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Gespräche



 22.12.2014 - Lena Gorelik - Autorin 



Lena Gorelik

Lena Gorelik
schreibt Romane, Reiseliteratur und wissenschaftliche Texte. Für ihre Bücher hat sie viele Auszeichnungen bekommen, auch Literaturstipendien. Der letzte Roman „Die Listensammlerin“ bekam den Buchpreis der Stiftung der Ravensburger Verlage.


Nicht Sprechen ist anderes als Schweigen. Das sagt die Listensammlerin in Ihrem neuesten Buch, das 2013 erschienen ist. Frau Gorelik, was meinen Sie damit?
Ich glaube, dass „nicht sprechen“ eine bewusstere Entscheidung ist. Man schweigt aus einer inneren Haltung oder aus einem Gefühl heraus, das spontan entstehen kann. Während die bewusste Entscheidung, nicht zu sprechen, eine sehr vom Kopf gesteuerte ist.

Sie und Ihre Familie sind von Russland nach Deutschland ausgewandert. Als Sie in Deutschland angekommen sind und in einem Wohnheim lebten, haben Sie sich Bücher aus der Stadtbibliothek geliehen. Klasse, wer hat Sie darauf aufmerksam gemacht?
Wir konnten damals keine eigenen Bücher kaufen, und so habe ich Bücher aus der Stadtbücherei entliehen. Dort habe ich sehr viel Zeit verbracht, mehr als sonst irgendwo, und habe dort viel gelesen. Noch bis heute habe ich ein Bild im Kopf, wie es dort aussah, und in welchen Regalen sich beispielsweise die Jugendbücher befanden.

In Ihrem ersten Buch "Weiße Nächte" sprechen Sie über Deutschland. Hat ihre Begeisterung für die bunte Welt, die Sie glaubten in Deutschland anzutreffen, angehalten?
Die Begeisterung für die bunte Welt hat natürlich angehalten, doch ich fixiere sie nicht mehr so, wie ich es damals getan habe. Und natürlich ist das Bunte, was man dann kennt, nicht mehr so aufregend, wie das, was man nicht kennt. Die bunte Welt hat für mich nicht an Farbe verloren, aber die Farben begeistern nicht mehr so sehr. Ich sehe differenzierter, weil es nicht mehr fremd ist.

Frau Gorelik, Sie schreiben in deutsch und fühlen sich russisch, oder ist es umgekehrt? So wie bei Goethes Faust: Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen:
Gut, ich schreibe deutsch, und wie ich fühle, kann ich nicht sagen, weil ich das eine vom anderen nicht trennen kann. Ich bin viele „Dinge“, das kann man nicht an Nationalitäten festmachen, das wäre sicher auch langweilig.

Sie sind in Ihren Roman so unerschrocken ehrlich, oft sehr direkt. Was wollen Sie mit Ihren Texten vermittelten?
Ich muss zugeben, dass ich beim Schreiben wenig an den Leser denke. Wenn ich schreibe, will ich eine Geschichte erzählen. Ich habe keine Botschaften und kein Weltbild, das ich vermitteln möchte. Wenn ich an einem Roman arbeite, bin ich einfach die Geschichte, und ich möchte, dass der Leser dieselbe Geschichte spürt, lebt, wie ich es tue. Ich mag das Direkte, auch, dass es manchmal weh tut. Auch dass es keine Distanz zwischen Leser und der Geschichte gibt.

Ist Schreiben Ihr Hauptberuf?

Ja, alles, was ich mache, hat mit Schreiben oder Lesen zu tun.

Dann wird Ihr Tagesablauf nach der Uhr gestellt? Wann sind Ihre kreativsten Zeiten?
Seit ein paar Jahren ist mein Tagesablauf durch meine kleinen Kinder geregelt. Aber das soll nicht heißen, dass ich mir keine Auszeiten nehme. Ich versuche, in der Woche eine Zeit zu finden, wo ich nicht auf die Uhr gucken muss, damit ich in meine Geschichten eintauchen kann. Auf Lesereisen, wenn ich im Zug unterwegs bin, kann ich sehr produktiv arbeiten.

Ist Ihr Roman „Die Listensammlerin“ aus Tagebuchaufzeichnungen entstanden?
Nein, gar nicht. Die Listensammlerin ist aus einer Idee von Figuren, einzelnen Momenten und Situationen heraus entstanden.

Frau Gorelik, wen möchten Sie als Wunschleser?
Jeder Autor möchte, dass viele Leser das Buch lesen, und je mehr unterschiedliche Menschen es sind, umso mehr freue ich mich darüber. Ich möchte beim Schreiben keinen Lesertyp im Kopf haben, denn selbst wenn ich das hätte, würde ich nicht anders schreiben können, als ich es tue. Ich hoffe so schreiben zu können, dass dass die Geschichte möglichst viele Leser berührt.

In Ihren ersten Büchern ist viel Leichtigkeit bei Schmerz und Trauer. Verstecken Sie darin Ihre eigenen Gefühle?
Versteckt man beim Schreiben nicht immer eigene Gefühle? Ich glaube, dass jeder aus sich heraus schreibt, man setzt sich mit Dingen auseinander, die einen bewegen. An einem Roman schreibe ich 2-3 Jahre, da kann ich mich nicht mit Themen beschäftigen, die mich nicht berühren. Ich versuche für die Dinge, die schwierig sind, eine humorvolle Seite zu finden.

Was gibt Ihnen Kraft, wenn in Ihrem Alltag nicht alles so ist, wie man es gerne möchte?
Ganz viel Bücher natürlich, ich weiß, es ist ein Klischee, aber ich kann mit Büchern der Welt entfliehen. Kraft gibt mir auch das Schreiben.

In einem Romantext, in der Listensammlerin, sprechen Sie von einem Turnbeutel. Herrlich, Turnbeutel, so ein schöner altmodischer Begriff. Wo haben Sie den gefunden?
Ich weiß eigentlich nicht woher, aber das sind so Dinge, die speichern sich in meinem Kopf ab, und wenn ich Glück habe, tauchen sie an der richtigen Stelle auf.

„Sie sprechen aber gut Deutsch“ ist der Titel Ihres Sachbuches. Da legen sie sofort los, der Klang von Anklage schwingt mit. Dieser Text ist für uns übrige Deutsche unbequem, erinnert er doch an ein unsensibles Verhalten anderen Mitbürgern gegenüber. Hat Sie das Schreiben darüber mit Ihren Mitbürgern versöhnt?

Ich weiß gar nicht, ob ich mich versöhnen wollte. Ich wollte eigentlich nur zu diesem Thema alles sagen, was ich zu sagen habe. Ich finde es wichtig, Dinge auszusprechen und eine Diskussionsebene zu schaffen. Das Buch hat ja auch den Untertitel: warum Toleranz nicht weiter hilft. Nur zu tolerieren bedeutet, dass keine Auseinandersetzung stattfindet. So wie in einer Beziehung, da hilft es auch nicht, wenn eine Partei alles herunterschluckt, dadurch wird die Beziehung auch nicht besser.

und schwungvoll und ohne Dogma beschreiben Sie das Leben zwischen jüdischen Kulturen in einzelnen Ländern. Ihre Protagonisten sind aufgeschlossen und belesen. In dem Film „Plötzlich Gigolo“ von Woody Allen, kommt eine Szene vor, in der eine orthodoxe Jüdin ein Buch in die Hand nimmt. Auf die Frage, dass sie es wohl schon gelesen habe, sagt sie: es ist uns Frauen verboten zu lesen. Stimmt das?
Das habe ich noch nicht gehört, dass irgend jemand nicht lesen dürfte. Es würde mich sehr wundern, denn im Judentum ist das Buch heilig.

Dann wird die Szene wohl unglücklich synchronisiert sein, und wir kriegen nicht mit, was gemeint ist.


In der großen Bücherwelt gibt es so viele literarische Highlights, erzählen Sie uns, welche Sie sich ausgesucht haben.

Das ist eine ganz schwierige Frage, denn man verliebt sich in Bücher, und Verliebtheit geht vorüber. Aber auf die Frage, ob mich ein Buch begleitet hat, erzähle ich gerne von der Autorin Astrid Lindgren. Ich habe keinen einzelnen Lieblingsautor, mein Lesen ist davon abhängig, was mich gerade beschäftigt.

Viele Schriftsteller entwickeln produktiven Ehrgeiz, wie ist das bei Ihnen?

Ich glaube nicht, dass ich einen produktiven Ehrgeiz habe. Entweder stecke ich in einer Geschichte, dann muss ich schreiben, oder ich kann nicht schreiben. Für mich gibt es nur diese beiden Zustände, nichts davon entscheide ich.

Dürfen wir wissen, welches Thema Ihr nächster Roman zum Inhalt haben wird?

Ich tue mich schwer damit, Bücher in Themen zu fassen. Ich kann aber so viel verraten, dass es um drei sehr eigenwillige Personen geht, die sich im Zusammenleben erproben. Doch bis ein Roman zu Ende geschrieben ist, wird er noch mehrmals umstrukturiert, die Geschichte ihren Lauf ändern. Also bleibt er Ausgang der Geschichte für heute noch offen.

Frau Gorelik, wie sehen Sie die Ästhetik der Bücher, welchen Einfluss nehmen Sie auf die Buchcover?

Das ist ganz wichtig, wie ein Buch aussieht. Mit welchen Schrifttypen es gesetzt ist, auf welchem Papier es gedruckt wird. Ein Buch muss sich gut anfühlen.

In welche Sprachen sind Ihre Bücher übersetzt worden?

Mein Bücher können Sie in Französisch und in Holländisch lesen.

Der Verlag bemüht sich noch um russische und hebräische Lizenzen?

Es ist leider so, dass die Russen und die Israelis nicht viel aktuelle Literatur übersetzen.

Frau Gorelik, in Ihrem Buch „Verliebt in St. Petersburg“ freuen sich die Menschen zu Sylvester auf eine bestimmte Fernsehkomödie, sicher so wie wir hier uns auf den Sketch: „Dinner for one“ freuen. Doch wie heißt diese russische Komödie?
Ich übersetze es mal so, am ehesten heißt es: Ironie des Schicksals.

Vermissen Sie hier das russische Sylvesterfest, und verbringen Sie den Jahreswechsel lieber in St. Petersburg?
Dort herrscht schon eine andere Art von Sylvesterkultur. Seit ich St. Petersburg verlassen habe, habe ich kein Sylvester dort verbracht, aber ich würde es wahnsinnig gerne tun.

Frau Gorelik, wir danken für das Gespräch;
und freuen uns auf Ihre nächsten Bücher, die aus Ernsthaftigkeit und Humor bestehen.


© Steffi M. Black 2014(Text)
© Charlotte Troll(Bild)