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Gespräche



 07.04.2015 - Katrin Sorko - Lektorin 



Dr. Katrin Sorko

Katrin Sorko
ist Lektorin im Münchner Blessing Verlag. Ein Verlag für neugierige Leser mit anspruchsvoller Unterhaltungsliteratur und kompetenten Sachbüchern namhafter Autoren.

Frau Sorko, ist das Lektorat die rechte Hand des Verlegers?
Der Lektor ist derjenige, der sich in der Welt nach neuen Büchern und Stoffen umschaut und in den Lektoratssitzungen diejenigen präsentiert, die er für interessant, verkäuflich und für das Profil des Verlages passend hält. Das tut der Verleger selbst aber auch, von daher erscheint mir die Formulierung, dass Lektoren und Verleger Hand in Hand arbeiten, treffender. Bei der Entscheidung, ob ein Manuskript eingekauft wird, wird jedoch der Verleger immer das letzte Wort haben.

Der lateinischen Wortbedeutung nach hört sich der Beruf simpel an: Lector - Leser, oder?
(lacht) Tja, das habe ich als junge Leserin auch gedacht und wollte es zum Beruf machen. Aber es geht in unserem Beruf nicht nur ums Lesen, sondern auch ganz viel ums Netzwerken, Kommunizieren und Organisieren; wir besprechen mit den Grafikern, wie ein Buchcover aussehen könnte, wir schreiben Klappen- und Vorschautexte. Und wir arbeiten am Text. Bei Übersetzungen macht der Lektor die Redaktion, die vor allem auf der stilistischen und sprachlichen Ebene des Textes angesiedelt ist. Arbeitet der Lektor direkt mit einem Autor zusammen, kann er auch inhaltlich in den Text eingreifen, als Korrektiv oder Ideengeber. Wenn man sich für den Beruf eines Lektors entscheidet, sollte man auf jeden Fall ein leidenschaftlicher Leser sein, und es ist wichtig, einen breiten literarischen Referenzrahmen zu haben.

Was haben Sie studiert?
Ich habe Literaturwissenschaft studiert, Germanistik mit Schwerpunkt Neuere deutsche Literatur im Hauptfach, englische Literaturwissenschaft und Politik im Nebenfach.

Wie war der Abschluss dieses Studiums, haben Sie auch promoviert?
Ja, aber ich denke nicht, dass das für meinen Beruf zwingend notwendig war.

Und wie gut können Sie Ihr Studium für die Lektoratsarbeit einsetzen?
Sehr gut sogar. Was man in einem geisteswissenschaftlichen Studium lernt, ist analytisches Denken und bestimmte Texte oder Ereignisse in einen Referenzrahmen einzuordnen, Verbindungen herzustellen. In einem Literaturstudium bekommt man zudem einen Überblick über den Kanon, und ich würde sagen, das ist für den Lektorenberuf eine wichtige Grundlage. Aber es geht in unserem Beruf auch viel ums Gespür, um „den richtigen Riecher“. Darum, fast intuitiv zu wissen, ob ein Buch den Leser von heute interessiert, was einen wichtigen Beitrag zu einer aktuellen Debatte leisten kann und auch, was ein Bestseller werden könnte. Und das lernt man im Studium nicht.

Für welchen Buchbereich sind Sie im Blessing Verlag zuständig?
Das Blessing-Lektorat ist nach Sprachen und in die Bereiche Sachbuch und Belletristik aufgeteilt. Ich bin schwerpunktmäßig für die englischsprachige und skandinavische Belletristik zuständig. Ich akquiriere und betreue neue Autoren aus diesen Territorien, aber auch die Romane etablierter Blessing-Autoren wie Kazuo Ishiguro, Tom Wolfe, Alan Hollinghurst oder Amitav Ghosh landen auf meinem Tisch. Und ich arbeite gerade zum ersten Mal mit einem deutschen Autor zusammen, was mir viel Freude macht.

Frau Sorko, Sie sind zu beneiden, diese brillanten Autoren, da möchte man sofort nach Hause laufen und sie lesen.

Als Lektorin müssen Sie viel lesen. Wann kommt der Augenblick, dass ein Manuskript Sie überzeugt, verlegt zu werden?
Die Figuren müssen gut gezeichnet sein, sie müssen mich faszinieren oder herausfordern. Der Roman sollte stilistisch und vom Plot her überzeugen. Und das Buch sollte etwas mit mir zu tun haben, sollte mir Fragen stellen oder solche beantworten, sollte mir auf einer Metaebene etwas vermitteln, was mich bestätigt oder zum Nachdenken bringt. Ich denke, bei der Einschätzung von Literatur geht es viel um Identifikation.

Frau Sorko, liegt in Ihrer Schreibtischschublade eine Prüfliste für Manuskripte?
Bei uns verwaltet den Manuskripteingang ein spezielles Tool, ansonsten würden wir schnell den Überblick verlieren.

Das sieht nach Management aus.

Es gibt einen Verhaltenskodex der unabhängigen Lektoren, kennen Sie ihn? Die Regeln sind:
• keine Publikationen zu unterstützen, deren Inhalte die Menschenwürde verletzten,
• sich kontinuierlich weiterzubilden,
• das Urheberrecht zu respektieren,
• und keine irreführende Werbung zu verbreiten.

Die hier aufgeführten Punkte kann ich für mich auf jeden Fall unterstreichen, und ich bin überzeugt, dass seriöse Kollegen das intuitiv auch tun und so handeln.

Frau Sorko, sagen Sie uns Leserinnen und Lesern, welches Selbstverständnis hat ein Lektor heutzutage.
(es wird ganz still im Raum) Ich kann natürlich nicht für alle Kollegen sprechen, aber ich selber würde sagen, dass man sich als Lektor mit dem „Schönen, Guten und Wahren“ beschäftigt, dass man dabei mithilft, Produkte zu schaffen, die das Leben ein bisschen schöner, interessanter und inspirierender machen. Und ich ganz persönlich denke, dass sich dahinter auch ein gesellschaftspolitischer Auftrag verbirgt.

Kennen Sie ältere Lektoren, die sagen: früher war alles anders?
(lacht wieder) Oh ja, auf jeden Fall, das bekommt man oft zu hören. Und wenn man dieses wunderbare Buch von Fritz J. Raddatz liest, das gerade erschienen ist, „Meine Jahre mit Ledig“, versteht auch man auch warum. Und wird als Lektor der Gegenwart ganz grün vor Neid. Da war noch mehr Glamour und auch mehr Rock’n’Roll, habe ich den Eindruck.

Welche Chancen haben junge Autoren, die niemand kennt?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Autoren, die gerade an ihrem ersten Buch schreiben und keine Kontakte in die Branche haben, kann ich nur empfehlen, sich eine gute Literaturagentur zu suchen. Ein Literaturagent weiß, welche Verlage sich für sein Buch interessieren könnten; er arbeitet mit dem Autor am Text, gibt Impulse und schließlich vertritt er den Autor bei den Vertragsverhandlungen mit dem Verlag.
Wir bekommen jedes Jahr zwischen 1000 und 1500 sogenannte „unaufgefordert eingesandte Manuskripte“, also Texte und Exposés von Autoren, die auf eigene Faust versuchen, bei einem Verlag unterzukommen.

Frau Sorko, spielt ein Lektorat für den Autor heute überhaupt noch eine Rolle? Der Autor muss sein Manuskript in festgelegten Formen abgeben.
Das ist zur Zeit ein wichtiges Thema, weil Internet-Plattformen damit werben, dass jeder, der möchte und dafür bezahlt, sein Buch digital veröffentlichen und verkaufen darf, ganz unabhängig von dessen Qualität und Inhalt. Die Nachricht, dass in Amerika im Unterhaltungssektor hin und wieder Internet-Bestseller entstehen, wird als Anreiz dafür genommen.
Aber ich denke, und wahrscheinlich wird jeder Lektor und auch jeder Autor, der bereits in einem Buchverlag veröffentlicht hat, es bestätigen, dass es sinnvoll ist, einen erfahrenen ersten Leser zu haben, der sich kritisch mit dem Text auseinandersetzt, bevor dieser einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Meistens sind die Autoren sehr offen für Anregungen, Kritik und Hinweise, wie ihr Text noch lesbarer, aussagekräftiger, interessanter werden könnte.

Wie groß ist die Freiheit eines Lektors, selbständig in Texte einzugreifen?
Das kommt auf den Autor an, und wahrscheinlich auch auf den Lektor. Mir ist es wichtig, mit dem Autor alles zu besprechen, was mir an seinem Text negativ und positiv auffällt – von der Entwicklung der Handlung über die Figurenzeichnung und die Dialoge bis hin zum Stil. Ob der Autor meine Vorschläge und meine Kritik annimmt, entscheidet aber letztlich er.

Und ist es relevant, was ein Autor in seinem Privatleben macht, unabhängig von der Güte des Romans?

1968 hat Roland Barthes (franz. Philosoph) den Autor für tot erklärt, für die Interpretation und Textanalyse in der modernen Literaturwissenschaft ist er also nicht mehr relevant. Es gibt nur den Text. So kannte ich das von der Uni. Als ich dann anfing, als Lektorin zu arbeiten, stellte ich schnell fest, dass das in der Verlagsbranche ganz anders ist. Hier steht der Autor im Mittelpunkt. Für uns Lektoren ist die Kommunikation mit dem Autor sehr wichtig, schließlich betreuen wir sein geistiges Werk. Und auch Buchhändler, Journalisten und der Leser sind an der Biografie und Persönlichkeit eines Autors interessiert. Deswegen ist es wichtig, dass Autoren offen sind für Öffentlichkeitsarbeit.

Ist es überhaupt möglich, Kontakt zu den Autoren zu halten?

Das ist zeitlich oft eine große Herausforderung, aber Autorenpflege ist eine der wichtigsten Aufgaben des Lektors und des Verlages. Und es entwickeln sich ja auch persönliche Beziehungen zwischen uns und unseren Autoren.

Die Technik bietet viele Kommunikationsmöglichkeiten. Man kann sich auch auf dem digitalen Weg begegnen, z.B. skypen. Ist das die Zukunft, um in Kontakt zu bleiben?
Eine verlockende Möglichkeit, in das Arbeitszimmer eines Autors schauen zu können. Vielleicht machen das Kollegen auch schon. Für mich stellte sich bisher noch nicht die Frage bzw. die Notwendigkeit, mit einem Autor zu skypen.

Frau Sorko, Sie sind Mitglied in der Oskar Maria Graf Gesellschaft. Wie wichtig ist diese Gesellschaft für die Literatur?
Literarische Gesellschaften sind allgemein sehr wichtig, denke ich, um einen Autor im kulturellen Gedächtnis zu verankern und die Relevanz seines Werkes für die Gegenwart deutlich zu machen. Oskar Maria Graf halte ich für einen großen Erzähler, dessen Romane, Kurzgeschichten und Gedichte uns heute noch viel über gesellschaftliche und politische Strukturen sagen können, und dazu noch sehr unterhaltsam und zugänglich sind. Graf hat wunderbare, unvergessliche, differenziert gezeichnete Figuren geschaffen. Und seine Texte machen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebendig.

Das Buch„Manchmal kommt es vor, dass wir Mörder sein müssen“ das Sie über Oskar Maria Graf herausgegeben haben, hat einen irritierenden Titel, da wir zwar O.M.Graf eigentlich als deftigen bajuwarischen Schriftsteller kennen, aber nicht als einen mörderischen?
Sicherlich hat jeder Leser einen anderen Zugang zu Graf, und der Titel wurde nach Veröffentlichung des Buches innerhalb der Gesellschaft auch sehr kontrovers diskutiert. Für mich persönlich war Graf in erster Linie Anarchist, nicht Bajuware, und hat als solcher eine Entwicklung durchgemacht. Durch seine Erlebnisse während der Räterevolution 1918/19 ist er zum Pazifist geworden, aber als ganz junger Mann war er Mitglied der Gruppe „Tat“ um Erich Mühsam und Gustav Landauer und Anhänger Max Stirners und Michail Bakunins. In dieser, eher militanten Phase schrieb er vor allem Gedichte, und einige davon wurden in einem Band mit dem Titel "Amen und Anfang" veröffentlicht, der 1919, kurz nach der niedergeschlagenen Räterevolution erschien. Darin findet sich ein Gedicht, das mit den Zeilen: „Manchmal kommt es vor, dass wir Mörder sein müssen, denn Demut hat uns alle nur geschändet“ beginnt.
Bei der Entstehung dieses Buches war uns klar, dass dieser Titel verwundert und Fragen aufwirft.

Wir Leserinnen und Leser von Literatur und Benutzer der Münchner Stadtbibliotheken schätzen es sehr, dass es Verlage gibt, die das Buch als Kulturgut behandeln und nicht nur als Ware. Wir danken für das Gespräch.


©Steffi.M.Black 2015(Text)
©Gerald von Foris 2015(Foto)