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Gespräche



 08.05.2015 - Elisabeth Tworek 



Dr. Elisabeth Tworek

Elisabeth Tworek
schreibt Kulturführer über Literaten im Alpenvorland und präsentiert junge Volksmusikanten in bayerischen Wirtshäusern. Sie verschafft uns somit Einblicke in die noch nicht vergessenen Traditionen und wacht über Münchens literarischem Gedächtnis. Frau Dr. Elisabeth Tworek leitet die Monacensia, Literaturarchiv und München-Bibliothek der Münchner Stadtbibliothek.


Frau Tworek,
Sie haben einen der schönsten Arbeitsplätze im Auftrag der Literatur und ihrer Zeitgeschichte. Seit über 20 Jahren sind Sie Leiterin der Monacensia. Das ist das kulturelle Gedächtnis der Stadt München und Bayern. Was hat sich in dieser Zeit für Sie verändert?

Der größte Schritt in die Zukunft wird sein, wenn die neukonzipierte Monacensia, ein Institut der Münchner Stadtbibliothek, im April 2016 eröffnet wird. Zu diesem Zeitpunkt wird der Normalbetrieb wieder aufgenommen. In der neuen Monacensia finden Besucher und Benutzer dann vor: Die München Bibliothek, das Literaturarchiv sowie Dauer- und Wechselausstellungen. Ganz neu ist die Wissenschaft- und Bildungssäule. Dafür sind eigens neue Räume geschaffen worden. Mit der Neueröffnung ist die neu gestaltete Monacensia im Hildebrandhaus ein wunderbares Juwel im Münchner Kultur- und Literaturleben.

Dann müssen wir Besucher wohl bei Veranstaltungen auf das Flair einer gediegenen Archivstimmung verzichten?
Der Charme bleibt. Es wird noch schöner durch den Glasanbau mit Cafe. Das Forum Atelier etwa kombiniert München-Bücher mit Kunstwerken von Adolf von Hildebrand, der dem Haus seinem Namen und Charakter gegeben hat. Mit einer ausfahrbaren Bühne ist dieser Veranstaltungsraum flexibel nutzbar. Auch ist dann Platz für 220 Besucher.

Die Monacensia wird umgestaltet und passt sich der Zeit an. Was noch charmant mit Atmosphäre und Flair verbunden war, mit Karteikästen und Archivlampen, wird nun durch Digitales ersetzt. Wie wird Ihre Arbeit aussehen?
Meine Arbeit ändert sich derzeit unabhängig von der Neueröffnung grundsätzlich, da die literarischen Nachlässe, die künftig ins Haus kommen, schon auf einer Festplatte gespeichert sind.

Das müssen Sie uns Lesern erklären

Nun, unsere Zeit wandelt sich rasch. Die Schriftsteller, die jetzt ihre Nachlässe abgeben, haben schon mindestens 20 Jahre nur auf dem Computer geschrieben. Handschriftliches und auf der Schreibmaschine Entstandenes von Autoren wird immer weniger. Die Monacensia im Hildebrandhaus macht seit einigen Jahren mit dem gesamten Bestand den Schritt in die digitale Zukunft.

Was passiert mit den alten Handschriften Beständen?
Die Altbestände, das heißt die Bestände ab 1890, wurden in der Datenbank Kalliope erfasst; diese Daten sind über Internet jederzeit abrufbar. Autographen, also Handschriftliches, oder Typoskripte, also Maschinenschriftliches, werden darüber hinaus dem Betrachter in Ausstellungen präsentiert. Dazu gibt es Führungen oder Seminare. Unser Fokus bei den Dauerausstellungen liegt auf dreidimensionalen Gegenständen von Schriftstellern, die eine Geschichte erzählen. Zum Beispiel wird der New Yorker Schreibtisch von Oskar Maria Graf auf Dauer präsentiert.

Mit wem oder mit welchen Institutionen arbeitet die Monacensia zusammen?
Am engsten sind wir mit der Universität München verbunden. Im Rahmen des Literaturportal Bayern haben wir auch eine enge Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek. Außerdem kooperieren wir mit literarischen und kulturellen Institutionen wie etwa mit dem Lyrik-Kabinett oder mit dem Deutschen Theatermuseum, sowie mit Bildungseinrichtungen wie der Münchner Volkshochschule und dem NS-Dokumentationszentrum.

Frau Tworek, nebenbei sind Sie auch für uns Leser durch das Voralpenland gewandert. Welchen Spuren sind Sie gefolgt?

Am liebsten folge ich der Spur von Ödön von Horváth. Er kam als Ausländer damals in ein überschaubares und traditionsbewusstes Murnau und erkannte sehr feinfühlig die Zeitströmungen und Verhaltensweisen, die den Nationalsozialismus begünstigten. Im Schlossmuseum Murnau gibt es eine Dauerausstellung zu Ödön von Horvath, die sehr gut sichtbar macht, wie gewisse Stränge der Zwanziger Jahre in den Nationalsozialismus führten. Ich folge aber auch sehr gerne den Spuren von Franziska zu Reventlow. Sie war sehr gerne im Voralpenland. Weitere Lieblingsspuren führen mich auch ins Isartal zu den Schriftstellern, die sich mit der Liebe beschäftigten. Berühmt ist Rainer Maria Rilke, der in Lou Andreas-Salomé verliebt war, oder D.H. Lawrence, der mit Frieda von Richthofen verheiratet war.

Im Suhrkamp Verlag wurde ein Buch von Ihnen über Ödön von Horváth herausgebracht, das ich persönlich auch heute noch als Pflichtlektüre an den Schulen wünschen würde. Was hat Sie dazu bewegt, sich für den Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth zu interessieren?

Mir liegt sehr viel daran, dass Jugendliche wissen, wie ihre Altersgenossen in der Nazizeit für eine Ideologie missbraucht wurden. In Murnau gibt es Spuren zu Christoph Probst, den Widerstandkämpfer der Weißen Rose; er ist in Murnau geboren. Verbindungen zwischen Ödön von Horvath und der Familie Probst liefen über das Wohnhaus der Malerin Gabriele Münter. In diese Geschichte einzutauchen ist ein hochspannendes und komplexes Thema. Ich halte es für ganz wichtig, dass Jugendliche sehr gut über die jüngste Vergangenheit Deutschlands Bescheid wissen.

Frau Tworek, Sie sind sonst auch „grad aus“. Klasse, dass Sie auch in Wirtshäuser gegangen sind und der Musik gelauscht haben. In Ihrem Buch „grad aus – Musik und Literatur im Wirtshaus“ das im Allitera Verlag erschienen ist, sind auch zu den Texten hübsche Fotos von Musikern und Sängern bei der Arbeit. Das Zitat von Lion Feuchtwanger auf der Rückseite des Buches drückt sehr gut die Stimmung aus. Frau Tworek, was haben Sie bei Ihren Recherchen erlebt?

Wirtshauskultur ist eine sehr traditionsreiche Kultur, die es zu schützen gilt. Leider verschwindet das Wirtshaus als Kommunikationsort immer mehr, und so wollten wir mit der Kultur an die Orte gehen, wo sie früher Zuhause war. Wir haben über die Stadt verteilt sieben nicht so bekannte Wirtshäuser ausgewählt und dort ein Kulturprogramm gestartet. Die Nachfrage war überwältigend und die Abende immer ausverkauft. „Kultur geht zu den Leuten“ ist auch ein Motto für die neue Monacensia im Hildebrand-Haus.

Wenn über die Monacensia gesprochen wird, wird da über eine öffentliche Forschungsbibliothek gesprochen. Wer soll diese nutzen?
Wir wünschen uns für die neu konzipierte Monacensia, dass die Verzahnung zwischen Literaturarchiv, München-Bibliothek sowie der Wissenschaft und Bildung intensiver wird. Die Forschungsbibliothek zum Thema München mit Grundlageninformationen zum Thema München wird von einer Präsenzbibliothek zu einer zeitgemäßen Leihbibliothek werden. Sie wird modern und hoch attraktiv sein. Es ist für die Bibliotheksnutzer von großem Vorteil, wenn sie Bücher ausleihen und zu Hause lesen können. Wir werden des Weiteren eine Familie Mann Bibliothek sowie einen Bibliotheksraum für die Bücher von Münchner Autorinnen und Autoren einrichten.

Die Monacensia bekommt immer wieder Nachlässe geschenkt. Vor kurzem wurde erst das literarische Archiv des Münchner Schriftstellers Gert Heidenreich erworben. Was machen Sie damit?
Die Nachlässe werden erst einmal grob sortiert. Im zweiten Schritt folgt die Feinsortierung und Signaturenvergabe. Dann wird das Originalmaterial in die Datenbank eingegeben. Es wird alles detailliert erfasst, so dass Studentinnen und Studenten und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedes Blatt finden.

Frau Tworek, haben Sie einen Lieblingsort in Bayern, wo Sie sich den Künstlern und Literaten nahe fühlen?
Ja, das ist Schwabing, und am Staffelsee fühle ich mich dem Ödön von Horvath sehr nahe. Gerne folge ich auch den Spuren von Lion Feuchtwanger quer durch Oberbayern. In Polling bin ich sehr gerne wegen Thomas Mann und seiner Familie.

Sie haben sehr viele Bücher herausgebracht. Es gibt ein Buch, dem gaben Sie diesen Titel: SportsGeist –Dichter in Bewegung. Was geschieht dort?
Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Zwanziger Jahre waren sehr, sehr sportlich. Sport war damals ein Lebensgefühl, und die aufstrebenden Schriftstellerinnen wollten sich modern fühlen. Wie Erika Mann, die Autorennen gefahren ist oder Lisl Karlstadt, die eine begeisterte Bergsteigerin war. Die Damen waren fit. Die Männer hatten zum Teil rasante Sportarten – Horváth etwa suchte das Dunkle, Abgründige nicht nur in den Menschen, sondern auch in den bayerischen Bergen. Albert Camus und Pier Paolo Pasolini waren begeisterter Fußballer.

Richtig Lust aufs Land zu fahren macht auch Ihr Buch „Literarische Sommerfrische“. In welchen Winkel, die Sie aufgesucht haben, werden die Literaten von damals heute noch verehrt oder durch Denkmäler gewürdigt?

Ganz hoch gehalten wird Thomas Mann in Polling. Es gibt einen Literaturpfad zum Klammerweiher, dem man folgen kann. In der Nähe von Weilheim spürt man noch die Atmosphäre des Romans „Doktor Faustus“. Murnau erinnert mit einer Dauerausstellung an Ödön von Horváth und macht regelmäßige Veranstaltungen dazu. Der Starnberger See ist die Heimat von Oskar Maria Graf, die Augsburger würdigen ihren Bert Brecht, die Ingolstädter die Schriftstellerin Marieluise Fleißer, und in Garmisch wird Michael Ende mit einer Dauerausstellung geehrt.

Interessant ist auch das Buch: Dichter Hand Schrift.
Die Kernfrage dieses Buches war: schreiben Schriftstellerinnen und Schriftsteller in München noch mit der Hand? Und wenn ja, was? Die Handschrift war damals vor gut zehn Jahren schon im Aussterben begriffen. Auf meine Nachfrage hin haben uns viele Münchner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Handgeschriebenes zugesandt. Wir bekamen eine Vielfalt ungewöhnlicher Dokumente von handschriftlichen Notizen. Michael Krüger hat uns seinen Terminkalender zur Verfügung gestellt, in dem er akribisch alles mit der Hand notiert hat. Herbert Rosendorfer hat uns mit dem Bleistift Geschriebenes zur Verfügung gestellt, und Georg Oswald hat uns einen perfekten Comupterausdruck zugeschickt und uns mitgeteilt, dass dieser Text mit einem Diktiergerät aufgezeichnet wurde, der das Gesagte am Computer in Schrift umsetzt. Das ist die Zukunft. Georg Oswald machte uns klar, dass die Hand nicht mehr unbedingt zum Schreiben gebraucht wird.

Frau Tworek, das Buch „Literarische Wetterlagen“ ist eines Ihrer letzten Buch-Erscheinungen. Was ist neues über Literatur dazu gekommen?
Schriftsteller reagieren sensibel auf ihre Umwelt. Mich interessierte, wie Schriftsteller Wetterfühligkeit und den Föhn darstellen. Es gibt bezaubernde Beschreibungen dazu.

Sie haben auch ein Buch veröffentlicht, das sich so still in der lange Liste Ihrer Buchpublikationen einreiht, und das doch so wichtig ist: Fremd(w)orte-Fremdworte. Es geht darum, wie bei Emigranten die Sprach- und Kultur Entwurzelungen zu überwinden ist. Ist aus diesem (erschienen 2000) eine Initiative entstanden?
Auf dieses Buch bin ich besonders stolz. Es war damals eines der ersten Bücher zur aktuellen Exil-Situation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in München. Zum Buch gab es in der Monacensia auch eine gleichnamige Ausstellung. Sie zeigte, dass manche Autorinnen und Autoren im Münchner Exil mit ihrer Situation sehr unglücklich waren. Das war vor 15 Jahren. Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Es herrscht eine viel größere Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen als damals.

Kommen wir zurück zur Monacensia. Da gibt es etwas, worauf Sie und Ihre Kollegen bestimmt mächtig stolz sind. Sie können ein Tool anbieten, indem jeder Benutzer durch Mausklick digital in das Literaturarchiv der Monacensia den Nachlass der Journalistin Monika Mann (1910–1992) abrufen und digital lesen kann. Das ist herausragende Verwaltungsarbeit von rund 500 Dokumenten.

Stimmt. Wir sind stolz auf das Mann-Digital Projekt, und wir werden es noch erweitern. Neben dem Nachlass von Monika Mann sind seit 2012 alle Tagebücher von Klaus Mann online einsehbar. Das sind insgesamt 21 Bände mit 3479 Seiten. Im Erika und Klaus Mann Archiv sind wir bereits zu einer Vollbild-Digitalisierung übergegangen, und dieser Bestand ist somit in Kürze für Literaturwissenschaftler und Literaturforscher weltweit nutzbar und im Online-Katalog Kalliope abrufbar. Diesen Zugang zu unseren Beständen zu ermöglichen, war mir ein vorrangiges Anliegen. Das Projekt wird in einem Jahr abgeschlossen sein und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mitfinanziert. Ein weiteres großes Ziel wird sein, dass wir den literarischen Nachlass des Dramatikers und Bürgerschrecks Frank Wedekind ins Netz stellen, sodass auch die internationalen Forscher Zugang zu diesem interessanten Originalbestand haben.

Wenn der Namen Monaciensia fällt, denkt man sofort an prominente und berühmte Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Stadt, können auch nicht bekannte Schriftsteller Ihren Nachlass der Monacensia anbieten?

Gerne. Wir begutachten jeden einzelnen Nachlass, jede Schenkung und jedes angebotene literarische Archiv. Wir prüfen alles, was uns angeboten wird. Denn jeder Nachlass bildet ein Leben ab. Man kann nie sagen, der literarische Bestand eines unbekannten Dichters enthält weniger Wichtiges. Ganz im Gegenteil: er kann eine Lücke bei der wissenschaftlichen Erforschung der Alltagskultur und des sozialen Umfelds eines Schriftstellers schließen. In den literarischen Nachlässen von Unbekannten sind aber auch häufig Briefe von bekannten Autorinnen und Autoren enthalten. Schriftstellerfreundschaften bestehen eben nicht nur zwischen prominenten Personen.

Und was wünschen Sie sich, was über bayerische Literaten gesagt werden sollte?

Ich spreche am liebsten davon, dass es um „Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Bayern“ geht.„Bayerische Schriftsteller“: das ist ein sehr schwieriger Begriff mit offenen Fragen: Müssen diese bayerischen Literatinnen und Literaten in Bayern geboren oder aufgewachsen sein? Müssen sie bairischen Dialekt in ihren Werken schreiben? Da ist mir „Literatur in Bayern“ lieber. Die Literatur in Bayern bildet wie ein Brennglas das Leben in Bayern ab, ob aus der Sicht von einheimischen, ausländischen oder zugezogenen Autoren. So leisten ihre Werke einen Beitrag zur Weltliteratur. Wer etwas wirklich Substantielles über Bayern im 20. Jahrhundert lesen will, muss Thomas Mann, Oskar Maria Graf, Lena Christ, Marieluise Fleißer und viele andere lesen. Es ist spannend, was man wohl in 100 Jahren über das München aus der Sicht von Thomas Mann oder Lena Christ sagen wird. Dokumente sind in Fülle vorhanden.

Frau Tworek,
Ihren Aktivitäten, dass Sie sich so sehr für literarisches Kulturgut einsetzen, damit es nicht verloren geht, ist viel Dank geschuldet.
Wir danken für das Gespräch.


©Steffi.M.Black 2015 (Text)
©Landeshauptstadt München(Bild)