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Gespräche



 17.11.2014 - Antje Kunstmann - Verlegerin 



Antje Kunstmann

Antje Kunstmann ist die Verlegerin des Verlags Antje Kunstmann GmbH in München. Für ihr Engagement in der Buch- und Verlagsbranche ist sie mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Schwabinger Kunstpreis, München leuchtet in Silber und als Verlegerin des Jahres (2006), Bücherfrau des Jahres (2013).


Frau Kunstmann, sicher arbeiten Sie 70 Stunden pro Woche. Warum?
Nun, sicher nicht 70 Stunden, aber sicher mehr als 40, es ist ja nie alles erledigt, es gibt immer neue Manuskripte, die geprüft werden müssen. Zum Lesen komme ich im Büro so gut wie nicht, dafür brauche ich Ruhe und die habe ich meistens erst am Abend zuhause.

Machen Sie Ihren Job gerne?
Ja, sehr gerne. (Ein strahlendes Lächeln bei meiner Frage)

Welche Buchsparte macht Ihnen Sorgen?
Zu einer Buchsparte direkt kann ich nichts sagen, Sorgen machen uns allen die Veränderungen in der Buchbranche. Die großen Ketten verkleinern ihre Flächen, der mittelständische Buchhandel behauptet sich zwar, die kleineren Buchhandlungen kämpfen oft tapfer, aber es gibt auch immer wieder Schließungen. Der digitale Handel kriegt ein immer größeres Gewicht. Dort muss man aber schon wissen, was man will, im Gegensatz zum stationären Buchhandel, wo eben stöbern kann. Schöne Bücher zu machen ist eine Sache, auf sie aufmerksam machen die andere. Dazu brauchen wir die engagierten Buchhändler und die Rezensionen in den Zeitungen etc. Aber außer dem Feuilleton muss man jetzt auch die sozialen Netzwerke im Blick haben und die Blogs, auf denen über Bücher gesprochen wird. Die Aufmerksamkeit für Bücher herzustellen ist durch die vielen Konkurrenzmedien nicht einfacher geworden.

Wie funktioniert der Verlag Antje Kunstmann?

In einem guten Team, und das seit Jahren.

Es gibt keinen Wechsel im Ihrem Verlag?

Es gab lange Zeit keinen Wechsel, erstaunlich lange nicht. Aber jetzt findet in einigen Positionen ein Wechsel statt. Im Lektorat geht eine Lektorin in den Ruhestand , ein neuer Lektor ist gekommen. Und unser langjähriger Vertriebschef hat sich selbstständig gemacht, eine neue jüngere Kollegin hat den Vertrieb und das Marketing übernommen. Und mein Sohn ist ebenfalls in den Verlag eingestiegen.

Wie ist die Arbeit Ihres Verlages aufgeteilt?
In die üblichen Bereiche: Geschäftsführung & Programm, Lektorat & Lizenzen, Produktion, Marketing & Vertrieb, Presse & Veranstaltungen, Assistenz der Geschäftsführung.

Und was ist typisch für Ihren Verlag?

Dass der Verlag mit einem kleinen Team funktioniert, in dem jede und jeder selbstständig und kreativ arbeitet. Und dass die Autorinnen und Autoren direkten Kontakt mit den jeweiligen Abteilungen haben, sich also persönlich und gut betreut fühlen, weil alle die Bücher auch gelesen haben. Das geht bei unserer Größe noch.

Wie oft gibt es gemeinsame Sitzungen?

Einmal in der Woche haben wir eine allgemeine Sitzung und einmal in der Woche eine Lektoratssitzung.

Und auf den Sitzungen wird abgestimmt, oder die Mehrheit entscheidet, welches Manuskript genommen wird?
Nein, abgestimmt wird nichts. Wir besprechen Arbeitsabläufe, und im Lektorat wird entschieden, welche Bücher gemacht werden.

Der Kunstmann Verlag produziert auch Hörbucher. Sind es die eigenen Titel, die ins Hörbuch umgesetzt werden und sind diese erfolgreich?
Es sind eigene Titel, aber nicht nur. Die Bücher von Axel Hacke gibt es auch als Hörbücher, gelesen von ihm selbst. Andere Bücher wie etwa der „Arztroman“ von Kristof Magnusson wurde von Christiane Paul, einer bekannten Schauspielerin für das Hörbuch gelesen. Aber wir haben auch Produktionen des Bayerischen Rundfunks im Hörbuchprogramm wie „Die Chronik der Gefühle“ von Alexander Kluge, für die wir den Deutschen Hörbuchpreis erhalten haben, oder „Die Grandauers“ von Willi Purucker, eine Hörspielproduktion mit 29 CDs. Aber auch die Hörbücher mit O-Tönen von Politikern, die Jürgen Roth zusammengestellt hat, Franz Josef Strauss, Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Willy Brandt und Edmund Stoiber sind sehr erfolgreich.

Sind Titel aus Ihrem Verlag verfilmt worden?

Ja, zum Beispiel „Das Beste aus meinem Leben“ von Axel Hacke. Für andere Titel wurden die Filmrechte verkauft, bis sie zu einem Film werden, vergehen oft Jahre und manchmal werden die Rechte auch wieder zurückgegeben, wenn die Finanzierung nicht zustande kommt.

„Damen Salon - Frauen im Gespräch“ ist eine Reihe der Münchner Volkshochschule, zu der Sie auch eingeladen sind mit einem Vortrag „Gespür für gute Bücher“. Wie bekommt man ein Gespür für gute Bücher?
Das ist erstmal nur eine Überschrift für ein Gespräch, nicht für einen Vortrag. Das Gespür für gute Bücher wird einem nachgesagt, weil man gute, vor allem aber gute erfolgreiche Bücher gemacht hat. Wenn der Erfolg ausbleibt, spricht ja niemand von einem „Gespür“ für gute Bücher. Ein Kollege hat mir mal ganz zu Anfang meines Berufslebens gesagt, man hätte ihm immer zu seiner „Nase“ gratuliert, weil er sehr oft das erste Buch eines berühmten Autors verlegt hätte, dessen Bestseller dann aber in anderen Verlagen erschienen wären, die ihm die Autoren schlicht weggekauft hätten. Und er sagte nur lakonisch: wenn mir nochmal jemand zu meiner „Nase“ gratuliert, lasse ich sie mit aboperieren. Bei einem ersten Buch eines Autors oder einer Autorin, weiß man nie, ob es ein Erfolg wird, man kann sich nur auf das eigene Urteil oder „Gespür“ oder das der Lektorinnen und Lektoren verlassen. Dass wir immer wieder das richtige „Gespür“ hatten, zeigen die Erfolge unserer Bücher.

Hat der Kunstmann Verlag Titel abgelehnt, die in anderen Verlagen erfolgreich waren?
Ja, ich glaube diese schmerzliche Erfahrung macht jeder Verleger, jede Verlegerin.

Der Kunstmann Verlag gehört bis jetzt zu den wenigen unabhängigen Verlagen. Was bewegt den Verlag, unabhängig zu bleiben, es könnte doch vieles einfacher sein, wenn Sie sich einer großen Verlagsgruppe anschließen würden?

Als wir als Verlag angefangen haben, war es selbstverständlich, unabhängig zu sein, die eigenen Ideen umsetzen zu können, ohne dass einem jemand Vorschriften macht. Aber mit der Unabhängigkeit ist es so eine Sache. Irgendwie abhängig ist man ja immer. Vom Erfolg zum Beispiel. Wir müssen ja das Geld mit den Büchern verdienen, die wir herausbringen. Und der Erfolg ist eine wackelige Sache. Bis jetzt ist alles gut gegangen und solange es geht, will man sich natürlich selbst behaupten, das eigene Profil bewahren. Ich kann nicht beurteilen, ob Vieles einfacher wäre, würde man sich einer großen Verlagsgruppe anschließen. Vielleicht wäre auch Vieles schwieriger. Ich will es mal so sagen, Vielfalt ist wichtig und die ist durch die vielen kleinen, unabhängigen Verlage garantiert. Dass in den großen Konzernverlagen großartige Bücher erscheinen, die man selbst auch gerne verlegt hätte, ist davon ganz unabhängig. Wir werden sehen, wo die Reise hingeht. Durch das Internet und die neue digitale Welt bleibt auch in der Buchbranche nichts so wie es war. Es bleibt spannend und vielleicht ergeben sich ja gerade für kleiner Strukturen neue Möglichkeiten und Chancen.

Es wird gesagt, dass immer weniger gelesen wird, gleichzeitig steigt aber die Buchproduktion, was sagen Sie dazu?
Ich glaube, dass es eine Veränderung im Leseverhalten gibt, alleine schon durch die Konkurrenzmedien. Früher gab es Bücher, Kino, Zeitungen, Radio. Dann kamen die vielen Fernsehprogramme dazu, und mit dem Internet ist ein Medium entstanden, das von sehr vielen genutzt wird. Da kann man sich fragen, wie viel Zeit noch bleibt, um sich in ein Buch zu vertiefen.
Die Buchproduktion wird immer größer, aber das Buch verschwindet in der Masse. Wenn das Buch früher ein Leitmedium gewesen ist, hat sich das verändert. Wenn früher, also in den 60iger/70iger Jahren, ein Buch öfters im Zentrum eines Gesprächs in der ganzen Republik war und Diskussionen ausgelöst hatte, ist das heute eher die Ausnahme als die Regel.

Seit kurzer Zeit gibt es eine Buchhandlung mit dem Namen Praxis, die Sie aufgemacht haben. Der Name ist irritierend, da man an Medizinisches denkt und nicht an Bücher. Ist das Buchladen-Programm aufgegangen?
Wir haben diesen kleinen Laden nicht als Vollbuchhandlung gedacht, sondern als eine Möglichkeit, wo wir unser gesamtes Programm zeigen können und auch Bücher von Kollegen, die wir interessant finden. Die Idee wird gut angenommen, hin und wieder sind auch Autoren in der „Praxis“ zu einer „Sprechstunde“: Axel Hacke, Gerd Baumann und Markus H.Rosenmüller, Rudi Hurzlmeier, Rotraut Susanne Berner. Das gefällt allen, besonders in Zeiten, wo alles immer anonymer wird. Hier können Leute Bücher kaufen, die sie woanders vielleicht nicht sehen, hier können sie mit den Autoren, den Lektoren sprechen oder auch mit der Verlegerin. Hier spielt auch mal die Musik (von Trikont), hier gibt es zum Buch ein Glas Tee oder abends auch mal ein Bier. Hier kann man ganz unterschiedliche Themen vertiefen, Gedichte hören und am 1. Adventssamstag empfehlen Verlegerinnen Weihnachtsbücher – für Kinder und Erwachsene. Für uns ist das eine sehr gute Praxis.

Wir Benutzer der Münchner Stadtbibliotheken möchten auch die Bücher aus dem Kunstmann Verlag ausleihen können. Bieten Sie die Titel aus Ihrem Verlag der Einkaufsabteilung der Stadtbibliothek an, oder kommt diese auf Sie zu?

Beides. Wir schicken unsere Programme und die Bibliotheken bestellen. In diesem Sinne stehen wir mit dem Gasteig in guter Geschäftsbeziehung.

Frau Kunstmann, wie lesen Sie am liebsten? Lieber mit dem eBook-Reader oder mit Buch?
Ich lese lieber das Buch. Klar. Nicht nur aus Gewohnheit. Ein Buch in der Hand zu halten, ist auch ein haptisches Vergnügen. Für mich ist ganz altmodisch noch wichtig, die Seiten umzublättern, zu wissen, wo ich in dem Buch bin, etwas zu unterstreichen etc.. Doch auf Reisen, im Zug, lese ich digital und bin froh, dass ich Manuskripte und Bücher nicht mitschleppen muss.

Was halten Sie von der Tauschbörse „offener Bücherschrank“?

Ich finde, das ist eine super Idee, und wenn sie genutzt wird, kann niemand sagen, er kann sich kein Buch leisten. Irgendwas Interessantes lässt sich immer finden.

Was denken Sie, wie wohl das Bücherregal unserer Enkel aussehen wird?

Das wird vermutlich anders aussehen. Vielleicht weniger Bücher, dafür aber besonders schön ausgestattete. Die Bücher, die man kein zweites Mal lesen will, die man mal schnell so zur Unterhaltung liest, werden wahrscheinlich nicht ins Regal kommen. Das physische Buch wird kostbarer werden, die anderen, schnell-lebigen ins ebook abwandern.

Und was glauben Sie, wie wird das Leseverhalten unserer Urenkel sein?
Die Befürchtung ist ja die, dass sie nicht mehr lesen, sondern nur noch Bilder gucken. Ich glaube das nicht, aber wer weiß es schon. Das Internet ist ein unendlicher Raum und man kann sich schnell verlieren, also wird Konzentration neu definiert werden. Allein die Tatsache, dass man sich durch Lesen eine eigene Welt erschließt, dass das Geschichtenerzählen für den Menschen konstitutionell ist, das bleibt und die Frage wird sein, wie wir das Lesen behaupten werden.

Verleger und Verlegerinnen haben den heimlichen Wunsch, dass das „Manuskript der Manuskripte“ eingereicht wird. Ist das so?
Das ist gar kein heimlicher Wunsch, wer hätte nicht gerne so einen Weltbestseller wie „Das Parfüm“ im Programm?

Frau Kunstmann,
wir danken Ihnen für das Gespräch, und wir von Bücher u. mehr e.V. freuen uns auf die Bücher aus dem Kunstmann Verlag, die wir in Buchhandlungen und in den Münchner Stadtbibliotheken finden können.



© Steffi M.Black 2014 (Text)
© Kunstmann Verlag(Bild)