erahnen, dass es bei dem Titel nicht um das materielle Erbe geht, da dieses Buch von Ihnen geschrieben ist. Durch eine unerwartete Nachricht angefacht, gehen Sie der Suche nach dem Vater in Vergangenem und in der Gegenwart nach. Sie versetzen sich in die Rolle einer Frau. War das für Sie leicht gewesen?

Ich habe das bewusst gemacht, um die Geschichte ein bisschen von mir fernzuhalten. Ich fand das Schreiben in einer Distanz nicht so schwer. Da dieser Roman tatsächlich Grundzüge und Motive meiner eigenen Geschichte hat, hatte ich Angst, dass der Roman filterlos würde, und das Befindlichkeiten und Erlebtes eins zu eins beschrieben würden. Deswegen habe ich die Perspektive einer Frau gewählt, um ganz klar sicher zu gehen, dass es eine literarische Figur wird.

Und Sie haben nie ... daran gezweifelt?

Doch, permanent, bis zum Schluss. Man könnte die Geschichte auch aus verschiedenen anderen Perspektiven erzählen, aber irgendwann hat sich die Geschichte mit der Frau verselbständigt.

Das Thema „illegal“ beschäftigt Sie immer wieder, in Ihren Büchern, in Ihren Projekten, und Ihr Buch „illegal, wir sind viele. wir sind da“ (Kunstmann Verlag) fängt mir einer Wucht an, dass man Gänsehaut bekommt. Wo haben Sie zu diesem Thema recherchiert?

In München hauptsächlich. Ich hatte das Glück, dass ich in dem Café 104, das ist eine Beratungsstelle vom Bayerischem Flüchtlingsrat für Menschen ohne Papiere, hospitieren konnte, und darüber habe ich viele Menschen kennen gelernt, die ohne Papiere leben.

In der Vielfalt Ihrer Projekte geben Sie verfolgten und heimatlosen Menschen eine Stimme. Wurde das von der Öffentlichkeit positiv aufgenommen?
Wie soll ich das beantworten? Ja, es wird positiv aufgenommen im Theaterkontext, Literaturkontext. Manchmal rennt man offene Türen ein. Leute sind froh, wenn man sich damit beschäftigt, gleichzeitig ist es aber auch so, dass es Gegenwind gibt. Dass Leute es nicht wollen, dass man sich damit beschäftigt. Es gibt Beschimpfungen vom Publikum oder im Internet. Das ist die andere Öffentlichkeit. Und die, die einen beauftragen, sagen meistens irgendwann: „Jetzt ist aber auch mal wieder gut mit den Minderheiten!“ Das ist manchmal frustrierend, weil man merkt, dass sich nicht wirklich was ändert.

Sie fordern nicht nur den Geist der Leser heraus, auch die Ohrenmenschen. Da gibt es u.a. ein Hörspiel von Ihnen, in dem drei Schönheitschirurgen hemmungslos erzählen und singen von all den Operationen, die sie täglich durchführen, von all den Menschen, die ihnen begegnet sind, und von den verzweifelten und komischen Versuchen, die Leute tauglich zu machen für den Markt, indem sie dem voranschreitenden Verfall ihrer Körper mit chirurgischen Mitteln entgegen treten (zitiert aus www.björn.bicker.de).Das hört sich ganz schön zynisch an.

Das ist nicht zynisch, eher humorvoll. In dem Text treffen sich tatsächlich drei Chirurgen. Das Ganze basiert auf einer langen Recherche, die ich in München gemacht habe. Ich habe mich mit Schönheitschirurginnen und chirurgen getroffen. Das Ganze hat eine Wahnsinnskomik, und gleichzeitig eine Zuspitzung, weil es letztlich nicht um Schönheitschirurgie geht, sondern um die Frage, wie weit können wir uns neu erfinden.

Sie haben einen umfangreichen Bildband über die Jahre 2001-2009 der Münchner Kammerspiele (Blumenbar Verlag) herausgebracht. Es war kein Jubiläum. Das Buch dokumentiert Arbeit und Aufführungen der Zeit und wagt den einen oder anderen Blick in die Zukunft. Wie verträgt sich Ihr eigenes Theatermachen mit dem Schreiben über das Theatermachen anderer?
Es ist eine Zusammenfassung von acht Jahren Theaterarbeit an den Kammerspielen während der unglaublich produktiven Intendanz von Frank Baumbauer. Ich hatte das Glück und das Privileg in dieser Zeit als Dramaturg an den Kammerspielen arbeiten zu dürfen . Der Blick in die Zukunft, wie es mit Stadttheatern weitergeht, war im Nachhinein ja vorausahnend für die Debatte, was ein Stadttheater sein soll. Für wen ist es da, welche Formen sollen vorkommen, welche nicht. Die Texte kamen von Autorinnen und Autoren, die das Theater unter Frank Baumbauer bgeleitet haben.

„Sprache, aber welche?“ war der Titel einer Podiumsdiskussion, an der Sie teilgenommen haben.
Schreiben Sie zurzeit an einem neuen Buch? Und welche Projekte haben Sie vor?

Ich arbeite immer gleichzeitig an mehreren Projekten. Ich habe Stückaufträge für Theater, ich arbeite unterschwellig auch an einem neuen Prosatext, das ist noch in der Anfangsphase. Die Stückaufträge sind so eine Art Trilogie. Ich habe jetzt über Religion gearbeitet, und als nächstes wird mich das Thema Demokratiepolitik interessieren. Auch weil es eines der dringenden Themen ist. Eben, wie geht es weiter, welche Formen von Demokratie könnte man sich für die Zukunft vorstellen. Ich mache für das Staatstheater Mainz gerade eine Recherche über den Mainzer Landtag, der zwecks Renovierung temporär in ein Museum umziehen musste. Der Landtag ist so zu einem Museumsobjekt geworden. Und dies ist eine Art von repetitiver Demokratie. Und im dritten Teil der Trilogie geht es um die Figur des Lehrers, das ist ein Auftragsstück für das Schauspielhaus in Bochum.

Herr Bicker, Ihre Werke sind unterhaltsam zu lesen, eindrucksvoll und fordern zum Nachdenken heraus. Wir wünschen Ihnen viel Produktivität und viele weitere Auszeichnungen. Vielen Dank für das Gespräch.

©Steffi.M.Black 2017 (Text)
©Stephanie Füssenich (Bild)