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Gespräche



 26.10.2013 - Das Gespräch mit Barbara Schnabl 



Barbara Schnabl

Frau Barbara Schnabl
ist Bibliothekarin und war über 40 Jahre in den Münchner Stadtbibliotheken tätig gewesen. Frau Schnabl war auch vor 10 Jahren dabei, um sich für das Bücherbegehren einzusetzen, als in München die Schließung einer noch nicht bekannten Anzahl von Stadtteilbibliotheken drohte.


Wie haben Sie über die Schließungen erfahren?
Bei einer Personalvollversammlung stellte die damalige Kulturreferentin Frau Prof. Lydia Hartl ein Sparprogramm vor. Die Anzahl der Stadtteilbibliotheken sollte verkleinert werden und die Konzentration auf einige große Mittelpunktsbibliotheken gelegt werden. Frau Prof. Hartl sprach von Schließungen, u.a. von der Bibliothek in der Altstadt, Berg am Laim, und die Au sei zu nah am Gasteig. Schlimm war auch dann die Information, dass die Bibliothek Ramersdorf geschlossen werden sollte. Ramersdorf, ein Stadtteil, nicht mit kulturellen Einrichtungen verwöhnt. Das Szenario der Stadtbibliotheken-Schließungen, das uns da vorgestellt wurde, war bedrückend.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für die Erhaltung der Stadtbibliotheken einsetzten?
Mir ist die Institution Stadtbibliothek sehr wichtig. Sie ist die Grundlage für das Kulturleben einer Stadt. Alle Schichten der Gesellschaft werden erreicht. Man muss keine Eintrittskarte kaufen, das Medienangebot steht allen offen. Das ist das Großartige. Jeder kann sich in den Stadtbibliotheken aufhalten und lesen, sich bilden und informieren.

Mit welchen Beiträgen haben Sie das Bücherbegehren damals unterstützt?

Als Ramersdorfer Bürger sich gegen die Schließung wehrten, habe ich mich mit ihnen solidarisiert. Ich erinnere mich noch daran, wie die ersten Flyer kamen und wir uns in den Bibliotheken fragten, ob wir sie denn auslegen dürften. Wir haben es getan, denn es ging ja um den Erhalt von kulturellen Institutionen.

Wie ging es dann weiter?
Es gab Überlegungen, wie man sich weiter solidarisieren kann. Einige der Unterstützer wussten über andere Städte, dass es dort Freundeskreise gibt. An diesen Informationen haben wir uns orientiert. Stadtbibliotheken sind keine elitäre Institution mit Benefizveranstaltungen. Ein Jahresbeitrag von 40 Euro, der die Jahresgebühr für das Entleihen von 20 Euro einschließt, wurde festgelegt. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre entleihen weiter kostenlos.

Erinnerte das Bibliotheksschließen an Zensur?
Als es um die Schließung der Altstadtbibliothek im Stadtmuseum am Rindermarkt ging, haben wir Bibliothekare mit den Unterstützern versucht, zu protestieren. Wir standen vor der Bibliothek und haben Unterschriften gesammelt. Leider haben wir uns nicht durchsetzen können. Die Altstadtbibliothek wurde geschlossen zu Gunsten des Stadtmuseums, das die Räume fürs Museum wollte.

Die Presse hat wohlwollend berichtet?
Doch ja, die Presse hat das Thema aufgenommen, und die Verbreitung über die Zeitungen war ganz gut. Ich hatte auch den Bayerischen Rundfunk angerufen, ob über die Schließung der Bibliothek in der Sendung ”Das Tagesgespräch” vielleicht berichtet werden könnte. Ich glaube, die Redaktion hat darüber diskutiert, ob sie es zum Thema machen, aber da war es schon zu spät, die Altstadt wurde geschlossen.

Es gab auch die lange Lesenacht zur Unterstützung der Ramersdorfer, waren Sie dabei?
Nein, ich war hauptsächlich bei den Gründungsgesprächen und Versammlungen dabei.

Und da gab es doch auch ein Lastauto mit Plakaten...
Das war ein Lastwagen, der Reklame für das Bürgerbegehren durch die Straßen fuhr. Das war nach den Anfängen der Protestaktionen. Das Lastauto war sehr originell. Die Unterstützer haben es tatsächlich geschafft, dass Unterschriftenlisten überall und nicht nur in den Bibliotheken ausliegen durften, und wir Bibliothekare auch den Leuten, ohne Repressalien befürchten zu müssen, sagen konnten, dass wir für das Bürgerbegehren sind. Das war erfolgreich. Leider erreichte dann der Bürgerentscheid nicht das vorgeschriebene Quorum.

Ein Leser hat mal in einer Bibliothek einen Spruch hinterlassen, den ich sehr schön finde: „Bibliotheken sind wie Brot, sie sind ein geistiges Grundnahrungsmittel“
dem kann ich nur ganz und voll zustimmen. Das muss doch erhalten bleiben! Bibliotheken sind wie Schatzhäuser - voll von Wissen – Unterhaltung – Information – Bildung - und Treffpunkt für alle.

Haben Sie etwas besonderes aus Ihrer Stadtbibliothek-Zeit in Erinnerung behalten?
Ich war oft als Aushilfe in anderen Stadtbibliotheken unterwegs, denn wegen Personalmangel durfte keine Bibliothek geschlossen werden. Oft musste ich einspringen, was ich sehr gern gemacht habe. Es ist sehr hilfreich, über seinen Tellerrand zu schauen, das schützt vor Betriebsblindheit (Frau Schnabl lacht dabei). Wir in der Bibliothek Obergiesing hatten damals mit dem Asam Gymnasium Kontakt, und viele Schüler von dort kamen auch in die Bibliothek. Die Schüler waren nicht immer einfach. Da mussten wir schon einen langen Atem haben. Doch eines Tages, ich stand an der Infotheke, kam ein junger Mann auf mich zu und fragte mich: Kennen Sie mich noch? Ich bin der ... und ich gehörte damals zu den türkischen Kindern, die immer unruhig waren. Ich weiß, dass ich Ihnen ganz schön Ärger gemacht habe. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Ich hab’ es jetzt erst verstanden, was wir Kinder für ein unglaubliches Angebot gehabt haben, und wie wichtig nicht nur mir der Zugang zur Bibliothek war.
Über diese Geste des jungen Mannes habe ich mich sehr gefreut.

Welche Rolle spielten Stadtbibliotheken denn für Sie als Kind?
Seltsamerweise keine. Wir lebten in der Nachkriegszeit in Gräfelfing, und man ist aus Geldmangel nicht in die Stadt gefahren. Bücher umgaben mich trotzdem. Erst später, als mich eine Freundin zu einer Bibliothekarinnen-Ausbildung überredete und ich die Zulassungsprüfung bestanden hatte, besuchte ich die Bibliotheken in München und Stuttgart. Ich habe noch ein Zusatzexamen für Kinder- und Jugend- Bibliothek abgelegt, und vielleicht dabei Literatur- und Leseerfahrungen nachgeholt.

Gab es für Sie literarische Highlights?
Oh ja, meine Oma schenkte mir „Heidi” und „Gritlis Kinder” von Johanna Spyri. Ich hatte zusammen mit meinen Geschwistern wunderschöne Märchenausgaben von den Brüdern Grimm, Bechstein mit Illustrationen von Ludwig Richter und Märchen aus 1001 Nacht. Als Kind versank ich in diesen schönen Abbildungen. Später, als ich größer war, tauschte ich mit Freundinnen Karl May Bände aus.

Sie haben sicher heimliche Vorlieben oder Lieblingsautoren?
Nicht unbedingt, ich treffe mich weiterhin mit einigen Bibliothekarinnen, und wir stellen uns Neuerscheinungen und bemerkenswerte Bücher vor. Ich selber lasse mich gerne durch Buchbesprechungen in den Zeitungen oder Literatursendungen im Fernsehen inspirieren, und sehr gerne verfolge ich auch Sonntag Vormittag in Bayern 2 die Sendung „Das offene Buch“.

Frau Schnabl, Sie haben über vierzig Jahre dem Beruf der Bibliothekarin die Treue gehalten. Wurden Sie dafür geehrt?
Ja, schon mit 25 Jahren Zugehörigkeit und dann mit 40 Jahren Dienst.

Wie ging das vor sich, wer überreichte Ihnen die Urkunde?
Die Stadt München ist großzügig. Die Feier fand im alten Rathaus am Marienplatz statt. Es gab viele Reden und einen Büffet-Empfang. Beim meinem ersten Jubiläum war gerade Oberbürgermeister Christian Ude kurz im Amt. In seiner Rede an uns Jubilare aus den verschiedenen Referaten brachte er Skepsis seinerseits an, ob er 25 Jahre in den öffentlichen Verwaltungsstrukturen mit den komplizierten und widersinnigen Sachen aushält, und er hätte große Hochachtung vor denen, die da vor ihm saßen, und dass wir solange durchgehalten haben. Frau Schnabl schmunzelt, wir waren wohl nicht schlecht, immerhin hat Oberbürgermeister Christian Ude es uns ja nachgemacht und selbst ganz lange ausgehalten.

Frau Schnabl, zum guten Schluss drängt sich noch eine Frage auf, was sollte an dem Bildungstreff Stadtbibliothek geändert werden, oder was sollte geschehen, um sie mehr zum Mittelpunkt zu machen?
Die Presse könnte mehr über die Stadtteilbibliotheken berichten. Egal was wir Bibliothekare an Informationen an die Presse rausgeschickt haben, es fiel oft unter den Tisch. Es ist schwer, in die Presse zu kommen. Alle Mitarbeiter könnten eine Unterstützung und Würdigung ihrer Arbeit gebrauchen. Alle sind mit Herzblut und Engagement dabei.

Frau Schnabl,
wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



©Steffi.M.Black 2013(Text u.Bild)