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Gespräche



 17.09.2013 - Das Gespräch mit Christine Prunkl 



Christine Prunkl

Christine Prunkl ist Vorstandsmitglied des KulturForums der Sozialdemokratie in München. Sie hat sich vor 10 Jahren für das Bücherbegehren eingesetzt und ist Gründungsmitglied von Bücher u. mehr e.V.

Wie haben Sie über das Bücherbegehren erfahren?

Ich habe das zuerst über die Medien erfahren. Für die geplanten Schließungen konnte ich kein Verständnis aufbringen. Die sicherlich erforderlichen Sparmaßnahmen hätten meiner Meinung nach so etwas wichtiges ausklammern müssen. Es hat mich auch persönlich getroffen, da "meine" Stadtbücherei in der Au ebenfalls auf der Liste stand. Und gerade am Beispiel Au konnte ich sehen, wie wichtig diese Einrichtung für die Bürger ist. Da saßen alte Menschen am Tisch und blätterten in den Zeitungen, deren Abonnement für Sie bei ihrer kleinen Rente unerschwinglich war. In einer anderen Ecke saßen Kinder mit roten Backen und lasen. Für Kinder gab es auch ständig Programme, die Bibliothekarinnen engagierten sich über ihre Arbeit hinaus, ich hatte das Gefühl, dass dies weder gesehen noch honoriert wurde.

Mit welchen Beiträgen haben Sie das „Bücherbegehren“ damals unterstützt?
Na ja, von "Beiträgen" kann man eigentlich nicht sprechen und vielleicht hätte ich mich weiterhin im stillen Kämmerlein vor mich hingeärgert, wenn der Vorsitzende des KulturForums, Christian Ude, nicht bei einer unserer Vorstandssitzungen die Notwendigkeit der Schließungen einiger Bücherein aufgrund der damaligen Finanzlage der Stadt zu begründen versuchte.
Die Argumente konnte ich so nicht akzeptieren und hielt dagegen. Auch erinnerte ich ihn daran, wie beeindruckt er von den Bürgerhäusern in Frankfurt war, die wir bei einer unserer Kulturreisen besichtigt hatten. Ude hatte damals den Wunsch geäußert, auch in München diese kulturellen Anlaufstellen in jedem Stadtteil einzurichten. Die Au ist ein benachteiligter Stadtteil, der den Bürgern nichts dergleichen bietet. Zumindest aber die Bücherei ist ein Ort, der angenommen und gut frequentiert wird, konterte ich damals. Den Gasteig als Ausweichmöglichkeit zu benennen, war inakzeptabel. Ein alter Mensch – vielleicht noch auf den Rollator angewiesen – legt diesen weiten Weg nicht zurück. Bei dem Hinweis auf öffentliche Verkehrsmittel, bat ich, sich die Verbindungen mal auf dem Stadtplan anzusehen. Es gibt keine Querverbindung zum Gasteig.
Während des Streitgesprächs dachte ich für mich, "damit sammelst du jetzt keine Pluspunkte, das wird er dir übel nehmen". Die Sache war mir aber zu wichtig, um einzuknicken. Doch zum Schluss saß Christian Ude mit verschränkten Armen da, grinste mich an und meinte "na, Christine, so kontrovers haben wir aber schon lange nicht mehr diskutiert".
Kurz darauf war bei einem unserer Kulturstammtische der Hallenmogul Wolfgang Nöth zu Gast, der von Ude interviewt wurde. Er kritisierte die Schließung der Büchereien und zeigte hierfür keinerlei Verständnis. Ude meinte, dies hätten wir auch schon im Vorstand kontrovers diskutiert. Nik Gradl war auch dabei und bekam an diesem Abend gewissermaßen den Auftrag, sich mit Nöth kurz zu schließen und die Sache zu verfolgen. Nöth hat sich meines Wissens dann doch nicht eingebracht. Aber von Nik bekam ich eines Tages dann die Einladung, an der Gründung und den Sitzungen von "Bücher & mehr" teilzunehmen.

Wie war Ihr Weg zum Lesen?
Bis zum neunten Lebensjahr wuchs ich recht wild in einem fränkischen Dorf auf. Als ich lesen lernte, bekam ich ein Micky Maus-Heft und dann den ersten Band von "Nesthäkchen". Das war der erste Kontakt mit einem Buch. Nach dem Umzug nach Nürnberg konnte ich mein Heimweh durch das Lesen kompensieren. Glücklicherweise war direkt gegenüber eine Städtische Bücherei. Ich ging alleine hin, wurde aufgenommen und war erst mal erschlagen von der großen Auswahl an Büchern und auch ein wenig hilflos. Der Bibliothekar zog einen Band aus dem Regal, der mich total langweilte. Aber nachdem ich mich diesem Schmöker tapfer gestellt hatte, wählte ich die nächsten Bücher selbständig aus. Die Leihgebühr betrug 5 Pfennige, die ich jedes Mal erbetteln musste. Als meine schulischen Leistungen nachließen, weil die Erledigung der Hausaufgaben unter meiner Lesewut litt, bekam ich Leseverbot. Deshalb las ich heimlich im dürftigen Licht einer Straßenlaterne, die durch das Fenster auf mein Bett leuchtete. Glücklicherweise kam keiner darauf, die Jalousie zuzuziehen.

Welche Bücher wurden Ihnen vorgelesen?
Vorgelesen wurde mir zu Hause nie, aber ich durfte manchmal in einem Kinderheim übernachten, in dem meine Großmutter arbeitete. Ich fand es toll unter so vielen Kindern mit den all den Spielsachen und Büchern. Bevor das Licht ausgemacht wurde, las eine Kinderschwester vor. Meist Hauff's Märchen. Boah, fand ich die gruselig. Diesen Kick wollte ich später nochmals erleben, aber er stellte sich beim nochmaligen Lesen der Geschichten leider doch nicht mehr ein..

Gab es für Sie literarische Highlights?
Ja natürlich. Damals gab es für mich die wunderbaren Erich Kästner Bücher. Mit Pippi Langstrumpf bin ich in viele Abenteuer eingetaucht. Es war die Offenbarung zum Lesen. Ich habe jetzt, als Erwachsene, wieder mal von Kästner das „Doppelte Lottchen“ gelesen. Unglaublich wie Kästner sich in Kinderseelen hineinversetzen konnte. Ich war wieder verzaubert wie damals, als Kind.

Frau Prunkl, Sie sind stellvertretende Vorsitzende des Kulturforum der SPD. Kommen Bücher da auch vor?
Jein. Natürlich gibt es Anfragen von Schriftstellern, ob sie nicht ihr neues Buch vorstellen können. Wir machen aber bewusst keine Lesungen, weil wir weder dem Literaturhaus noch Buchhandlungen Konkurrenz machen wollen. Ausnahmen gibt es, wenn z.b. beim Kulturstammtisch ein Thema zur Sprache kommt, zu dem der Gast ein Buch verfasst hat. Dann wird auch auf dieses Buch Bezug genommen. Das Thema Literatur wurde von unserem leider verstorbenen Vorstandsmitglied Clemens Peter Haase (vormals Goethe-Institut) durch Podiumsdiskussionen zu bestimmten Themen wie „Literatur und Migration“ oder „Familie und Geschichte“ mit (u.a.) Uwe Timm, Dagmar Leupold und Johano Strasser behandelt. Auch ein Besuch im Hanser Verlag mit Michael Krüger war ein Highlight. Bei einer Veranstaltung wurden z.b. Nachwuchs-Schriftsteller und junge Verlage vorgestellt und über deren Probleme diskutiert.

Kommen wir zurück zu den Stadtbibliotheken, die einen kulturellen Auftrag haben, und der Volkskultur bez. der Bildung dienen. Sie werden als selbstverständlich hingenommen. Was sollte geschehen, um auf die Angebote hinzuweisen, und es zu Mittelpunkten zu machen?
Stadtbibliotheken müssen auf jeden Fall für Jung und Alt öffentlich gut fußläufig erreichbar sein. Die Stadtteile sind groß und es ist kein Argument, dass es z.b. in Giesing bereits eine Bücherei gibt und deshalb die Filiale an der Tegernseer Landstrasse geschlossen werden kann. Diese Filiale wird sehr gut besucht, immer, wenn ich dort war, tobten auch Kinder durch die Räume, sehr viele ausländische Kinder, für die es in ihrer Muttersprache Bücher auszuleihen gab. Wie kann man diesen Kindern diese Bücherei wegnehmen, frage ich mich. Bücher & mehr ist auf einem guten Weg, die ausliegenden Infos werden hoffentlich weitere Leser zur Mitgliedschaft für die Unterstützung der Bibliotheken bewegen können.

Halten Sie die Stadtbibliotheken als Institution für Bücher als zukunftssicher?
Eigentlich ja, solange es Leute gibt, die - wie ich - gerne das Buch in der Hand halten wollen. Es mag ja sein, dass Generationen heranwachsen, für die das Buch nicht mehr so wichtig ist. Aber da hoffe ich auf eine Renaissance, denn es gibt ja immer wieder nostalgische Wiederbelebungen, wie beim Run auf Langspielplatten. In öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit steckten viele Menschen die Nase in ein Buch. Mich hat das immer gefreut. Heute fällt auf, dass mindestens die Hälfte all dieser Leser ein E-Book in der Hand hält und man muss zugeben, dass dieses handliche Leichtgewicht schon praktisch ist. Der Kompromiss wäre, unterwegs das E-Book und zu Hause ein richtig schöner Schmöker. Dazu ein Glas Wein, das ist doch etwas Sinnliches. Deshalb hoffe ich, dass der Griff nach dem Buch Zukunft hat.


Frau Prunkl,
wir von Bücher und mehr e.V. sind ganz auf Ihrer Seite. Wir danken Ihnen für das Gespräch.



Steffi M.Black 2013(Text u.Bild)