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Gespräche



 29.03.2016 - Thomas Grasberger - Journalist u. Buchautor 



Thomas Grasberger

Lebensgefühl Bayern mit fünf Buchstaben.
Thomas Grasberger ist Journalist und Buchautor. "Mich hat schon immer die Geschichte vor der Haustür interessiert, das Leben der sogenannten kleinen Leute".
Der Journalist und Schriftsteller Thomas Grasberger beschäftigt sich viel mit bayerischer Kulturgeschichte, Lust und Leidenschaft in Bayern. Nacheinander sind die Bücher "Grant", "Stenz" und "Flins" erschienen.

Herr Grasberger, jetzt ist das Buch „Flins. Das Geld des Südens“ als letzter Band Ihrer bayerischen Trilogie im Kösel bzw. Diederichs Verlag erschienen. Sie spüren sozusagen dem Homo oeconomicus bavaricus nach, und mit spannenden Kurzgeschichten bringen Sie detailreiche Einblicke in die bayerische Lokalgeschichte an die Oberfläche.
Ja, aber nicht nur Lokalgeschichten. Es geht von der hohen Politik bis runter in die Niederungen des bäuerlichen und proletarischen Lebens. Mir ist es wichtig, dem Wesen des Bayern nachzuspüren, in all seinen Facetten.
Der GRANT ist da sozusagen die philosophische Seite des Bayern, der STENZ beschreibt Liebe, Lust und Leidenschaft, und der FLINS die Wirtschaft und die soziale Seite der bayerischen Geschichte. Es gibt da ein schönes Zitat von dem italienischen Philosophen Benedetto Croce (1866-1952): „Der Charakter eines Volkes ist seine Geschichte, seine ganze Geschichte“. In diesem Sinn reizen mich alle Geschichten aus der bayerischen Geschichte, auch die der einfachen Leute – das erfüllt das Ganze nämlich mit Leben.

Trotz kritischem Blick auf die „bairische Alltagsphilosophie“ sind die Bücher ein Lesevergnügen. Gibt es Momente, in denen Sie lieber nicht mit der bayerischen Alltagsphilosophie konfrontiert sein möchten?
Manchmal. Wenn Leute zum Beispiel ihr Bayerntum wie eine Monstranz vor sich hertragen: dieser ganze „Welcome dahoam“-Schmäh zum Beispiel! Oder auch wenn der bayerische Grant bösartig und menschenverachtend wird.

Ihre Trilogie geht der bayerischen Grundmentalität nach, und Sie machen uns Leser auf feine Unterschiede aufmerksam. Die Trilogie ist sehr lehrreich. Wann sind Sie auf die Idee gekommen, diese Geschichten über den bayerischen Grant, den Stenz und über den Flins zu sammeln und nach diesen Themen zu sortieren?
Mich haben diese Themen schon immer interessiert, seit der Schulzeit und dem Studium. Später hab ich Radiosendungen und Zeitungsberichte darüber geschrieben. In Buchform ging es 2001 mit der Gebrauchsanweisung für München los. Und 2011 dann mit dem GRANT.

„Flins. Das Geld des Südens“ ist das dritte Buch aus der Serie. Sehr unterhaltsam sind die Geldgeschichten aus der bayerischen Geschichte, von der heiligen Corona über Geiz und Gier bis hin zum Größenwahn. Flins und Zins im Freistaat Bayern. Manches Klischee wird aufgelöst oder bestätigt. Haben sich Ihre bayerischen Landsleute darüber bei Ihnen beklagt?
Überhaupt nicht. Selbst bei den teilweise regional schwer Gescholtenen gab es bei Lesungen keine Einwände. Im Gegenteil. Der Bayer freut sich, wenn man ihm den Spiegel vorhält. Er mag es, wenn er sich selber sieht.

Das zweite Buch „Stenz. Die Lust des Südens“ erinnert uns Leser zuerst an den unvergessenen „Monaco Franze“, gespielt von Helmut Fischer, doch wie dieses Buch aufklärt, war er nicht der einzige Stenz in der bayerischen Geschichte. Ich bin überrascht, wie viele Kategorien es gibt. Der urbane Stenz, der Sakral-Stenz, der Stenz im digitalen Zeitalter u.v.m. Der Stenz-Ratgeber im Buch ist so grandios herrlich, dass unsichere Stenze ihn unbedingt beherzigen sollten. Wo haben Sie all dies ausgegraben?
Die Geschichten speisen sich aus ganz unterschiedlichen Quellen. Der Regisseur Helmut Dietl hat ja mit Monaco Franze eine wunderbare, fast schon legendäre und überlebensgroße Stenz-Figur geschaffen. Aber ich war mir sicher, dass es da auch noch viele andere Beispiele und Spielarten vom Stenz gibt. Ich fand sie in der Literatur, in der Kulturgeschichte, oder bei den Kurfürsten, Herzögen und Königen Bayerns. Schon im bairischen Stammesrecht des Frühmittelalters, in der Lex Baiuvariorum sind Strafen und Verbote formuliert, aus denen sich allerlei zum Thema herauslesen lässt. Auch im Münchner Staatsarchiv liegt sehr viel Material, zu Gerichtsprozessen und polizeilichen Ermittlungen. Das Leben selbst schreibt halt immer die besten Geschichten, auch heute noch. Man braucht sich ja nur mal in ein Straßencafe zu setzen, und den Leuten zu zu hören und zu zu schauen.

Wie geht es Ihnen damit, waren Sie mal Stenz und werden jetzt zum Grantler?

(lacht) Ich glaube, einen Mann, der von sich selbst behauptet, ein Stenz zu sein, den würde ich nicht ernst nehmen. Deshalb werde ich auf den ersten Teil Ihrer Frage ganz entschieden mit Nein antworten. STENZ ist kein autobiografisches Buch. Das ist auch nicht zwingend erforderlich. Man muss ja schließlich keinen Husten haben, um ein guter Doktor zu sein. Und was den Grant angeht, den Pessimismus als Stadium der Reife, den fand ich immer schon gut. Wenn er wohldosiert und nicht bösartig ist, sondern eher augenzwinkernd daherkommt.

Bei Ihrem ersten Buch „Grant“ wird in einer Rezension erwähnt, dass der Untertitel des Buches:„Blues des Südens" treffend ist als Ausdruck für dieses herzliche Leiden an der Welt, das mit einer humorvollen Hoffnung verbunden ist: „wenn alle Stricke reißen, häng’ ich mich auf“. Das ist so makaber, aber das können wohl nur Preußen wie ich empfinden, oder?

Nein, Sie haben völlig recht, das ist schon makaber. Aber das berühmte Zitat von Johann Nestroy steht im Kapitel über den „Grantler als Misanthrop“. So einen Fundamental-Grantler kann man – wenn überhaupt – nur mit schwarzem Humor kurieren. Und diesen Humor gibt es nicht nur in Wien, sondern gelegentlich auch in Bayern.

Herr Grasberger, neben all diesen literarischen, gedruckten Streifzügen kann man Sie auch im Radio auf Bayern 2 hören. Als Rundfunkjournalist wenden Sie sich bayerischen Themen zu. Sind Sie eigentlich auch weiter in Sachen Umwelt aktiv? Sie hatten sich um 2000 herum gegen den Mobilfunk engagiert, den Sie als „Freilandversuch am Menschen“ bezeichneten.

Ja, so lautet der Untertitel unseres Sachbuches, das sich kritisch mit dem Ausbau des Mobilfunks auseinandersetzt. Das Thema ist natürlich für uns alle weiterhin relevant, aber der Zug ist längst abgefahren. Mal schaun, wohin die Reise geht. Rein politische Themen sind manchmal schon sehr ernüchternd.

Und was ist mit der „Gebrauchsanweisung für München“?(Beim Piper Verlag ein Handbuch für den richtigen Umgang mit der Isar-Stadt).
Das Buch erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit. 2001 ist es auf den Markt gekommen, 2012 dann eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Ich aktualisiere es immer wieder. Mittlerweile sind wir in der 12. Auflage.

Das ist ja ein Dauerbrenner!

Absolut. Ich freue mich sehr darüber. Toll ist auch immer wieder das Feedback von neu Zugezogenen.

Sie haben auch an einem anderen interessanten Buch mitgeschrieben:
„Revolution in München 1800-1848-1918-1933-1968“

Ja, ich hab den Teil über die Revolution 1918/19 geschrieben. Bayern – sagt man – tut sich schwer mit Revolutionen. Doch wenn man genauer hinschaut, gibt es zahlreiche Formen von Renitenzen und Widerständigkeiten. Bis hin zum Bauernaufstand und zur Revolution. Solche Themen haben mich immer schon sehr interessiert.

Dann gibt es noch das Buch: „Nachgefragt: Deutsche Literatur“. Wer fragt nach?

Das ist ein Buch in einer Reihe für Jugendliche. Der Versuch, eine kleine Literaturgeschichte zu schreiben, in der für jedes Kapitel nur etwa 1.600 Zeichen zur Verfügung stehen. Kurz und bündig und unterhaltsam wird auf jeweils einer Seite erklärt: Was ist ein Roman? Was ist eine Metapher? Und so weiter. „Basiswissen zum Mitreden“, lautet der Untertitel. Es ist für Schüler und Jugendliche gedacht, aber auch Erwachsene haben mir bestätigt, dass sie es mit Gewinn gelesen haben.

Was bedeuten Ihnen persönlich Bücher?

Ich liebe Bücher. Nicht nur wegen der Inhalte, sondern auch haptisch. Das Buch ist ein genialer Gegenstand. Und ich freu mich immer sehr, wenn ich zum Beispiel in der U-Bahn Menschen sehe, die so einen Gegenstand in der Hand halten. Wenn es mir gelingt, mit meinen eigenen Büchern diese Liebe zum Buch ein wenig zu befördern, dann bin ich schon sehr zufrieden.

Herr Grasberger, wir Leserinnen und Leser der Münchner Stadtbibliotheken freuen uns, den Widrigkeiten des bayerischen Alltags mit Ihrem humorvollen und augenzwinkernden Seitenblick zu begegnen. Überraschen Sie uns mit weiteren Entdeckungen. Wir danken für das Gespräch!


©Steffi.M.Black 2016(Text)
©Robert Haas(Bild)