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Gespräche



 30.08.2015 - Eva Gesine Baur - Schriftstellerin  



Dr. Eva Gesine Baur

Eva Gesine Baur ist als promovierte Kulturhistorikerin Autorin zahlreicher Sachbücher zu psychologischen und kultur-historischen Themen, von Biographien über Musiker (Mozart und Chopin), aber auch über vergessene Exoten wie den Theatermann Schikaneder, eine Dichtergattin wie Charlotte Schiller oder den Koch Eckart Witzigmann. Früher hat sie sich zudem gastrosophischen Themen gewidmet. Seit 2000 schreibt sie unter dem Pseudonym Lea Singer Romane, teilweise mit historischem Hintergrund.

Wir freuen uns, Frau Baur, dass wir mit Ihnen auch Lea Singer antreffen dürfen. Das ist Klasse, denn gleich mit zwei Autorinnen in einer Person im Gespräch zu sein, kommt nicht oft vor. Wen darf ich zuerst fragen?


Wen Sie möchten.

Gut, fangen wir mit beiden an. Eva Gesine Baur, Sie bekennen sich zu ihrem Pseudonym. Viele Autoren verheimlichen das. Wann wurde entdeckt, dass Sie Lea Singer sind?
Das wurde nicht entdeckt. Ich habe es selbst aufgedeckt, weil die DAV, mein damaliger belletristischer Verlag, mich dazu drängte. Bei meinem ersten Roman „ Die Zunge“ hatten die Rezensenten gerätselt, wer hinter dem Namen Lea Singer steckt. Manche hatten wilde Mutmaßungen geäußert, manche detektivische Forschungen angestellt, aber vergebens.

Ist doch aber interessant, geheimnisvoll zu sein?

Das Geheimnisvolle war mir nicht wichtig, nur die Ungeschorenheit, in der ich dadurch schreiben konnte. Ich wollte eine Arbeit leisten, vor der ich großen Respekt hatte. Ich wusste nicht, ob ich das überhaupt bewältige. Daher erschien es mir sinnvoll, erst einmal im Versteck zu bleiben. Ginge es nach mir: Ich wäre dort immer noch.

Frau Baur, wer tat sich schwerer: Lea Singer mit der belletristischen Biographie über Constanze Mozart („Das nackte Leben“ /DVA 2005) oder Eva Gesine Baur mit der sachlichen Biographie „Mozart, Genius und Eros“/ C.H. Beck 2014)? Durch den Roman war ich in der Welt von Mozart in gewisser Weise heimisch, in den historischen Räumen, in den Kleidergewohnheiten und den Gerüchen, auf Theaterbühnen, Landstraßen und Hintertreppen, in den Wirtshäusern, Poststationen und Ballsälen.
Aber trotzdem ist es ein derartig waghalsiges Unterfangen, eine Mozart-Biographie zu schreiben, dass einem beim Schreiben schwindelig wird. Es ist, als würde man morgens wach und stellte fest, dass man auf dem Fenstersims eines Hochhauses im 30-igsten Stockwerk steht. Die Literatur ist unermesslich. Ich hatte alle wesentlichen Biographien über Mozart längst gelesen, die sollte man als Biograph zur Seite gelegt haben, auch sehr viel Spezialliteratur über Aufführungspraxis oder Mozarts Krankheitsgeschichte war schon verdaut. Trotzdem habe ich aktuell dann sicher noch einmal um die 30.000 Seiten konsumiert. Im Sektor Mozart gibt es Forscher, die sich auf die kleinsten Fachgebiete spezialisiert haben, auf die Tinten der Autographe, auf die Notenpapiere, die er verwendet hat, auf den Bau der Klaviere, die er spielte, auf die Mietpreise seiner Wohnungen. All das zu lesen ergibt Sinn, weil das Detail den Blick aufs Große schärft. Nur: ich wollte ja nicht einen neuen Aufsatz über Mozart schreiben, sondern eine Biographie, die lesbar und spannend sein sollte. Da braucht es vor allem den Mut, zu scheitern. Und sehr viel Freude am Stoff. Nur die kann einen durch diese Schinderei tragen.

Es ist ein großartiges Buch! Aber man ahnt, wie viel Arbeit dahinter steckt. Was haben Sie getan, um das ohne jeden Assistenten, ohne einen universitären Apparat im Kreuz als Ein-Frau-Unternehmen zu schaffen?
Klingt vielleicht unsympathisch, aber was die Arbeit angeht, bin ich ein Soldat. Meistens stehe ich früh auf und genieße diese stille Zeit, noch bevor Vögel zu zwitschern anfangen. Manchmal kriege ich da auch etwas geschenkt. Als ich an dem Mozart-Buch schrieb, hockte ich einmal schon morgens um halb fünf am Schreibtisch und suchte in den Mozartbriefen eine Stelle heraus, die ich zitieren wollte. Ich schlug die Seite auf und las, wie Mozart seiner Frau Constanze, die damals auf Kur in Baden-Baden war, vermeldete: „ heute bin ich schon um halb fünf aufgestanden“.

Mit musikhistorischen Themen bringen Sie uns Lesern Musik und große Musiker näher. Wie gelingt es Ihnen, dass in Ihren Musiker-Büchern so viel Leidenschaft rüberkommt?
Die Leidenschaft ist da, man muss sie nur finden. In der Musik spricht sie für sich, da braucht es mich nicht, da bedarf es keiner Worte. Was mich interessiert, ist die Leidenschaft des Künstlers spürbar zu machen, indem ich zeige, wie ihn seine Mitmenschen erlebten. Kritiken, oft wüste Verrisse, Briefe, Tagebuchnotizen, Autobiographien, Reiseberichte oder andere Schilderungen der Zeitgenossen sind Fundgruben. Drastisch und plastisch haben sie Mozarts Rastlosigkeit beschrieben. Dass er immer und auf allem Klavier spielte, auf Tellern, Taschen oder Tischplatten, dass er ständig im Raum auf und ab ging, völlig geistesabwesend schien und über dem Improvisieren am Klavier vergaß, dass neben dran die Suppe und der Braten kalt wurden. Das macht ohne jeden Kommentar deutlich, welche Passion im doppelten Wortsinn für Mozart die Musik war. Anders lässt sich auch gar nicht nachvollziehen, wie er in seiner kurzen Lebenszeit ein so unfassbares Pensum bewältigt hat. Dazu war aber auch Disziplin nötig – Mozarts Tag war durchgetaktet – und die Kunst, sich nicht ständig ablenken zu lassen. Wir leben in einer Ablenkungsmaschinerie, der die wenigsten entkommen.

Wie erging es Lea Singer, als sie das Buch über Alexandre Grimod de la Reynière „Die Zunge“ geschrieben hat, der keine glückliche Kindheit hatte? Als verstoßenes Kind hat er aber seinen Weg gemacht, und sich als Feinschmecker und Theaterkritiker um 1800 in der Gesellschaft durchgesetzt. Die makabren Inszenierungen der Französischen Revolution hinterlassen bei uns Lesern ja einen schalen Beigeschmack, tun aber dem Lesen dieses grandiosen Romans keinen Abbruch.
Es war, wie bei allen meiner Romane, ein intensives Durchleben und Durchleiden dieser Welten, so dass ich hinterdrein gar nicht im Stande war, sie sofort wieder zu verlassen. Darin liegt für mich der Unterschied zwischen Sachbuch- und Romanschreiben. Beim Sachbuch befinde ich mich in einer emotionalen Distanz. Ich will und muss zurück treten, kann die Ereignisse und Schicksale von außen betrachten. Der Roman, auch wenn ich ihn sachbuchartig recherchiere, packt mich an der Seele. Ich werde als Mensch ins Geschehen hineingerissen, und deswegen entlässt es mich auch lange nicht. Beim Roman träume ich nachts weiter von meinen Protagonisten, beim Sachbuch nicht. Nach einem Sachbuch habe ich durch Lesen und Forschen dazugelernt, bin aber dieselbe. Nach einem Roman bin ich irgendwie eine andere.
Als ich die Geschichte von Alexandre Grimod de La Reynière fertig geschrieben hatte, war etwas in mir stärker geworden: der Mut zu Ausdauer. Deswegen laufe ich jeden Tag meine fünf Kilometer, 365 Tage im Jahr.

Frau Baur, Sie haben eine Kochausbildung. Hat Sie dieses dazu inspiriert, nachzudenken über die poetische Seite der leiblichen Genüsse? Sie haben ja auch bei dtv eine Anthologie mit dem Titel „Essen und Trinken mit Poesie“ herausgeben.
Das war nicht meine Idee, sondern die des Verlegers Wolfgang Balk. Er wusste, dass ich seit Jahren Gedichte über Essen und Trinken gesammelt hatte. Das Problem war nur: ich hatte zu viel gesammelt, es hätte für zehn Bände gereicht. Beim Ausdünnen sagte die Lektorin Maria Schedl-Jokl als praktische Köchin: „Es hilft, wenn wir ans Geld denken. Die lebenden Dichter kosten alle. Lebt denn dieser Ferri von Prien noch?“ Von dem hatten wir zwischen Schiller und Tucholsky zwei „Limericks mit Hicks“ eingerückt. Ich sagte ja. Aber den könne ich vielleicht kontaktieren und überreden, die Gedichte unentgeltlich freizugeben. Dann ließ ich eine Woche verstreichen und sagte: „Maria, er macht mit.“ Erst später habe ich ihr verraten, dass der ominöse Dichter mit mir verheiratet ist und diese Limericks sein lyrisches Gesamtwerk darstellen.

Früher haben Sie auch Kunstreisebücher und gastrosophische Bücher verfasst. Warum nicht mehr?
Ich bin so dusselig, mich gerne zu verändern.

Wie bringen Sie es nur fertig, so viele spannende Persönlichkeiten gleichzeitig in einer Geschichte fesselnd aufleben zu lassen. In dem Buch „Vier Farben der Treue“ treffen wir Schriftsteller, Künstler und Theaterleute, die wir Nachkriegskinder im Schulunterricht kennengelernt haben. Jeder dieser Protagonisten hat seine eigene Biographie, kommt man da schon mal durcheinander wer zu wem gehört?
Bei unseren Freunden und Verwandten können wir uns das doch auch merken und für mich werden die Gestalten ja Freunde und Verwandte. Je näher man ihnen kommt, desto leichter prägt sich ihre Vita ein.
Anlass für den Roman war ein privates Gipfeltreffen von großen Stars im Sommer 1935 auf Schloss Leopoldskron bei Salzburg, das in genau dieser Besetzung wirklich stattgefunden hat. Wie die Beteiligten ineinander verhakt waren, wer da mit dem schon mal etwas gehabt hatte, wer wen begehrte und wen hinterging, das sind Tatsachen. Ich bin einfach der Poesie des Faktischen erlegen. Mich hat es fasziniert, dass sie alle ahnten, wie bedroht ihr Glück war, denn die meisten Gäste waren Juden. Und bei den Salzburger Festspielen hörte man 1935, drei Jahre vor dem sogenannten Anschluss, bereits Hitler atmen. Sie waren sich ihrer Gefährdung bewusst, aber das hat sie offenbar nicht am erotischen Intrigenspiel, an Schlüpfrigkeiten, Sticheleien und spöttischem Geplänkel gehindert. Dadurch bekam die konkrete historische Situation etwas von einer makabren Komödie. Ich musste sie nur noch aufschreiben. Und wer sie liest, erlebt an ein paar Sommertagen Geschichte konzentriert, parfümiert mit menschlichen Schwächen und Sehnsüchten.

Wir erleben in „Vier Farben der Treue“, wie sich die Crème de la Crème der Künstlerwelt mit dem Begriff Treue beschäftigt. Die Treue zu sich selbst, zu einem andern, zu einer Überzeugung und um dieses „Meine Ehre heißt Treue“, wie es auf der Koppel der SS stand. Und natürlich geht es vor allem um das Gegenteil von Treue, um Betrug und Verrat, im Bett wie in der Weltpolitik. Die Gäste versuchen jedoch krampfhaft, nicht über ihre unsichere Zukunft zu reden. Sind Sie das Thema gezielt als Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus angegangen?
Nein, das wäre vermessen und voll daneben. Nur die Historiker können das leisten. Mich reizte, durch die Beschreibung dieser Sommertage ganz ohne Theorie und Gelehrsamkeit jeden spüren zu lassen, wie groß das Bedürfnis war, die Gefahr zu verdrängen. Ein großer Zionist und Warner unter den Gästen wurde überhört. Eigentlich hätten sie alle schleunigst die Koffer packen sollen. Aber sie glaubten, das Ganze werde wie ein Spuk vorüber ziehen. Das schreibend mitzuerleben, hat mich bewegt.

Mit wem haben Sie am meisten gelitten?

Ich habe mit allen gelitten, gerade mit denjenigen, die einem vom Glück verwöhnt scheinen wie Eleonora von Mendelssohn. Schön, reich, gebildet und begabt. Es deutet sich bereits an, wie sie enden wird: als ein früh zerstörter, hoffnungslos einsamer Mensch. Viele der Sommergäste auf Leopoldskron sind früh aus dem Leben geschieden. Zerbrochen an dem Gefühl in der Fremde sich selbst fremd zu sein. Für die meisten war das Exil ein mörderisches Schicksal. Das Exil ist kein Land, in das man einreist, kein Ort der Sicherheit. Das Exil ist ein Niemandsland und Heimat wurde es den wenigsten.

Vermissen Sie Literarische Salons, wie sie vom 18. Jahrhundert bis in der 20/30-iger des letzten Jahrhunderts existiert haben
?
Ich vermisse sie, wenn ich aus Versehen in eine dieser sogenannten Salons gerate, wo vermögende Gesellschaftsdamen mit großem Gedöns ihre Langweile vertreiben. Künstler als Dekoration der millionenschweren Leere. Die Salons früher waren unspektakulär, oft in Dachstuben oder Mietwohnungen im Hinterhaus untergebracht. Glänzen musste man dort nicht, bestenfalls durch Bemerkungen. Der Salon von Rahel Varnhagen in Berlin war berühmt dafür, dass man auch in geflickten Kleidern auftauchen konnte oder in Reiseklamotten mit Staub an den Stiefeln. Ich kenne solche Salons auch heute. Für einen Abend, der alle bereichert, muss man nicht reich sein.

In Ihrem Buch „Der Opernheld“, einem richtigen Roadmovie, erleben wir Leser, wie der Protagonist Moritz Redder, der italienischen Küche, den italienischen Frauen, vor allem aber der italienischen Oper rettungslos verfällt. Er liebt sie so wahnsinnig, dass er schließlich in der Psychiatrie landet. Wer so etwas schreibt muss selbst opernverrückt sein. Wo gehen Sie am liebsten in die Oper? In Mailand oder hier in München?
Das Schöne ist: ich kann ganz normal und preiswert verrückt sein, vor Ort, in Radlnähe. München hat eines der besten Opernhäuser der Welt mit Plätzen, die sich auch ein Student leisten kann. Die Akustik im dritten Rang ist erste Klasse, Kirill Petrenko eine Jahrhundertbegabung, die einen wollüstig den Verstand verlieren lässt, und Intendant Nikolaus Bachler ist ein Alleskönner, der verrückt vernünftig ist.

An welchem Ort haben Sie sich zum Ihrem Buch „Opernheld“ inspirieren lassen?
An all den Orten im Opernland Italien, wo die Oper zu sterben droht oder schon gestorben ist. Nicht etwa natürlichen Todes am Anachronismus, sondern vergiftet durch Berlusconis Politik. Die hat Italiens Kultur kontaminiert wie Atommüll. Hunderte von kleinen, zauberhaften Opernhäusern werden als Kino, Supermarkt oder Lager benutzt, manche zerfallen still vor sich hin. Daher tritt in diesem Roman auch ein Regierungschef, genannt Condottiere auf, der rein zufällig aussieht wie Berlusconi und dessen kriminelle Machenschaften einigen sehr bekannt vorkommen.

Frau Baur, die Liste Ihrer Bücher ist recht lang, zu jedem Buch könnten wir Sie etwas fragen. Wir sind aber auch neugierig, wie Sie zum Bücherschreiben gekommen sind?
Weil ich am liebsten Komponistin wäre, mir es dazu aber an Begabung fehlt. Vielleicht fehlt mir die auch beim Geschichten-Komponieren, aber da fällt es weniger auf. Außerdem hat mir das Wort Schriftsteller, als ich es mit fünf Jahren das erste Mal hörte, so gut gefallen, dass ich dachte: das würde ich gern werden. Jemand, der Schrift stellt. Das ist viel solider als Dichter, denn wer Dichter werden will, kann vorher nicht dicht gewesen sein.

Und wie arbeiten Sie? Haben Sie noch einen Zettelkasten? Wie recherchieren Sie?
Zum einen als Kellerassel: in Archiven, ob sie in Wien, Paris, Marbach, Osnabrück oder Berlin liegen. Dann als Bücherwurm: ich recherchiere mit Vorliebe in der Bayerischen Staatsbibliothek, die fast zu meinem Zweitwohnsitz geworden ist. Und dann als Wallfahrerin:
ich reise dorthin, wo die Geschichten spielen. Da haut mich der genius loci manchmal richtig um. Es raubt mir meinen Rest Verstand, zu wissen: da, wo du jetzt stehst, haben sich Goethe und Friedrich wirklich über den Mönch am Meer gefetzt. Hier hat Grimod wirklich mit seinem Schwein am Tisch gesessen. Hier hat sich Paul Wittgenstein wirklich mit seiner Schwester in die Wolle gekriegt, hier lag er auf einer Pritsche, halbverhungert. Und hier hat sich Richard Gerstl wirklich an einem Haken in der Decke aufgeknüpft und sich ein Messer in die Brust gerammt.

Hören Sie beim Arbeiten oder Schreiben auch Musik?
Nein, niemals. Musik zu hören während man arbeitet, ist so stilvoll wie Beethoven im Lift oder Rondo Veneziano zum Schnitzel.

Wie war das für Sie, Dozentin für Poetik an der Uni in Paderborn zu sein, so weit weg vom Ihrem Schreibtisch?

Da wurde ich durch die Studenten selbst wieder Studentin, denn ich habe durch ihre Fragen sicher mehr gelernt, als sie durch meine Antworten. Außerdem wurde ich zur Expertin für Männersocken. Durch das mittlere Management aus der Computerbranche, das in Paderborn unterwegs ist, lernte ich, das Gesicht schon zu wissen, wenn ich nur die Socken betrachtet hatte.

In Ihrem neuesten Roman „Anatomie der Wolken“ treffen sich der alternde J.W.Goethe und der Maler Caspar David Friedrich. Beide verehren dieselbe Frau. Verraten Sie uns, wer diese Frau ist?
Das ist eine Malerin, die damals dort und wirklich genauso gelebt hat, Luise Seidler. Ihr Leben zeigt, wie schwer es war, sich als Künstlerin durchzusetzen. Für Frauen kam damals eigentlich nur das Porträtieren oder das Kopieren in Frage, ein bisschen etwas Frommes pinseln war auch noch erlaubt. Auch wenn Luise Seidler weit weg war vom künstlerischen Niveau einer Angelika Kaufmann, Rosalba Carriera oder Elisabeth Vigée-Lebrun: auch die haben ihr Geld nur mit Porträts verdienen können. Vor allem ist Luise Seidler ein Beispiel dafür, dass Künstlerinnen opportunistisch sein mussten, um sich über Wasser zu halten. Goethe tat etwas für sie, also hielt sie zu ihm, nicht zu Friedrich, der sie fasziniert haben muss.

In diesem Buch geht es aber um die beiden Menschen Goethe und Friedrich, auch um ihre menschlichen Schwächen. Was hat Ihr Interesse an dem Nebeneinander dieser beiden Charaktere geweckt?
Wie modern beide Figuren sind. Beiden kann man heute begegnen. Die Superhirne in Silicon Valley erinnern mich stark an Goethe. Wissbegierige, blitzgescheite Typen, die alles haben, Geld, Ruhm, Macht, und am liebsten 300 Jahre alt würden. Die nicht loslassen können, trotz allen Erfolgs nach Bestätigung hungern, die älter werden, aber nicht abgeklärt, und sich durch ihre nimmermüde Neugier geistig jung und frisch halten und meinen, dass der Tod für sie nicht gilt. Viele Künstler erinnern mich an Friedrich. Kein Geld, auch wenig Aussichten, jemals an welches zu kommen, ein gutes Herz und schlechte Umgangsformen, nicht begabt in sozialen Netzwerken, von sozialunverträglicher Ehrlichkeit, Umweltschützer und Krötenretter, die mit ungeheurer Ernsthaftigkeit arbeiten, große Visionen haben, aber sich nicht verkaufen können.

„Anatomie der Wolken“ ist ein wunderbarer Titel. Wie kamen Sie darauf?
Der Titel ist eigentlich unsinnig; er drückt einen unauflösbaren Widerspruch aus. Wolken lassen sich natürlich nicht sezieren im konkreten Sinn. Aber Goethe war wie die Wetterforscher heutzutage völlig zurecht der Ansicht: wir können nur dann unsere Wetterprognosen verbessern, wenn wir mehr über die Wolken wissen. Das heißt, dieses ungreifbare Phänomen mit dem Skalpell des Verstandes zerlegen. Das musste Friedrich gotteslästerlich erscheinen, für den der Schöpfer durch die Wolken zu den Menschen sprach.
Das Thema Wolken ist heuer aktueller denn je. Da gibt es die Cloudspotter in England, die bereits als „new religion“ gefeiert werden, da gibt es die Wolkenwissenschaftler, die ein fünfeinhalb Tonnen schweres Gerät auf die Zugspitze schaffen, da gibt es die Verschwörungstheoretiker, die unser Furcht vor den Wettermachern schüren, und die Wolkengucker, die wie ich am Himmel die besten Meditationsobjekte der Vergänglichkeit entdecken.

Gustave Flaubert sagt „Die einzige Art, das Dasein zu ertragen, besteht darin, sich an der Literatur wie in einer ewigen Orgie zu berauschen“. (aus dem Vorwort zu „Frauen und ihre Bücher“ Thiele Verlag 2010). Fühlen Sie sich darin Flaubert verbunden?
Falls ich es nüchtern sein darf. Die Literatur ist für mich einfach Überlebensmittel. Wenn ich lese, vergesse ich alles um mich her. Ein kleines Buch genügt, um mich für ein paar Stunden herauszuschlagen aus Ärger, Sorgen, Ängsten. Das ist es ja auch, was Menschen suchen, die sich mit Drogen berauschen. Nur sind nach dem Rausch Ärger, Sorgen und Ängste größer. Nach dem Lesen sind sie kleiner. Literatur hilft mir, mein eigenes Leben zu relativieren. Sie schrumpft das Ego und dann kommt es durch die kleinsten Lücken ins Freie.

Frau Baur, Sie haben große Freude am Bücherschreiben und wir Leserinnen und Leser, an deren Lektüre. Wir wünschen uns viele weitere Bücher von Lea Singer und Eva Gesine Baur. Wir danken für das Gespräch.


©Steffi.M.Black 2015(Text)
©Eva Gesine Baur(Bild)