Newsletter

Journal

Projekt „Ankommen“
mehr lesen
...

Neuaubing
mehr lesen
...

eBooks
mehr lesen
...

iPad
mehr lesen
...

Gartenstühle
mehr lesen
...

Förderungen 2014:
Bücher & mehr e.V. stellt jeder Stadtbibliothek in München...
mehr lesen
...

Sie sind hier: Büchertipps

Büchertipps


Stichwortsuche:

Für Sie gelesen!
Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus den Münchner Stadtbibliotheken stellen Ihnen Bücher vor.
Lesen Sie hier die Buchbesprechungen.


01.09.2017 Schicksal oder Zufall
 
Laura Barnett: Drei mal wir
Rowohlt Verlag

Was wäre, wenn ich in einem entscheidenden Moment meines Lebens anders gehandelt hätte? Wäre mein Lebensweg dann aufgrund von scheinbar unwichtigen Entscheidungen ein völlig anderer gewesen? Dieser Frage geht Laura Barnett auf packende und sehr lesenswerte Weise nach.
Eva und Jim treffen sich 1958 als Studenten in Cambridge, als Eva mit einer Fahrradpanne auf ihrem Weg ins Seminar liegen bleibt.. Ihr jeweiliges Handeln in dieser Situation wird ihr späteres Leben in ganz unterschiedliche Bahnen lenken. Und nun ergeben sich drei verschiedene Lebensläufe: In einer Version wird Eva eine große Autorin und ist mit Jim verheiratet, der sich in einer Künstlerkarriere versucht. In einer anderen Lebensversion gibt Jim seine Karriere als erfolgreicher Anwalt auf, um als Künstler zu arbeiten, ist aber zunächst mit Helena, ebenfalls Künstlerin, verheiratet. Dann gibt es für Eva noch die Option, an der Seite eines berühmten Schauspielers einen wichtigen Teil ihres Lebens zu verbringen.
Jim und Eva sind also über mal kurze, mal längere Zeitspannen hinweg ein Liebes- bzw. Ehepaar, hauptsächlich in London oder New York, und ihr Leben gestaltet sich immer wieder anders als erwartet. Ein Paar – aber drei unterschiedliche Geschichten.

Rote, blaue und grüne Pflanzen am Schnitt und auf den Buchseiten zeigen die drei Lebensversionen an, damit klar wird, in welcher Version man sich als LeserIn gerade befindet. Am Anfang ist tatsächlich ein wenig Konzentration erforderlich, und man sollte etwas länger bei der Lektüre bleiben. Oder die drei Versionen werden nacheinander gelesen; da sie ja farblich gekennzeichnet sind, wäre auch das kein Problem und hätte sicher seinen Reiz.

Jetzt sind Sie gefordert zu entscheiden: Wie möchten Sie dieses absolut gelungene Roman-Debüt lesen? Und gibt es Schicksal oder Zufall? Oder hält eine übergeordnete „Macht“ unsere Lebensfäden in ihren Händen?

Laura Barnett, 1982 in London geboren, arbeitet als Journalistin und hat bereits preisgekrönte Kurzgeschichten veröffentlicht. „Drei mal wir“ war ein in der Presse gefeierter Bestseller in England und wurde in 22 Länder verkauft.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried




[mehr lesen][schließen]


04.08.2017 Sonderbares Alter
 
Francesca Segal: Ein sonderbares Alter
Kein und Aber Verlag

Francesca Segal, bekannt geworden mit dem auch bei uns erfolgreichen Roman „Die Arglosen“, hat nun einen weiteren Beweis ihres schriftstellerischen Könnens vorgelegt. „Ein sonderbares Alter“ ist ein gelungener, glaubhafter Familienroman mit gut gezeichneten Protagonisten. Thema: Wie lebt eine Patchworkfamilie, welche Probleme können aufgrund neuer Konstellationen auftreten? Der Plot ist erfrischend anders als bei vergleichbaren Titeln.

Als sich Julia und James sich ineinander verlieben, sie Britin, er Amerikaner, sind sie beide schon in einem Alter, das ihre jeweiligen Kinder Gwen und Nathan nur noch peinlich finden hinsichtlich einer auch sexuellen Liebesbeziehung. Abgesehen davon, dass die beiden Teenager nun nicht mehr wie gehabt ihren deutlich ausgeprägten Egoismus ausleben können und für sich keinen Grund sehen, ihr bisheriges so bequemes Leben aufzugeben. Und ganz abgesehen davon, dass sie sich anfangs so gar nicht ausstehen können, was sich dann aber geradezu dramatisch ändern soll.

Auch Julias Ex-Schwiegereltern beäugen die neue Familienkonstellation gelinde gesagt interessiert. Doch das reife Liebespaar denkt nicht daran, sich den Ansprüchen und Forderungen , insbesondere der Kinder , zu beugen. Zulange haben beide auf privates Glück verzichtet, jetzt wollen sie endlich mal an sich denken, selbst mal egoistisch sein.
Doch als ein unerwartetes Ereignis über alle hereinbricht, stehen plötzlich die Lebensvorstellungen aller auf der Kippe, und die auftretenden Probleme scheinen unüberwindbar...

F. Segal erzählt diese Story multiperspektivisch und findet immer für jeden ihrer Protagonisten den richtigen, überzeugenden Ton, was auch für die Nebenfiguren gilt. Es passiert in diesem temporeichen und spannenden Roman ziemlich viel, deswegen an dieser Stelle mal keine Details zur Handlung.
Doch wer sich auf „Ein sonderbares Alter“ einlässt, wird intelligent und zugleich amüsant unterhalten. Und kann am Schluss beurteilen,ob es ein sonderbares Alter für die Liebe überhaupt gibt.

Francesca Segal, die Tochter von Eric Segal, der mit „Love Story“ weltberühmt wurde, arbeitet als Kritikerin und Feuilletonistin und lebt mit ihrer Familie in London. Für ihre beiden Romane erhielt sie bereits zahlreiche Literaturpreise.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


13.07.2017 USA
 
Toni Morrison: Gott, Hilf dem Kind
Rowohlt Verlag

Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison hat erneut einen zutiefst aktuellen Roman geschrieben. Ihr Thema: starke Frauen, die sich auch durch widrige Umstände nicht unterkriegen lassen in einem Amerika, das insbesondere für weiße Amerikaner ab der gehobenen Mittelschicht aufwärts wirklich gute Chancen bietet.

Im Mittelpunkt steht Lula Ann, die als fast blauschwarzes Baby ihre eher helle Mutter Sweetness in Angst und Schrecken versetzt und den ebenfalls nicht sehr schwarzen Vater nach der Geburt in die Flucht treibt. Schließlich geht er davon aus, dass er unmöglich der Kindsvater sein kann. Lula Ann wehrt sich gegen die gutgemeinten Versuche ihrer Mutter, sie als gehorsames und gefügiges Kind zu erziehen; schließlich drohen gerade ihr rassistische Übergriffe. Doch je älter und schöner Lula Ann wird, desto mehr Widerstand setzt das selbstbewusste Mädchen der mütterlichen Autorität entgegen; Anpassung um den Preis der Selbstaufgabe – nein Danke. Stattdessen nennt sie sich Bride, trägt als schiere Provokation blendend weiße Kleidung und macht auf diese Weise Karriere bei einer Kosmetikfirma. Schließlich verliebt sie sich in einen exzentrischen jungen Afroamerikaner, der sich, genauso wie Bride, von den Gespenstern der Vergangenheit befreien muss, in seinem Fall, dem gewaltsamen Tod seines Bruders. Die kleine Lula Ann hingegen hat sich die fehlende Zuneigung ihrer Mutter mit einer furchtbaren Lüge erkaufen wollen, die eine Lehrerin für 15 Jahre unschuldig ins Gefängnis brachte.
Der Plan geht für Lula Ann auf, ihre Mutter ist stolz auf sie und endlich erfährt sie als Kind mütterliche Zuwendung.

Überzeugt hat mich dieser Roman gerade deswegen, weil er weder zu belehren noch zu missionieren beabsichtigt. Tatsächlich nimmt die Story im mittleren Teil richtig Fahrt auf. Den durch den ständigen Perspektivenwechsel der Protagonisten zeigt sich die ganz individuelle Sicht der Beteiligten. Selten nur lässt T. Morrison eine allwissende Erzählstimme zu Wort kommen – allgemeingültige Urteile werden somit nicht abgegeben. Es bleibt die Frage offen, ob der alltägliche und strukturelle Rassismus in den USA überwunden werden kann.

Im letzten Kapitel kommt die Mutter noch einmal zu Wort. In einem Brief ohne Absender hat ihr Bride mitgeteilt, dass sie schwanger ist. Und Sweetness denkt über ihre Fehler und Versäumnisse als Mutter nach. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie oftmals hart reagiert hat – um ihr Kind zu schützen. Was sie Bride mit auf den Weg gibt : Viel Glück, und Gott, hilf dem Kind.

„Hätte Amerika eine Nationalschriftstellerin, so wäre es Toni Morrison“ laut der „New York Times“.

Toni Morrison wurde 1931 in Lorain, Ohio geboren und studierte an der Cornell University Anglistik. Sie hatte in Princeton eine Professur für afroamerikanische Literatur inne und ist Mitglied der National Council on the Arts sowie der American Academy of Arts and Letters. Neben zahlreichen Preisen erhielt sie 1993 den Nobelpreis für Literatur.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


08.06.2017 New York
 
Rona Jaffe: Das Beste von allem
Ullstein Verlag

Ein New York-Roman aus den 50er Jahren und trotzdem von einer verblüffenden Aktualität; Rona Jaffes Bestseller aus dem Jahr 1958 wurde bei Ullstein in einer neuen Übersetzung (hier und da mit einigen Schnitzern) wieder aufgelegt und dürfte erneut begeisterte Leserinnen finden.

Sehr unterschiedliche Frauen Anfang 20 wollen im Big Apple Karriere machen, allerdings jede auf ihre eigene Art. Während Marie-Agnes ihr Glück in einer konventionellen Ehe sucht, träumt Caroline davon, als anerkannte Lektorin zu reüssieren. Gregg sieht sich den Broadway erobern, und die alleinerziehende Barbara versucht irgendwie über die Runden zu kommen. Alle jedoch träumen auch ihren ganz persönlichen Traum von der Liebe inklusive Hochzeit.

Der ständige Perspektivenwechsel zwischen den Protagonistinnen vermittelt deren Unterschiede im Fühlen und Denken. Der Plot ist in den 50er Jahren angesiedelt; Moralvorstellungen, gerade im sexuellen Bereich, werden aufgedeckt, ebenso die verlogene Doppelmoral, welche Männern weit mehr zugestand als Frauen. Zudem präsentiert R. Jaffe ein lebendiges New York-Flair, angefangen von der Schilderung eines damaligen Großraumbüros im Verlag, der dort immer wieder auftretenden sexuellen Belästigung von Frauen durch ihre männlichen Vorgesetzten bzw. Kollegen, über Affären bis hin zur ungewollten Schwangerschaft. Hier zeigt sich, warum „Das Beste von allem“ auch heute noch so frisch und aktuell zu lesen ist, zwar wird nicht der Computer heruntergefahren, sondern die Schreibmaschine abgedeckt, in den schummerigen Bars wird ständig geraucht und Martini mit oder ohne Olive ist en vogue.

Vielleicht drängt sich beim Lesen der Vergleich mit „Sex and the City“ auf – doch urteilen Sie selbst. Mich hat der Roman aus folgenden Gründen überzeugt: Zum einen verzichtet R. Jaffe auf ein allumfassendes kitschiges Happy End und die Struktur des Romans verführt unbedingt zum Weiterlesen, leider bleibt die ernüchternde (aber wichtige) Erkenntnis, dass viele Probleme für Frauen in der Arbeitswelt wohl immer noch ihrer Lösung harren. Fazit: Ein guter Unterhaltungsroman, der zum Nachdenken und Handeln animiert und mit viel Lokalkolorit ein gelungenes Stimmungsbild vermittelt.

Rona Jaffe (1931-2005)
schaffte mit diesem Debüt ihren großen Durchbruch, da selten zuvor die Tabuthemen über das Leben junger Frauen so offen angegangen wurden. Millionen begeisterter Leserinnen konnten sich in ihren Figuren wiedererkennen. Die Autorin gründete die „Rona-Jaffe-Foundation“, eine Stiftung, die amerikanische Nachwuchsautorinnen fördert.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


02.05.2017 Alpen-Krimi
 
Nicola Förg: Scharfe Hunde
Pendo Verlag

Das hört sich zunächst einmal nach einem Durcheinander an – nichts scheint zusammenzupassen! Was können auch ein Camper aus den Niederlanden, eine nette wohlsituierte Oma und der streitlustige Inhaber einer Outdoor-Event-Agentur miteinander zu schaffen haben?! Außer, dass alle drei an einer Eisenhutvergiftung sterben, wohl gar nichts.

Trotz einiger Skepsis begann ich mich auf die Lektüre einzulassen und wurde nicht enttäuscht. Nicola Förg zeigt sich auch in ihrem achten Alpen-Krimi als Meisterin des Genres Regionalkrimi. Gekonnt werden Handlungsstränge zusammengeführt, viel Lokalkolorit aus der Werdenfelser Region vermittelt, und die spritzigen Dialoge tragen zudem zum Lesevergnügen bei.

Das Kommissarinnengespann Irmi Mangold und Kathi Reindl steht also vor drei seltsamen Todesfällen. Dann kommt es zu einem Unfall vor dem Farchanter Tunnel: Ein ungarischer LKW stürzt um, und auf der Straße liegen plötzlich Hundewelpen, eingezwängt in Käfigen. Der ungarische Fahrer weiß natürlich von nichts, er ist ja „nur der Fahrer“ der Ladung. Doch nun schließt sich der Kreis ein Stück weit, denn im Fahrerhaus findet sich die Adresse der netten Oma... Und nun nimmt die Story so richtig Fahrt und Spannung auf; so erfährt man nebenbei viele unschöne Details über den illegalen aber sehr lukrativen Welpenhandel, ein Thema das auch in den Medien durchaus aktuell ist.
Bei der intensiven Recherche entdeckte Nicola Förg, dass es sich hier um organisierte Bandenkriminalität handelt und schon bei 250 Welpen der Netto-Gewinn 200.000 Euro beträgt. Also durchaus ein Thema, das interessieren sollte angesichts der Tatsache, dass jedes Jahr bis zu 500.000 Welpen illegal aus Osteuropa nach Deutschland gelangen, so Tessy Lödermann, Vorsitzende des Tierschutzvereins Garmisch-Partenkirchen und Vize-Präsidentin des Deutschen Tierschutzbundes. Wie auch im Roman beschrieben, liegen ihr tatsächlich stapelweise gefälschte Dokumente vor, oftmals aus Ungarn.Sehenswert hierzu auch der Bericht „Scharfe Hunde“ der BR Mediathek (28.2.17), in dem Nicola Förg und Tessy Lödermann zu Wort kommen.

Am 10.5. 2017 kommen Nicola Förg und Michaela May nach Fürstenried. Sie lesen und erzählen, gemeinsam und einzeln, sodass die Krimihandlung sehr lebendig präsentiert wird. Die Veranstaltung findet um 20.00 Uhr im gegenüberliegenden Bürgersaal statt, der Eintritt beträgt 12 Euro.
Kartenreservierung und Kartenvorverkauf in der Stadtbibliothek
Fürstenried, Tel. 089/7596989-0

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


07.04.2017 Ehe mit Hintergrund
 
Karine Lambert: Und jetzt lass uns tanzen
Diana Verlag

Dürfen die eigenen Eltern auch mal aus der Reihe tanzen, sich nicht so verhalten comme il faut und ihre Kinder schockieren?

Mit Charme und Esprit geht Karine Lambert in „Und jetzt lass uns tanzen“ dieser Frage am Beispiel von Marguerite und Marcel nach. Beide haben ihre langjährigen Ehepartner verloren, und so unterschiedlich ihre Ehen und ihr gesellschaftlicher Hintergrund auch sind, sie verlieben sich ineinander.

In einer Kureinrichtung in den Pyrenäen, die ihre Kinder ihnen empfohlen, um nicht zu sagen aufgedrängt haben! Obwohl beide über 70 Jahre alt sind (Marguerite 78, Marcel 73) erleben sie eine wunderbare romantische Liebe, die Marguerite so in ihrer Ehe mit einem angesehenen Notar nie erlebt hat. Warum nur hat sie diese zwar höfliche aber doch sehr förmliche und kühle Ehe so lange ausgehalten? Wie sein Vater Henri wird auch der gemeinsame Sohn Frédéric Notar, lebt und denkt genauso konservativ und gesellschaftliche Konventionen niemals hinterfragend. Kein Wunder, dass er das „Treiben“ seiner Mutter beargwöhnt und auch deutlich missbilligt. Doch Marguerite setzt sich gegen ihren sie bevormundenden Sohn durch; nicht zuletzt dank Marcels Lebensfreude und seiner Energie, Dinge anzupacken. Seine Ehe mit Nora, die er schon seit Kindertagen kannte, war geprägt von Leidenschaft und tiefen Gefühlen füreinander und Noras tragischer Unfalltod hat Marcel fast alle Lebensfreude genommen. In den letzten beiden Kapiteln erfährt man, wie es mit Marguerite und Marcel weitergegangen ist – 10 Jahre später...

Schade,
dass dieser so anrührend und ehrlich geschriebene Roman nach 222 Seiten schon zu Ende war.
Aber manchmal liegt eben in der Kürze die Würze, egal ob es die spritzigen Dialoge zwischen Marguerite und Marcel sind oder die prägnant beschriebene Wandlung Marguerites, die sich eben nicht nur äußerlich vollzieht.

Karine Lambert, 1958 in Brüssel geboren, arbeitet als Fotografin und Schriftstellerin. Für ihr erstes Buch erhielt sie den Prix Saga Café für das beste belgische Debüt. „Und jetzt lass uns tanzen“ wurde bereits in neun Sprachen übersetzt und in 211 Ländern veröffentlicht.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


01.03.2017 Lebensentwürfe
 
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Kein & Aber Verlag

„Drei junge Muslima in Oxford! Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte.“ Muss das tatsächlich gefeiert werden? Und wenn ja, warum? Diese Frage stellt sich drei jungen Studentinnen, die für ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Identitäten stehen und somit exemplarisch sein können für das heutige Erscheinungsbild gebildeter muslimischer Frauen.

Peri, die Verwirrte, setzt ihren Wunsch, im Ausland zu studieren mit Hilfe ihres säkularen Vaters gegen die strenggläubige Mutter durch und gelangt so nach Oxford. Mona, überzeugte Muslima und Kopftuchträgerin mit amerikanisch-ägyptischen Wurzeln und Shirin, liberal, welterfahren und freiheitsliebend, aus dem Iran stammend, ziehen auf Shirins Betreiben hin in ein gemeinsames Haus. Alle besuchen das exklusive Seminar über Gott bei dem charismatischen aber nicht unumstrittenen Professor Azur – und jede wird von diesem Seminar auf ganz unterschiedliche Art geprägt werden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Seminar und der Wohnsituation; womöglich eine „Laborsituation“, hinter der Dr. Azur steckt? Die Figur des Wissenschaftlers steht für kritisches Denken, für das Hinterfragen religiöser Gewissheiten. Was ist Gott abseits der Religion? Diese Frage führt seine Studenten bis an ihre Grenzen: Was darf der Professor, um sie auf den Weg der Erkenntnis zu führen? Wie weit soll die Polarisation im wissenschaftlichen Diskurs gehen?

Genial, wie Elif Shafak diesen emotional berührenden und zugleich so klugen Roman aufbaut: Die Rahmenhandlung bildet ein Dinner mit dramatischem Ausgang bei einem Geschäftsmann der Istanbuler Oberschicht
. Die inzwischen verheiratete Peri erreicht die Villa nach einem Zwischenfall auf der Straße. Sie wird im Auto überfallen, nimmt die Verfolgung auf und wird dabei verletzt. Warum nur hat sie dieses Risiko auf sich genommen? Während des Essens reflektiert Peri die sich nicht wirklich dem Kreis der Gäste zugehörig fühlt, dass Geschehene und insbesondere ihre Zeit in Oxford; immer wieder unterbrochen durch Gespräche über den Gegensatz zwischen westlicher Demokratie und der islamischen Welt sowie der Frage, ob dieses Gesellschaftsmodell überhaupt zur Türkei passt. Eine gerade jetzt sehr interessante Frage. Antworten gibt die Autorin allerdings nicht direkt; stattdessen wirft sie die Frage auf: Wo steht die Türkei heute in ihrer Zerrissenheit zwischen Okzident und Orient – analog zu Peris innerer Zerrissenheit.

Elif Shafak, 1971 in Straßburg geboren, ist seit Veröffentlichung ihres bereits auf englisch erschienenen Romans „The Bastards of Istanbul“ in der Türkei nicht unumstritten aufgrund ihrer Skepsis gegenüber den Instanzen des türkischen Staates. Sie lebt heute mit ihrer Familie in London und Istanbul.
Und THE INDEPENDENT meint: „Elif Shafak ist die Stimme der türkischen Literatur.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


16.02.2017 Roman über eine Flucht aus Ungarn 1972
 
Akos Doma: Der Weg der Wünsche
Rowohlt Verlag

Ein Roman über eine Flucht, wie Sie ihn so vielleicht nicht erwarten. Dies ist kein Fluchtbericht über die Balkanroute oder das Mittelmeer, mit Schleppern und im besten Fall Ankommen in Sicherheit. Stattdessen beschreibt „Der Weg der Wünsche“ die dramatische Irrfahrt einer Familie aus Ungarn Richtung Deutschland im August 1972 – sehr bewegend und plastisch. Der Autor versteht es, den Lesenden regelrecht mit ins Geschehen hineinzuziehen.

Und dabei beginnt alles ganz idyllisch mit einem Kindergeburtstag. Anfang der 70er Jahre feiert die Familie Kallay in Budapest den siebten Geburtstag ihres Sohnes Misi zusammen mit der zahlreich anwesenden Familie im Garten. Das hört sich zunächst nett an, doch feiert man dort gezwungenermaßen, da die Wohnung mit 16 Quadratmetern für vier Personen viel zu eng ist. Warum muss die Familie so beengt ,und auch offensichtlich bespitzelt, wohnen? Nun, die Eltern sind nie der Kommunistischen Partei beigetreten und Teréz, die Mutter ,gilt als religiös „uneindeutig“. Daher verliert sie auch ihre Stelle als Biologin in der Stadt und wird weit entfernt in die Provinz (straf-)versetzt- Ein äußerer Anlass für die Flucht, doch die inneren Ursachen liegen tiefer: in der ständigen Angst belauscht zu werden, in der unerträglichen Wohnsituation, und zudem immer ein Beispiel aus der Familie vor Augen, dass es allen gleich viel besser ginge, wenn man der KP beiträte. Doch Teréz ist zu diesem Opportunismus in einem aus ihrer Sicht durch und durch korrupten Staat nicht bereit und schmiedet einen Fluchtplan.

So geht es also an einem warmen Ferientag los im vollbesetzten VW-Käfer. Allerdings nicht an den Plattensee, wie die Eltern es den Kindern erzählt haben. Stattdessen endet die Fahrt zunächst an der jugoslawischen Grenze in der Hoffnung, irgendwie nach Italien zu gelangen. Und das schier Unmögliche gelingt: ein mitleidiger Grenzbeamter lässt die Familie trotz ungültiger Pässe passieren. Doch die Familienmitglieder sind einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. Erleichterung es „geschafft“ zu haben, aber auch Angst und Verzweiflung angesichts der desaströsen Situation im Flüchtlingslager bei Neapel, wo ihre Baracke ohne verschließbare Türen und Fenster, dafür aber von Ratten und Ungeziefer bevölkert, ein Alptraum für alle ist. Auch scheint der Arm des ungarischen Geheimdienstes bis ins Lager zu reichen. Die Tochter verliebt sich ausgerechnet in einen Spitzel und entkommt nur knapp einer Entführung nach Ungarn. Und wieder muss Teréz erfahren, dass auch im Westen nichts ohne Gegenleistung zu haben ist, sei es eine etwas bessere Unterkunft oder der ersehnte Asylbescheid für Deutschland.
Dies alles wird ohne moralischen Zeigefinger, dafür aber ausgesprochen sensibel und einfühlsam erzählt, gerade die weiblichen Figuren scheinen A. Doma am Herzen zu liegen. Dabei wird die Handlung spannend vorangetrieben, unterbrochen durch Rückblenden, die die Traumata von Károly und Teréz während und nach dem 2. Weltkrieg aufdecken.

Die Themen Themen vieler Fluchtromane wie Heimatlosigkeit, Entwurzelung und Fremdheit werden hier bravourös bearbeitet und es gibt nur eine ganz kleine „Mäkelei“ anzumerken: Am Ende des Romans tritt das dramatische Moment zu stark in den Vordergrund, hier wäre etwas weniger mehr gewesen. Trotzdem ein lesenswerter Roman, der völlig zu Recht 2017 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand und es leider nicht bis ganz nach oben geschafft hat.

Akos Doma, 1963 in Budapest geboren, hat in „Der Weg der Wünsche“ die Erfahrungen seiner Flucht als Jugendlicher zusammen mit seiner Familie einfließen lassen. Er übersetzt Werke aus dem Ungarischen ins Deutsche und lebt heute mit seiner Familie in Eichstätt. Seine Romane sind bereits mehrfach ausgezeichnet worden.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


13.01.2017 Abenteuerreise - eine Fahrt ins eigene Innere.
 
Dagmar Leupold: Die Witwen – Ein Abenteuerroman
Jung & Jung Verlag

Ein Aufbruch! In ein Abenteuer, wie es der Untertitel andeutet? Tatsächlich fahren vier Frauen aus einem kleinen Winzerdorf an der Mosel mit einem per Inserat gesuchten Chauffeur los. Sie stammen alle aus Berlin, keine von ihnen ist Witwe und nur Penny, eigentlich Penelope, ist verheiratet. Allerdings ist ihr Mann von einer Dienstreise nach Fernost nicht mehr zurückgekommen – arme Penelope, die mit ihrem Sohn, nein nicht Telemarchos, sondern Bert zu Hause wartet...

Jede hat auf ihre Art genug von Steinbronn, und so plant das Quartett, alle sind so Ende 50, eine Fahrt an die Quelle der Mosel in die Vogesen, mit ihrem gelehrten Chauffeur und Philosophen Bendix. Eine sehr heterogene Truppe setzt sich also mit einem Fiat Ulysse in Bewegung, doch dann streikt das automatische Schaltgetriebe auf einer Bergkuppe nahe eines Gedenkorts für die Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg.
Und nun wird es richtig spannend: Beatrix, Dodo, Laura und Penny erzählen sehr emotional über ihre Jugend, ihre Liebesgeschichten, ihre inneren Verletzungen; alles sehr intim, sehr intensiv. Da geht es z.B. um eine Abtreibung, um das Gefühl, als Kind von den Eltern nicht geliebt worden zu sein, um die fehlende Akzeptanz des eigenen Körpers – und keine hat diese Geheimnisse je vor den Freundinnen preisgegeben. Hier entfaltet der Roman seine Stärke, hier offenbart sich auch dass „Abenteuerliche“, das womöglich gar nicht aus unglaublichen Erlebnissen oder Ereignissen bestehen muss.

Dagmar Leupold erzählt diese vier Lebensläufe mit einer wundervollen Leichtigkeit; doch steckt dieser Roman voller Bildung, ohne diese zu prahlerisch mit einzubeziehen. Die Heimat der Autorin ist eben die Klassische Philologie und Philosophie, aber dies durchzieht „Die Witwen“ einfach amüsant und beschwingt.
Am Ende wird klar, dass diese Fahrt nicht wirklich eine echte Abenteuerreise war, auch keine Bildungsreise, sondern eine Fahrt ins eigene Innere, auch für Bendix schlussendlich, der seine Lebensprojekte wird überdenken müssen.

Wer einen kurzweiligen Roman sucht, der stets einen großen Bogen um Plattitüden macht, sollte hier zugreifen und die Autorin kennenlernen. Es lohnt sich.

Dagmar Leupold, 1955 in Niederlahnstein, Rheinland-Pfalz, geboren, lebt heute nach ihrem Studium (Marburg,Tübingen, New York) als Autorin und Übersetzerin in München. Seit 2004 leitet sie dass „Studio Literatur und Theater“ der Universität Tübingen. Ihr literarisches Werk erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


02.12.2016 in den frühen Jahren der 70er
 
Matthias Brandt: Raumpatrouille
Kiepenheuer&Witsch Verlag

Noch einmal eintauchen in den Kosmos der eigenen Kindheit in den späten 60er und frühen 70er Jahren: In diesem besonderen Fall in die Kindheit eines Jungen, dessen Vater keinem „normalen“ Beruf nachgeht - er ist gerade Bundeskanzler der Bonner Republik, und folglich lebt die Familie in einem Haus mit Park, Wachleuten und Chauffeur. Der Nachbar ist ein älterer Herr mit schon erkennbaren Sprach- und Erinnerungsdefiziten namens Lübke, der den Knaben gelegentlich zum Kakao einladen lässt.

Wie viele andere Kinder besitzt Matthias einen (zuweilen beißfreudigen )Hund, der es besonders auf Nonnen und Wachleute abgesehen hat. Dann hören die Gemeinsamkeiten mit anderen Kindern aber auch auf. Ein Kirmesbesuch verläuft natürlich anders, nämlich schwer bewacht, die Anreise erfolgt im Limousinen-Konvoi, Fotografen machen Fotos vom Verspeisen einer monströs großen Zuckerwatte, die so gar nicht gewünscht war und auch ein peinlicher Lotteriegewinn bleibt dem Sohn nicht erspart. Oder welches Kind muss auf einer für seinen Papa äußerst unglücklich verlaufenden Radtour als Puffer dienen zwischen ihm und einem kauzigen, abgehackt sprechenden Politiker, der Herbert Wehner heißt?
Deutlich wird, dass der Ich-Erzähler oft einsam ist. So wartet er sehnsüchtig auf den Beginn einer Folge von Percy Stuart, fährt alleine mit seinem Bonanzarad zu den Wachleuten, um sich mit ihnen bei der Musik von James Last aus dem Kassettenrekorder die Zeit zu vertreiben. Daneben gibt es aber auch Episoden, die dank Matthias Brandts (Selbst-)Ironie einfach witzig sind, wie zum Beispiel sein kurzer Ausflug in die Briefmarkenkunde (dann doch zu langweilig) oder der Kauf eines Raumanzugs aus 100% Polyester statt der Schulbücher. Die Mondlandung war schließlich eine Sensation.!

Wer nun auf die Schlüssellochperspektive hofft, wird enttäuscht sein nach der Lektüre. Matthias Brandt schreibt selbst dazu: „Alles was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“ Hintersinnig ausgedrückt.
Da ja aus der Sicht eines Jungen erzählt wird, der im Verlauf der Geschichten zwischen 7 und 11 Jahre alt sein dürfte, bleibt die Sprache klar und schnörkellos aber keinesfalls platt. Vielmehr entsteht durch die Verdichtung der Erfahrungswelt und Befindlichkeit des jungen Protagonisten ein ganz eigener Ton, der gefangen nimmt. Und am Ende wünscht man sich, dass „Raumpatrouille gerne auch doppelt so viele Geschichten hätte enthalten können oder dass diesem Debüt eine Fortsetzung folgen möge.

Matthias Brandt, 1961 als jüngster Sohn von Rut und Willy Brandt geboren, ist ein bekannter Schauspieler und an renommierten Theatern engagiert. In den letzten Jahren arbeitete er hauptsächlich vor der Kamera. Für seine Leistungen ist er vielfach ausgezeichnet worden.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


03.11.2016 Ehe - Ehejahre - Lebenslügen
 
Meg Wolitzer: Die Ehefrau
DuMont Verlag

Joan Castleman, eine gut situierte Frau beschließt 11.000m über dem Atlantik, ihren Mann Joseph nach vielen Ehejahren zu verlassen. Mit diesem Paukenschlag eröffnet Meg Wolitzer ihren provokativen und zugleich dank feiner Ironie auch amüsant zu lesenden Roman über eine Ehe und den amerikanischen Literaturbetrieb, der dem europäischen in den aufgezeigten Strukturen ähnlich sein dürfte.
Joseph Castleman soll für sein schriftstellerisches Werk in Helsinki einen renommierten (fiktiven) Literaturpreis entgegen nehmen, der nur knapp unterhalb des Literaturnobelpreises angesiedelt ist. Joan hat ihr reichlich vorhandenes literarisches Talent 40 Jahre lang nicht zu ihrem eigenen Ruhm genutzt.
Warum nur?
Dieser Frage geht Meg Wolitzer nach und deckt dabei scharfsichtig die Lebenslügen und faulen Kompromisse in Joans auf den ersten Blick so angenehmen Leben auf.
Nach diesem schon fesselnden Beginn erfolgt eine Rückblende in die 50er Jahre am Smith College und ins Greenwich Village während der ersten turbulenten Beziehungsphase, in denen Joan scheinbar das Leben führt, das sie immer angestrebt hat. Schließlich verlässt ihr Literaturprofessor für sie als junge Studentin Frau und Kind, um Joan zu heiraten. Es kommen ihre eigenen Kinder zur Welt, und man etabliert sich in einem äußerst kultivierten Milieu. Doch wie sieht es in ihrem Inneren aus angesichts der ständigen außerehelichen Eskapaden ihres inzwischen berühmten Mannes angesichts seines literarischen Ruhms – der eigentlich wem zusteht? „Er war Joseph Castleman, einer jener Männer, denen die Welt gehört. Sie kennen diese Sorte Mann: diese wandelnden Werbebanner für sich selbst,...“

Das Endes des Romans hat es in sich: Joseph stirbt ganz überraschend in Helsinki; das wie und wo ist grandios inszeniert, und es kommt schließlich das gut gehütete Geheimnis des Ehepaares ans Tageslicht. Sie ahnen es bereits?

In den USA ist dieser mitreißende Roman bereits 2003 erschienen und hat rein gar nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Männliches und weibliches Schreiben – wie (unterschiedlich) wird es in der Literaturkritik wahrgenommen und beurteilt? Eine Frage, die der Autorin offensichtlich am Herzen liegt, und der sie zum Glück ohne feministischen Missionierungseifer nachgeht.

Meg Wolitzer wurde 1959 in Long Island, New York geboren als Tochter der Autorin Hilma Wolitzer. Sie studierte am Smith College und an der Brown University Kreatives Schreiben. Verheiratet ist sie mit dem Autor Richard Panek.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


08.10.2016 Reise in die Vergangenheit und eine schicksalhafte Liebe
 
Hanni Münzer: Honigtot
Piper Verlag

Der inzwischen recht bekannten Autorin aus Wolfratshausen gelingt mit „Honigtot“ eine perfekte Melange aus Fiktion und Geschichtsfakten, die allerbeste Unterhaltung bietet und wohl kaum jemanden unberührt lässt.

Der Roman beginnt 2002 in Seattle, USA, wo sich die junge Amerikanerin Felicity auf die Suche nach ihrer wie vom Erdboden verschluckten Mutter Martha macht. Schließlich findet sie heraus, dass die Mutter sich, für alle völlig unverständlich, ein Flugticket nach Rom besorgt hat. Felicity entdeckt die völlig aufgelöste Martha mit Unterstützung eines katholischen Geistlichen in einem Hotelzimmer sitzend, das mit unzähligen Papierschnitzeln übersät ist, die zum großen Teil auf Hebräisch beschrieben sind.

Warum nur hat die Mutter diese Reise nach Rom unternommen? Aufschluss darüber können wohl nur die Zeitungsartikel und Papierfetzen geben – handelt es sich doch um Lebenserinnerungen...Der hilfsbereite Pater erstellt eine Übersetzung, und nun beginnt die eigentliche Story:
München während der Weimarer Republik; Felicitys Urgroßmutter, die gefeierte Opernsängerin Elisabeth Malpran und ihre Familie erleben die Auswirkungen der nationalsozialistischen Rassenideologie zunächst eher unterschwellig nach den „Rassegesetzen“ aber dann mit voller Wucht.
So lässt sich Elisabeth schließlich mit dem SS-Sturmbannführer Albrecht Brunnmann ein, in der Hoffnung, ihren jüdischen Mann Dr. Berchinger sowie ihre zwei Kinder Deborah und Wolfgang „Wolferl“ schützen zu können. Doch wie weit kann eine Mutter gehen, um ihre Lieben zu retten, und wie weit die Tochter, um Rache zu nehmen?

Der Zeithintergrund des Nationalsozialismus ist tatsächlich akribisch recherchiert worden und das merkt man diesem wirklich spannenden und geschickt aufgebauten Roman auch an. In den Nachbemerkungen sowie in einem Video Clip führt Hanni Münzer vor, wie sie im Einzelnen vorgegangen ist, und wie sich Fiktion und Geschichtsfakten mischen.

So ist das historische Vorbild für Albrecht Brunnmann Adolf Eichmann, der als „Architekt des Holocaust“ angesehen wird. Die Sängerin Elisabeth Malpran hingegen ist eine fiktive Figur, ebenso wie Marlene, die als Spionin in „Honigtot“ vorkommt und in der Fortsetzung dieses Romans die titelgebende Hauptperson sein wird.

Gerade die Protagonistinnen überzeugen
in ihrer differenzierten Charakterzeichnung, sowohl bei Elisabeth als auch bei Deborah zeigen sich durchaus ambivalente Züge, die glaubhaft sind. Daneben die atmosphärische Dichte: Hanni Münzers Beschreibungen z.B. der nationalsozialistischen Architektur, der blutroten Hakenkreuzfahnen werden in ihrer Wirkung auf die Menschen wohl ganz richtig wider gegeben.

Bei diesem Roman ist es nicht verwunderlich, dass
eine Verfilmung geplant ist. Die Autorin steht bereits in
Vertragsverhandlungen für einen Mehrteiler
mit internationaler Besetzung.


Hanni Münzer, geboren in Wolfratshausen, lebt dort mit ihrer Familie. Mit „Honigtot“ feierte die „Königin des Self-Publishing“ ihren bisher größten Erfolg.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


09.09.2016 Krise-Krimi-Athen
 
Petros Markaris: Zurück auf Start
Diogenes Verlag

Der griechische Kommissar Kostas Charitos ermittelt gegen eine unbekannte Gruppierung, die sich Griechen der fünfziger Jahre nennt. Er glaubt, die Verantwortlichen für das ganze griechische Dilemma zu kennen.
Auch Katerina, die Tochter des Kommissars, wird in den Fall verstrickt, da sie zwei afrikanische Migranten vor Gericht vertritt.

Wie in den anderen Krimis von Petros Markaris ist die Krise das zentrale Thema – Sumpf in der Verwaltung, Sparzwang der EU und Griechen, die sich über Jahre an korrupte Systeme gewöhnt haben und nicht mehr dagegen ankämpfen.

Buchtipp von dem Team der
Münchner Stadtbibliothek Laim

[mehr lesen][schließen]


08.09.2016 Science-Fiction-Epos
 
John Sandford und Ctein: Das Objekt
Piper Verlag

Auch im Jahr 2066 ist die Welt kein sehr gerechter oder friedlicher Ort.
Neben den (mehr oder weniger) demokratischen USA ist China zur zweiten Weltmacht aufgestiegen.

Als in der Nähe des Saturn ein geheimnisvolles Objekt gesichtet wird, macht sich ein bunt zusammengewürfeltes amerikanisches Team auf den Weg – aber auch die Chinesen wollen den Wettlauf um die begehrte Alien-Technologie um jeden Preis gewinnen ...

Ein trotz (oder wegen) einiger Klischees fesselnder SF-Thriller für alle, die sich gern hineinziehen lassen in die Weiten des Weltraums und Spaß haben an der fundierten Schilderung astronomischer und technischer facts (Ctein ist Physiker).

Buchtipp aus dem Team
der Stadtbibliothek Laim

[mehr lesen][schließen]


05.09.2016 Rennpferde und Liebhaber
 
Angelika Jodl: Die Grammatik der Rennpferde
DTV Verlag

Wie bitte? Besitzen Rennpferde eine eigene Grammatik – wer behauptet denn so etwas?
Nun, Salome Sturm, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und somit Expertin für deutsche Grammatik muss sich von ihrem russischen Privatschüler Sergey in dieser Hinsicht belehren lassen. Schließlich ist er zwar absolut kein Experte für die deutsche Sprache und ihrer Grammatik, aber dafür kennt er sich mit Pferden aus.
Schade nur, dass er in Deutschland nicht als Jockey arbeitet oder Traber trainiert, so wie in seiner alten Heimat, hier mistet er rund um München und zuletzt in Daglfing Ställe aus, schuftet also für wenig Geld weit unter seinen Möglichkeiten.
Und zwar gerade deswegen, weil er die deutsche Sprache sehr eigenwillig spricht.Hier nun kommt Salli Sturm zum Zuge; sie braucht Sergey, um ihre wissenschaftliche Karriere voranzutreiben und zugleich ihre Position am Spracheninstitut zu festigen: Ihr „Pygmalion-Projekt,“ das aber bedingt durch Sergeys völlig andere Prioritätensetzung zu scheitern droht, lässt sie gar nach Daglfing auf einen heruntergekommenen Hof ziehen. So entwickelt sich zwischen der Akademikerin jenseits der 50 und dem so scheinbar ungehobelten oder nur „ungeschliffenen“ Pferdeflüsterer eine Romanze der besonderen Art. Wenn das ihre hochkultivierten KollegInnen wüssten oder noch schlimmer, ihren etwa gleichaltrigen Liebhaber reden hören könnten – Forschungsobjekt ja, das leuchtet ein, aber mehr?

Angelika Jodl, selbst Lehrerin für DaF und zugleich Besitzerin eines Pferdes namens Otto, kennt also beide Metiers, und das merkt man diesem so amüsant wie warmherzig geschriebenen Roman an. Allein schon die Idee, eine Lovestory jenseits der „Romantikgrenze“ zu schreiben, wie es ein Rezensent formuliert hat, ist köstlich. Doch stimmt das überhaupt? Befinden sich die beiden Protagonisten tatsächlich jenseits dieser Grenze und gibt es sie überhaupt. Fragen über Fragen!

Urteilen Sie selbst über diesen so vollkommen klischeefreien, aus wechselnder Perspektive des weiblichen Professor Higgins und der männlichen Eliza Doolittle geschriebenen Roman. Auf jeden Fall ein echter „Leuchtturm im Büchermeer“ für unser spezielles Regal in der Stadtbibliothek Fürstenried und beste Unterhaltung nicht nur für die Sommerferien.

Angelika Jodl unterrichtet Studenten aus aller Welt und reitet selbst ein ausgemustertes Rennpferd.. Mit Mann, Hund und Katzen lebt sie in München.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


29.07.2016 Liebe und Gewalt
 
Katharina Winkler : Blauschmuck
Suhrkamp Verlag

Können einfache Sätze so viel Wortgewalt besitzen?
Ein einfaches „Ja“ an dieser Stelle, denn bei diesem Buch – das auf einer wahren Geschichte beruht – bleibt kein Auge trocken und keine Seele unberührt.

Filiz wächst mit vielen Geschwistern in einem kurdischen Dorf namen Tekbaş in der Türkei auf. Schon von klein auf ist sie mit Gewalt und Schlägen seitens ihres Vaters vertraut.
Resultate dieser Gewalt nennen die Frauen „Blauschmuck“, all die blauen, schwarzen, violetten Flecken und Blutergüsse, die ihnen von Ehemännern und Vätern zugefügt wurden.
„Blauschmuck ist Privateigentum. Man spricht nicht darüber und trägt ihn an vielen der Öffentlichkeit verborgenen Stellen des Körpers, wie eine Kette um den Hals, an den Rippen, an Handgelenken...
Wer keinen hat, gehört nicht dazu.“

Sie ist erst zwölf als sie sich in den älteren Yunus verliebt und sich ein gemeinsames Leben mit ihm in Deutschland vorstellt. Mit fünfzehn heiratet sie ihn heimlich gegen den Willen ihres Vaters.
Leider platzen Filiz\' Träume nach der Hochzeit. Träume von Freiheit, Autonomie und... Jeans.
Denn statt Jeans trägt Filiz jetzt eine Burka und statt in Deutschland wohnt sie auf dem Bauernhof ihrer Schwiegermutter. Gemeinsam mit den drei Kindern, die sie in dieser Ehe gebärt, ist sie der körperlichen und seelischen Brutalität ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter ausgesetzt.
Auch ein Umzug nach Österreich ändert daran nichts und nach einer erneuten Eskalation der Gewalt, die sie fast mit dem Leben bezahlt, gelingt Filiz das Unmögliche...

Die Schilderungen erfolgen ausschließlich aus der Sicht der Protagonistin. In einfachen Sätzen, die dennoch sehr ausdrucksstark sind, berichtet Filiz über die Geschehnisse. Die Sprache ist poetisch, dennoch beschönigt sie nichts und kommt seltsam nüchtern, emotionslos und distanziert daher. Die kurzen prägnanten Sätze lassen viel Raum für Gedanken, damit das Gelesene erstmal seine Wirkung entfalten kann - und die Vorstellungskraft erledigt den Rest.

Dieser Roman erschüttert, wühlt auf und bringt selbst die hartgesottenen LeserInnen an ihre Grenzen. Es ist kein Buch zum Wohlfühlen, sondern eines, das eindringlich zum Nachdenken auffordert.

Ich habe es trotzdem gern gelesen, auch wenn ich so manche Pause brauchte, um das Gelesene zu verdauen.
Nach westlicher Sicht erscheint Filiz\' Ehe schier unerträglich und es bleibt zu hoffen, dass Yunus\' zweiter Frau ein ähnliches Schicksal erspart blieb...
Lassen Sie sich von Filiz\' Geschichte überraschen!

Katharina Winkler, geboren 1979 in Wien, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft.
Heute lebt sie in Berlin. Blauschmuck ist ihr Debütroman.


Rezension von Katarzyna Szczepaniak
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


01.07.2016 Hoffnung - Grüne Revolution im Iran
 
Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran
Verlag Kiepenheuer & Witsch

Wo ist für eine Familie der richtige Platz zum Leben, wenn der Vater aus politischen Gründen im eigenen Land nicht mehr sicher leben kann? Der Titel „Nachts ist es leise in Teheran“ ist bestimmend für die Existenz der Menschen dort.
Unter dem strengen Regime der Islamischen Republik können schon kleinste Vergehen mit aller Härte des Gesetzes geahndet werden. Also ist jedermann und insbesondere „jedefrau“ vorsichtig und eben leise – außerhalb des eigenen Heims.

Erzählt wird mit ganz individuellem Timbre aus der Sicht der Familienmitglieder, jeweils im Abstand von einem Jahrzehnt. Beginnend 1979 mit Behsad, dem damals jungen kommunistischen Revolutionär, der sich mit seiner literaturbegeisterten Frau Nahid dazu entschließt, vor den Mullahs nach Deutschland zu fliehen. Doch wie sich integrieren in eine Gesellschaft, in der über saubere Luft, gesundes Gemüse und Milch für die Kinder aus La Palma im Freundeskreis gesprochen wird – wir befinden uns zeitlich kurz nach dem Gau in Tschernobyl. Für Nahid ein Grund, so manches Treffen mit ihren wohlmeinenden links- und ökoorientierten Freunden nicht zu besuchen.
Ihre Fragen drehen sich dagegen um verfolgte Freunde, um eine Besserung der politischen Situation im Iran; Nahid fühlt sich zunächst nicht wirklich dazugehörig mit ihren so ganz anderen Erfahrungen.
Tochter Laleh, inzwischen im Teenie-Alter, berichtet vom Gefühl der Fremdheit während eines dreiwöchigen Besuchs der Familienangehörigen im Iran aber auch von den Vorurteilen, die sie in Deutschland in der Schule und im Freundeskreis erlebt. Bruder Mo wiederum interessiert sich 2009 weniger für die Studentenproteste gegen die Studiengebühren in Deutschland als vielmehr für die Grüne Revolution im Iran. Wieder werden dort Demonstranten verhaftet oder verschwinden, genauso wie es 1979 sein Vater erleben musste.

Shida Bazyar beschreibt dies alles sprachlich äußerst souverän ohne in Larmoyanz abzugleiten. Das Ende des Romans überrascht , hat mich aber trotzdem überzeugt.
“Nachts ist es leise in Teheran“: Eine exemplarische Lebensgeschichte, wie sie ähnlich auch mir bekannt ist und vor allen Dingen ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der aktuellen Flüchtlingsbewegungen sowie für die Diskussion um die Integration der Geflüchteten.

Shida Bazyar, 1988 in Deutschland geboren, studierte Literarisches Schreiben. Heute lebt sie in Berlin, arbeitet halbtags als Bildungsreferentin und nutzt die restliche Zeit zum Schreiben. Sie war Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses und Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung.


Die Autorin liest am 11.07.2016 um 20.00 Uhr aus ihrem Roman in der Stadtbibliothek Fürstenried.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


24.06.2016 Traurig und tröstlich
 
Anna McPartlin
Die letzten Tage von Rabbit Hayes

Rowohlt Verlag rororo

Wenn du dir vorstellst, du hättest nur noch neun Tage zu leben, wie würden diese neun Tage aussehen?
Diese Frage stellt sich Rabbit Hayes, denn Rabbit hat Krebs.
Ihr bleiben noch neun Tage, um Zeit mit der Familie zu verbringen und sich zugleich von ihr zu verabschieden. Vor allem von ihrer Tochter, die noch nichts davon weiß.

Ein sehr gefühlvolles Buch, das aus Sicht der verschiedenen Charaktere geschrieben ist. Man fühlt sich beim Lesen als Teil der Familie und fühlt mit ihnen mit.

Buchtipp aus dem Team der
Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


01.06.2016 Amerikanisches Familienleben
 
Meg Mitchell Moore: Eine fast perfekte Familie
BLOOMSBURY-Berlin Verlag

Eintauchen ins pralle amerikanische Familienleben–unmittelbarer als mit „Eine fast perfekte Familie“ geht es kaum.
In den USA besitzt „pursuit of happiness“, also das Streben nach Glück gar Verfassungsrang, und um diese so elementare Frage geht es Meg Mitchell Moore, was insbesondere das Romanende deutlich macht.

Was wollen die Hawthornes eigentlich mehr: beide verdienen in ihren Jobs richtig gut; Nora als Immobilienmaklerin in der Bay Area von San Francisco und Gabe als Consultant. Tochter Angela steht als Jahrgangsbeste ihrer High School im Frühbewerberverfahren für Harvard aber zugleich auch unter einem enormen Leistungsdruck. Und dann gerät für Nora ein Achtmillionendeal vollkommen außer Kontrolle; scheinbar nur eine kleine Unaufmerksamkeit der Multi-Tasking-Mutter, allerdings mit weitreichenden Folgen. Gabe wiederum wird von einer Praktikantin regelrecht gestalkt, und sie droht, sein bislang sorgsam gehütetes Geheimnis zu lüften. Mit Konsequenzen für seine Reputation in der Firma und ganz besonders vor Angela und ihrer Konzentration so ausschließlich auf Harvard...
Auch die beiden jüngeren Töchter plagen sich mit ihren ganz eigenen Problemen, wobei die Legasthenie des Nesthäkchens noch das am leichtesten zu schulternde ist.
Das so scheinbar perfekte Familienleben weist also immer mehr Risse auf, bis letztendlich einschneidende Konsequenzen auf die Hawthornes zukommen.

Zunehmend spannend wird die Story aus der Sicht der wichtigsten Protagonisten vorangetrieben,
und man bleibt von der Lektüre in der Tat nicht unberührt – bietet doch „Eine fast perfekte Familie“ gerade für LeserInnen mit eigener Familie jede Menge Identifikationsvorlagen bzw. Momente des Wiedererkennens.

Ein wirklich aufschlussreicher Roman nicht nur über amerikanisches Familienleben, sondern auch über die dortige Arbeitswelt mit ihren für Europäern so z.T. ganz anderen Gepflogenheiten.
Und um noch einmal auf die Frage nach dem Glück und dem Streben danach, zurückzukommen: Findet sich Glück eventuell auch abseits des Luxus-Domizils mit Blick auf die San Francisco Bay? Abseits von Millionendollardeals und einer Universität der Spitzenklasse?
Urteilen Sie selbst!

Meg Mitchell Moore lebt heute mit ihrer Familie in Massachusetts. Bevor sie sich ganz auf das Schreiben von Romanen verlegte, arbeitete sie als Journalistin. „Eine fast perfekte Familie“ ist ihr dritter Roman.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


13.05.2016 IS Terroristen
 
Shirin
mit Alexandra Cavelius und Jan Kizilhan
Ich bleibe eine Tochter des Lichts: meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen

Europa Verlag

Shirin - ein junge Jesidin im Irak - ist voller Ideen für ihre Zukunft, als der IS in ihr Dorf im Irak einfällt, die Männer tötet und Frauen und Kinder verschleppt. Sie durchlebt eine unvorstellbare Leidensgeschichte, wird verkauft und von Mann zu Mann gereicht, bis ihr letztendlich die Flucht gelingt.

Durch Shirins Schilderungen wird man hinein genommen mitten in das Geschehen: das Entsetzen über die Unmenschlichkeit ihrer Entführer, die ständige Angst um ihre Familie und das eigene Leben und auch das Hoffen auf Rettung und eine Zukunft.

Ein erschütternder Bericht, der den Opfern des IS einen Namen und eine Stimme gibt.

Buchtipp aus dem Team der
Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


28.04.2016 Kurort Müritz
 
Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens
S.Fischer Verlag

"Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit."
Diese Worte schrieb Franz Kafka im Jahre 1921. Kurz darauf lernte er die fünfzehn Jahre jüngere Dora Diamant kennen. Um diese letzte und größte Liebe Kafkas kreist Michael Kumpfmüllers neuestes Werk "Die Herrlichkeit des Lebens".

Der tuberkulosekranke Franz Kafka reist in das Ostseebad Müritz. Seine Schwester Elli, die ihn an diesen Kurort gelotst hat, hofft auf einen günstigen Einfluss der Seeluft und der landschaftlichen Schönheit. Nach einigen Tagen lernt Kafka eine Jüdin aus Polen kennen. Der Dichter und die Hauswirtschafterin mit dem illustren Namen Dora Diamant kommen sich schnell näher. Ersten kurzen Treffen folgen ausgedehnte Spaziergänge am Strand. Bei der Abreise Kafkas ist aus dem unverbindlichen Flirt eine große Verliebtheit geworden, und das Paar schmiedet Pläne für eine gemeinsame Wohnung.

Als sie ihre neue Unterkunft in Steglitz beziehen, sind sie zu Beginn sehr glücklich. Kafka hat endlich wieder einmal eine kreative Phase und schreibt an einem neuen Text. Die Zeitläufte gehen aber auch an ihnen nicht spurlos vorüber: es ist Ende 1923, und die Inflation im Deutschen Reich befindet sich auf dem Höhepunkt. Die finanzielle Lage von Kafka und Dora wird immer ernster. Sie können sich viele notwendige Anschaffungen nicht mehr leisten.

Nach einem Wohnungswechsel verschlechtert sich Kafkas Gesundheit so sehr, dass seine Angehörigen auf einen Krankenhausaufenthalt dringen. Er wird in das Sanatorium Wienerwald in Niederösterreich eingewiesen, wo er bald nur noch mühsam essen und trinken kann. Dora weicht in Kafkas letzten Tagen nicht mehr von seiner Seite. Unmittelbar vor seinem Tod stellt er ihr schließlich einen Heiratsantrag. Am 3. Juni 1924 stirbt der Schriftsteller.

Kumpfmüller hat mit "Die Herrlichkeit des Lebens" zuallererst einen Liebesroman geschrieben. In epischer Länge nähert er sich den Befindlichkeiten seiner Protagonisten, lässt den Leser an den kleinsten Beobachtungen, Gedanken und Handlungen teilhaben. Das kann ermüdend wirken, vor allem im ersten Teil des Romans.
Auch wer sich eine tiefergehende literarische Verarbeitung von Kafkas letzter Liebesbeziehung erwartet hat, könnte enttäuscht werden. Seine Korrespondenz mit befreundeten Autoren und seine schriftstellerische Arbeit werden zwar erwähnt, spielen aber im Kontext der Handlung nur eine Nebenrolle.

Sehr beeindruckt hat mich jedoch die Schilderung des langsamen Sterbens von Franz Kafka. In seiner Beziehung zu Dora Diamant war Kafka vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben wirklich glücklich. Es scheint eine grausame Ironie des Schicksals, dass beiden nur ein kurzes gemeinsames Jahr blieb. Umso bitterer ist es für den Leser mitzuerleben, wie machtlos Dora Diamant dem langsamen Dahinsiechen ihres Partners gegenüber steht.

Rezension von Kai Scheuing
aus der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig

[mehr lesen][schließen]


28.04.2016 Sunset Kalifornien
 
Klaus Modick: Sunset
Eichborn Verlag

„Gedenkt unsrer mit Nachsicht“ – dieses Zitat von Bertolt Brecht stellt Klaus Modick seinem neuen Roman als Motto voran.
Das Nachdenken über die Verstorbenen ist es vor allem, worum „Sunset“ kreist. Der Roman spielt 1956, Lion Feuchtwanger lebte zu dieser Zeit immer noch im Exil in Pacific Palisades. In dem kleinen Vorort von Los Angeles hatte sich während des Dritten Reichs eine Anzahl bedeutender deutscher Intellektueller versammelt, darunter Thomas und Heinrich Mann.
Viele waren wieder nach Deutschland zurückgekehrt, nur einige wenige in der fremden Heimat geblieben.
Die Handlung setzt am Morgen eines langen Sommertages ein. Feuchtwanger vollführt sein tägliches Morgenritual, er macht Kniebeugen und andere Gymnastik. Wie er die abnehmende Beweglichkeit seines Körpers spürt, so wird ihm bewusst, dass er auch die meisten seiner Freunde überlebt hat. Bei seinen Gedanken wird er vom Postboten gestört, der ihm ein Telegramm überbringt - Feuchtwanger ist zum Begräbnis von Bertolt Brecht eingeladen, seines, wie er sagt, "vielleicht einzigen Freundes".

Mit Brecht hatte ihn über viele Jahre hinweg eine Art Hassliebe verbunden; sie kannten sich seit knapp vierzig Jahren. Als Entdecker und Förderer des jüngeren Kollegen hatte Feuchtwanger die Karriere Brechts mitverfolgt. Ihre Zusammenarbeit, das gegenseitige Kritisieren und Sich-Beschimpfen hatte auf das Werk beider Autoren äußerst fruchtbar gewirkt.
Ein anderes Thema, das Feuchtwanger im Laufe des Tages immer wieder beschäftigt, ist sein Antrag auf die amerikanische Staatsbürgerschaft. In den Jahren der McCarthy-Ära, also Mitte der 40er bis Mitte der 50er Jahre, wurde Feuchtwangers Freundschaft mit Brecht den Behörden skeptisch beobachtet. Brecht, der schon 1947 vor das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" geladen worden war, galt als subversives Element. Da sich Feuchtwanger nie offen von ihm distanzierte, zog sich dessen Antragstellung auf die Staatsbürgerschaft über viele Jahre hin. Er wurde immer wieder vor verschiedene Ausschüsse geladen, musste Rechenschaft ablegen über seine Lebensweise und wurde hingehalten mit der Begründung, man müsse noch weitere Fakten prüfen.
Eng verwoben mit der Handlung des Romans - die im Wesentlichen aus den Rückblenden Feuchtwangers auf sein Leben besteht - sind Einschübe über den Stoff, an dem Feuchtwanger im Jahr 1956 saß. Jefta und seine Tochter handelt von der alttestamentarischen Person des Jiftach. Dieser opfert nach einem Kriegszug aus Treue gegenüber Gott seinen liebsten Besitz - seine Tochter. Feuchtwanger sieht in dem Stoff eine Parallele zu seinem eigenen Schicksal. Feuchtwangers einzige Tochter verstarb im Säuglingsalter. Dieser Vorfall wurde zwischen den Eheleuten nie aufgearbeitet. Das Paar blieb kinderlos.
Die Handlung des Buches spielt an einem einzigen Tag. Feuchtwanger lässt sein Leben Revue passieren; auch der Titel "Sunset" - also Sonnenuntergang - betont den Aspekt des nahenden Endes. Themen wie Alter, Verfall, Abschiednehmen und Tod sind allgegenwärtig. Mir hat an dem Werk besonders die Sprachmelodie gefallen. Melancholisch, aber nie weinerlich resümiert Feuchtwanger und versucht, seine Fehler und Versäumnisse zu akzeptieren. Außerdem ist "Sunset" auch ein Stück über Los Angeles und die Nachkriegsgesellschaft der USA in den 50er Jahren.
Ich kann "Sunset" allen Leserinnen und Leser empfehlen, die sich für Literatur und Literaten im 20. Jahrhundert interessieren.

Rezension von Kai Scheuing
aus der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig

[mehr lesen][schließen]


27.04.2016 Roman aus Indien
 
Shilpi Somaya Gowda: Der goldene Sohn
KiWi Kiepenheuer& Witsch Verlag

Nach dem Welterfolg „Geheime Tochter“ hat die kanadisch-indische Autorin einen neuen Roman vorgelegt, der neugierig macht auf Indiens Gegenwart und Kultur.
Anil, der im Kreis seiner Familie behütet aufwächst, soll als ältester Sohn später die Rolle des Schiedsmanns im Dorf übernehmen. Mit der mutigen und naturliebenden Leena durchstreift er den Dschungel und die umliegenden Felder; beide erleben eine wunderbare Kinder- und Jugendfreundschaft. Doch dann trennen sich die Wege der Heranwachsenden: Anil verlässt sein Dorf, um Medizin zu studieren und später sogar am Parkview Hospital in Houston/Texas eine Facharztausbildung anzutreten. Er genießt die Freiheit, die sich für ihn in seinem gänzlich anderen Leben ergeben, auch wenn die Anfangszeit durchaus von Heimweh durchzogen ist. Leena hingegen erlebt ein traumatisches Schicksal in ihrer auf traditioneller Art arrangierten Ehe. Als sich Anil und seine Freundin aus Kindheitstagen nach Jahren wieder sehen, sind die alten Gefühle und auch mehr sofort präsent. Doch beide haben in ihren jeweiligen Lebenssituationen Entscheidungen getroffen, die Konsequenzen mit sich bringen und somit ein erneutes Zusammensein fraglich machen...

Eingeteilt in vier große Abschnitte wird die lebendig erzählte Geschichte abwechselnd aus Anils und Leenas Perspektive vorangetrieben. Die eingestreuten Fälle, welche Anil als Schiedsmann z.T. sogar aus dem fernen Texas aus klären soll, tragen zudem anschaulich zum Verständnis des Lebens in indischen Dorfgemeinschaften bei. Daneben ist „Der goldene Sohn“ als interessanter Integrationsroman eines Inders in die us-amerikanische Gesellschaft zu lesen, und immer wieder geht es um den Gegensatz von individuellem Glücksstreben und den Werten eines traditionellen Familienlebens in Indien.

Trotz vieler dramatischer Wendungen zeigt sich dieser Indien-Roman kitschfrei. Die Handlung ist glaubwürdig, wenn auch aus westlicher Sicht Leenas Ehe schier unfassbar erscheint. Daneben punktet der Roman mit differenzierten Chrakteren, besonders Anils Mutter überzeugt in ihrer Vielschichtigkeit.

Was die „Washington Post“ für den Debütroman „Geheime Tochter“ schreibt, gilt auch für „Der goldene Sohn“: „Die Autorin beschönigt die Schwierigkeiten des Familienlebens nicht, aber sie zeigt mit großer Herzenswärme, wie Menschen sich durch Liebe verändern und wie sie wachsen können.“

Shilpi Somaya Gowdo ist in Toronto geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus Mumbai. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Kalifornien.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


26.04.2016 Klassiker deutscher Nachkriegsliteratur
 
Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras
Suhrkamp Verlag
Neuauflage, die achtunddreißigste !


Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" ist ein Klassiker der Nachkriegsliteratur. 1951 erstmals erschienen, schildert der Roman einen Tag in München. Das Buch lässt sich vielleicht am besten als eine Stimmungskurve der ersten Nachkriegsjahre im zerbombten Deutschland beschreiben. Die Figuren in seinem Roman erzählen das Leben so, wie es ist - assoziativ, subjektiv, in einem wilden Strudel von Gedanken, Eindrücken und Sinneswahrnehmungen. Dass das Buch auch bei dieser Neuauflage wieder auf der Bestsellerliste landete, ist ein Beleg für die anhaltende Popularität des Romans.

Eine durchgehende Handlung gibt es bei "Tauben im Gras" nicht; mehr als dreißig Personen treten in der Geschichte auf. Da ist beispielsweise Mr. Edwin, ein berühmter Dichter aus den USA. Er hält in München eine Rede, um die Moral der Deutschen zu heben. Für das Münchner Publikum ist die Veranstaltung aber nur ein beliebiger gesellschaftlicher Anlass, was Mr. Edwin sehr enttäuscht. Das deutsche Gegenstück zu ihm ist Philipp. Er ist ebenfalls Schriftsteller und macht zur Zeit eine Schaffenskrise durch. Recht schnell wird aber klar, dass sich die Verbitterung Philipps genauso auf seine Ehe und sein Leben im Allgemeinen bezieht. Sein Selbstwertgefühl ist am Boden, und er findet in nichts einen Sinn mehr. Bezeichnend ist ein innerer Monolog, den er in einem Schreibwarengeschäft führt: "Mir fehlt der Sinn für die Wirklichkeit, ich bin eben kein ernster Mann, der Geschäftsmann hier ist ein ernster Mann, ich kann das, was alle treiben, einfach nicht ernst nehmen... Ich möchte ihnen ins Gesicht lachen, dabei lachen sie mich aus, sie haben recht, ich bin der Reingefallene, unfähig, feige, überflüssig bin ich: ein deutscher Schriftsteller."

Einer der optimistischeren Charaktere, die in "Tauben im Gras" geschildert werden, ist der dunkelhäutige Soldat Washington Price. Er hat ein Verhältnis mit einer Deutschen namens Carla, die ein Kind von ihm erwartet und mit der er eine gemeinsame Zukunft plant. Sein Blick auf das Leben ist hoffnungsvoll; Washington träumt von einer Welt, in der keiner diskriminiert wird und "niemand unerwünscht" ist. Carla, seine Geliebte, erlebt diese Diskriminierung hautnah: Als sie von Washington schwanger wird, wird sie von ihrem sozialen Umfeld geschnitten und ausgegrenzt. Die Schande, Nachwuchs mit einem schwarzen Besatzungssoldaten zu haben, ist zu groß.

All diese Personen und Geschichten sind gespickt mit Verweisen auf das aktuelle Zeitgeschehen; Zeitungsartikel, Radiomeldungen und Werbesprüche schildern kaleidoskopartig die politischen und wirtschaftlichen Themen des jungen Deutschlands.

Mir hat gefallen, dass man dem Autor trotz des eher resignativen Sounds, der das Werk durchzieht, die Sympathie für seine Protagonisten stets anmerkt. Er beschreibt die allzu menschlichen Seiten der Charaktere in einer Weise, dass man sich immer wieder an die eigene Unzulänglichkeit erinnert fühlt. Fragen wie "Hätte ich in so einer Notsituation nicht ähnlich feige gehandelt?" oder "Bin ich oft nicht genauso schnell dabei, einen Menschen für sein angeblich falsches Verhalten abzuurteilen?" schießen einem bei der kritischen Lektüre durch den Kopf.
Der Roman besticht durch seine detailreiche Beschreibung eines zerstörten, Not leidenden Münchens Ende der 40-er-Jahre. Im Chaos der Nachkriegsjahre tritt die innere Zerrissenheit der Menschen hervor, ihr Ringen um Würde und um ein halbwegs glückliches Leben.

Rezension von Kai Scheuing
aus der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig
[mehr lesen][schließen]


25.04.2016 Schauerliteratur
 
Susan Hill: Die Frau in Schwarz
Knaur Verlag

Neulich in der Buchhandlung. Nach einigen anspruchsvollen und teilweise auch langwierigen Büchern wollte ich mal wieder einen spannenden Schmöker verschlingen. Ein richtiger Pageturner sollte es werden. Zwischen zahllosen Stephen King- und Dean Koontz-Wälzern entdeckte ich, ziemlich versteckt, ein schmales Bändchen. Der Titel lautete schlicht "Die Frau in Schwarz". Ich zögerte erst, war aber bald von dem düsteren Cover und dem Klappentext fasziniert. "Ein Klassiker der Schauerliteratur" - das müsste doch was sein!

Susan Hill, die Autorin des Romans, hat bereits mehrere Bücher im Stil der "Gothic fiction", auf Deutsch eben "Schauerliteratur", veröffentlicht. 1983 erschien "Die Frau in Schwarz", der wohl ihr bekanntester Roman wurde. Dieses Jahr kam eine Verfilmung mit Daniel Radcliffe als Hauptdarsteller ins Kino, was dem Buch eine Neuauflage und große mediale Aufmerksamkeit verschaffte.
Die Handlung spielt in England zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Londoner Anwalt Arthur Kipps bekommt den Auftrag, sich um den umfangreichen Nachlass der verstorbenen Alice Drablow zu kümmern. Mrs. Drablow lebte bis zu ihrem Tod in einem alten, verlassenen Herrenhaus an der Küste. Deshalb reist Arthur Kipps in das nahe gelegene Dorf Crythin Gifford, um von dort aus alles weitere zu regeln.
Am Tag nach der Ankunft nimmt der Anwalt an der Beerdigung von Mrs. Drablow teil. Gegen Ende der Messe wird er auf eine dürre, ganz in Schwarz gekleidete Frau aufmerksam, die einen sehr kranken Eindruck auf ihn macht. Als er einen anderen Trauergast auf die zerbrechliche Dame anspricht, reagiert dieser mit panischem Entsetzen.
Nach der Trauerfeier macht sich Arthur Kipps auf den Weg zum Haus der Mrs. Drablow, das allgemein unter dem Namen "Eel Marsh House" bekannt ist. Es liegt in den Marschen, einem Gebiet außerhalb des Dorfes selbst, auf einer kleinen Insel. Nur bei Ebbe ist das Haus über einen Damm erreichbar, während es bei Flut von Wasser umgeben und somit vom Rest der Welt abgeschnitten ist. Als Arthur Kipps sich in der Umgebung des Hauses näher umsieht, sieht er wieder die schwarz gekleidete Frau, die in dieses Mal hasserfüllt anstarrt.
Arthur Kipps muss nun die Unterlagen sichten und ordnen, die weit verstreut im düsteren Herrenhaus liegen. Unerklärliche Dinge gehen in den folgenden Tagen vor sich, und immer wieder taucht die geheimnisvolle Frau in Schwarz auf. Bald wird dem jungen Anwalt klar, dass sich hinter der Geschichte des Hauses ein entsetzliches Geheimnis verbirgt...

Dieser Gruselroman ist eine Spukgeschichte der alten Schule. Das verfallene Haus, die einsame Wattlandschaft und die übersinnlichen Phänomene erzeugen beim Leser ein Gruseln, das bei der üblichen Horror- und Mystery-Literatur von heute kaum noch vorkommt. Susan Hill baut den Spannungsbogen langsam auf und verzichtet auf abrupte, anstrengende Szenen- und Perspektivenwechsel. Außerdem mag ich die etwas altmodische Sprache des Buches: sie wirkt viel melodiöser und literarischer als die der Thriller, die aktuell auf den Markt kommen.

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, wollte ich mir natürlich auch den bereits erwähnten Film von 2012 anschauen, um zu vergleichen. Danach musste ich feststellen, dass dieses wohl einer der wenigen Fälle ist, wo eine Verfilmung eines Romans besser ist als der Roman selbst. Die Darstellung der feindseligen Dorfbewohner, das tolle Setting mit dem bedrohlichen Herrenhaus im Marschland und der überraschende und schockierende Schluss machen den Film zu einem richtig guten Gruselstreifen, der auch Filmliebhaber anspricht, die etwas härtere Kost mögen.

Rezension von Kai Scheuing
aus der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig

[mehr lesen][schließen]


12.04.2016 Thriller
 
Zoran Drvenkar: Still
Heyne Verlag

Sie sind eine verschworene Gemeinschaft, geprägt von einem kollektiven Trauma, das sie seit Generationen verfolgt.
Sie sind Jäger, sie leben und jagen nach einem strengen und unveränderbaren Kodex.
Im Winter, wenn Schnee und Eis alle Spuren verwischen, ist ihre Zeit für die Jagd – es ist die Zeit, zu der jedes Jahr vier wohlbehütete Kinder aus den Kinderzimmern ihrer Elternhäuser spurlos verschwinden …
Aber eines der Kinder kommt zurück – und ein Vater nimmt die Fährte der Jäger auf …

Drvenkar erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven – und Schicht für Schicht entwickelt sich ein wahrhaft abgründiger Plot – fast unerträglich spannend und nichts für zarte Gemüter!


Christoph Maria Herbst als Leser des Hörbuchs transportiert Düsternis, Kälte und das Gefühl einer Schlinge, die sich immer weiter zuzieht.

Buchtipp von Stefanie Zech
aus der Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


08.04.2016 Isarlauf
 
Bettina Plecher: Isarlauf
Frieda May & Quirin Quast

Rowohlt Verlag rororo

Rechtzeitig zum Start der Laufsaison im Frühjahr ein neuer Krimi von Bettina Plecher:
Ein gut trainierter Läufer bricht am Ende des titelgebenden Isarlaufs zusammen. Jegliche Hilfe kommt zu spät; dafür sind wiederum das medizinische Detektivgespann Frieda May, Assistenzärztin, und Quirin Quast, Toxikologe, auf den Plan gerufen.
Handelt es sich bei dem Toten doch um Kijan, den Bruder einer guten Freundin von Frieda, der als Psychiater mit sehr dubiosen Mitteln insbesondere Frauen behandelte und dabei etliche Fotos von diesen Patientinnen gemacht hat – schlafend, in eher ungewöhnlichen Posen...Hat der angesehene Psychiater verbrecherische Methoden genutzt bei der Behandlung der gut bis sehr gut situierten Frauen? Haben diese sich von dem attraktiven Arzt womöglich mehr versprochen als nur eine ärztliche Konsultation?
Die beiden so herrlich unterschiedlichen jungen Mediziner begeben sich also inkognito auf die Suche nach potentiellen Feinden des renommierten Seelenarztes und entdecken, dass mehrere Kollegen der Eisbachklinik ein größeres Interesse an dessen Ableben gehabt haben könnten. Natürlich, um kein Aufsehen zu erregen, soll der Fall rasch zu den Akten gelegt werden, doch auf „unorthodoxe“ Weise findet Quast im Blut des Toten einen toxischen Medikamentenmix. Und auch die Frauen in Kijans Leben scheinen einiges zu verbergen.

Genau so wünsche ich mir einen perfekten München-Krimi:
Voller Lokalkolorit, samt einem köstlich beschriebenen Ausflug nach Niederbayern zwecks kriminalistischer Ermittlung, einem gelungenen Spannungsaufbau, stetig ansteigend mit glaubhaften Wendungen und Enthüllungen aus dem Klinik-Milieu. Die beiden ärztlichen Ermittler kommen authentisch rüber, wobei Dr. Quirin Quast abermals den Kauz gibt - aber eben nicht übertrieben.
Wie auch schon mit „Giftgrün“ ist Bettina Plecher wiederum ein spannender, gut nachvollziehbarer Krimi gelungen, und es bleibt zu hoffen, dass Frieda und Quirin sich auch weiterhin als Sherlock Holmes und Watson betätigen werden.

Bettina Plecher, 1969 in München geboren, studierte zunächst Philologie und Germanistik, arbeitete später als Lehrerin und Schulbuchautorin. Verheiratet mit einem Klinikarzt (!) lebt sie heute mit ihrer Familie in München.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


09.03.2016 La Palma - die schöne Insel - Spanien
 
Anna Levin: Das Korallenhaus
blanvalet Verlag

Schon das Buchcover lädt Sie ein, eine Auszeit aus dem Alltag zu nehmen: Herzlich willkommen auf La Palma, nicht umsonst „La isla bonita“ (die schöne Insel) genannt.

Hierhin führt es die Meeresbiologin Nina beruflich. Sie erhält einen Forschungsauftrag und soll in diesem Rahmen Vorkommen und Gefährdung von bedrohten Korallenarten dokumentieren. Dass sie sich kurz zuvor in München von ihrem untreuen Verlobten getrennt hat, erleichtert ihr den Umzug nach Tazacorte ins titelgebende „Korallenhaus“, von dem sie sich magisch angezogen fühlt.

In einer alten Holzhütte auf dem traumhaft oberhalb des Meeres gelegenen Grundstücks findet Nina zufällig ein Tagebuch und taucht immer tiefer ins Leben der Korallentaucherin Serena ein, in deren Liebe zum Meer und zu dem Hirten Mateo – eine Liebesgeschichte aus dem 19. Jahrhundert wird so ganz schnörkellos aber trotzdem berührend aus der Sicht eines einfachen jungen Mädchens mit erzählt, das nur wenig jünger als Nina selbst ist. Diese beginnt im Verlauf der Tagebuchlektüre Parallelen zwischen ihrem eigenen Leben und dem der mutigen und für die damalige Zeit sehr unabhängig lebenden Serena zu ziehen. Kann sich die nüchterne Wissenschaftlerin dem Charme eines der Mitarbeiter ihres Forschungsteams ganz entziehen? Fabio Guantes, Palmero und Apnoetaucher lässt sich von Ninas anfänglicher Zurückhaltung und Sprödigkeit nicht einschüchtern.
Doch auch diesen für die Wissenschaftlerin insgeheim faszinierenden Mann umgibt ein Geheimnis...

Dann wird die Arbeit des Forscherteams massiv behindert; es kommt sogar dazu, dass Ninas Autoreifen zerstochen und das Stromkabel zu ihrem Haus zerstört wird. Wer könnte ein Interesse am Abbruch der Arbeit in den Korallengärten rund um La Palma haben? Und gibt es gar einen „Maulwurf“ innerhalb des Teams?

Eine leichte Liebesgeschichte, die ein interessantes Thema, die Ausbeutung der Meere, mit behandelt und zugleich viel Lokalkolorit bietet, erwartet Sie. Die Bezeichnung der handelnden Personen nach deren Herkunft ist allerdings gewöhnungsbedürftig; „der Palmero“ bzw. „der Isländer“ wirkt etwas antiquiert. Doch welcher Roman ist schon ohne Fehl und Tadel?

Anna Levin arbeitete zunächst im medizinischen Bereich, bevor sie hauptsächlich als Autorin erfolgreich auftrat. Die Recherche für diesen Roman führte sie nach La Palma und dort u.a. in eine Tauchbasis in der Nähe von Los Cancajos.


Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


22.02.2016 Fantasy mit Kriegern, Königen, Intrigen u.v.m.
 
Anthony Ryan
Das Lied des Blutes

Hobbit-Presse
Klett-Cotta Verlag


Vaelin Al Sorna ist der berühmteste Gefangene des Reiches und soll nun während eines Duells sterben. Auf dem Weg dorthin begleitet ihn der Geschichtsschreiber Lord Vernies.
Während der Reise erzählt Vaelin Al Sorna von seinem Leben. Er wurde von seinem Vater mit zehn Jahren zum sechsten Orden gebracht und dort zum Kämpfer und Hüter des Glaubens ausgebildet. Zusammen mit zehn anderen Jungen teilt sich Vaelin ein Zimmer. Die Ausbildung schweißt die Brüder des Ordens zusammen, und Vaelin wird ihr Anführer...

Ein gelungener erster Band der Fantasy-Trilogie Rabenschatten!

Buchtipp aus dem Team der
Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


15.02.2016 Italien - Mailand
Wirtschafts- und Psychothriller
 
Andrea Camilleri: Aussetzer
Kindler Verlag

Mit „Aussetzer“ verlässt der Altmeister des italienischen Kriminalromans seine Heimat Sizilien und Commissario Montalbano; stattdessen nimmt er seine Leser mit ins wahrhaft undurchsichtige Milieu Mailänder Topmanager. Das ergibt einen in furiosem Tempo geschriebenen Wirtschafts- und Psychothriller mit höchst interessanten Handlungssträngen. Firmenbosse, die ihrer eigenen Gier nach Macht erliegen, korrupte Politiker, Frauen, die mit bewusst eingesetzter Erotik genau diese Männer becircen aber auch von diesen gebraucht bzw. missbraucht werden – ein Reigen aus Intrigen, Leidenschaft und abgrundtiefen Hass tut sich hier auf.
Und mitten drin: Mauro De Blasi, CEO der Firma Manuelli, auf dem Zenit seiner Karriere. Bedauerlicherweise wird er infolge der Wirtschaftskrise Firmenstandorte schließen müssen, doch korrupte Journalisten und Politiker helfen mit, damit alles glatt über die Bühne gehen sollte...
Dabei arbeitet De Blasi bereits an einem weiteren Coup: die Übernahme der schwächelnden Firma Artenia steht bevor. Wären da nur nicht diese titelgebenden „Aussetzer“ - De Blasi hört und sieht dann Dinge, die geradezu irreal erscheinen und hat sich selbst nicht mehr unter Kontrolle. Handelt es sich bei diesen Blackouts um eine bedrohliche Krankheit? Oder lauern in diesem Haifischbecken italienischer Tycoons noch ganz andere Bedrohungen?

Wer einen aufschlussreichen Wirtschaftskrimi sucht, geschrieben mit analytischer Schärfe und folgerichtig stilistisch kühl-zurückhaltend, wird diesen für uns neuen aber wie immer spannenden „Camilleri“ lieben.
„Aussetzer“ erschien in Italien bereits 2010, wurde aber erst 2015 ins Deutsche übersetzt.

Andrea Camilleri wurde am 06.09.1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren. Seine Karriere begann er als Drehbuchautor und Regisseur. Bevor er mit seinen Krimis um den Commissario Salvo Montalbano weltberühmt wurde, schrieb Camilleri historische Romane über seine Heimat Sizilien.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


11.01.2016 Eine deutsche und spanische Geschichte
über drei Generationen
 
Verena Boos: Blutorangen
Aufbau Verlag

Geschickt versteht es Verena Boos über drei Generationen und Zeitebenen (1939,1990,2004) hinweg, Alltagsgeschichte und geschichtliche Ereignisse miteinander zu verknüpfen. Wie hingen die Franco-Diktatur, insbesondere ihr Sieg über die republikanischen Kräfte, und der deutsche Nationalsozialismus zusammen? Warum wurde die Verstrickung in Schuld und das Schweigen darüber in beiden Ländern erst so spät aufgearbeitet?

Am Beispiel einer Familie, die Opfer der brutalen Franco-Herrschaft wurde sowie einer Täter-bzw. Mitläuferfamilie werden die politischen Verflechtungen aufgezeigt: Am Anfang und am Ende des Romans steht ein Massengrab mit sieben von der Guardia Civil erschossenen Republikanern als Klammer – aber auch die titelgebenden „Blutorangen“ stellen ein verbindendes Glied zwischen den verschiedenen Orten, Zeiten und Personen dar. Am Schluss, in der Gegenwart angekommen, finden sich drei Generationen ein, die versuchen, das Unbegreifliche zu verstehen und einander Halt zu geben. Maite, die junge Spanierin aus erzkonservativer Familie, die vor den engen familiären Grenzen zum Studienaufenthalt nach München floh, Carlos, ihr späterer Mann, der aus einer deutsch-spanischen Familie stammt, sein Vater Paul und vor allem Antonio, Carlos' Großvater, der auf abenteuerlichen Wegen auf der Flucht vor Francos Schergen ebenfalls nach München gelangte.

In diesem Reigen kommen die Geheimnisse und Verflechtungen beider Familien zusammen, und die Lektüre bleibt tatsächlich bis zur letzten Seite voller Überraschungen und fesselnd.
Dies gelingt, obwohl die verschiedenen Erzählstränge keiner Chronologie folgen; mal begleitet der Leser Maite auf eine Bergtour, wo sie als junge Studentin Carlos kennenlernt, dann erlebt man Maites Vater in einer deutschen Uniform freiwillig an der Ostfront kämpfend und nicht zuletzt immer wieder Antonios Flucht über Frankreich, seine erste Ehe, und wie er sich in München schließlich etablieren konnte.

Dieser zeitgeschichtliche Roman, dem es durchaus nicht an Gefühl und Liebesgeschichten mangelt (z.B. die von Maite und Carlos, aber auch Antonio bleibt von amourösen Schlägen nicht unberührt) besticht durch atmosphärische Dichte und genaue historische Recherche. Selten ist die Frage nach Schuld und persönlicher Verstrickung in so eingängiger Weise literarisch behandelt worden. „Blutorangen“ ist ein sehr lesenswerter Roman für alle, die an Spanien mehr interessiert als nur Sonne, Strand und Sangria.

Verena Boos, 1977 geboren, hat neben ihrem Anglistik- und Soziologiestudium in Zeitgeschichte promoviert. Ihre Tätigkeit als Journalistin und Referentin führte sie für mehrere Jahre u.a. nach Italien und Spanien. Für „Blutorangen“ erhielt sie den Mara-Cassens-Preis des Hamburger Literaturhauses.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


06.01.2016 Lebensgeschichte
 
Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe,
desto kleiner bin ich

Hoffmann und Campe Verlag 2011

Erzählt wird die Geschichte von Mathea, einer alten Frau, deren Mann Epsilon gestorben ist. Sie sagt von sich selbst „ich bin so weit außerhalb des Ganzen wie man nur sein kann. Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät. Vielleicht bemerkt mich jemand, wenn ich zum Laden gehe.
Aber was soll ich tun, wenn der Fall eintritt?“ Diese Frage verdeutlicht Matheas Unvermögen anderen Menschen gegenüber zu treten, während sie gleichzeitig mit ihrer Einsamkeit kämpft. Nach und nach erschließt sich aus kurzen Andeutungen und einzelnen Szenen die Lebensgeschichte Matheas und auch die Geschichte der Ehe von Mathea und Epsilon.

Epsilon ist das bestimmende Element in Matheas Leben, ihre Gedanken kreisen um ihn, sie strickt nach wie vor Ohrenwärmer für ihn und erzählt abwechselnd in Gegenwarts- und Vergangenheitsform von ihm. Erst allmählich begreift der Leser, dass sie verwitwet ist und nach und nach treten die Umstände seines Todes zu Tage. Während Mathea einerseits um Epsilon trauert, fühlt sie sich andererseits verpflichtet, das Beste aus dem ihr noch verbleibenden Rest ihres Lebens zu machen. Ihrer Angst vor dem Tod versucht sie mit einer ganz eigenen Konfrontationstherapie zu begegnen. „Am Ende möchte ich damit leben können, sterben zu müssen“.
Trotz dieser sehr ernsten Elemente ist es kein trauriger Roman. Das liegt auch an der Persönlichkeit Matheas. Sie ist keine einfache Figur, sie ist schwermütig, stur und einsam und gleichzeitig schafft es Kjersti Skomsvold sie anrührend und sympathisch darzustellen. Hinzu kommen unzählige Situationen, die umwerfend komisch sind. Zu diesen wunderbaren Szenen gehören ein Wettlauf mit „Rollator-Rolf“ und Matheas Teilnahme am gemütlichen Beisammensein im Seniorenzentrum.

„Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich“ ist der Debütroman der norwegischen Autorin Kjersti Skomsvold. Sie ist 1979 in Oslo geboren, wo sie auch lebt. Der Roman bekam hervorragende Rezensionen und wurde in Norwegen mit dem Tarjei-Vesaas-Debütpreis ausgezeichnet.


Rezension von Anke Wagner
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften
[mehr lesen][schließen]


05.01.2016 Chinesische Gesellschaft
 
Mo Yan: Frösche
Hanser Verlag 2013

Über Mo Yan wurde viel geschrieben, vor allem seit er 2012 den Literaturnobelpreis bekam.
Zunächst hat mich keines seiner Bücher besonders angesprochen.
Als ich aber vom zuletzt veröffentlichten Roman „Frösche“ las, war dann doch meine Neugier geweckt.
Mo Yan setzt sich hier mit der Lebensgeschichte seiner Tante und der chinesischen Ein-Kind-Politik auseinander. Erzählt wird die Geschichte von Gugu und Renner. Diese erstreckt sich über 50 Jahre bis in die Gegenwart nach der Jahrtausendwende.
Gugu ist eine der ersten modernen Geburtshelferinnen in China und zunächst ein wahrer Segen für die schwangeren Frauen. Durch ihre Biografie wandelt sich dies jedoch und sie wird absolut parteitreu. Die Frau von Gugus Neffen sagt an einer Stelle: „ Meine Tante ist für die kommunistische Partei wie ihr abgerichteter, treuer Hund, der sofort in die Richtung beißt, in die sein Herr schwenkt.“ Gugus Neffe (Renner genannt) macht Karriere beim Staat. Insofern verbietet sich absolut, der Ein-Kind-Politik zuwiderzuhandeln.
Als seine Frau ein zweites Mal schwanger wird, zwingt er sie zu einer Abtreibung. Seine Tante Gugu führt diese durch, die Frau stirbt dabei. Der Abschied des Ehepaares vor der Operation gehört für mich zu den beeindruckendsten Szenen dieses Buches. Hier wird mit wenig Worten ein Ausgeliefertsein deutlich, das mir Gänsehaut verursacht hat. In Szenen wie dieser zeigt Mo Yan wie zerstörend der Eingriff des Staates in das persönliche Leben ist. Mo Yan spannt den Bogen von den Anfängen und Gründen für die Ein-Kind-Politik bis in die Gegenwart. Besonders interessant fand ich, dass der Roman autobiografische Züge hat. Vorbild für die Figur Gugus war die Tante Mo Yans.

Alles in allem ein facettenreicher, gut zu lesender Roman, der viel über chinesische Geschichte und die chinesische Gesellschaft vermittelt.


Rezension von Anke Wagner
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften
[mehr lesen][schließen]


04.01.2016 Kriminalroman Irland
 
Tana French: Schattenstill
Scherz Verlag 2012

Irland in der Rezession. Ort des Geschehens ist Broken Harbour, die Siedlung Ocean View, an der die Bauarbeiten eingestellt wurden. Inmitten der Bauruine leben vereinzelt Familien, Teenager feiern Partys in leeren, halb fertigen Häusern.
Die Atmosphäre ist gespenstisch und trist. Eindrücklich beschreibt Tana French die Szenerie „Je tiefer wir in die Siedlung kamen, desto unvollständiger wurden die Häuser, als würden wir einen Film rückwärts sehen. Schon bald bestanden sie nur noch aus wahllosen Ansammlungen von Mauern und Gerüsten, mit dem einen oder anderen klaffenden Fensterloch“. In dieser Siedlung wird eine Familie ermordet – die Eltern erstochen, die beiden Kinder erstickt. Der Fall wird Detective Mike Kennedy übertragen, der sich als Partner den Neuling Richie Curran wählt.

Minutiös schildert Tana French nun die Ermittlung in der beklemmenden Atmosphäre dieser halb fertigen Siedlung weit außerhalb von Dublin. Stück für Stück erfährt man mehr über die Opfer, augenscheinlich eine Bilderbuchfamilie. Immer wieder nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Behutsam wird nebenbei die persönliche Verbindung des Detective Kennedy zum Ort Broken Harbour Schicht für Schicht freigelegt. Diese Verbindung wirkt sich auch auf die Arbeit des Detectives aus. Er sagt über den Fall „Jeder Schritt spülte uns tiefer in finsteres Chaos, führte uns noch unentwirrbarer in ein Rankwerk aus Wahnsinn und zog uns nach unten.“

In diesem Roman verknüpft Tana French einen spannenden Kriminalfall mit fesselnden Psychogrammen des Detective, der Opfer und der möglichen Täter. Es gelingt ihr auf diese Weise die Spannung tatsächlich über die gesamten 730 Seiten zu halten.

Tana French ist eine irische Krimi-Autorin, die mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. 2008 mit dem renommierten Edgar-Allan-Poe-Award für ihren Debüt-Roman „Grabesgrün“. Sie lebt mit ihrer Familie in Dublin und ist für Film, Theater und Fernsehen tätig. „Schattenstill“ ist ihr vierter Kriminalroman.


Rezension von Anke Wagner
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften
[mehr lesen][schließen]


04.01.2016 Mr. Chartwell spricht
 
Rebecca Hunt: Mr. Chartwell
Luchterhand Verlag 2012

Kann ein Roman über Depressionen humorvoll und vergnüglich sein? Ja, er kann! Rebecca Hunts Roman
„Mr. Chartwell“ ist beides ohne platt zu sein.


Die Bibliothekarin Esther hat sich durchgerungen, das ehemalige Arbeitszimmer ihres Mannes zu vermieten. Als Untermieter stellt sich Mr. Chartwell vor. „Das Erste, was ihr ins Auge fiel, war, dass Mr. Chartwell ein Koloss sein musste.“
Es stellt sich heraus, dass Mr. Chartwell ein großer schwarzer Hund ist, ein unangenehmer Geruch geht von ihm aus -
„Er roch wie etwas Uraltes, das immer feucht gehalten wurde.“ Außerdem kann er sprechen und ergreift trotz Esthers zaghaftem Widerstand Besitz von dem zu vermietenden Zimmer und mehr und mehr von ihrem Haus.
Esthers Leben verändert sich dadurch gravierend. Sie zieht sich zurück, wirkt abwesend und ungepflegt. All diese Anzeichen werden mit Depressionen verbunden. Auslöser ist der zweite Todestag ihres Mannes, der Selbstmord beging. Mr. Chartwell plagt aber nicht nur Esther, sonder er „arbeitet“ auch für Winston Churchill. Dieser steht kurz vor dem Ende seiner politischen Laufbahn, wir schreiben das Jahr 1964, und prägte tastsächlich den Begriff „Black dog“. Damit bezeichnete er die Depressionen, die ihn zeitlebens begleiteten. Im letzten Drittel des Romans werden die beiden Erzählstränge um Churchill und Esther kurz zusammen geführt. Danach werden beide Geschichten jede für sich zu Ende erzählt.

Rebecca Hunt lässt diesen schwarzen Hund, der sich im Buch gerne „Black Pat“ nennt, vor unseren Augen lebendig werden. Schrecklich aufdringlich, bedrohlich und dennoch haben manche der geschilderten Situationen einen leisen Witz. Das Ende des Buches ist sehr versöhnlich, sowohl Esther als auch Churchill haben ihre eigene Art mit Black Pat umzugehen gefunden.

Dies ist keine problemorientierte Auseinandersetzung mit der Krankheit Depression. Es ist eine gut erzählte Geschichte von Verlust und vom Leben mit der Depression, aber alles mit einem eher hoffnungsvollen Unterton.

Rezension von Anke Wagner
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften
[mehr lesen][schließen]


04.01.2016 Zahltag - Griechenland
 
Petros Markaris: Zahltag
Diogenes Verlag 2012

„Die Merkel hat also der griechischen Regierung empfohlen, die eigenen Bürger umzubringen, damit sie brav ihre Steuern zahlen?“ Mit dieser Theorie wird Kommissar Charitos in Petros Markaris neuem Krimi „Zahltag“ konfrontiert.
Der selbsternannte nationale Steuereintreiber geht um in Athen.
Wenn nach einer von ihm verschickten Zahlungsaufforderung keine Steuernachzahlung erfolgt, wird der säumige Steuerschuldner mit Schierling vergiftet.
Eine recht antike Hinrichtungsmethode, die dem Kommissar einiges Kopfzerbrechen bereitet. Zudem muss er ungewohnt rücksichtsvoll ermitteln – aus früheren Romanen weiß man, dass das nicht seine Stärke ist. Aber es winkt die Beförderung und aus verschiedenen Gründen möchte er diese nicht gefährden. Außerdem herrscht in der Bevölkerung große Sympathie für den nationalen Steuereintreiber.
Doch nicht genug mit den Hinrichtungen, plötzlich verlangt der Steuereintreiber auch noch Provision. Als er die nicht bekommt, wird es unangenehm für einige Profiteure, die sich an Fördergeldern bereichert haben oder auf unsauberem Weg an Bankkredite kamen.

Petros Markaris große Stärke ist es, den Athener Alltag zwischen Protesten, Existenzängsten und Filz zu schildern. Sein Kommissar Kostas Charitos wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen, seine liebste Freizeitbeschäftigung ist das Studieren eines Wörterbuchs. Die dort gefundenen Definitionen geben ihm ganz altmodisch Denkanstöße für seinen gerade aktuellen Fall. Markaris Romane sind auch immer Gesellschaftsromane, die das Griechenland der Gegenwart widerspiegeln. Diesem Roman wurde laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung in Griechenland eine derartige Sprengkraft unterstellt, dass der Verlag den Hinweis auf den Buchrücken drucken lassen musste: „Nicht zur Nachahmung empfohlen“.

Rezension von Anke Wagner
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften
[mehr lesen][schließen]


14.12.2015 Leutnant Gustl - Moral und Offiziersehre
 
Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl
in: Arthur Schnitzler: Die großen Erzählungen, dtv 2012

2012 hatte Arthur Schnitzler seinen 150ten Geburtstag – aber anders als einige andere moderne Klassiker, die in den letzten Jahren von einem breiten Lesepublikum wieder entdeckt wurden, erlebte er keine wirkliche Renaissance. Schnitzler war der große Chronist der k und k-Gesellschaft und insbesondere des Offiziersstandes mit seinen verkrusteten und oberflächlichen Vorstellungen von Moral und Offiziersehre. Sein Freund Hugo von Hofmannsthal meinte einmal, man könne die Wiener Gesellschaft zwischen 1890 und 1914 kurzweg die „Schnitzlersche Welt“ nennen. Wie unbequem Schnitzler dabei war und wie sehr er gerade mit seinen frühen Erzählungen den Nerv seiner Zeitgenossen traf, wird an einem Ehrgerichtsverfahren der Armee deutlich. Ihm wird sein Rang als Offizier der Reserve aberkannt, weil er mit seiner Novelle „Der Leutnant Gustl“ die Standesehre verletzt und das Ansehen der österreichischen Armee herabgesetzt habe.

Die Novelle ist das Porträt eines jungen Mannes Mitte 20, Leutnant bei der k und k Infanterie. Sein Leben ist geprägt von der Langeweile und Sinnlosigkeit des Kasernenalltags, von oberflächlichen Frauengeschichten und von permanenten Geldnöten, da der kärgliche Offizierssold ohne den Rückhalt einer wohlhabenden Familie kaum für das Nötigste reicht. Wo jede echte Sinnhaftigkeit fehlt, beherrscht ein strenger, mit annähernd religiösem Eifer befolgter Ehrenkodex das Offiziersleben.
Die Ehre ist das höchste und zugleich ein stets gefährdetes Gut, schon ein falsches Wort, ein scheler Blick kann Satisfaktion – ein Duell also – erfordern. Ist die Ehre verloren, bleibt dem Ehrenmann nur der fast schon rituelle Selbstmord durch Erschießen. In genau dieser Situation befindet sich unser junger Leutnant: An der Theatergarderobe wurde er von einem Bäckermeister beleidigt. Gustl hat nicht schnell genug reagiert, sich nicht sofort gegen diese Beleidigung zur Wehr gesetzt – und da der Bäckermeister nicht von Stand und damit nicht satisfaktionsfähig ist, hat der junge Mann seine Ehre verspielt. In der Gewissheit, sich am nächsten Morgen erschießen zu müssen und trotzdem völlig unfähig, diesen wahnwitzigen Ehrenkodex zu hinterfragen, irrt er, den Kopf voller Gedanken, durch das nächtliche Wien.

Was die Novelle zu einer fesselnden Lektüre und auch literarisch heute noch spannend macht, ist ein Novum in der deutschen Literatur ihrer Entstehungszeit: Sie ist vollständig im so genannten stream of consciousness verfasst; das heißt: wir erleben die Gedanken und Gefühle, Überlegungen und Ängste des jungen Leutnants vollständig aus der Innenperspektive, wir hören ihm quasi beim Denken zu – und aus einer scheinbar chaotischen Mischung aus unmittelbaren Wahrnehmungen, Assoziationen, Bewusstseinssplittern und Erinnerungen entsteht Stück für Stück und psychologisch unglaublich stimmig das Bild eines oberflächlichen, in den Konventionen seiner Gesellschaft gefangenen und letztlich ungeheuer einsamen jungen Mannes.

Wie Gustls längste Nacht endet? Nun ... überraschend, würde ich sagen!

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


14.12.2015 Frankenstein
 
Mary Wollstonecraft Shelley: Frankenstein oder der neue Prometheus
Aufbau-Taschenbuch-Verl., 2010; 251 S.

Schon seit der Stummfilmzeit ist Frankenstein ein Mythos: Jeder kennt Boris Karloff, den Mann mit den Schrauben im Hals, und seine schaurig schöne Braut , jede Filmgeneration erfindet die Figur neu. Fast vergessen dagegen ist die Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley (ein herrlicher Name, oder?) , die mit ihrem 1818 erschienen Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus den Mythos schuf.

Im Zentrum der Erzählung steht der junge Victor Frankenstein - Frankenstein ist hier also nicht das Monster, sondern sein Schöpfer, wie sich im weiteren Verlauf der Geschichte herausstellen wird. Er repräsentiert den Typus des ehrgeizigen Wissenschaftlers, der in seinem fanatischen Forschungsdrang jedes Maß verliert und sich über alle ethischen Bedenken hinwegsetzt
.
In grausigen Versuchen an Leichen findet er heraus, wie Materie sich wiederbeleben lässt; danach verlässt er sein Labor kaum noch und erschafft in fieberhafter Arbeit eine lebende Kreatur. Doch als er diesem Scheusal, wie er es im selben Moment nennt, gegenübersteht, packen ihn Grauen und Reue. Von Entsetzen geschüttelt flieht er und überlässt seine Schöpfung ihrem Schicksal.

Und damit nimmt das tragische Verhängnis seinen Lauf. Frankenstein hat ein Monster von ungeheurer Körperkraft geschaffen; hinter einem Angst und Abscheu erregenden Äußeren aber verbirgt sich ein hoch intelligentes und empfindsames Wesen. Von seinem Schöpfer verlassen, versucht es immer verzweifelter, seiner Einsamkeit zu entkommen und einen Platz in der Welt zu finden. Aber jeder Versuch, sich Menschen anzunähern, endet in einer Katastrophe - und allmählich wird aus Hoffnung Resignation und schließlich ein abgrundtiefer Hass auf die Menschheit und insbesondere auf Frankenstein, der die immer noch namenlose Kreatur zu ihrem unerträglichen Schicksal verdammt hat. Wütend und mordend zieht das Monster nun durch die Lande, verfolgt von seinem unseligen Schöpfer, der erst Ruhe finden wird, wenn er die Welt von diesem Fluch befreit hat …

Mary Shelleys mit geradezu überbordender Fabulierfreude geschriebene Schauergeschichte steht unverkennbar im Geist der Romantik mit ihrer Liebe zu Dramatik und großen Gefühlen: Die Schauplätze sind düster, Liebe und Freundschaften tief und innig, Verzweiflung bodenlos.
Viel differenzierter als im heutigen Horror-Genre üblich, stellt sie die künstlich geschaffene Kreatur nicht als bloßes Monster dar, sondern als fühlendes und leidendes Wesen, das erst durch seine Ausgeschlossenheit von jeglicher Gesellschaft böse wird. Faszinierend fand ich auch Shelleys zeitlos-aktuelle Warnung vor wissenschaftlicher Hybris, die sie an mehreren Stellen des Romans ganz explizit äußerst beziehungsweise ihren Figuren in den Mund legt.

Das alles macht zusammen mit einer einfach schönen Sprache – Romantik eben – Mary Wollstonecraft Shelleys Frankenstein zu einer wirklich lohnenden literarischen Entdeckung und einem echten Lesevergnügen!

Zuletzt noch ein Filmtipp: Mary Shelleys Frankenstein von 1998 mit Kenneth Branagh als eitel-getriebenem Wissenschaftler, Robert de Niro als gequälter Kreatur und der wunderschönen Helena Bonham Carter als Frankensteins geliebter Ziehschwester. Der Film bleibt recht nah an Shelleys literarischer Vorlage, fängt die düster-melodramatische Atmosphäre der Erzählung
überzeugend ein und besticht durch die großartigen schauspielerischen Leistungen der Hauptdarststeller.

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


13.12.2015 Existentes Liebesleben
 
Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt
Schöffling 2012, 386 S.

Irgendwann im letzten Jahrzehnt: Musikproduzent Benny müsste sich eigentlich eingestehen, dass er beruflich und privat auf auf dem absteigenden Ast ist: Er hasst und verachtet die Branche, in der er arbeitet, sein eigener Musikgeschmack ist irgendwann vor zehn Jahren stehengeblieben, er hat eine geschiedene Frau, einen Sohn, den er nicht versteht und ein nicht existentes Liebesleben.

1979: Rhea erzählt von ihrer Highschool-Punk-Clique: die Jungs spielen in wechselnden Bands, Rheas Freundin Jocelyn hat ein Verhältnis mit einem verheirateten alten Sack und alle warten darauf, dass das wirkliche, echte Leben endlich anfängt.

Die Welt in etwa 20 Jahren: Ein Ort, an dem Sie nicht wirklich leben möchten, geprägt von Smartpads schon für Kleinkinder, der unbeschränkten Macht multinationaler Konzerne und ihrer Datenbanken und einem reichlich schrägen Verständnis von politicas correctness. Im Zentrum dieser Welt, im New Yorker Central Park , feiert ein alternder Rockstar den Triumph seines Lebens.

Das sind nur 3 von 13 kurzen Geschichten,
die schlaglichtartig Stationen im Leben der wechselnden Protagonisten beleuchten. Sie spielen an unterschiedlichen Schauplätzen, umspannen einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren und sind - jede für sich – exakt beobachtete Zeit- und Psychostudien
.
Aber Egan kann noch mehr: Schon bald stellt man nämlich fest, dass einem bereits bekannte Personen in wechselnden Konstellationen und unterschiedlichen Lebenssituationen immer wieder begegnen. Und da die Szenen nicht in einer zeitlich linearen Abfolge erzählt werden, ist es ein Teil des Lesevergnügens, immer wieder herauszufinden, zu welcher Zeit und in welcher Phase ihres Lebens uns eine Figur gerade begegnet. Nach und nach fügen diese einzelnen Puzzleteile sich zusammen zu komplexen Lebensgeschichten vor dem Hintergrund eines halben Jahrhunderts.

Die Autorin selbst hat den Roman mit einem Konzeptalbum verglichen, wie sie in der Rockmusik der 70er-Jahre sehr beliebt waren – dass ihr Konzept aufging, zeigt der Pulizer-Preis, den sie für das Buch bekommen hat.

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


13.12.2015 Wachstumschmerz
 
Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz
S. Fischer 2011, 280 S.

Vorab ein Geständnis: Ich lese manchmal recht gern Bücher von der Art, für die die Literaturkritik schon mal den nicht sehr schmeichelhaften Ausdruck „Befindlichkeitsliteratur“ gebraucht. Sarah Kuttners zweiter Roman „Wachstumsschmerz“ passt wohl ein bisschen in diese Schublade. Und natürlich steht Kuttner als ehemalige Viva- und MTV-Moderatorin ohnehin unter dem Generalverdacht einer oberflächlichen Zeitgeist-Schreibe. Da ist es schon fast ein Kompliment, dass ihre Geschichte der Berliner Thirty-Somethings Luise und Flo von der Kritik mit einer gewissen wohlwollenden Herablassung behandelt wurde.

Luise und Flo, Großstädter um die Dreißig, wie gesagt, haben sich in einem rundum vorläufigen Leben eingerichtet – beruhigend vorläufig, wie sie beide finden. Obwohl sie seit über drei Jahren ein Paar sind, leben sie in verschiedenen WGs, und sie weichen der Frage aus, ob ihre im übrigen gar nicht so schlechten Jobs denn nun das sind, womit sie sich auf Dauer ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Überhaupt haben die zwei die für ihre Generation so typische Angst sich festzulegen, in einem Leben zu landen, das falsch ist oder sich zumindest falsch anfühlt. Als sie sich schließlich doch entschließen zusammenzuziehen, lädt Luise jede Kleinigkeit des täglichen Zusammenlebens mit so viel Bedeutung auf, dass das Ganze eigentlich nur noch schief gehen kann.
Sie hinterfragt sich, Flo und die Beziehung, steht immer mehr neben sich. Luise ist nicht blöd: sie guckt sich selber dabei zu, wie sie in immer ungutere Verhaltensmuster verfällt und ist doch unfähig, einen Schritt von sich weg zu machen. Als sie endlich spüren kann, was sie eigentlich will, ist es vielleicht schon zu spät.

Sarah Kuttner hat keinen locker-flockigen pseudowitzigen Zeitgeistroman geschrieben. Luise und Flo sind keine Schablonen, sondern Menschen mit ihren Sorgen, Ängsten und Verdrehtheiten, Menschen, mit denen man fühlen, über die man sich gelegentlich wundern und auch mal ärgern kann. Dabei trifft Kuttners Schreibe den Ton ihres Personals, dem sie die Geschichte auch quasi in den Mund legt: locker, mit Witz und Selbstironie und einem klaren Blick für Menschen, Situationen und Gefühle.

Besonders nahe gegangen sind mir die Passagen, in denen sie Luises Liebeskummer schildert - kein großes heroisches Leiden, sondern das ganz klägliche Elend, das einen umtreibt und jedesmal mit Macht überfällt, wenn (einen) irgendwelcher Alltagskram an den anderen erinnert.

Ich weiß natürlich nicht, wie Sie, die LeserInnen dieser Plattform, Liebeskummer erleben und erleiden … Ich hatte in diesen Passagen – und nicht nur da - das Gefühl, sie spricht von mir. Und so was liest man ja mal ganz gerne!

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


13.12.2015 Eine zusammengemischte Reisegesellschaft
 
Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff
Manesse-Vlg, 2010

In den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts gibt es sie noch: die gewaltigen Ozeanriesen, die ihre Passagiere in nicht weniger als drei bis vier Wochen quer über den Atlantik bringen – luxuriös im Oberdeck, oder im Zwischendeck, zusammengepfercht wie Vieh, hungrig und dreckig.
Im August 1931 sticht die „Vera“ von Mexiko aus in See – Zielort Bremerhaven, an Bord eine bunt zusammengemischte Reisegesellschaft, die sich im Lauf der nächsten Wochen das Leben gegenseitig mehr und mehr zur Hölle machen wird.

Ein betont unkonventionelles amerikanisches Pärchen arbeitet sich an seinen Neurosen und völlig widersprüchlichen Bedürfnissen ab; ein junges Mädchen, dicklich und reizlos, ergibt sich resigniert in ihr Schicksal der Unsichtbarkeit - umso sichtbarer sind die Mädchen einer spanischen Tanztruppe, die sich ihr Geld immer offensichtlicher nicht nur mit Tanzen verdienen; ein deutscher Professor schwingt aufgeblasene p Reden, ein anderer Deutscher wird von seinen Landsleuten geschnitten, als das Gerücht aufkommt, er sei Jude. Überhaupt ist die Konversation, das Klima an Bord geprägt von Nationalismus, Antisemitismus und einer mehr oder weniger unterschwelligen Aggression, die sich am Ende der Reise in einer Katastrophe entladen wird.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum Sie ein so pessimistisches Buch lesen sollen. Weil Porters meisterhafte Beobachtungsgabe ein Lektürevergnügen ist. Ihr klarer und unbestechlicher Blick und ihre analytische Schärfe haben mir ihr breites Personal so nahe gebracht, dass ich immer wieder geschwankt habe zwischen leisem Grauen und einer gewissen fast widerwilligen Sympathie für diese Menschen mit ihren Egoismen und Beschränktheiten, ihren Ängsten und Hoffnungen.

Das literarische Werk der 1890 geb. Katherine Anne Porter ist schmal, es besteht aus einigen Erzählbänden, einer großen Sammlung journalistischer Reportagen und eben dem „Narrenschiff“, ihrem großem Gesellschaftsroman, an dem sie dreißig Jahre lang schrieb. Als das Buch 1962 endlich erschien, wurde es in den USA zu einem überwältigenden Erfolg: Es stand drei Tage nach Erscheinen auf Platz Eins der Bestsellerliste, war das meistverkaufte Buch der Sechzigerjahre und wurde mit Vivian Leigh, Heinz Rühmann und Oskar Werner prominent verfilmt.

Der Manesse-Verlag hat den Roman, versehen mit einem sehr informativen Nachwort, für den deutschen Markt 2010 neu aufgelegt – eine lohnende Wiederentdeckung, finde ich.

Übrigens: Falls Ihnen der Titel „Das Narrenschiff“ irgendwie bekannt vorkommt: Die Autorin hat ihn einem absoluten Klassiker der Weltliteratur entlehnt, nämlich einer bereits 1494 in deutscher Volkssprache verfassten satirischen Allegorie über die Torheiten der Welt.

Porter selbst sagt: "Als ich über meinen eigenen Roman nachzudenken begann, übernahm ich dieses einfache, beinahe universale Bild des Schiffes dieser Welt auf seiner Reise in die Ewigkeit... Ich bin ein Passagier auf diesem Schiff."

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


12.12.2015 Bayern, Geschichte einer Bauern- und Wirtsfamilie
 
Josef Bierbichler: Mittelreich
Suhrkamp 2011, 391 S.

Als Schauspieler ist Josef Bierbichler vielen von Ihnen sicher kein Unbekannter. Jetzt hat er seinen ersten Roman geschrieben. Erzählt wird die Geschichte einer Bauern- und Wirtsfamilie über etwa ein Jahrhundert.

Die Seewirtschaft ist, wie das ganze Dorf Seedorf, direkt an einem oberbayerischen See gelegen, der gewiss nicht zufällig stark an den Starnberger See erinnert. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg wird die Gegend rund um München von den Städtern entdeckt und erobert. Die Ausflügler und Sommer­frischler locken mit Geld und völlig neuen Einkommensmöglichkeiten, und mit ihnen hält ein Stück der weiten Welt mit ihren neuen Ideen und Anschauungen Einzug in den Dörfern. Auch der Seewirt hat seine Dorfwirtschaft zu einem gelben Bauernrenaissance-schlösschen mit einem Anlegesteg direkt vorm Haus erweitert.
Da bricht der Erste Weltkrieg mit ganzer Wucht über das Dorf und die Familie herein. Der ältere Sohn des Seewirts kommt mit einem Kopfschuss zurück, und als deutlich wird, dass er den Familienbetrieb nicht fortführen kann, zerstört das auch alle Träume und Hoffnungen seines jüngeren Bruders Pankraz. Der hatte Gesangsstunden genommen und von einer Karriere als Sänger und Künstler in der Landeshauptstadt geträumt. In den Dreißigerjahren, während im Dorf und in der Wirtsstub'n die Stimmen der Nazis immer lauter werden, fügt er sich halbherzig und widerwillig in die Rolle des Hoferben und künftigen Seewirts.

Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratet er die Bauerntochter Theresa, eine Verbindung, die beiden wenig Glück bringt. Pankraz ist ein schwacher Mann, der an der Verantwortung für das "verfluchte Erbe", wie er es nennt, schier zerbricht, aber es nicht schafft, sich zu befreien. Das große Wort im Haus führt seine Schwester, eine bittere und bigotte Frau, die in der Schwägerin nie mehr als die „reig'schmeckte“ Häuslerin sieht. Pankraz stellt sich nicht vor seine Frau, und er begegnet – tragisch und typisch - seinem sensiblen Sohn Semi mit dem selben Unverständnis wie sein Vater früher ihm. Er steckt Semi in ein Klosterinternat, wo der Bub von einem Pater, dem einzigen noch dazu, von dem er sich zunächst verstanden glaubt, missbraucht wird. Trotz seiner flehenden Bitten wird der Bub in das Internat zurückgeschickt, diesmal glaubt ihm auch seine Mutter nicht, der er sich in seiner Not anvertraut. Er wird an diesem Trauma zerbrechen, so wie in Siebziger Jahren die ganze Seewirtsfamilie auseinander fällt.

Bierbichlers Blick auf die Menschen, von denen er erzählt, ist klar, unbestechlich, aber nie ohne Verständnis für ihre Not, für die inneren und äußeren Zwänge, von denen sie sich nicht befreien können. Und er bettet das Kleine, die individuellen Schicksale, immer ein in das Ganze, in die Zeitläufte eines ganzen Jahrhunderts, wie sie über die Seedorfer – Einheimische, Flüchtlinge und Zuag'roasde – hereinbechen.

Und dann ist da noch die Sprache des Romans, über die ich ins Schwärmen geraten kann: bildgewaltig, prägnant, kraftvoll. Und wenn man das Bayrisch des Oberlandes im Ohr hat, dann hört man immer wieder typische Wendungen und einen Rhythmus, in dem ein gesprochenes Bayrisch leise mitschwingt, ohne dass es je aufdringlich oder gar bayerntümelnd daher käme. A propos im Ohr haben: Gönnen Sie sich zumindest in Ausschnitten auch das Hörbuch: Der Autor selbst liest, und zwar genau so, wie ich denke, dass der Text sich anhören muss.

Bierbichler kennt die Menschen und die Gegend, von der sein Roman erzählt - das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf seine eigenen biografischen Eckdaten. Dass er keine Biografie geschrieben hat, wird aber spätestens gegen Ende des Buchs deutlich. Hier kippt die bis dahin realistische Erzählweise, die Psychologie der Figuren spiegelt sich nun in surrealistisch-alptraumhaften Szenen. Einige Literaturkritiker waren gerade von diesem Kunstgriff sehr angetan, ich persönlich fand diesen Bruch störend, die Gewalttätigkeit der so evozierten Bilder irritierend.

Trotzdem: Ich gehe mit den Feuilletons d'accord, wenn sie "Mittelreich" mit Oskar Maria Grafs biografischen Erinnerungen "Das Leben meiner Mutter" vergleichen - ein großes Kompliment, dem ich mich alles in allem gerne anschließe.

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


06.12.2015 Schicksale
 
Hilary Mantel: Brüder
DuMont, 2012


Die Französische Revolution und besonders die Schicksale von Georges Danton, Maximilien de Robespierre und Camille Desmoulins sind das Thema dieses neuen und zugleich alten Romans der Booker-Preisträgerin: alt, da im Original bereits 1992 unter dem Titel „A Place of Greater Safety“ erschienen und neu, da jetzt in deutscher Übersetzung vom DuMont Verlag herausgebracht.

Auf 1.100 Seiten unternimmt die Autorin den Versuch, historische Fakten und eigene Fiktion in einen gelungenen und plausiblen Zusammenhang zu bringen: Sie schildert die Kindheit ihrer Protagonisten – besonders hier ist sie angewiesen auf eigene Vermutungen und psychologisches Gespür - sie schildert ihre menschliche und politische Entwicklung, ihre Rolle im historischen Geschehen und ihr Scheitern auch an den eigenen Zielen. Weder Bösewichte noch Helden kann man in Hilary Mantels Roman finden - der individuelle Mensch nimmt bei ihr Gestalt an mit all seinen Vorzügen und Begabungen, Lastern und Defekten, Träumen und Idealen. Und manchmal bleiben ihre Figuren auch undurchschaubar, unberechenbar und wohltuend unergründlich.

Die Geschichte der Französischen Revolution ist bekannt, das Ende der Protagonisten ebenso: aus der Ungewissheit des Handlungsverlaufs lässt sich also keine Spannung aufbauen. Allerdings gelingt es Hilary Mantel, die Dramatik und Leidenschaftlichkeit dieser Epoche zum Leben zu erwecken und in einer beängstigenden Dynamik zu einer zeitlosen Tragödie weiter zu entwickeln. Dem hoffnungsfrohen Aufbruch der Romanfiguren, die sich mit Idealismus, Wagemut und Begeisterungsfähigkeit den neuen Ideen ihrer Zeit stellen, wird schon bald das Chaos und die Brutalität des schließlich erfolgreichen Umsturzes entgegen gestellt. Aus Spielfiguren drohen Spielbälle zu werden: Idealismus entartet zu Gesinnungsterror und Wagemut steht nur noch im Zeichen der Profitgier. Schließlich frisst die Revolution ihre Kinder, der Roman endet mit der Hinrichtung von Danton, Desmoulins und ihrer Freunde, der Anhang bietet einen Ausblick auf Robespierres baldiges Ende.

Hilary Mantel nimmt ihre Leser mit in eine überaus dramatische und bewegte Zeit. Sie entwickelt ein gewaltiges historisches Panorama mit eigenwilligen Persönlichkeiten, die oft überraschend modern reden und handeln; die Konflikte der geschilderten Epoche erweisen sich als erstaunlich aktuell. Ein wahrer Genuss sind die Dialoge: lakonisch, pointiert und auch humorvoll sorgen sie für eine mitreißende Lebendigkeit in der Darstellung, die auch bei über 1000 Seiten keine Langeweile aufkommen lässt.

Rezension von Doris Reinwald
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften
[mehr lesen][schließen]


06.12.2015 Eine aufgeschlossene Gesellschaft
 
Leif Randt.: Schimmernder Dunst über Coby County.
Berlin Verlag 2011


Der Frühling steht vor der Tür in Coby County, einem paradiesischen Ort irgendwo an irgendeinem Meer, eine Art Wellness-Utopia der westlichen Welt. Zunächst als sonnige Produktionsstätte für Hygiene- und Schönheitsartikel gegründet, legten der Bau einer ersten Beautyfarm sowie der Zuzug von immer mehr jungen Avantgardisten und Künstlern den Grundstein für die Kultur- und Tourismusszenerie der Stadt. Jetzt reisen jedes Jahr im Frühjahr gut aussehende Touristen dorthin – alle ausnahmslos talentierte Freiberufler aus den Metropolen des Westens.
Für sie, und auch für die Bewohner von Coby County, bringt der Frühling sommerliche Partys, unverbindliche Romanzen und jede Menge Spaß.

Darauf freut sich auch schon Wim, Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans.
26 Jahre alt, hat er gerade sein Studium abgeschlossen und arbeitet als Agent für junge Literatur. Seine Klienten sind junge bis sehr junge (teilweise noch minderjährige) Autoren, deren Texte älteren Jugendlichen zeigen, wie sich das Leben der jüngeren Jugendlichen heute anfühlt. Er führt eine überaus reflektierte Beziehung mit der talentierten Carla, hat in Wesley einen langjährigen besten Freund und versucht sehr ernsthaft, sein Leben an einem der besten Orte der Welt zu genießen.

Doch dieses Jahr scheint eine diffuse und seltsame Stimmung über dem Ort zu liegen, allerlei Katastrophen und Kataströphchen setzen unheilvolle Akzente im behaglichen und berechenbaren Wohlfühl-Kosmos von Coby County: Eine Hochbahn verunglückt, ein Brand bricht aus und schließlich droht gar ein Sturm den ganzen Ort aus den Angeln zu heben. Und auch für Wim entwickeln sich die Dinge nicht zum Besten. Wesley verlässt kurz vor Beginn der Partysaison die Stadt, Carla beendet ihre Beziehung kurz und äußerst vernünftig per SMS und sein Chef verordnet ihm einen Zwangsurlaub mit dem Tipp, doch mal zu verreisen und dem Alltag von Coby County zu entfliehen.

Veränderung liegt in der Luft, für Wim ein erschreckender und zutiefst verstörender Zustand; findet er doch Halt vor allem in lieb gewonnenen Ritualen, im beständigen Reflektieren einer ihm vertrauten Umwelt und im Kontrollieren jeder Art von Emotion. Bei aller oberflächlichen Souveränität sind es Angst und Unsicherheit, die sein Leben bestimmen: Jede seiner Gesten ist eine Pose, jedes Gefühl nur ein Zitat, jede Entscheidung stellt ein Risiko dar.

Doch eine Flucht aus dieser Stadt voller attraktiver, gesunder und heiterer Menschen, die kreativen Beschäftigungen nachgehen, dabei hochwertige Textilien tragen, in ihrer Freizeit Konzeptgastronomien besuchen und darin aufgehen, ein möglichst behagliches und seltsam indifferentes Leben zu führen, scheint nicht nur unmöglich, sondern auch gar nicht wünschenswert. Und so bleibt auch für Wim alles beim alten: seine Reise endet schon, bevor sie begonnen hat, Wesley kehrt zurück, es findet sich eine CarlaZwei und zumindest für den Moment findet er auch seine Zuversicht wieder.

Leif Randts Buch „Schimmernder Dunst über Coby County“ ist ein schmaler, vom Berlin Verlag sehr schön gestalteter Roman, der präzise und pointiert eine nur scheinbar aufgeschlossene Gesellschaft schildert, hinter deren glänzender Fassade Selbstzufriedenheit und Mittelmäßigkeit herrschen.

Rezension von Doris Reinwald
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften

[mehr lesen][schließen]


05.12.2015 Die Geschichte des Waisenjungen
 
Charles Dickens: Große Erwartungen.
Hanser Verlag, 2011


Charles Dickens war ein außerordentlich produktiver Autor und hinterließ ein reiches Werk mit 15 Romanen, fünf Weihnachtsbüchern sowie zahlreichen Erzählungen und Reportagen. Einige Zeit nach seinem Tod schien er in Vergessenheit zu geraten, um dann mit großer Begeisterung wieder entdeckt und heute als einer der großen Autoren des 19. Jahrhunderts gefeiert zu werden. „Große Erwartungen“, 1860/61 in wöchentlichen Fortsetzungen veröffentlicht, gilt vielen als sein bester, auf jeden Fall aber sein tiefster und reifster Roman.

Dickens erzählt darin die Geschichte des Waisenjungen Pip, der von seiner Schwester „von Hand aufgezogen“ wird, was der Schwester hohes Ansehen und Pip regelmäßige Schläge einbringt. Zum Glück gibt es noch seinen Schwager Joe, ein Schmied von kindlichem Gemüt, der ihn beschützt und liebt und ihm auch in schwierigen Zeiten die Treue hält.

Schon als Kind verliebt sich Pip hoffnungslos in die schöne Estella, die Adoptivtochter der reichen alleinstehenden Miss Havisham. Nur als Gentleman – so glaubt er – kann er je ihre Zuneigung gewinnen. Doch ein gesellschaftlicher Aufstieg ist für einen Jungen, dessen Zukunft die Schmiede seines Schwagers sein wird, mehr als unwahrscheinlich. Doch da – welch Wunder – taucht ein unbekannter Förderer auf und stattet ihn mit Geld und damit auch mit Möglichkeiten aus – er wird zu einem jungen Mann von großen Erwartungen. Als solcher verlässt er den Ort seiner Kindheit, um in London sein neues Leben als Gentleman zu beginnen.

Zahlreiche Verwicklungen und dramatische Geschehnisse später werden düstere Rätsel gelöst, unglaubliche Verwandtschaftsverhältnisse geklärt und manche Illusion zerplatzt sein. Pip steht nicht vor einem Happy End, aber am Ende einer Entwicklung, die ihm Charakter, Selbsterkenntnis und eine gute Portion Resignation beschert hat.

So unwahrscheinlich die Handlung in dieser Kürze klingt, so skurril muten auch die Romanfiguren zunächst an. Miss Havisham, eine am Hochzeitstag verlassene Braut, lebt licht- und freudlos nur noch für die Rache am gesamten männlichen Geschlecht. Ihr Werkzeug ist ihre Ziehtochter Estella, die - schön aber kalt - kein Empfinden für Glück oder Unglück hat. Der Anwalt Jaggers ist ein genialer Rechtsverdreher, der mit seinem furchterregenden Auftreten sogar das Hohe Gericht in Angst und Schrecken versetzt. Dessen Schreiber Mr. Wemmick wiederum führt ein einzigartiges Doppelleben mit einer beruflichen sehr unzugänglichen Persönlichkeit und einer warmherzigen privaten.

Viele Figuren gäbe es noch aufzuzählen und sie alle sind, trotz Überzeichnung, Ironie und Sentimentalität von einer solchen Lebendigkeit, dass sie aus ihrer literarischen Existenz heraustreten und zu vertrauten Bekannten werden. Dickens Phantasie, der Detailreichtum seiner Schilderungen, sein Humor und die Zeitlosigkeit seiner Beobachtungen und Einsichten machen dem Roman auch 150 Jahre nach seinem Erscheinen zu einem wunderbaren Lesevergnügen.

Rezension von Doris Reinwald
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften

[mehr lesen][schließen]


05.12.2015 Pakistan, Karachi
 
Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt
A1 Verlag, 2012

Pakistan, Karachi: Eine fremde, laute und chaotische Stadt, in eine Stadt voller Gewalt, Unruhe und Korruption. Im Herz Jesu Krankenhaus arbeitet Alice Bhatti, eine Hilfskrankenschwester: Sie ist jung und schön, Katholikin und eine Angehörige der untersten Kaste. Gerade erst wurde sie aus der Besserungsanstalt entlassen und jetzt möchte sie ihrem Leben bei ihrem Vater im Christenghetto so bald wie möglich entfliehen.

Alice ist kein einfacher Charakter. Einerseits ist sie für ihr Alter schon seltsam abgeklärt, alles andere als naiv und darum bemüht, unnötigen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Auf der anderen Seite kann sie bemerkenswert stur sein und wenn sie in die Enge getrieben wird, weiß sie sich zu wehren – auch handgreiflich.

In dem überfüllten und vom Mangel an Geld, Personal und Möglichkeiten geprägten Krankenhausalltag fällt sie auf – auch durch ihre Freundlichkeit und Güte, die frei ist von Sentimentalität. Bald wird sie umworben von Teddy Butt, einem Handlanger des für seine Gewalttätigkeit bekannten sogenannten "Gentleman-Korps". Diese illegale Truppe der Polizei setzt sich vorwiegend zusammen aus geläuterten Vergewaltigern, Folterern und Scharfschützen. Teddy, Muslim, Bodybuilder und als solcher ehemaliger Junior Mister Faisalabad, bringt nicht die nötige Abgebrühtheit für dieses Geschäft mit, er erhofft sich aber über diese Verbindung vielleicht einmal eine reguläre Stelle bei der Verkehrspolizei.

Eine unglaubliche Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Ungestüm und mit einer Waffe in der Hand macht Teddy seine erste – und wie nicht anders zu erwarten, erfolglose – Aufwartung. Ein zielloser, aus Frustration abgegebener Schuss und die damit verbundene Kettenreaktion aus Unfällen verursacht ganz nebenbei ein dreitägiges Chaos mit Unruhen, Brandstiftung und schließlich 11 Toten in der Stadt. Schließlich kommen sich die beiden doch näher, auf einem U-Boot wird geheiratet, gegenseitige Vertrautheit stellt sich im Zusammenleben allerdings nicht ein. Bald entwickelt Teddy, vom Gentleman-Korps wegen eines Fehlers massiv unter Druck gesetzt, heftiges Misstrauen gegenüber Alice – ein Misstrauen, das genährt und angestachelt wird von eigener Unsicherheit und der Frauenfeindlichkeit der ihn umgebenden Männerwelt. In rasender Eifersucht macht er sich mit einer Flasche Salzsäure auf den Weg zu seiner Frau und es beginnt ein atemloser Showdown.

Der pakistanische Autor und Journalist Mohammed Hanif legte 2008 mit „Ein Kiste explodierender Mangos“, eine politische Satire als Debütroman vor, der bereits kurz nach Erscheinen für den Booker Prize nominiert wurde. „Alice Bhattis Himmelfahrt“ ist sein 2. Roman und auch hier setzt er sich mit seiner Heimat Pakistan auseinander. Seine Haltung ist sarkastisch und zornig, aber niemals gleichgültig.
Seine Sprache ist mitreißend, und auch wenn die Handlung durchzogen ist von zum Teil grotesken Gewaltausbrüchen, ist sein Blick auf seine Mitmenschen voller Wärme. Gerade dies macht die Lektüre so lohnend und auch berührend.

Rezension von Doris Reinwald
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften

[mehr lesen][schließen]


05.12.2015 Wie die Wissenschaft in die Berge kam
 
Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam - Kiepenheuer & Witsch, 2012

Unsere Lesereise geht diesmal nach St. Peter am Anger - in ein kleines abgelegenes Bergdorf, so abgelegen, dass seine Bewohner viele Jahrhunderte lang relativ unbehelligt von der großen Geschichte ihre „Un-Kultur“ des Bergbarbarentums pflegen konnten. Ausgestattet mit reichlich Selbstvertrauen, Sturheit und Witz begegnen diese Bergbarbaren der räumlichen Enge ihrer Welt mit freiwilliger geistiger Beschränkung. Und fühlen sich wohl dabei.

Bis im Jahre 1960 ein 14 Meter langer Fischbandwurm sowie eine Schwangerschaft unklarer Herkunft eine unerhörte Geschichte in Gang setzen, an deren Ende – mittlerweile schreiben wir das Jahr 2010 - die große weite Welt in Form des FC St. Pauli Einzug in das abgelegene Dorf hält und damit dessen selbstgewählter Isolation ein Ende setzt.


Eine wesentliche Rolle spielt dabei der junge Johannes Irrwein. Dem Enkel des Dorfarztes und und Bandwurmforschers Johannes Gerlitzen sind schon als Kind die eher derben Dorftraditionen fremd und zuwider. Dank eines Stipendiums wird er der erste (und natürlich auch) einzige Gymnasiast des Dorfes. Als er jedoch völlig unerwartet durch die Matura-Prüfung fällt und sich der Beginn seines Studium vorerst verzögert, zieht er sich gekränkt in sein ungeliebtes Heimatdorf zurück und beginnt, eine Dorfchronik im Sinne seines großen Vorbilds Herodot zu verfassen.

Das Misstrauen zwischen Johannes und den „Barbaren“ seines Geburtsortes ist zunächst groß. Doch als sich Johannes in ein hübsches zugezogenes Mädchen aus der Hauptstadt verliebt und Freundschaft mit einem begnadeten Dorffußballer schließt, beginnen die Mauern allmählich zu wanken. Und hier kommt dann eben der FC St. Pauli ins Spiel. Doch damit ist noch lange nicht alles erzählt ...

Der Debüt-Roman der 23-jährigen Autorin sprüht nur so von Einfallsreichtum, Erzählfreude und sprachlichen Kapriolen. Eine liebevoll in altertümlicher Diktion verfasste Dorfchronik, ein Feuerwerk von turbulenten Begebenheiten und skurrilen Persönlichkeiten und der immer wieder eingestreute von der Autorin erfundene Dialekt der Bergbarbaren bescheren ein kurzweiliges und unterhaltsames Lesevergnügen.

Rezension von Doris Reinwald
Münchner Stadtbibliothek – Zentrale Dienste
Belletristik u. Literaturwissenschaften

[mehr lesen][schließen]


04.12.2015 Roman
 
Gavin Extence
Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat

Limes Verlag

Alex Woods hat es nicht leicht: Epileptiker, seit ihn als Kind ein Meteorit am Kopf getroffen hat, ohne Vater aufgewachsen, lebt er in einem kleinen Dorf in der englischen Provinz mit seiner unkonventionellen Mutter.

Der Außenseiter freundet sich mit Mr. Peterson, einem alten Eigenbrötler an. Der Jugendliche und der Senior werden ungleiche Freunde, hören Unmengen klassischer Musik, gründen einen Kurt-Vonnegut-Leserclub und bereichern einander das Leben mit schlauen, schlagfertigen Sprüchen.
Bis bei Mr. Peterson eine unheilbare Nervenkrankheit diagnostiziert wird und es um die Frage geht, auch jetzt das Richtige zu tun.

Eine wunderschöne, leicht bizarre Geschichte, ein philosophischer Roman - eins meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre.

Rezension aus dem Team der
Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


03.12.2015 American Novel
 
Philipp Meyer
Der erste Sohn

btb Verlag

In der Tradition der Great American Novel erzählt Philipp Meyer die Geschichte einer texanischen Familiendynastie über fünf Generationen.

Gründervater Eli McCullough wird um 1850 von den Comanchen entführt und erlebt, wie diese mächtigen Herren der Prärie vom weißen Mann verdrängt werden.
Eine Generation später sind es die Mexikaner, für die kein Platz mehr ist im Texas der weißen Rinderbarone.

Und dann kommt noch Urenkelin Jeannne Anne zu Wort, eine starke und für ihre Zeit (zu?) unabhängige Frau, die den gewaltigen Grundbesitz der Familie zu einem Öl-Imperium ausbaut.
Wie viele andere in ihrer Familie, wird auch sie nicht wirklich glücklich ...

Ein großartig erzählter Roman, der mit romantischen Gründungsmythen des Go West gründlich aufräumt.

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


01.12.2015 Büchertipp
 
Urs Augstburger: Kleine Fluchten
Klett-Cotta Verlag

Ist bei Südwind wirklich alles für ein langjährig verheiratetes Ehepaar erlaubt? Nach 17 Jahren ist die Langeweile bei Rea und Peer eingekehrt und so gönnen sich beide die titelgebenden kleinen Fluchten aus dem Alltag, da auch die eheliche Erotik stark gefährdet ist.
Obwohl Rea, die als Filmprofessorin arbeitet, sehr gut aussieht, „erkennt“ Peer sie nicht mehr als Frau. Er lebt stattdessen seine erotischen Bedürfnisse im virtuellen Second Life aus, gefangen in einem unbefriedigenden Job. Doch dann ergibt sich eine neue, erfüllendere berufliche Perspektive für ihn.
Zudem scheint die neue Chefin mit ihm zu spielen; ist sie die unbekannte „Baronin D“ aus dem Second Life? Beide haben ihre intimsten Geheimnisse und Gelüste miteinander ausgelebt – virtuell. Doch diese attraktive Vorgesetzte scheint auch ein Auge auf Rea geworfen zu haben, die auf einer Firmenveranstaltung von einer unbekannten Person im Gedränge von hinten berührt wird; doch Rea dreht sich nicht um... Kurz darauf erhält sie von einem unbekannten Maler eine Email, woraus sich ein erotisch aufgeladener Emailverkehr entwickelt.
Derweil gibt es Probleme mit der 14-jährigen Tochter Stina, deren „aufbereitete“ Fotos mit krimineller Energie womöglich ins Internet gelangen könnten. Und auch der kleine Sohn hält insbesondere Rea mit einem geheimnisvollen „Bienen-Zauberer“ in Atem.

Es gibt somit die ganz alltäglichen Probleme zu bewältigen, doch wie Urs Augstburger diese am Beispiel eines normalen Schweizer Ehepaares erzählt, gelingt großartig.

Mit „Kleine Fluchten“ halten Sie einen sinnlichen und zugleich sogar spannenden Roman in den Händen, der zum ehrlichen Gespräch über Bedürfnisse und Wünsche in der Ehe verführen will; also unbedingt zugreifen.

Urs Augstburger hat zu „Kleine Fluchten“ ein Liveprogramm mit Sounds und Songs erstellt, mit dem er durch die Schweiz tourt. Der 1965 geborene Autor arbeitet beim Schweizer Fernsehen und lebt mit seiner Familie in Ennetbaden.
Im Münchner Bibliothekssystem gibt es von ihm noch den spannenden Bergroman „Wässerwasser“ zu entdecken.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


02.11.2015 Psychothriller
 
Susanne Kliem: Trügerische Nähe
carl's books Verlag

Zwei kultivierte Paare, die sich schon lange kennen, beschließen vor den Toren Berlins auf einen renovierten Bauernhof zu ziehen, der es ohne Weiteres in „Schöner Wohnen“ schaffen könnte. Jeder für sich träumt von einem ganz persönlichen Neuanfang, und zunächst scheint die Idylle auch zu funktionieren – bis für alle sehr überraschend Livia, die Tochter von Marlies auftaucht. Ab jetzt nimmt die Geschichte Fahrt auf, denn es kommen all die unausgesprochenen Ressentiments zwischen den „Freunden“ zu Tage, die sich alsbald nicht nur in verbaler Gewalt äußern werden.
Indem die so unnahbare Livia mit psychologischem Spürsinn alle Bewohner des Hofes gegeneinander ausspielt, entsteht ein dichtes Geflecht aus (Lebens-)Lügen, Eifersucht und Misstrauen unter allen, einschließlich ein paar neuen Freunden aus dem Dorf. Die beiden Männer Johannes und Alexander sowie Lukas, der Sohn von Nora und Alexander, begehren die schöne Livia, die wiederum in etwas verstrickt zu sein scheint, über das sie mir ihrer Mutter Marlies nicht sprechen kann. Nora kommt diesem Geheimnis auf die Spur, doch als sie Marlies davon erzählt, kommt es zwischen den beiden Frauen zum Eklat. Und auch der gemeinsame Ausflug der Männer zum nahegelegenen See endet fast in einer Testosteron bedingten Katastrophe...
Als nach einer total missratenen Theateraufführung mit Livia als Iphigenie eine unter Laub versteckte Leiche gefunden wird, steigert sich die Beklemmung unter den Hofbewohnern ins fast Unerträgliche.
Dadurch, dass die Handlung vorangetrieben wird, indem die Story immer wieder aus der Sicht einer anderen Person weiter erzählt wird, entsteht „suspense“ vom Feinsten . Man kann das Buch nicht zur Seite legen, ohne nicht wenigstens noch dieses und jenes Detail zu kennen, was dann wiederum zum nächsten wissenswerten Fakt führt – dieser Roman ist also ein echter Pageturner.

Ob es sich nun um einen Krimi, Thriller oder wie Elisabeth Herrmann meint, um „Ein meisterhaftes Psychodrama“ handelt, entscheiden Sie selbst. Auf jeden Fall erwartet Sie ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Susanne Kliem, 1965 geboren, schreibt seit 2009 Krimis, für die sie bereits mit dem Krefelder Kurzkrimipreis ausgezeichnet sowie für den Agatha-Christie-Preis nominiert wurde.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


10.10.2015 Banker in der City oder wohnen mit Garten
 
John Lanchester
Kapital

Klett-Cotta Verlag

Sie finden die Münchner Immobilienpreise überzogen?

Nun - alles relativ: In der Südlondoner Pepys Road, die im Mittelpunkt von John Lanchesters Roman Kapital steht, zahlt man für ein hübsch renoviertes spätviktorianisches Häuschen mit kleinem Garten die fast schon obszöne Summe von 3 Millionen Pfund. Kein allzu großes Problem, denkt der erfolgsverwöhnte Banker Roger Yount – bis der Jahresbonus von einer Million, mit dem er bereits fest gerechnet hat, ausbleibt.

Ganz andere Probleme hat die nigerianische Politesse, die die Straße überwacht und bei einer Abschiebung um ihr Leben fürchten muss.

Einfühlsam, humorvoll und mitreißend erzählt Lanchester von den Bewohnern einer Straße mit ihren ganz unterschiedlichen Schicksalen.

Rezension von Stefanie Zech
aus dem Team der Münchner Stadtbibliothek Laim
[mehr lesen][schließen]


24.09.2015 Forschung-Ethnologie
 
Lily King: Euphoria
C.H.Beck Verlag

Ein Buch, das die „New York Times“ unter die fünf besten Romane des Jahres 2014 wählt, macht neugierig.

Interesse und Neugierde für das Leben der Ethnologin Margret Mead sollte für diesen atmosphärisch dichten Titel auch vorhanden sein. Ist doch die in den 1930er Jahren u.a. auf Bali, Neuguinea und Samoa forschende Wissenschaftlerin das Vorbild für die Figur der Nell Stone, die unangepasst und unerschrocken zusammen mit ihrem Ehemann Fen Shuyler und dem befreundeten Ethnologen Andrew Bankson die Eingeborenen am Fluss Sepik erforscht.

Beide schätzen dessen Arbeit sehr, obwohl Bankson sich in einer äußerst schlechten seelischen und körperlichen Verfassung befindet, als er das Ehepaar kennenlernt. Er forscht zunächst noch einige Kilometer entfernt am Sepik – doch sehnt er sich verzweifelt nach der Gegenwart des Ehepaares. Schließlich besucht er die beiden und erkennt immer mehr, wie seine Bewunderung für Nells Arbeit, ihre Zähigkeit und nicht zuletzt ihre grazile Schönheit, ihn bezaubern.
Er gerät geradezu in den Bann dieser humorvollen und trotzdem so diszipliniert arbeitenden Frau, und so entwickelt sich in dieser Zeit zwischen den Wissenschaftlern eine von heftigen Emotionen und intensiven intellektuellen Auseinandersetzungen geprägte Dreiecksbeziehung.

Dass Nell bei dem Volk der Tam eine Umkehrung der Geschlechterrollen feststellt, wie sie in einem Matriarchat anzutreffen sind, beurteilt Fen ganz anders: auch lehnt er ihre Art zu forschen als unwissenschaftlich ab – wobei er, der sich selbst als so nüchternen Wissenschaftler sieht, mit Nells größerem Ruhm in der noch jungen Ethnologie ganz klar ein Problem hat.

In diesen Auseinandersetzungen spiegeln sich somit geschickt eingefügt die damaligen unterschiedlichen Strömungen und Denkschulen in der Ethnologie wider. Lily King war selbst nie in Neuguinea; die detailreiche und anschauliche Schilderung der Tam und anderer Stämme sowie der dortigen exotischen Natur hat sie den Büchern von Margret Mead entnommen.

Daneben überzeugt der Roman von Lily King durch gelungene Perspektivenwechsel, um insbesondere Banksons Innenleben zu veranschaulichen; „Euphoria“ ist vielschichtig und punktet zudem mit interessanten Erzählsträngen.

Lassen Sie sich von Lily King literarisch mit in den Urwald von Neuguinea nehmen. Und wenn Sie wissen wollen, was Fiktion und was biographisch ist an der Figur der Nell/Margret, lesen Sie eventuell noch eine Biographie über Margret Mead.

Lily King, geb.1962, wuchs in Massachusetts auf. Sie studierte Englische Literatur und Creative Writing. Ihre früheren Romane erhielten in den USA bereits wichtige Literaturpreise; allerdings übertrifft „Euphoria“ die beiden anderen noch nicht ins Deutsche übersetzte Titel deutlich: allein 2014 erhielt er 10 Preise bzw. Nominierungen.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


31.08.2015 Buchtipp: Großbritannien
 
Ian McEwan: Am Strand
Diogenes Verlag

Hoffentlich haben unsere Eltern nicht eine ähnlich katastrophale Hochzeitsnacht verlebt wie Florence und Edward in McEwans neuesten Roman „Am Strand“.

Es ist Juli 1962 im noch recht prüden England vor „Flower Power“ und „Make Love Not War“. Florence und Edward, beide gut gebildet, jedoch aus ganz unterschiedlichen Schichten stammend, lieben sich und beschließen, trotz sehr unterschiedlicher Interessen, zu heiraten.
In „Cecil Beach“, so auch der Originaltitel des Buches, beziehen sie in einem Hotel die Hochzeitssuite – alles scheint perfekt zu sein... Doch das „erste Mal“ wird für beide zum Fiasko. Wo sind dafür, für diesen unaussprechlichen Vorfall, die Gründe zu suchen?
Beide wollten doch alles so ganz anders machen als ihre Eltern; wollten freier von Konventionen, ehrlicher sein..., doch es fehlen ihnen letztendlich die Worte, um sich mitzuteilen, ohne den anderen bis ins Mark zu verletzen. Ihre für heutige Verhältnisse unglaubliche Prüderie, Unwissenheit gepaart mit Furcht und Schüchternheit sind nur Puzzleteile für eine Erklärung.

Meisterhaft entwirft Ian McEwan in diesem novellenartigen Roman ein Zeit- und Sittengemälde von England vor den „Swinging Sixties“, und man ist nach der Lektüre froh, nicht in dieser Zeit schon“ erwachsen“ gewesen zu sein.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


30.08.2015 Buchtipp: Großbritannien
 
Alan Bennett: Die souveräne Leserin
Wagenbach Verlag

Kann ein Roman bibliophilen Genuss bereiten und dabei noch eine Liebeserklärung an die Queen sowie an die Literatur bzw. das Lesen sein?
Yes, it can. Der Wagenbach Verlag hat mit diesem Titel sowohl vom optischen als auch vom haptischen Aspekt her, ein kleines feines Meisterstück vorgelegt.

„Die Hunde waren schuld“. So beginnt Alan Bennetts liebevoll ironische Darstellung, wie aus der englischen Queen eine begeisterte Leserin wird. Besagte Corgis laufen nämlich laut bellend in den immer mittwochs vor dem Wirtschaftstrakt des Buckingham Palace haltenden Bücherbus der Bezirksbibliothek.
Höflich wie Elisabeth nun mal ist, entschuldiget sie sich im Bus für ihre Hunde; doch damit nicht genug, sie fühlt sich auch verpflichtet, ein Buch auszuleihen. Nun beginnt eine höchst erstaunliche Veränderung mit der Queen: Durch literarische Gespräche mit dem Bibliothekar des Busses und dem lesefreudigen Küchenjungen Norman erweitert sie von nun an nicht nur ihren literarischen Horizont erheblich.

Diese und auch so manch andere Veränderung werden von ihrer Umgebung, als da wären ihr Gemahl, ihre Berater, ihre Zofen... sehr misstrauisch beobachtet. Schließlich fragt Elizabeth ihre Besucher nicht mehr nach Art und Weise der Anreise, sondern erkundigt sich stattdessen nach deren aktueller Lektüre. Selbst Staatsoberhäupter, auch der eigene Premierminister, werden dieser manchmal hochnotpeinlichen Investigation unterzogen. Ferner leidet Ihrer Majestäts’ Pünktlichkeit und es ist für sie auch nicht mehr so bedeutsam, ob sie einen Hut oder eine Brosche schon mal die letzten zwei Wochen getragen hat. Ihr Hofstaat ist also kurz gesagt „not amused“, trotz ihrer neu erworbenen Fähigkeit des gleichzeitigen Lesens und Winkens. Es kommt gar zu gewissen Maßnahmen der Hofstaats-Bürokratie, doch die Queen bleibt eben „The Queen“

Am Ende wünscht man sich:
1. Eine Queen wie im Roman beschrieben auch bei uns in Deutschland. 2. Der Roman sollte doppelt so dick sein (= gleich doppelter Lesespaß) 3. Deutsche Autoren, die mit leiser Ironie gesellschaftliche Konventionen und ihren eigenen Berufsstand so gekonnt aufs Korn nehmen.


Bleibt die Hoffnung, dass Alan Bennett das ungemütliche britische Herbst- und Winterwetter nutzt, um einen neuen Roman zu schreiben.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


28.08.2015 Buchtipp: Japan
 
Hiromi Kawakami: Bis nächstes Jahr im Frühling
DTV Verlag

Ehe- und Beziehungsromane aus Japan - eine eher seltene Spezies im deutschsprachigen Raum. Mit "Bis nächstes Jahr im Frühling" legt die in ihrer Heimat sehr populäre Autorin einen besonders lesenswerten Roman aus diesem Genre vor. Ein Jahr im Leben eines Paares aus Tokio, beide "30-somethings" und studiert. Jetzt im siebten Jahr ihrer Ehe erfährt Noyuri durch einen anonymen Anruf, dass ihr Mann Takuya eine Affäre mit einer anderen Frau hat. Bislang zeichnete sich das Eheleben durch gepflegte Langeweile und Routine aus. Leidenschaftliche Gefühle und heftiges sexuelles Verlangen schienen für beide kein Thema gewesen zu sein.

Oder hat nur keiner von den beiden die persönliche Unzufriedenheit thematisiert? Schließlich muss es einen Grund für Takuyas eheliche Untreue geben. Und wirklich begeistert ist auch Noyuri nicht, was u.a. in den offenen Gesprächen mit ihrem Onkel Makoto deutlich wird. Als Takuya ihr eine Trennung vorschlägt, ist das für Noyuri kein Thema; sie verweigert sich diesem Gedanken geradezu. Allerdings sucht sie sich eine Arbeit in einer Arztpraxis, geht gelegentlich auch mit einem Mann bzw. ihren Kolleginnen aus und reflektiert ihre Situation unter immer neuen Gesichtspunkten. Was zunächst völlig abwegig schien, nämlich eine Scheidung, stellt sich für Noyuri nach einer gemeinsamen Reise nach Fukushima, lange vor dem GAU 2011, in einem anderen Licht dar.

Dieser Roman nimmt Sie auf eine Reise in den japanischen Alltag mit: Man fährt mit dem Shinkansen (statt dem ICE), besucht ein Onsen, das ist ein Thermalbad, das es in viele Hotels/Pensionen gibt, oder bestellt Fugu (Kugelfisch). Das Glossar am Ende des Romans ist tatsächlich hilfreich, Analog zur Ehe schreibt H. Kawakami emotional zurückhaltend, geradezu lakonisch ohne ein Wort zu viel zu verwenden. Trotz dieser schnörkellosen Sprache entsteht ein sehr poetisches Sprachbild. Hier wird die Kunst des "Weglassens" zelebriert.


So übersichtlich wie ein Zen-Garten zeigt sich die Einteilung des Eheromans in 12 Kapiteln gemäß den Monaten eines Jahres, z.B. "Pandanuspalmen", "Heumond" oder "Ein Garten im Winter". Insbesondere die mit Sinn für einen gelungenen Spannungsaufbau geschriebenen letzten Kapitel fesseln " es hängt die Frage im Raum, ob Noyuri sich von ihrer Ehe abnabeln kann oder ob sie, nun auf Takuyas Drängen hin, bei ihm bleibt.

Hiromi Kawakami, 1958 in Tokio geboren, studierte zunächst Naturwissenschaften und unterrichtete Biologie. Ihre Bücher wurden mit wichtigen japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Wem schon "Am Meer ist es wärmer" (2010)oder "Herr Nakano und die Frauen" (2009) gefallen hat, wird auch Hiromi Kawakamis neuesten Roman mit Genuss lesen.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


28.08.2015 Buchtipp: Skandinavien
 
Therese Bohman: Die Ertrunkene
Rowohlt Verlag

"Therese Bohman hat das Debüt des Jahres geschrieben. Sie lässt einen mit etwas Seltenem zurück: dem Hunger nach mehr." So formuliert ein schwedischer Literaturkritiker und bringt es perfekt auf den Punkt - diese Autorin ist eine literarische Entdeckung.

Die Geschichte, scheinbar so banal wie alltäglich: Zwei Schwestern, die jüngere verliebt sich in den charismatischen Ehemann der bewunderten, attraktiven Schwester, die es doch so viel weiter gebracht zu haben scheint. Das kennt man ; doch der Aufbau dieser Dreiecksgeschichte ist bemerkenswert. Zunächst sieht alles nach einem normalen Familienbesuch aus. Es ist drückend heiß in Schweden, als die Kunststudentin Marina ihre Schwester Stella auf dem Land besucht, wo sie mit dem bekannten Schriftsteller Gabriel lebt. Doch die Stimmung ändert sich unter den dreien ganz langsam, so wie die Schwüle immer mehr zunimmt, die im Garten geradezu tropisch üppig wuchernden Pflanzen mit ihrem Geruch schon fast benebelnd wirken und das Schwimmen im nahe gelegenen See mit seinen Algen und Aalen kaum Abkühlung bringt.

Stella kommt Martina seltsam bedrückt vor; und dann bemerkt sie beim Schwimmen Brandmale am Bein der eleganten Schwester. Gabriel hingegen nähert sich Martina immer wieder, was ihrem Selbstwertgefühl zunächst einfach nur gut tut, zudem er für ihr Seminarthema, die Kunst der Präraffaeliten, ein großes Interesse zeigt.
Martina gibt seinen Verführungskünsten immer wieder nach, obwohl sie allmählich ein ambivalentes Empfinden Gabriel gegenüber entwickelt. Warum nur meinen etwa die Nachbarn, immer mal wieder nach dem Rechten bei dem frisch verheirateten Ehepaar sehen zu müssen? Gibt es ein dunkles Geheimnis zwischen Stella und Gabriel? Und warum interessiert dieser sich so sehr für das Motiv der Ertrunkenen bei den Präraffaeliten?

Dieser mit subtiler Spannung geschriebene Beziehungsroman wurde von schwedischen Bibliothekaren 2010 zum besten Roman gewählt und in bislang vier Sprachen übersetzt. Ich kann mich dem Urteil meiner skandinavischen Kollegen nur anschließen. Therese Bohman arbeitet als Kulturjournalistin für bedeutende Zeitschriften und Zeitungen.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried


[mehr lesen][schließen]


28.08.2015 Buchtipp: Skandinavien
 
Karin Alvtegen: Eine zweite Chance
btb Verlag

Wenn die Großnichte von Astrid Lindgren Romane für Erwachsene schreibt, darf man gespannt sein! Und tatsächlich, literarisches Talent hat sich hier, wenn auch nicht auf direktem Weg, vererbt.
Warum scheitert eine Ehe, die von beiden Partnern doch mit so viel Enthusiasmus und durchaus auch Selbstreflexion begonnen hat? Helena, aus einer zerbrochenen Familie stammend, will in ihrer eigenen Familie unbedingt alles anders machen als ihre unzuverlässige Mutter.

Im Norden Schwedens erfüllt sie sich einen lang gehegten Traum, indem sie dort ein kleines Hotel eröffnet. Allerdings nimmt sie dabei wenig Rücksicht auf die Wünsche und Bedürfnisse ihres Mannes und ihrer 13-jährigen Tochter Emelie. Die Ehe scheitert, und das Verhältnis zur pubertierenden Tochter gerät zu einem Fiasko. In dieser für die 45.jährige Helena so deprimierenden Situation begegnet sie in ihrem Hotel Anders, einem vermögenden Geschäftsmann, der sich jedoch nicht als Tycoon zu erkennen gibt. Auch er ist in seinem Leben an einem Punkt angelangt, wo er sich ausgebrannt und orientierungslos fühlt. Helena und Anders empfinden Sympathie füreinander, doch bis zu einem gemeinsamen Neuanfang ist es ein langer Weg. Zu viele ganz unterschiedliche Erfahrungen haben die beiden vom Leben enttäuschten Menschen geprägt; die Narben ihrer seelischen Verletzungen sind noch nicht verheilt. Wie kann bei dieser Ausgangslage, die geprägt ist durch eine so differierende Weltsicht, eine Beziehung gelingen?

Entscheidend für beide sind die Gespräche mit dem eigenbrötlerischen Verner, der ihnen eine neue, vollkommen nicht materielle Sicht auf das Leben vermittelt. Natürlich erinnert Verner an die Figur des "weisen Eremiten", doch er passt in diesen Handlungsrahmen, nicht zuletzt auch vom Ort des Geschehens her. Alle Charaktere besitzen ihre Ecken und Kanten, sind ausgeprägte Individualisten.
Die Entwicklung der Beziehung zwischen Helena und Anders wird, ohne jemals auch nur an den Rand des Kitsches zu geraten, überzeugend dargestellt. Und es gibt auch genügend Raum bei dieser Lektüre, über die eigene Lebenserwartungen und Lebenskonzepte nachzudenken. In "Eine zweite Chance" treffen gute Unterhaltung und intelligente Gedanken auf die Frage, was für unser Leben und unser Sein letztendlich von Bedeutung ist.

Karin Alvtegen wurde 1965 in Stockholm geboren und lebt dort mit ihrer Familie. In ihrer Heimat zählt sie bereits zur Spitzenriege der schwedischen Krimiautoren. Mit "Eine zweite Chance" hat sich die Autorin nun einem neuen Genre zugewandt.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


28.08.2015 Buchtipp: Skandinavien
 
Kajsa Ingemarsson: Eins, zwei, drei - beim vierten bist du frei. Oder was ist eigentlich "ChickLit"
DTV Verlag

Warum wollen alle, dass ich mit 31 Jahren "erwachsen" werde und nicht mehr das chaotische Girlie sein kann? Diese Frage stellt sich für Paula, die von einem ihrer zahlreichen Auslands-Jobs nach Stockholm zurückkehrt und feststellt, dass sich in ihrem Freundeskreis einiges verändert hat.

Da ist z.B. die bislang so flippige Anna, die ein Baby erwartet und heiraten will oder auch Rakel, welche nun vorhat, in ihrem Beruf Karriere zu machen. Auch ihr bislang so geduldiger Freund Johan ist nicht mehr bereit, Paulas immer sehr spontane und bloß nicht auf längerfristig angelegen Pläne im Privaten oder im Job weiter mitzumachen. Was will Paula mit ihrem Leben also anfangen? Plötzlich sieht sie sich nämlich von allen Seiten in Frage gestellt und muss sich endlich entscheiden zwischen Aushilfsjobs, unverbindlichen Affären und Trips in die weite Welt einerseits und Johans Erwartungen, die in Richtung Heirat und Familiengründung laufen, andererseits...

Diese Entscheidungsfindung beschreibt K. Ingemarsson, Schwedens "Instanz für Frauenliteratur mit Witz und Verstand" so überzeugend, dass man unwillkürlich zum Nachdenken über die eigene Situation während der Zeitspanne zwischen 30 und 40 Jahren angeregt wird.
Die Frage, wann man im Leben eben nicht mehr alle Optionen offen hat, wurde bislang selten in einem Frauenroman so amüsant und zugleich nachvollziehbar beschrieben, wie in diesem Top-Bestseller aus Schweden.

Kajsa Ingemarsson ist für mich eine besonders positive Vertreterin der Gattung "ChickLit"


Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


27.08.2015 Buchtipp: Italien
 
Paul Theroux: Der Fremde im Palazzo d'Oro
Hoffmann & Campe Verlag

"Bewegend. Meisterlich beschwört Paul Theroux Sinnlichkeit herauf." So urteilt die "New York Times" über diesen Roman. Dabei handelt es sich von der Komposition her eher um eine Novelle, die mit Erotik nicht geizt und sich als kurzweilige Urlaubslektüre perfekt eignet.

Sizilien, die pittoreske Stadt Taormina, ein heißer Sommer im Jahr 1962, das ist der Hintergrund für die folgende Amour fou, die Theroux' Alter Ego, ein mittelloser angehender Maler, erlebt. Eigentlich auf den Spuren von D.H. Lawrence wandelnd, entdeckt er auf der Terrasse des eleganten, für ihn unerschwinglichen titelführenden Hotels ein faszinierendes Paar: eine ganz in weiß gekleidete, schöne blonde Frau mit ihrem dunkelhaarigen Begleiter. Sie werden auf ihn aufmerksam, und der Mann lädt den 21-jährigen Gil ein, an ihren Tisch zu kommen...
Was sich nun zwischen ihm und der unnahbar anmutenden, so arroganten deutschen Gräfin entwickelt, wird mit wenigen Worten meisterhaft beschrieben. Welche Abgründe lauern in ihm und ihr; es geht um Unterwerfungsfantasien und die reine sexuelle Freude am Anderen, doch nie wird die Grenze zum Obszönen, zur Geschmacklosigkeit überschritten.

Wann kippt das Gefühl der Abhängigkeit in Widerwillen um, wie den Absprung finden aus einem Leben, das zunächst so verlockend erschien? Öffnet das Zusammentreffen mit einer ebenfalls einfach reisenden jungen Amerikanerin Gil die Augen für seine eigenen Wünsche? Immer deutlicher treten die Interessen des männlichen Begleiters der Gräfin, eines homosexuellen arabischen Arztes, der seiner Patientin devot ergeben zu sein scheint, hervor.

Die Frage: "Was ist Schönheit"
beherrscht dieses immer wieder überraschende Buch ; und das Ende, wo wir den Autor bzw. Gil als älteren Mann wieder in Taormina, an einem Hotelpool sitzend, antreffen, im Gespräch mit einer barbusigen Bikini-Schönheit aus dem ehemaligen Jugoslawien zeigt, dass es sich bei "Der Fremde im Palazzo d'Oro" eben doch um eine feine "Erotik"-Novelle handelt.


Paul Theroux, 1941 in Massachusetts geboren, ist auch als Reiseschriftsteller bekannt geworden und gehört zu den weltweit populärsten Gegenwartsautoren. Theroux ist Mitglied der American Academy of Science and Arts. Mit seiner Familie lebt er in London und auf Cape Cod.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


27.08.2015 Buchtipp: Italien
 
Fabio Volo: Lust auf dich
Diogenes Verlag

Ein Mann schreibt einen vordergründig erotischen Roman aus der Sicht einer Frau. Das ist schon eher ungewöhnlich - doch dieser Roman ist gelungen und landete nicht zu Unrecht in Italien auf Platz 1 der Jahresbestsellerliste.

Elena hat sich ein scheinbar perfektes Leben kreiert: Uni-Abschluss, ein interessanter Beruf und eine Heirat mit einem grundsoliden Mann, der sich allerdings bald als Langweiler entpuppt. Sie fühlt sich als Frau "nicht mehr gesehen"; gemeinsame Interessen und Unternehmungen, außer die für Elena so frustrierenden Besuche zum Mittagessen bei seiner "Mama", bleiben auf der Strecke. In dieser Situation lernt sie, zunächst nur beruflich, einen faszinierenden Fremden kennen, der ihre Lust und Leidenschaft wieder neu entfacht: "Beim Sex erkenne ich mich nicht wieder. Ich bin eine andere Frau, und diese Frau gefällt mir."

Überzeugend beschreibt Fabbio Volo Elenas Metamorphose hin zu einer lustvolleren, weniger an gesellschaftlichen Konventionen klebenden jungen Frau. Wie vom Cover und Titel nicht anders zu erwarten, gibt es allerdings Sexszenen, die aber nie zu sehr ins Detail gehen. Immer steht das Empfinden, die Gefühlswelt Elenas im Vordergrund; alles in allem ein sehr poetischer, ehrlicher Eheroman, der auch in seinem überraschenden Ende nachvollziehbar erscheint. In recht kurzen Kapiteln, z.T.nur zwei bis drei Seiten lang, sowie zahlreichenTagebucheinträgen, wird die Handlung und Elenas Entwicklung vorangetrieben, wobei beim Lesen wahrhaft nie Langeweile aufkommt.

Fabio Volo schreib seine bisherigen Romane "Einfach losfahren" sowie "Noch ein Tag und eine Nacht" (beide in der Stadtbibliothek Fürstenried vorhanden) aus der Sicht seiner männlichen Protagonisten. Mit "Lust auf dich" beweist er ebenfalls großes Einfühlungsvermögen in die weibliche Psyche. Der Autor, 1972 bei Brescia geboren, arbeitet u.a. als Schauspieler und hat eigene Sendungen im Radio und Fernsehen.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


27.08.2015 Buchtipp: Italien
 
Michael Weirether / Adriana Falcieri: Pizza alla famiglia
Piper Verlag

"Noch sechs Monate, dann seid ihr zu dritt..." Dies konstatiert Michaels Mutter und hofft damit zugleich, seine Frau Adriana würde nun ihre Arbeit in Italien aufgeben und die junge Familie zöge nach München. Denn, so die Logik der alten Dame: "Mit Kind müsst ihr Euch für einen Wohnort entscheiden."

Das jedoch wollen Adriana und Michael keineswegs. Beide arbeiten in anspruchsvollen und erfüllenden Berufen; er als leitender Ingenieur eines alternativen Energieunternehmens, sie als Philosophieprofessorin. Bislang pendelte man zwischen München,Triest, gelegentlich auch dem Trentino, und genoss die Vorzüge der deutschen als auch der italienischen Lebensweise. Doch mit der Geburt Tobias muss eine Lösung gefunden werden: ein Au-pair scheint das Passende zu sein. Und nun wird der Leser regelrecht mit ins binationale Familienleben hineingenommen., da sehr realitätsnah und meist auch amüsant erzählt wird, wie das mit neun höchst unterschiedlichen Au-pairs in einem Zeitrahmen von zwölf Jahren funktioniert. Als auch noch Eva zur Welt kommt, Michael zudem beruflich öfters in Cuxhaven sein muss und Adriana in Triest immer mehr gefordert wird, scheinen sich die Befürchtungen der deutschen Oma zu bewahrheiten, dass dieses "Nomadentum" zwischen den beiden Wohnorten München und Triest eben doch nicht möglich ist.

Doch wo ein Wille, da auch ein Weg: Mit kreativen Lösungen, einer guten Portion Organisationstalent und viel Gelassenheit bei den überraschenden Zwischenfällen, die ein Leben mit den Au-pairs und dem ständigen Pendeln auch tatsächlich erfordern, schaffen es Michael und Adriana letztendlich doch. Dabei profitieren gerade auch die Kinder von dem Aufwachsen in der Zweisprachigkeit, den Erfahrungen mit beiden Kulturen sowie der immer erforderlichen Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Lebensumstände. "Pizza alla famiglia" erzählt mit Humor aber ohne Slapstick-Attitüde abwechselnd aus der Perspektive beider Eltern, was eine besondere Unmittelbarkeit herstellt. Michael Weirether und Adriana Falcieri leben tatsächlich dieses Familienkonzept und beweisen somit, was bei guter Betreuung, Toleranz und gegenseitigem Respekt an intensiv gelebtem Familienleben möglich ist.

Auch wenn sich Realität und Fiktion mischen, ist dieser Titel lesenswert für Frauen und Männer, die sich Gedanken über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen. Ganz besonders ist er aber allen verantwortlichen Familienpolitikern zu empfehlen. Angemerkt sei noch, dass es den Begriff "Rabenmutter" nur in der deutschen Sprache gibt.

Michel Weirether, 1955 geboren, arbeitet als Physiker bei verschiedenen Forschungsorganisationen im Großraum München und ist nebenher als Schriftsteller tätig. Seine Frau Adriana Falcieri lehrte zunächst Philosophie an der Universität Triest und folgt 2010 einem Ruf an die Universität Mailand. Wie in ihrem gemeinsamen Buch hat das Paar zwei Kinder.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


26.08.2015 Buchtipp: Roman aus Großbritannien
 
Francesca Segal: Die Arglosen
Kein & Aber Verlag

Der Mikrokosmos einer gut situierten jüdischen Gemeinde im Nordwesten Londons, wo es sich gut wohnen und leben lässt, bildet den Hintergrund für Francesca Segals Roman "Die Arglosen". Parallelen zu Edith Whartons berühmten Roman "Zeit der Unschuld" (The Age of Innocence) von 1921 drängen sich auf, und doch weist Segals Story eine ganz eigene Handschrift auf. In beiden Büchern steht eine unmögliche Liebesgeschichte im Mittelpunkt und bildet die Plattform für eine anschauliche Gesellschaftsskizze modernen jüdischen Lebens in London.

Seit 12 Jahren sind Adam und Rachel bereits ein für die jüdische Community "typisches" Paar: Beide mit guten Berufen, sie Lehrerin, er aufstrebender Rechtsanwalt in der Kanzlei seines zukünftigen Schwiegervaters. Alles scheint perfekt auf die geplante Hochzeit hin zu laufen. Doch dann taucht Rachels Cousine Ellie aus New York auf, schillernd, skandalumwittert und vor allem sehr attraktiv...
Und Adam verliebt sich in das verletzliche junge Model; sein bisheriger Lebensentwurf: Heirat, Familie, ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde zu sein, steht plötzlich zur Disposition. Soll er seinen Emotionen folgen oder den von ihm bislang nie in Frage gestellten Konventionen folgen? Bei der Entscheidungsfindung nimmt die Familie aber auch der weitläufige Freundeskreis nicht unerheblich Einfluss auf das weitere Geschehen; schließlich herrscht eine unbedingte Solidarität in dieser liberalen jüdischen Gemeinde. Adam spürt natürlich diesen z.T. eher subtilen Druck, das "Richtige" zu tun und ist hin und her gerissen.Zudem kommt es noch zu einem Finanzcrash in der Kanzlei seines Schwiegervaters, bei dem wiederum der Zusammenhalt aller gefordert wird. Dieses Spannungsmoment tut dem Roman gut und wirkt keinesfalls "aufgepfropft".

Mit "Die Arglosen" halten Sie einen gut geschriebenen Gesellschaftsroman in Händen, der vor allem durch seine Zeichnung der einzelnen Charaktere überzeugt. Gerade die Schilderung der prallen, der liebenswerten Mütter und Großmütter lassen beim Lesen immer wieder ein Schmunzeln zu.
Man wünscht sich regelrecht, für eine gewisse Zeit in diesen Kosmos jüdischer Tradition einzutauchen.


Francesca Segal 1980 in London geboren, ist die Tochter des Literaturprofessors Erich Segal, dem Autor von .Love Story.. Sie studierte in Oxford und Harvard; heute arbeitet sie als Journalistin und Kritikerin. Ihr Debüt "Die Arglosen" wurde bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und erscheint in bisher elf Ländern.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


26.08.2015 Buchtipp: Roman aus Großbritannien
 
Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes
Diana Verlag

Eine homosexuelle Liebe Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in England - damals ein Fall für die Justiz! Was fällt einem Mann in dieser Zeit in Brighton ein, um seine Liebe trotzdem leben zu können?

Das beschreibt Bethan Roberts eindringlich und mit Einfühlungsvermögen in ihre weiblichen als auch männlichen Protagonisten. Marion verliebt sich als Teenager in den gut aussehenden Bruder ihrer Freundin, ohne dabei wahrnehmen zu wollen, dass Tom sich nicht für sie als Frau interessiert. Als er ihr einen Heiratsantrag macht, scheint für die inzwischen junge Lehrerin ein Traumleben in Erfüllung zu gehen, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits spürt, dass ihr zukünftiger Ehemann "anders" ist, und ihre Liebe auch für sie beide wird reichen müssen.

Tom, der jetzt eine Stelle als Polizist in Brighton gefunden hat, verliebt sich in Patrick, den Kurator des örtlichen Museums; angezogen von dessen Kultiviertheit und Bildung. Als dieser Tom für ein paar Tage nach Venedig einlädt, meldet Marion den Liebhaber ihres Mannes bei der Polizei, übermannt von Gefühlen der Eifersucht und Enttäuschung. Dachte Marion doch, ihre Liebe könnte Tom "ändern". Patrick kommt also ins Gefängnis, und erst 40 Jahre später versucht Marion auf äußerst aufopfernde Weise, ihren Verrat an Patrick wieder gut zu machen.

Diese fesselnde Dreiecksgeschichte wird abwechselnd aus der Sicht Marions im Jahr 1999 am Sterbebett Patricks und Patricks Tagebucheinträgen erzählt. Die perfekt aufgebaute Spannung hält bis zum Schluss an. In einem geschickten Bogen wird die Geschichte am Ende wieder ganz an ihren Anfang zurückgeführt. Dieser wahrhaft runde, gelungene Roman, der nuanciert die Untiefen der Eifersucht auslotet und ein aufschlussreiches Zeitkolorit bietet, inspiriert dazu,auch die älteren Romane der Autorin zu lesen.

Bethan Roberts, in Oxford geboren, unterrichtet Creative Writing an der Chichester University und dem Goldsmith College in London. Sie lebt mit ihrer Familie in Brighton.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


26.08.2015 Buchtipp: Italien
 
Natasa Dragnic: Immer wieder das Meer
btb Verlag

Drei Schwestern verlieben sich nacheinander in den selben Mann. Was hat das für
Auswirkungen auf die schwesterlichen Beziehungen und das Familienleben zusammen mit den Eltern?
Das beschreibt Natasa Dragic in ihrem gekonnt aufgebauten Familienroman "Immer wieder das Meer" - wohin es die Schwestern immer wieder in den verschiedensten Lebenslagen zieht. Ein wahrhaft stimmiger Titel! Doch welche der drei Schwestern führt der gut situierte Dichter Alessandro Lang schließlich zum Altar? Roberta, die Älteste, als Ärztin arbeitend, Lucia, die erfolgreiche Bankerin, oder Nannina, das Nesthäkchen, welches es über die Arbeit als Übersetzerin selbst zur Autorin schafft?

Dieses Geheimnis lüftet N. Dragnic erst gegen Ende des Romans, obwohl das Buch mit I. "Heute heirate ich Alessandro Lang, den berühmten italienischen Dichter." beginnt und 2010 mit der Hochzeit von ??? endet. Es soll nur so viel verraten werden: Die drei Schwestern versöhnen sich am Hochzeitstag " nachdem es über die Jahre immer wieder zu heftiger Eifersucht zwischen ihnen gekommen ist. Allerdings fragt man sich, warum Alessandro so eine magische Anziehungskraft zuerst auf Roberta, dann auf Luca uns schließlich auf Nannina ausübt" schließlich gibt es im Leben von allen dreien auch noch andere Männer. Doch davon abgesehen, hält man mit "Immer wieder das Meer" einen gut geschriebenen Unterhaltungsroman in Händen, der es schafft, den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht zu halten und den Leser regelrecht mit in die Familie hinein zu nehmen.

Natasa Dragnic, 1965 in Split, Kroatien, geboren, lebt seit 1994 in Erlangen. Sie studierte Germanistik und Romanistik in Zagreb. Anschließend arbeitete sie u.a. als Literaturdozentin. Ihr Debütroman "Jede Stunde, jeder Tag" wurde mit dem IHK-Kulturpreis der Stadt Nürnberg ausgezeichnet undzugleich national wie international ein Bestseller, übersetzt in 30 Sprachen.


Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Spanien
 

Thomas Vogel: Die goldenen Äpfel der Hesperiden

Klöpfer & Meyer Verlag

Ein wunderbar literarischer Roman, der so schnell zu lesen ist, dass es fast schon schade ist, lassen Sie sich von Thomas Vogels ganz speziellen Sog fesseln und auf die Insel Teneriffa entführen.
Zwei Schulfreunde haben noch eine Strafarbeit für ihre verehrte ehemalige Deutschlehrerin anzufertigen, allerdings liegt das bereits Jahrzehnte zurück. Doch das Versprechen, diese sehr besondere Arbeit zu schreiben, nämlich einen ganzen Roman, gilt. Da passt es, dass sich Charlie nach über 25 Jahren im Schuldienst reif für eine Auszeit sieht. Zudem fühlt er sich seinem bereits verstorbenen Freund Simon verpflichtet, diese letzte "Herkulesaufgabe" zu vollbringen; hatten sie doch in ihren gemeinsamen Jahren vorher bereits schier nicht zu bewältigende "Heldentaten" gemeinsam gemeistert, wie z.B. mit 10 Mark 1000 km weit zu trampen.

So entsteht ein niveauvoller Roman mit Exkursen in die Philosophie sowie in die Welt der griechischen Mythologie; auch die Liebe lässt Charlie auf Teneriffa nicht unberührt. Ausgerechnet auf dem Archipel der Glückseligen trifft er wieder auf die Schwester seines verstorbenen Freundes. Es überzeugen die lebendigen Dialoge, und auch das Lokalkolorit der abwechslungsreichsten Kanareninsel kommt nicht zu kurz.

Greifen Sie zu dieser kurzweiligen Lektüre, wenn Sie für die Ferien noch einen geistreichen und zugleich anregenden Roman suchen.

Thomas Vogel, 1947, studierte Romanistik, Kunstgeschichte und Theologie. Er arbeitet als Journalist und Redakteur, zuletzt als Leiter der Redaktion Kultur bem SW-Rundfunkstudio Tübingen. Zudem unterrichtet Thomas Vogel Rhetorik an der Universität Tübingen

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Spanien
 
Juli Zeh: Nullzeit
btb Verlag

Un ménage à trois oder Spiele der Erwachsenen auf eine besondere Art: So könnte der Untertitel zu Julis Zehs neuestem Roman lauten.

Auf Lanzarote wird in dem nicht gerade umfangreichen Roman Lebenslügen und anderen Untiefen des Lebens aller Protagonisten nachgegangen. Dass das vorherrschende Milieu nicht nur das Land, sondern auch das Wasser ist - daher auch der Titel "Nullzeit" ein Terminus aus der Tauchersprache - schafft zusätzlich Spannung. Und um ein Eintauchen ins Dunkle und Ungewisse der Seele (und des Meeres) geht es in Juli Zehs intelligent konstruiertem Psychothriller. Die Schauspielerin Jola und ihr deutlich älterer Lebensgefährte Theo, ein mäßig erfolgreicher Schriftsteller, nehmen bei Sven auf der Insel Tauchunterricht; Jola, um sich auf eine von ihr erwartete Rolle vorzubereiten. Svens Motto "Keine Einmischung in fremde Probleme" wird schon bald hinfällig; seine Beziehung zu Antje, die mit ihm die Tauchschule führt, ist für Sven bequem aber ohne größere Leidenschaft. Zu sehr fühlt er sich von der attraktiven Jola angezogen und bemerkt dabei nicht, dass er zum Spielball in einem mörderischen Spiel zwischen Jola und Theo wird.

Das wird brillant beschrieben, und die Einfügung von Jolas Tagebucheinträgen, welche die Realität völlig anders wiedergeben als Sven, der Ich-Erzähler sie schildert, schaffen zusätzlich Suspense à là Patricia Highsmith. Wer sieht nun die Realität richtig - wer verdreht sie und mit welchen Hintergedanken? Eine fatale Dreiecksbeziehung, in der sich allgemeingültige Lebensmaximen auflösen und eine Unterscheidung zwischen Opfer und Täter unmöglich wird, und wohin sie führt; diese literarisch geglückte Schilderung habe ich in einem Zug gelesen und nur für wirklich notwendige Unterbrechungen beiseite gelegt.

Juli Zeh, promovierte Juristin, wurde 1974 in Bonn geboren.
Ihre inzwischen in 35 Sprachen übersetzten Bücher wurden mit zahlreichen bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet. Von einigen ihrer Romane gibt es auch Bühnenfassungen, so Z.B. von "Spieltrieb" (2006) und "Schilf" (2008).

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Roman zu Spanien
 

Elia Barceló: Töchter des Schweigens

Piper Verlag

Erinnern Sie sich an Ihr letztes Klassentreffen oder ein Treffen mit engen SchulfreundInnen? Man hat sich lange nicht gesehen und ist einigermaßen gespannt...
In Elia Barcelós "Töchter des Schweigens" treffen sich sieben Freundinnen in der Kleinstadt ihrer Kindheit an der spanischen Mittelmeerküste nahe der Stadt Alicante. Diese nun um die 50 Jahre alten Frauen teilen ein Geheimnis:
Während der Abi-Klassenfahrt nach Mallorca im Jahr 1974 muss etwas passiert sein, das alle Freundinnen schuldig werden ließ und deren Leben nachhaltig beeinflusst hat - jede einzelne auf ganz individuelle Weise. Und dann stirbt ausgerechnet die sanfte Lena aus der heutigen Frauen-Clique auf sehr mysteriöse Art - war es Selbstmord oder Mord? Was haben die Freundinnen mit diesem Tod zu tun? Geschickt streut die Autorin, zunächst eher subtil, Andeutungen auf das tragische Unglück - oder das Verbrechen - während der Überfahrt nach Mallorca kurz nach dem Abitur ein. Die Andeutungen vermischen sich nun mit den persönlichen Geheimnissen jeder einzelnen der Freundinnen, die damals unter gar keinen Umständen ans Licht hätten treten dürfen.

Dieses Geflecht übt einen unwiderstehlichen Sog beim Lesen aus; man/frau muss wissen, wie es weiter geht! Der meisterhaft konstruierte Spannungsbogen führt, zunehmend steiler ansteigend, zu dem überraschenden und trotzdem überzeugenden, in sich stimmigen Finale. Auch die gelungene Komposition trägt zur "suspense" bei: Ständig pendelt die Story zwischen Mai/Juni 1974 (2 Jahre vor Francos Tod) bzw. dem letzten Schuljahr 1973 und dem Treffen der Frauen im Mai/Juni 2007. Überzeugen konnten insbesondere die psychologisch gut ausgeleuchteten Frauencharaktere in ihrer ganzen Individualität, die sich aufgrund ganz unterschiedlicher Familienhintergründe genauso ergeben mussten. Eventuell kommen dabei die Männer etwas zu kurz...

Bilden Sie sich selbst eine Meinung über "Töchter des Schweigens".
Der Roman zeigt deutlich die Prägung Spaniens durch den rigiden Katholizismus und Francos Diktatur (1936-1976) sowie durch die "movida", also der Aufbruchsstimmung gerade der jungen Frauen Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre. Ein Roman über das Gelingen und Scheitern von Lebensentwürfen, der LeserInnen, die ein wenig Rückschau auf ihr Lebenhalten wollen, fesseln dürfte.


Elia Barceló ist mit einem Österreicher verheiratet und lehrt seit vielen Jahren an der Universität Innsbruck Spanische Literatur. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bescheinigte schon ihrem ersten auf Deutsch erschienene Roman "Das Geheimnis des Goldschmieds" einen "unwiderstehlichen Sog".

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Roman aus USA
 

Elizabeth Strout: Das Leben natürlich

btb Verlag

Das Schlechteste an Elizabeth Strouts neuem Roman ist sein deutscher Titel!
Leider ist er so banal und nichtssagend, dass man davon leicht auf das Buch schließen könnte; doch das wäre ein Fehler. Im Original lautet der Buchtitel "The Burgess Boys". Und genau um diese zwei Brüder und deren sehr unterschiedliche Leben geht es in E. Strouts hervorragenden Roman.

Jim und Bob entflohen beide der Enge des kleinen Ortes Shirley Falls, Maine. Und beide wurden Anwälte in New York - Jim ein erfolgreicher Staranwalt, Bob hingegen ein mäßig engagierter im Öffentlichen Dienst angestellter Anwalt. Folglich leben beide in sehr unterschiedlichen Milieus: Jim hat eine reiche, attraktive Frau geheiratet und ist zudem mit wohlerzogenen Kindern und einem luxuriösem Heim "gesegnet". Er hat es also geschafft, auf der gesellschaftlichen Leiter weit oben anzukommen. Bob wiederum ist geschieden, seine beste Freundin ist seine Ex-Frau, und er lässt sich eher durch sein Leben und die Straßen von New York treiben. Zudem wohnt er in einem Block, den Jim als Studentenwohnheim bezeichnet.
Doch dann werden beide von ihrer alleinerziehenden Schwester Susan um Hilfe gebeten. Ihr immer noch sehr linkischer Sohn Zach hat während des Ramadans einen tiefgefrorenen Schweinekopf in die Moschee der somalischen Flüchtlinge geworfen.

Wie Elisabeth Strout nun Fragen aufwirft nach der Gültigkeit von Lebenskonzepten, nach der Beurteilung, wann etwas als rassistischer Akt zu bewerten ist und insbesondere ihre Frage, wie sich das Verhältnis der Brüder zueinander entwickelt hätte, wenn Jim seine Lebenslüge früher aufgedeckt hätte, ist großartige Literatur.
Der Roman überrascht durch unerwartete Wendungen im Leben der Brüder Burgess; am Ende steht der Siegertyp Jim nämlich gesellschaftlich im Abseits und Bobs Weg scheint nach oben zu gehen.
Wie es dazu kommt, wird nachvollziehbar und mit einer guten Portion Ironie geschildert.


Elizabeth Strout erhielt für das Buch "Blick aufs Meer" vor fünf Jahren den Pulitzerpreis und gehört zu den erfolgreichsten US-amerikanischen Autorinnen. Sie stammt aus Maine und lebt heute in New York.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Roman aus USA
 
Stewart O'Nan: Die Chance
Rowohlt Verlag

"Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen dieser Roman gefällt: 100%". So vermutet die "Washington Post" - und sie dürfte damit richtig liegen. Schließlich geht es in Stewart O'Nans Roman tatsächlich um eine allerletzte Chance: ein langjährig verheiratetes Ehepaar versucht dem Familienbankrott zu entkommen, indem es die Hochzeitsreise ins kanadische Niagara Falls wiederholt und im Casino um "alles oder nichts" spielt und eventuell zugleich auch noch die angeschlagene Ehe
zu retten. Doch wie kommt es zu so einer Entscheidung?

Die Wirtschaftskrise - Stichwort Immobilienblase 2008 - reißt das sehr typische Mittelstandsehepaar Marion und Art Fowler in den finanziellen Ruin, als er seinen Job als Versicherungsfachmann verliert und die Kredite fürs viel zu große Haus nicht mehr bedient werden können. Dazu kommen noch die besonderen Affären der Eheleute.
Doch Art, ein schlauer Statistiker, meint eine Spielweise beim Roulette entdeckt zu haben, die zum großen Gewinn führen muss. Also schmuggelt das Paar alles noch verfügbare Geld im Reisebus über die kanadische Grenze, mietet sich eine Suite im Casino-Hotel mit spektakulärem Blick auf die Niagara Fälle, schwelgt im Champagner. Und das alles auf Kreditkarte; schließlich geht es ja um alles oder
nichts...

In diesem schmalen Roman verdichtet Stewart O'Nan die Probleme der amerikanischen Mittelschicht während der Zeit der Lehman-Pleite mit einer typischen Ehekrise, bei welcher ein über 30 Jahre miteinander verheiratetes Paar trotz allem noch eine gewisse Nähe zueinander verspürt. Die Dialoge sind absolut glaubwürdig, der Spannungsbogen perfekt aufgebaut, und die eher kurzen Kapitel mit passenden Überschriften aus der Statistik treiben die Handlung rasant voran.
Stewart O'Nan braucht keinen Vergleich mit John Irving oder John Updike zu scheuen; das beweist nicht zuletzt dieser neue Roman von ihm. Er wurde 1962 in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf.

Nachdem Stewart O'Nan zeitweise als Flugzeugingenieur arbeitete, studierte er Literaturwissenschaft an der Cornell University. Für seinen Erstling "Engel im Schnee" erhielt er den William-Faulkner-Preis. Und zu guter Letzt: Die Übersetzung von Thomas Gunkel bereitet wiederum ein ganz besonderes Lesevergnügen.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Roman aus USA
 
Sally Koslow: Freundinnen wie diese
DTV Verlag

Schon das Cover dieses bei dtv premium erschienenen Paperbacks ist verheißungsvoll: zeigt es doch die Skyline von Manhatten mit den Baumwipfeln des Central Parks und einem roten Seidentuch im Wind, Magnolienblüten,"- eben Frühling in New York. Und dieser New York-Roman ist ein echter Knüller, "Witzig, intensiv und schmerzhaft real", wie es Publishers Weekly so treffend ausdrückt.

Chloe, Talia, Quincy und Jules sind also die "Freundinnen wie diese", die sich zu Beginn eine Wohnung in einer weniger privilegierten Gegend New Yorks teilen. Nach einigen Jahren und aufgerieben vom hektischen Leben im Big Apple - jede hat
inzwischen sehr unterschiedlich mehr oder weniger "Karriere" gemacht im Berufs- bzw. Familienleben - treffen sie sich nur noch gelegentlich. Zu verschieden sind die Wege, die jede Frau eingeschlagen hat, sei es nun Jules, die Single - Frau auf Karriere-Trip, die mit einem Hedgefond-Manager und Kind halbtags arbeitende Chloe oder Talia und Quincy, deren als Lehrer und Rechtsanwalt arbeitende Männer durchaus auf das zusätzliche Salär ihrer Frauen angewiesen sind, um ein halbwegs "decent life" mit ihren Familien führen zu können.
Deutlich wird, wie stark das Leben in dieser "Traumstadt"(?) von einem regen Konkurrenzkampf geprägt ist; sei es um den Platz in einer guten Vorschule, um eine Wohnung oder um den Job. Jede der vier Freundinnen versucht, das Beste für sich und/oder ihre Familie herauszuholen, und so werden die Frauen in unterschiedlichen Konstellationen zu erbitterten Kontrahentinnen...

So hatten sie sich ihre Zukunft mit Anfang zwanzig wohl nicht vorgestellt! Dieser Großstadt-Roman wirft somit die Frage auf, wie belastbar Freundschaft sein darf oder sein muss. Interessant bei der Lektüre ist, dass die Handlung durch die Erzählperspektive der einzelnen Protagonistinnen vorangetrieben wird, wodurch man immer ein wenig mehr an Hintergrundinformation hat als die anderen Frauen und sich fragt, was wohl passiert, wenn dies oder jenes "rauskommt".

Sally Koslow versteht es auf jeden Fall, ihre LeserInnen amüsant und spannend zu unterhalten, was sie schon in ihrem Spiegel-Bestseller "Ich, Molly Marx, kürzlich verstorben" gezeigt hat.
Die Autorin studierte Englisch an der University of Wisconsin und hat für verschiedene Zeitschriften und Magazine gearbeitet. Mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt sie in Manhatten.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Roman aus USA
 

Maggie Shipstead: Leichte Turbulenzen - Bei erhöhter
Strömungsgeschwindigkeit

DTV Verlag

Ein etwas sperriger Titel, der aber nicht vom Lesen abhalten sollte. Der amerikanische Originaltitel lautet schlicht: "Seating Arrangements". Das ist wesentlich treffender, da im Vordergrund und als Handlungsrahmen drei Tage rund um eine Hochzeit auf einer der typischen Ostküsten-Inseln stehen. Und da es sich um die reiche aber nicht protzige Familie van Meter handelt, in der alle relevanten WASP-Traditionen hoch im Kurs stehen, darf man gespannt sein.

M. Shipstead blickt genau hinter die Fassade aus dem vermeintlich korrekten American Way of Life der Ostküsten-Elite. Winn van Meter hat sich jedenfalls sein ganzes bald 60-jähriges Leben daran gehalten. M. Shipstead hat einen Harvard Abschluss, war in den richtigen Clubs und Studentenverbindungen, er heiratete eine Frau mit "Herkunftsnachweis" und besitzt ein angemessenes Ferienhaus auf Waskeke. Doch die Familie spielt nicht so recht mit. Daphne plant hochschwanger zusammen mit ihrer Mutter die Hochzeit wie eine Mischung aus Staatsbankett und Feldzug, die jüngere Livia leidet noch unter dem Schwangerschaftsabbruch sowie der unfreiwilligen Trennung vom Verursacher dieser für die Familie so peinlichen Situation. Ganz nebenbei, stammt auch dieser aus einer Elite Familie. Zudem studiert Livia das falsche Fach, nämlich Meeresbiologie anstatt Jura!

Am schlimmsten trifft Winn van Meter jedoch die Erkenntnis, dass er es letztendlich doch nicht in den "inner circle" der besseren Oststaaten- Gesellschaft geschafft hat. Geradezu verbissen versucht er z.B. in den feinen Golfclub auf Waskeke aufgenommen zu werden - dazu braucht er ausgerechnet die Hilfe des Vaters von Livias Exfreund. Und dann plagt ihn auch noch trotz bester Vorsätze die Anziehungskraft einer der Brautjungfern, Daphnes Jugendfreundin... Somit hat "Seating Arrangements" alles, was einen aufschlussreichen Roman über eine ganz spezielle Gesellschaft ausmacht: genaue Beobachtung, einen guten Schuss satirischen Humor und wunderbare Dialoge, die viel über die Protagonisten aussagen.

Eine absolut gelungene Gesellschaftsskizze.

Maggie Shipstead, 1983 geboren, studierte Amerikanische Literatur in Harvard und besuchte den berühmten Iowa Writers' Workshop. Für ihr Debüt "Seating Arrangements" wurde sie 2012 mit dem Dylan Thomas Prize ausgezeichnet.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


07.08.2015 Buchtipp: Roman aus USA
 
Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs
Heyne Verlag

Mit diesem berührenden Roman hat N. Butler eine Hommage an die Bewohner von Little Wings, Wisconsin geschrieben, als Repräsentanten der Kleinstädte im gesamten Mittleren Westen der USA.

Was sind die Themen von "Shotgun Lovesongs"? In erster Linie geht es um Liebe zwischen Mann und Frau, daneben aber auch um die Liebe zur und dem Verwurzeltsein in der Heimat. Das dokumentiert sich in einem Zusammenhalt der Bewohner, der in dieser Art wohl insbesondere in ländlichen Gebieten der USA zu beobachten ist. Und ein guter Beobachter ist N. Butler zweifelsohne: Wie er von Hochzeiten, Scheidungen, Eheproblemen und den alltäglichen Sorgen seiner Protagonisten schreibt, entwickelt einen eigenen Sog und Rhythmus. Das klingt sehr amerikanisch und wird von der Übersetzerin Dorothee Merkel authentisch ins Deutsche übertragen.

Kapitel für Kapitel berichten fünf Handelnde aus ihrer Sicht, was ein facettenreiches Gesamtbild ihrer Vergangenheit und Gegenwart ergibt und die Handlung kompositorisch geschickt vorantreibt. Das Personal: Ronny, ein alternder alkoholkranker Rodeo-Star, der es dank seiner Freunde wieder sozial auf die Beine schafft, Beth und Henry, die sich schon seit ihrer Schulzeit kennen, heiraten und um das Überleben ihrer Farm kämpfen; dann Kip, in Chicago als Rohstoffmakler tätig, der nach seiner Hochzeit in der alten Heimat nur schwer wieder Fuß fassen kann. Und natürlich Lee, der mit den Titel gebenden "Sotgun Lovesongs" zu einem international erfolgreichen Star avancierte, dann jedoch nach einer gescheiterten Kurzehe ebenfalls wieder nach Little Wings zurückkehrt. Dort bleibt er der Familienfreund von Henry und Beth, mit der er allerdings mehr als nur eine alte Freundschaft teilt und dies in einem unbesonnen Moment Henry gegenüber gesteht...

Wer einen guten, sehr amerikanischen Roman voll Empathie zum "Mitfühlen und Miterleben" sucht, sollte "Shotgun Lovesongs" nicht links liegen lassen.

Nickolas Butler, 1979 geboren, wuchs in Eau Claire, Wisconsin auf. Er studierte an der Univerity of Wisconsin und beim Iowa Writers' Workshop.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


06.08.2015 Buchtipp: Roman zu Frankreich
 

Saira Shah: Ziemlich nah am Glück

Kiepenheuer & Witsch Verlag

Wie lernt man ganz bewusst von einem Tag zum anderen zu leben? Sogar mit einem schwerstbehinderten Kind? Dieses Thema wird in "Ziemlich nah am Glück" von Saira Shah auf berührende Weise, z.T. autobiographisch, behandelt.

Anna, Köchin aus Leidenschaft und Tobias, ein noch um Anerkennung ringender Filmmusik-Komponist planen, sich in der Provence niederzulassen. Da dort die Immobilienpreise für das junge Paar nicht zu bezahlen sind, entscheiden sie sich für ein heruntergekommenes Gehöft im Languedoc, einsam gelegen und voller Ungeziefer. Die Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Freya verläuft, noch in London, nicht wie geplant "Freya kommt schwerbehindert zur Welt. Die Ärzte prognostizieren, dass ihr Kind sie womöglich nie als Eltern wahrnehmen könnte aufgrund eines schweren Hirnschadens.

Wie das Paar nun mit dieser Situation umgeht, ist absolut ehrlich, z.T. auch erschütternd zu lesen. Beide sind zwischen heftiger Liebe zu Freya aber auch dem Versuch, sich von ihr abzugrenzen und abzuwenden, um sie eventuell in einem Pflegeheim unterzubringen, hin und her gerissen. Dazu kommen noch die widrigen Lebensumstände mit zunächst nicht ganz einfachen Einheimischen, deren Anerkennung Anna und Tobias sich erst erkämpfen müssen.
Im Anschluss an den Roman folgt in "Wahrheiten" ein zusammen gefasstes, sehr aufschlussreiches Interview mit der Autorin. Der Leser erfährt u.a., welche Teile autobiographisch sind und welche Fiktion. Für Lesekreise eignen sich dieses Interview und die Diskussionsvorschläge am Ende des Buches perfekt.
Fragen wie: Was passiert, wenn Träume zerplatzen? Wenn das Leben einem anderen Drehbuch folgt? oder die Erörterung des medizinischen Fortschritts in der Pränataldiagnostik regen zum Weiterdenken an.


Saira Shah hat afghanisch-indische Wurzeln und wuchs in England auf. Für ihren unter Lebensgefahr gedrehten Dokumentarfilm "Im Reich der Finsternis" erhielt sie u.a. den renommierten Peabody Prize. "Ziemlich nah am Glück" ist ihr erster Roman, nach "Die Tochter des Geschichtenerzählers. Meine Heimkehr nach Afghanistan."


Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


05.08.2015 Buchtipp: Romane aus Frankreich
 

Bertina Henrichs: Das Glück der blauen Stunde

Diana Verlag

Sie kennen und mögen die Provence? Dann könnte "Das Glück der blauen Stunde" ein gelungener literarischer Abstecher in den Süden Frankreichs für Sie sein. Schon das Cover dieses rundum gelungenen schmalen Romans mit den in der Abendsonne blühenden Lavendelfeldern stimmt auf die folgende Story ein.

Delphin führt mit ihrem Mann Cyril das, was man eine perfekte Ehe nennt: Er arbeitet als Hochschullehrer in Paris, sie als Innenarchitektin; beide genießen zusammen mit ihrem Freundeskreis die kulturellen Vorzüge der Seine-Metropole. Da erhält Delphin einen Brief von einem Rechtsanwalt aus Sanary-sur-Mer mit der Nachricht, dass sie in diesem Ort ein Haus geerbt hat. Delphin ist begeistert, Cyril bleibt zunächst skeptisch und weist auf seine beruflichen Verpflichtungen in Paris und die Vorzüge ihres bisherigen Lebens hin. Doch beim Aperitif am Hafen von Sanary-sur-Mer zur blauen Stunde, lässt auch Cyril sich verzaubern und beschließt, das Experiment "Leben im Haus der geheimnisvollen Erbtante" mit dem Pendeln zwischen Paris und der Provence, einzugehen.

Doch für beide zeigt sich die Idylle trügerisch: Am Haus ist so einiges zu erneuern, und die Kleinstädter verhalten sich den Neuankömmlingen gegenüber mehr als reserviert, was mit dem Leben und der Ehe der Erbtante zusammen zu hängen scheint. Als sich schließlich Cyril von Delphin trennt, scheint für sie alles in Scherben zu liegen. Delphin beginnt zu zweifeln, ob sie alleine in dem ihr nicht gerade freundlich gesonnenen Ort bleiben soll.

Wie sie es schafft, ihr berufliches und auch privates Leben wieder zu meistern, beschreibt Bertina Henrichs mit einem guten Schuss Humor. Zudem zeigt sich die Autorin als Kennerin der südfranzösischen Verhältnisse: Politische Probleme wie z.B. das Erstarken des Front National und das Liebäugeln mit rechtsradikalem Gedankengut auch von Teilen der gutbürgerlichen Gesellschaft, werden geschickt mit in die Handlung verwoben.
Nicht zuletzt überzeugt die psychologische Durchdringung ihrer Protagonistin: Delphin erscheint als sensible, nachdenkliche junge Frau, durchaus mit Identifikationspotential aber absolut klischeefrei.

Bertina Henrichs, 1966 in Frankfurt geboren, studierte Literatur- u.Film- wissenschaften. Sie lebt und arbeitet seit langem in Paris. Ihr erster Roman "Die Schachspielerin" wurde auch in Frankreich ein Bestseller und erhielt den Corine-Buchpreis für das beste Debüt. Die Verfilmung mit Sandrine Bonnaire war ein großer Erfolg. Lesenswert zudem: "It's all right, Mama" (2009) und "Ein Garten am Meer" (2011).

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried

[mehr lesen][schließen]


04.08.2015 Buchtipp: Romane aus Frankreich
 
Jean-Philipp Blondel: 6 Uhr 41
Deuticke Verlag

Sollten Sie öfters Zug oder S-Bahn fahren, dann eignet sich dieser schmale und brillant geschriebene Roman perfekt, um etwa 2,5 Stunden zu überbrücken.

Cécile fährt an einem der Montagmorgen mit dem Zug von Troyes nach Paris, frustriert über den anstrengenden Wochenendbesuch bei ihren Eltern. In Paris erwartet sie als Chefin eines aufstrebenden Kosmetikunternehmens eine sehr arbeitsreiche Woche und eine kriselnde Ehe. Was für ein Glück also, dass der Platz neben ihr frei bleibt aber warum eigentlich? Trotz ihres beruflichen Erfolgs plagen Cécile nämlich erhebliche Selbstzweifel, deren Ursprung in der Vergangenheit liegen...
Und dann kommt doch tatsächlich ein Mann in ihr Abteil, fragt höflich, ob der Platz neben ihr noch frei sei und setzt sich auch prompt. Cécile erkennt in diesem Mann sofort Philippe Leduc, der an ihren Selbstzweifeln eine nicht unerhebliche Mitschuld trägt. Sie erinnert sich an ihre Schulzeit als Mauer-blümchen, das für alle überraschend vom smarten doch arroganten Womenizer Philippe erwählt wurde, wenn auch nur für eine kurze Zeit, die in einer für beide desaströsen Londonfahrt endete.

Auch Philippe erkennt seine Sitznachbarin sofort, überlegt, ob er das Abteil verlassen oder den Fremden geben soll doch auch ihn holen die Gedanken an die Vergangenheit ein. Er kann es kaum glauben, dass aus dem unscheinbaren Mädchen eine offensichtlich erfolgreiche und attraktive Frau geworden ist, während er es nur zum Verkäufer von TV-Geräten in einem Einkaufszentrum gebracht hat. Und sein Äußeres mit Bierbauch und ergrautem Haar anders als bei Richard Gere löst bei Frauen keine Begeisterungsstürme mehr aus.

Ihm bleiben etwa 1,5 Stunden, Cécile anzusprechen, Dinge zu klären,sich eventuell sogar zu entschuldigen, insbesondere für seinen Vergleich in London, sie sei wie eine Ameise auf einem Rasenstück. Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive beider Protagonisten und das voller Aufrichtigkeit. Wie lange werden beide ihr Versteckspiel aufrecht erhalten?

Diese für die Lektüre so spannende Frage lässt das leider kurze Lesevergnügen bis zum Schluss nicht abflauen, und ich rate keinem Leser, auf die letzten zwei Seiten schon vor Ungeduld ab Seite 50 zu blicken.

Jean-Philippe Blondel, 1964 in Troyes geboren, lebt und arbeitet dort als Autor und Englischlehrer; sein neuester Roman 6 Uhr 41 wurde in Frankreich zum Bestseller.


Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


04.08.2015 Buchtipp: Romane aus Frankreich
 
Ellen Sussman: An einem Tag in Paris
Blanvalet Verlag

Sie suchen zur Einstimmung auf einen Kurztrip nach Paris einen mit leichter Hand geschriebenen Roman? Mit Ellen Sussmans "An einem Tag in Paris" treffen Sie keine schlechte Wahl. Schon das Cover mit einem Ausschnitt des Pariser Stadtplans sowie einem typischen Eck-Café nebst Eiffelturm lockt entsprechende Assoziationen hervor.
Und in einem typischen Pariser Straßencafé treffen sich an einem herrlichen Sommermorgen drei junge Privatlehrer einer Sprachschule: Chantal, Philippe und Nico. Die Beziehungen zwischen den drei höchst unterschiedlichen Charakteren sind ein wenig verworren - "eigentlich" sind Chantal und Philippe nur miteinander befreundet, doch Chantal hegt auch erotische Gefühle für Nico, dem grand filou der Gruppe, mit welchem sie vor einiger Zeit eine berauschende Nacht verbrachte.
Jeder hat seine ganz individuellen Träume und Erwartungen ans Leben; die Arbeit in der Sprachschule stellt für alle drei nur eine Übergangslösung dar. Bevor die Lehrer sich mit ihren Sprachschülern treffen und mit ihnen auf ganz unter-schiedlichen Pfaden durch Paris streifen werden, verabreden sie sich noch für den Abend in einem Lokal.

Dann ziehen Josie und Nico, Riley und Philippe sowie Jeremy und Chantal durch Paris, wobei diese Paare zugleich die drei Hauptkapitel abgeben, eingerahmt von den beiden Kapiteln "Die Privatlehrer" zu Beginn und am Ende des Romans. Diese Gliederung besitzt einen ganz eigenen Charme und baut eine gewisse Spannung auf, da der Leser spürt, dass sich am Ende des Tages die Konstellation zwischen Nico, Chantal und Philippe verändern wird.

Ein sehr französischer Roman, dessen Entstehungsgeschichte in den "Zehn Fragen an Ellen Sussman" am Ende des Buches verraten wird: Sie schenkte ihrem Mann eine Privatlehrerin während eines Aufenthalts in Paris...
Mit "An einem Tag in Paris" möchte Ellen Sussman beim Lesen Gefühle der "Hoffnung, Leidenschaft, Zärtlichkeit, Trauer" hervorrufen..."Ich hoffe, diese Reise lohnt sich für den Leser". Genau das ist der Autorin gelungen.

Neben einigen Romanen hat Ellen Sussman bereits zahlreiche Drehbücher und Kurzgeschichten veröffentlicht. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie zusammen mit ihrer Familie in Kalifornien.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
[mehr lesen][schließen]


11.07.2015 Wie die Welt klingt
 
Eleni Torossi: Als ich Dir zeigte, wie die Welt klingt
Langen Müller Verlag

Unter wie vielen Aspekten kann dieser Roman mit großem Lesegenuss goutiert werden?
Zum einen beschreibt Eleni Torossi eine ganz ungewöhnliche Mutter-Tochter Beziehung: Die Tochter muss der gehörlosen aber nicht stummen Mutter erklären, was um sie herum passiert eben wie die Welt klingt. Zugleich ist es aber auch ein großartiger zeitgeschichtlicher Roman, da er das diktatorische Griechenland der 60er Jahre beschreibt, die Gründe, warum so viele Griechen ihrem Land den Rücken gekehrt haben, und wie ein Neuanfang in der Fremde aussehen konnte.

Am Beispiel von Eleni und ihrer Mutter entsteht ein plastisch geschildertes Migrantenschicksal, das den Leser mitnimmt nach München und zwar bis in die 90er Jahre; dabei mangelt es keineswegs an Lokalkolorit.
Eleni Torossis wohl auch autobiographisch geprägter Roman ist voller berührender Momente und doch zugleich zum Reflektieren darüber geeignet, wie Menschen ihr Umfeld wahrnehmen, gerade wenn eine Sinnesfähigkeit ausfällt. Zudem passt diese Migrationsgeschichte perfekt in die heutige Zeit und zwar als (Nach-)Denkanstoß in der derzeitigen Migrationsdebatte, wie sie gerade auch in Bayern geführt wird.

Eleni Torossi, in Athen geboren, lebt seit 1968 in München. Während ihres Studiums der Politikwissenschaften arbeitete sie für den Bayerischen Rundfunk und schreib Sozial- und Kulturbeiträge sowie zahlreiche Bücher. Sie publiziert in zwei Sprachen und erhielt bereits 2006 den CIVI Europas Medienpreis für Integration sowie 2009 das Bundesverdienstkreuz für ihre Rolle als Vermittlerin zwischen den Kulturen.


Rezension von Ute Gillessen

aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
Forstenrieder Allee 61
81476 München
Tel. (089) 759 69 89 -0
Fax (089) 759 69 89-29
www.muenchner-stadtbibliothek.de/fuerstenried
[mehr lesen][schließen]


29.06.2015 Ein Jahr auf dem Land
 
Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land
DVA Verlag

Laut "The New York Times" überzeugten schon Anna Quindlens frühere Romane "durch Wärme und Intellekt, doch dieser glänzt darüber hinaus durch Humor und Prägnanz".
Es kommt wahrhaftig selten vor, dass sowohl die Literaturkritik als auch das breite Publikum von einer Autorin und allen ihren Romanen gleichermaßen begeistert sind.
Dieses Buch nun erzählt die Geschichte einer Frau um die 60 Jahre, die völlig
unprätentiös und nur scheinbar simpel daherkommt. Rebecca Winter, vormals eine gefeierte Fotokünstlerin, wurde berühmt mit ihrem "Stillleben mit Brotkrümeln"; für sie völlig überraschend, da sie nach einer Party einfach nur erschöpft das schmutzige Geschirr in ihrer Küche fotografierte.
Doch Kunstkritiker sahen darin gar eine flämische Komposition und Feministinnen ein politisches Statement. Entscheidend für Rebecca war einzig und allein, dass das Foto ihre Rechnungen als geschiedene, alleinerziehende Mutter bezahlte. Doch mittlerweile bleiben die Tantiemen aus, sodass sich Rebecca gezwungen sieht, New York sowie die dortige wertvolle Eigentumswohnung zu verlassen und diese stattdessen zu vermieten. Die Anzeige eines Immobilienmaklers "Charmantes Haus auf dem Land zu vermieten" fasziniert Rebecca, ungeachtet der früheren Warnung ihres Exmannes, dies sei nur ein Euphemismus für "viel zu klein mit schlechten Rohren".

Was Rebecca hier, Stunden mit dem Auto vom so ganz anderen, bequemen Leben im Big Apple erwartet, wird trotz diverser "Problemlagen" vollkommen unsentimental und ohne Larmoyanz geschildert. Wird es die so unerschrocken gegen alle Widrigkeiten der Natur und des Hauses kämpfende Protagonistin schaffen, sich von den Erwartungen anderer Menschen zu lösen und zu sich zu finden? Und kann ihr hilfreicher Dachdecker und zugleich jüngerer Liebhaber sie davon überzeugen auf dem Land zu bleiben?

Begleiten Sie Rebecca durch dieses aufregende Jahr und lassen Sie sich von der Stimmung dieses Romans einfach mitnehmen. Es erwartet Sie ein Lesevergnügen für einen Kurzurlaub oder ein verregnetes Wochenende.

Anna Quindlen, 1952 geboren, erhielt für ihre Kolumnen bereits den Pulitzer-Preis; ihr früherer Bestseller "Die Seele des Ganzen" wurde unter dem Titel "Familiensache" mit Meryl Streep verfilmt.

Rezension von Ute Gillessen
aus der Münchner Stadtbibliothek Fürstenried
Forstenrieder Allee 61
81476 München
Tel. (089) 759 69 89 -0
Fax (089) 759 69 89-29
www.muenchner-stadtbibliothek.de/fuerstenried
[mehr lesen][schließen]