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Gespräche



 08.10.2013 - Das Gespräch mit Keto von Waberer 



Keto von Waberer

Keto von Waberer
ist Schriftstellerin, Autorin vieler Romane, Erzählungen, und ist Übersetzerin für englische Literatur. Auch Kinderbücher gibt es von ihr. Sie lehrt an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Creative Writing. Keto von Waberer wurde mit vielen Auszeichnungen, u.a. mit dem Schwabinger Kunstpreis, dem Ernst Hofrichter Preis und dem Literaturpreis der Stadt München geehrt.


Frau von Waberer, vor 10 Jahren waren Sie dabei, als die junge Initiative „Bücherbegehren“ alle politischen Kräfte und alle, die sich beteiligen wollten, zu einer Informations-Veranstaltung in die Taverna Odyssee in Ramersdorf einlud. An was erinnern Sie sich noch?
An diesem Abend war ich nicht in der Taverna, doch die Aktionen, die sich für den Erhalt der Stadtbibliotheken einsetzten, waren für mich wichtige Unternehmen. Diese Aktionen unterstütze ich sehr gerne und bin froh, dass sich aus dem Bücherbegehren der Förderverein gebildet hat. Der Förderverein ist eine wichtige Instanz für Leser und Benutzer der Stadtbibliotheken.

Im Englischen Garten, im März 2003, war es kalt, als mehrere Autoren am Chinesischen Turm eine Lesung für das Bücherbegehren veranstalteten. Sie haben durchgehalten und aus Ihren Büchern gelesen. Welche Geschichten waren das?
Ich habe aus meinem Buch „Die Mysterien eines Feinkostladens“ gelesen. Das sind erotische Geschichten, kurze und witzige, aber auch bösartige Geschichten. Welche ich von diesen Geschichten vorgelesen habe, erinnere ich mich nicht genau. Vermutlich wird es die Geschichte von der Frau gewesen sein, die im Garten einen Kürbis entdeckt, der sich dann zu einen Liebhaber entwickelt.

Welche Rolle spielten/spielen die Stadtbibliotheken in Ihrem Leben?

Als Kind war ich eine eifrige Besucherin der Stadtbibliotheken. Ich habe dort viele Bücher ausgeliehen. Die Stadtbibliothek war für mich eine große Vorratskammer, aus der ich glücklich immer wieder Lesestoff holen konnte. Ich fand es auch wunderbar, dass so viel Auswahl da war, und in Erinnerung habe ich die gute Beratung. Meine Enkelin, sie ist 12 Jahre alt, leiht sich alles mögliche in der Stadtbibliothek aus. Sie könnte ohne die Bibliothek gar nicht leben. Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder, die lesehungrig sind, ein Forum haben, zu dem sie hingehen können, und dass sie das lesen können, was sie gerne wollen.

Und wie war Ihr Weg zum Lesen?
Ich komme aus einem sehr literaturpussligen Elternhaus. Bei uns gab es eine große Bibliothek, somit gab es viel zu lesen. In der Bibliothek standen auch Bücher, die ich nicht lesen durfte, die sogenannten Bücher für Erwachsene, die ich aber trotzdem gelesen habe. Die Jugendliteratur holte ich aber immer aus der Stadtbibliothek.

Welche Bücher waren das, die Sie als Kind nicht lesen durften?
Zum Beispiel Bücher von Simone de Beauvoir, oder von Curzio Malaparte, die Haut. Das hätte ich besser auch nicht getan, denn das Buch mit den grauenhaften Geschichten hat mich nächtelang bewegt und beschäftigt. In diesem dymnamischen Buch beschrieb Malaparte seine Abneigung gegen Krieg, Blut und Gewalt in drastischen Bildern.

Wurde Ihnen als Kind vorgelesen, und welche Bücher waren das?
Ja, das war herrlich. Unsere Eltern haben uns viele Bücher vorgelesen, was wir Kinder sehr liebten: Niels Holgerson. Pu der Bär, der kleine Prinz, die Märchen von Andersen und Oscar Wilde, die Odyssee.

Auf Ihrer Webseite gibt es ein Button, der heißt Spielwiese. Rita, eine entzückende Katze und Konrad, der Wuschelbär wohnen dort. Und sie werden vom Alltag nicht verschont. Konrad der Bär kann sogar mit dem Computer umgehen. Ob die Beiden sich auch mal die Webseiten von Bücher & mehr e.V. anschauen? Aber selbstverständlich werden die Beiden sich die Webseiten anschauen. Konrad werde ich sofort dazu anstiften. Rita ist zwar etwas schwierig und launisch, aber Konrad guckt sich auf jeden Fall die Seiten an.

Frau von Waberer, ich glaube, Sie essen gerne. Pardon wegen dieser platten Behauptung, denn die meisten Menschen essen gerne. Sie genießen es aber ganz anders, nämlich literarisch. Erinnern sie noch an den kulinarischen Raben?
Natürlich erinnere ich mich an den kulinarischen Raben. Das war ein wunderbarer Almanach. Ich habe für ihn immer Geschichten geschrieben, die vom Essen und vom Kochen handeln, oder von der Gefräßigkeit oder von dicken Menschen. Ich trauere um diesen Raben, der war ein schönes Forum für Kulinaritäten.

Haben Sie die anderen Kollegen, die im Raben veröffentlicht haben, auch getroffen?
Zu Redaktionsschluss vom Raben gab es immer bei Vincent Klink, in der Nähe von Stuttgart, ein Treffen der Autoren. Und wie kann es nicht anders sein, wenn man bei Vincent Klink zu Gast ist? Es wurde aufgetischt. Die Autoren und das Verlagsteam mussten sich dem herrlichen Essen hingeben. Das nahm kein Ende, es war einfach wunderbar. Wir verließen das Treffen nicht nur mit einem Reiseproviant-Paket von Vincent, auch neue Ideen und Rezepte wurden miteingepackt.

Und Frau von Waberer, Sie gehören zu den wenigen Menschen, die im Zeitalter von Laptops und Smartphones mit der Hand schreiben. Das heißt, Sie haben kaum Korrekturen. Oder wie funktioniert das Schreiben?
Ja, komischerweise kann ich nur mit der Hand schreiben. Meine Phantasie funktioniert nur, wenn die Hand mit Schreiben beschäftigt ist, sonst geht es nicht. Ich kann weder auf dem Computer tippen, noch auf einer Schreibmaschine. An sich ist das wunderbar, aber ich schreibe alles mit der Hand. Danach wird es in den Computer eingegeben.

Ich finde das sehr beeindruckend, Sie haben somit keinen Datenverlust.
Nun in der Tat, die Originaltexte sind tatsächlich vorhanden. Denn im Computer wird der Ersttext durch Korrekturen überschrieben. Ich finde es sehr angenehm, in dem Originaltext zu lesen, wenn ich einen Text verändern möchte.

Wie lange schon schreiben Sie ihre Manuskripte mit der Hand?
Ich habe immer schon mit der Hand geschrieben. Damals, irgendwann mal, wollte ich schon mit einer Schreibmaschine schreiben, aber das ging nicht, es hat nicht funktioniert. Ich brauche das Schreiben mit dem Kugelschreiber auf der weißen Seite.

Sie haben ein Buch geschrieben, das heißt „Die Mysterien eines Feinkostladens“. Wie kam es zu diesem Titel?

Der Titel ist eine kleine Verneigung vor Karl Valentin. Von ihm gibt es einen Film mit Titel “Mysterien in einem Frisiersalon“. Und da ich Valentin sehr schätze und ihn genial finde, habe ich sozusagen die kleine Verbeugung gemacht. Mein Mysterium ist eine Geschichte von einer Verkäuferin im Feinkostladen, die eine Liebschaft mit einem ihrer Mitangestellten hat. Der Feinkostladen ist ihre erotische Offenheit und symbolisiert ihre Gefräßigkeit. Sie verkauft feine lukullische Köstlichkeiten und erlebt in diesem Laden allerhand mit der Liebschaft.

Ein Buch von Ihnen heißt „Der Mann aus dem See“. Ist das Ihr erstes Buch?
Das ist mein erstes Buch. Es ist 1983 erschienen. Der Mann aus dem See ist die Titelgeschichte. Die Handlung: Da ist eine Frau, die praktisch beherrscht wird von dem Bild eines Mannes, den sie als Kind geglaubt hat zu sehen und den sie sucht. Das geht oft schief, sie findet ihn, oder sie findet ihn nicht, dann doch. Die Geschichte hat aber kein gutes Ende, als sie ihn findet.

Das Buch „Der Mann aus dem See“ ist ein Reigen zwischen Sehnsucht und Phantasie. Verarbeiten Sie in den Geschichten Ihre Wirklichkeit?
Ich glaube, jeder Autor hat eine Vorratskammer an Erinnerungen, von Sätzen, an Szenen, an Bildern, und jeder Autor verarbeitet auch in seinen Geschichten immer ein Teil von sich. Weil er von allen seiner Figuren ein Teil ist, und diese Figuren Dinge erleben, von denen der Autor weiß. Es ist nicht so, dass diese direkt übertragen werden. Zum Beispiel die Frau aus dem Feinkostladen, sie hat überhaupt nichts mit mir zu tun. Sie kommt in Situationen, wo ich mich selbst an Situationen erinnere, die ich erlebt habe, und die ich dann für die Figur maßgeschneidert habe.

Das letzte Buch von Ihnen ist ein umfangreiches Jugendbuch und heißt Mingus. Welche Bilder sind Ihnen am inneren Auge vorbeigezogen?
Nun, ich bin eine große Leserin von Science Fiction Literatur. Mingus ist ein Teil einer Science Fiction Geschichte. Der Held ist ein Wesen aus Mensch und Löwe. Diese Konstellation von einem Mischwesen hat mich seit meiner Kindheit fasziniert. Der erste Film, den ich als Kind gesehen hatte, war von Jean Cocteau „La Belle et la Bête“. Ich war vollkommen in dieses Monster, in diesen großen Katzenmann verliebt. Er war eine gute Bestie. Am Ende des Films war ich ganz enttäuscht, dass sich die Prinzessin nicht auch in eine Katze verwandelte, sondern der Katzenmann in einen Prinzen. Aber es war ein grandioser, beeindruckender Film, und dieser Film lies mich all die Jahre nicht los. Das musste ich wohl in Mingus ’rauslassen. Ich habe keine Bilder aus dem Film benutzt, ich habe nur die Gestalt, die mir als Kind so viel Eindruck gemacht hat, für den Helden Mingus verwandt.

Dem Buch Mingus haben Sie ein Zitat von Thomas Bernhard vorangesetzt „Ausgerechnet der Mensch ist unmenschlich“. Warum haben Sie dieses Zitat ausgesucht?
Die Lichtgestalt dieses Buches ist sozusagen Mingus. Und Mingus hat nicht nur menschliche, sondern auch tierische Anteile, die ihn zu dem machen, was er ist, nämlich an sich ein gutes Wesen. Und in dieser zukünftigen, in dieser misanthroptischen Welt, sind Tiere wie verschwunden. Es ist auch den Leuten nicht erlaubt, Haustiere zu halten. Diese Welt ist eine grausame Machtwelt, in der es dem Menschen nicht gut geht. Im Gegensatz dazu ist das Reich der Tiere eine Utopie. Und es endet damit, dass man die Tiere wieder nachzüchten will, um die Welt damit zu bevölkern.

Frau von Waberer, in welcher Megacity möchten Sie gerne Ihren nächsten Roman schreiben?
Wenn ich es mir aussuchen könnte und dort hinkäme, um einen Roman zu schreiben, würde ich sagen: Vielleicht Delhi? Vielleicht Singapur? Vielleicht New York? Oder Peking? Das sind alles Städte, die mich wahnsinnig interessieren. Von jeder Stadt würde ich mich beflügeln lassen, Eindrücke sammeln und daraus was schreiben.

Was ist ein Wombats?

Wombats sind australische Beuteltiere. Es ist dick, hat eine fette schwarze Nase. Es ist ein langsames und possierliches bärenähnliches Tier.

Sie veranstalten Schreib-Workshops, für welche Art Literatur geben Sie Anleitungen?
Ich gebe Schreib-Workshops in der Filmhochschule. Die Studenten müssen Geschichten schreiben, aus denen sie dann Filme machen können, denn jeder gute Film und jedes gute Drehbuch hat als Grundlage eine gute Geschichte. Wir üben nicht Drehbücher schreiben, wir üben Geschichten zu schreiben. Das möchte ich fördern.

Kommen wir zurück zu den Stadtbibliotheken. Diese haben einen kulturellen Auftrag und dienen der gesellschaftlichen Kultur und der Bildung. Die Bibliotheken werden selbstverständlich hingenommen. Was sollte geschehen, um sie stärker in den Mittelpunkt zu rücken?
Man sollte viel mehr Veranstaltungen mit Autoren machen. Eine Idee wäre, Leseclubs zu bilden und gemütliche Leseatmosphären zu schaffen.

Frau von Waberer,
wir danken Ihnen für das Gespräch.


©Steffi M.Black 2013(Text)
©Keto von Waberer (Bild)