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Gespräche



 24.08.2016 - Maximilian Dorner - Autor u. Literaturlektor 



Maximilian Dorner

Herr Dorner, Sie haben ein so bewegtes privates Leben und ein bewegtes Kulturleben dazu. Sie sind Kabarettist, Lektor und Schriftsteller. Sie arbeiten auch im Kulturreferat. Wir reisen in Ihren Büchern nach New York, wir sind mit Ihnen in Bayern unterwegs und erleben eine Liebesgeschichte im zerstörten München nach dem 2. Weltkrieg. Sie moderierten auch die beliebte BR-Hörfunksendung „Lyrik nach Wunsch“. Dass Sie auch Preise bekommen haben, ist selbstredend.

Herr Dorner, wie fing alles an? Romane zu schreiben?
Ihr Debütroman „Der erste Sommer“ (DTV Verlag) ist ein spannender Roman, aber mit scharfem Blick in die Seele von jungen Menschen, die den Krieg überlebt hatten. Sie selbst sind Jahrgang 1973. Narben des 2. Weltkriegs sind ziemlich verheilt. Was hat Sie bewegt, den Roman in diese Zeit zu setzen?

Ich glaube, dass die Narben nicht ganz verheilt sind. Die der unmittelbaren Nachkriegszeit sind zumindest noch bis in unsere Gegenwart sichtbar. In dem Roman geht es um die ersten Monate nach dem Krieg, von Mai bis November 1945. Mich hat es interessiert, ob es so war, wie über diese Zeit erzählt wurde. Die Wahrnehmung über diese Zeit ist oft verfälschst worden. Mich interessierte es, wie die Leute wirklich gelebt haben, das Aufatmen nach dem 2.Weltkrieg und dem Nazi-Terror. Ich hatte Sachen entdeckt, die oft weggedrängt wurden: die Lebensfreude, das Glück, den Terror überlebt zu haben. Das wollte ich in diesem Roman beschreiben.

Dann hat Sie ein Dämon eingeholt. Mit dem Buch „Mein Dämon ist ein Stubenhocker“ (Zabert Sandmann Verlag) schreiben Sie sich von der Seele, dass eine schleichende Krankheit in Ihrem Körper nicht aufzuhalten ist, und Sie mit der Krankheit MS (Multiple Sklerose) leben werden.
Sie verzichten auf Sentimentalität. Würden Sie diese Offenbarung über Ihr Leben heute anders schreiben?

Ja, ganz bestimmt. Das Buch ist ein trotziges, jugendliches Buch und entspricht eher dem Gefühlstand eines Menschen, der die Krankheit wie ein großes Abenteuer wahrnimmt. Und was sie wirklich an Zermürbung bedeutet, das erlebt man erst nach ein paar Jahren. So wie bei mir. Wenn sich die Krankheit in den Alltag mit all seinen Behinderungen einbrennt, dann spürt man erst, wie heimtückisch und zermürbend diese Krankheit sein kann.

Gelassen gingen Sie „Als lahme Ente“ (Malik Verlag) einen ganzen Monat lang auf Erkundungstour durch die Metropole New York. Wir Leser begleiten Sie mit Schmunzeln. Wer will, kann sich daraus einen eigenen Reiseführer gestalten. Warum wohnten Sie im Kolpinghaus?
Das Kolpinghaus war eine Empfehlung, es ist ein schönes Haus in Manhattan und war bezahlbar für mich. Diese Unterkunft war ein guter Ausgangspunkt für meine Touren.

Und dann kam „Da machst’ was mit“ (Malik Verlag). Bei diesem Ausruf waren Sie längst aus den USA zurück und zogen ein Jahr lang durch Bayern. Daraus entstand das Buch „Da machst’ was mit. Mein Jahr in Bayern.“ Großartig. Man nennt Sie einen Geschichtenfänger aus Leidenschaft, und ist Heimatkunde Bayern mal anders. Aber es zog Sie wieder in die Stadt zurück?

Eigentlich habe ich die Stadt mental nie verlassen. Ich bin ein Stadtmensch und habe mich immer als Münchner wahrgenommen. Doch kenne ich dieses Land Bayern, in dem ich lebe? Das wollte ich wissen, und Ausflüge in die letzten Winkel Bayerns zu machen, hat mir sehr gut getan. „Da machst’ was mit“ ist der Ausspruch von Pumuckl aus der beliebten Kindersendung „Meister Eder und sein Pumuckl“. Das ist einer meiner Lieblingssprüche, und so habe ich Bayern auch wahrgenommen.

Sie haben ein wunderschönes Gedicht von Reiner Maria Rilke in Ihrem Buch „Mein Schutzengel ist ein Anfänger“ vorn angestellt. So versöhnlich. Was für eine Beziehung hat sich zu Ihrem Schutzengel entwickelt?

Das war sehr spannend. meine Beziehung zu dem Schutzengel, dem ich sehr viel verdanke. Am Anfang war wohl mein Schutzengel skeptisch seinem neuen Schützling gegenüber, dann entwickelte sich doch eine Kameradschaft. Mein Schutzengel hat es angenommen, dass ich bestimmte Sachen machen und tun werde, die vielleicht gefährlich oder abenteuerlich sind, ich mich aber von ihnen nicht abhalten lasse.

Das ist ein toller Schutzengel.

Ja, das ist er. Ich komme gut mit ihm klar.

Herr Dorner, letztes Jahr wurde von Ihnen ein Buch veröffentlicht „Einsam, na und?“ (btb Verlag). Das überrascht, haben Sie uns Lesern doch bewiesen, dass Sie es überhaupt nicht sind. Sie sind zwar körperlich durch die MS Krankheit eingeschränkt, aber nicht Ihre Kreativität und Neugierde.
In 22 Kapiteln tragen Sie Beobachtungen über verschiedene Einsamkeiten zusammen. Beeindruckend wie Sie diese literarisch rüberbringen und unterhaltsam dazu. Sie sagen: Die Einsamen gehen nicht in der Stille unter, sondern im Lärm. Hat sich etwas in Ihrer Einstellung verändert?

Ich hatte vorher das Buch „Über Scham und Peinlichkeit“ geschrieben. Das war für mich das härteste Buch. Aus dem Nachdenken über Scham und Peinlichkeit ist das Nachdenken über Einsamkeit entstanden. Einsamkeit ist mit Scham ein so ummanteltes Thema, dass es wohl eines der letzten großen Tabuthemen ist.
Über Einsamkeit spricht man nicht, diese sich auch schwer zugesteht. Um nicht in Gefahr zu kommen, einsam zu werden, wird viel unternommen. Die Einsamkeit ist heute weniger mit Alleinsein verbunden, als dauernd verbunden zu sein mit Handy, Internet usw. Trotzdem ist dieses Gefühl der Einsamkeit genauso da. Es ist ein Irrglaube zu meinen, dass die Einsamkeit sich zurückzieht, wenn man nur immer in Verbindung ist. Ich habe den Übergang in diese neue Zeit versucht zu beschreiben, dass wir, wenn wir auch eigentlich dauernd verbunden sind, trotzdem weiter einsam sein werden. Sich dem zu stellen, ist in Zukunft genauso wichtig.

Es ist schwierig, mit Gefühlszuständen zu leben, da ist es gut, wenn man sie in Worte packen und zu Papier bringen kann. Was haben Sie weiteres vor?

Jetzt schreibe ich gerade an einen Liebesroman, den ich schon vor drei Jahren angefangen habe und Ende August beenden werde. Es war gut, dass ich zwei Jahre Pause hatte, denn mit dem Schluss war ich nicht so glücklich. Seit geraumer Zeit weiss ich, wie der Roman ausgehen wird, und man kann es so oder so verstehen. Ich hoffe, dass jeder Leser das Ende so liest, wie er es will, und das ist ok so.

Durch Ihre Bücher erfährt der Leser einiges über Sie, Sie sind auch Schauspieler und singen. Das Theaterstück „Suzie Diamonds & Käptn Wheelchair, sowie Schines, retten die Nacht“ ist eine humorvolle Comedy über das Leben als Frau, Ausländer und Behinderter. Fabelhaft wie Sie und die Schauspieler die Rollen tauschen und bewegende Dialoge hinlegen. Haben Sie das Stück allein geschrieben?
Wir haben das Stück zusammen geschrieben. Wir sind ja zu dritt auf der Bühne, und jeder hat so seine Qualitäten eingebracht. Es ist ein Werk von uns Dreien.

Sie inszenieren auch Opern. Was reizt Sie daran?

Ich liebe die Oper. Mein erster Film hieß auch: „Eine Liebeserklärung an die Oper“. Es hat mich dann auch sehr gefreut, dass ich 2009 für die Pasinger Fabrik eine Oper inszenieren durfte. Zurzeit schreibe ich an einem Libretto für eine Oper, die nächstes Jahr im Sommer in Augsburg uraufgeführt wird. Ich arbeite eng mit dem Komponisten zusammen und bin somit dem Genre Oper weiterhin sehr verbunden.

Und wie setzen Sie die Prioritäten bei so viel kreativem Schaffen?

Eigentlich sind es die Termine, die die Prioritäten setzen.

Literaturabende zu moderieren ist wohl auch eine Leidenschaft von Ihnen. Wie oft machen Sie das?
Ehrlich gesagt weniger, seitdem ich nicht mehr bei einem Verlag arbeite. Seit anderthalb Jahren arbeite ich jetzt bei der Stadt München, und mit der Theatershow habe ich auch sehr viel zu tun, deswegen bin ich der Literwelt etwas abhanden gekommen.

Herr Dorner, im Kulturreferat der Stadt München haben Sie eine beratende Funktion. Was passiert dort?
Da passiert mehr als nur das Beraten. Ich bin dort angestellt und arbeite für den neuen Bereich Kunst und Inklusion. Es geht um die Förderung von Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung, aber zum anderen auch, wie man das Thema Einschränkungen in der Kunst und in allen Sparten sichtbar machen kann. Ich hatte dazu mal eine Veranstaltungsreihe gemacht: Was wäre wenn..., wo sich Autoren der Frage gestellt haben, was wäre wenn ich eine Behinderung hätte. Mit dem Publikum wurde diskutiert, wie Betroffene das empfinden.

Werden Sie zu Gesundheitssendungen eingeladen?

Das kommt schon vor, doch ich sage immer, dass ich nicht als Betroffener auftrete, sondern als Autor. Als Autor, der sich mit dem Thema Krankheit, Behinderung, Trost usw. auseinander gesetzt hat, aber nicht als Patient.

Sie sind auch auf TED Konferenzen eingeladen. Was ist TED?
Ideas Worth Spreading. Diese Idee kommt aus Amerika, wo Menschen 20 Minuten über ihr Lebensthema sprechen. Ich war zur der ersten TED Konferenz hier in München im Residenztheater eingeladen und habe über das Thema Einsamkeit gesprochen.

Wenn man in die Auflistung Ihrer Bücher guckt, stößt man auf einen Gedichtband. Schreiben Sie noch Gedichte?
Eigentlich nicht mehr. Als Jugendlicher habe ich sehr intensiv Gedichte geschrieben. In der Phase, so 2004, 2005, 2006 ist aus den Gedichten ein Kunstprojekt entstanden.
Es wird in diesem Band viel darüber gesprochen, warum dieser Gedichtband entsteht. Präsentation und Lesung waren auch ein Teil dieses Kunstprojekts.

Welchen kreativen Wunsch möchten Sie sich erfüllen?
Diese Frage würde ich wohl alle paar Wochen anders beantworten. Es kommen immer wieder neue Ideen. Momentan ist der kreative Wunsch der, weitere Romane zu schreiben.

Herr Dorner, wir Benutzer der Stadtbibliotheken München freuen uns auf weitere Romane, auf Streifzüge und Reisen mit Ihnen, und würden gerne wieder die Sendung: „Lyrik nach Wunsch“ im Radio Bayern 2 hören. Wir danken für das Gespräch.

©Steffi.M.Black 2016 (Text)
©Christine Schneider (Bild)